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Neujahrsgruß aus den Marken...

Weitere Bemühungen, aus dem Recht auf Schwangerschaftsabbruch in der Praxis einen Hindernislauf zu machen.
Aborto
Foto: upi

Die Nachricht aus den Marken hat mich aus meinem besinnlichen Neujahrs-Kokon gerissen. Dabei hatte ich doch mit dem Gedanken gespielt, das neue Jahr gelassener anzugehen und vertrauensvoll in die Zukunft zu blicken, wie mir derzeit sogar die Medien großmütig ans Herz legen!

In der ersten Jännerwoche hat die Region Marken beschlossen, nach 42 Jahren die Konvention zwischen AIED (Associazione Italiana per l‘Educazione Demografica) und Sanitätsbetrieb Ascoli zu beenden. In einer der Regionen mit dem höchsten Prozentsatz an Abtreibungsverweigerern aus Gewissensgründen (70% der Ärzt:innen im Vergleich zum nationalen Durchschnitt von 66%) wurde das Recht auf Abtreibung (Gesetz 194) vor allem dank dieser Konvention garantiert. Allein 2020 hat AIED ein Viertel aller Schwangerschaftsabbrüche in den Marken durchgeführt. Die Dienststelle ist für viele Frauen aus der Region, aber auch aus dem nahen Umbrien und dem Latium die einzige zuverlässige Anlaufstelle, die zeitnahe und umfassende Unterstützung bietet. Laut Sanitätsbetrieb sei diese Dienstleistung nun nicht mehr notwendig. Dazu Tiziana Antonucci, Präsidentin von AIED Marche: „Noi prendiamo in carico ogni situazione nella sua totalità, dando assistenza di vario genere. Affrontiamo tante situazioni che altrimenti verrebbero dimenticate, e il nostro lavoro non è incentivare o disincentivare l’aborto, che è regolato dalla legge, ma lavorare perché ogni donna faccia la scelta che veramente vuole.”

Nach der Weigerung 2020, die Richtlinien des Gesundheitsministeriums zur Verabreichung der RU486 (medikamentöser Schwangerschaftsabbruch) zu befolgen, ist diese Entscheidung aus den Marken, geführt von Francesco Acquaroli (Fratelli D’Italia) ein weiterer Schritt im Sinne des Rechtsrucks: Erinnert ihr euch daran, wie die Abtreibungsdebatte in der Wahlkampagne behandelt wurde? Meloni versicherte, sie würde das Gesetz 194 nicht angreifen, sondern es nur buchstabengetreu anwenden. Von den bereits bestehenden Schwierigkeiten und Bemühungen, aus dem Recht auf Schwangerschaftsabbruch in der Praxis einen Hindernislauf zu machen, war explizit keine Rede. Feminist:innen warnten zwar, aber die Sorge verpuffte rasch.
Mit dem erklärten Ziel, die Anzahl der Schwangerschaftsabbrüche zu reduzieren, werden den Frauen statt Information und Beratung nun zusätzliche Stolpersteine in den Weg gelegt. Dabei zeugt gerade die Erfahrung von unabhängigen Beratungsstellen wie AIED davon, dass einzig und allein Aufklärung und Information in diesem Sinne tatsächlich wirksam sind. Der erschwerte Zugriff führt hingegen zu illegalen Abbrüchen, nicht etwa zur Abnahme des Phänomens.

Nun sind die Marken (relativ) weit weg. Aber die Bestrebungen, das Recht auf Schwangerschaftsabbruch zu beschneiden und den Frauen die Entscheidungshoheit über ihren Körper zu nehmen, zeichnet sich in den letzten Jahren als Tendenz in großen Teilen der Welt ab. Wie sieht es diesbezüglich in Südtirol aus? Bekanntlich liegt hier der Prozentsatz von Abtreibungsverweigerern aus Gewissensgründen sogar bei 82,4%, und es mangelt auch in unserer Provinz nicht an No-Choice Bewegungen und Vereinen, die von öffentlicher Hand großzügig unterstützt werden und mit regelmäßigen Kampagnen und Demonstrationen ihren Einfluss ausüben.

Silvia Camin, Präsidentin von AIED Bozen verdeutlicht: „In Alto Adige l’interruzione volontaria di gravidanza è garantita negli ospedali di Bolzano e Merano grazie ad una convenzione con un medico esterno. Quindi, nonostante l’alta percentuale di obiettori, la legge si applica - per ora tutte ci riescono. L’attuale clima di restaurazione però ci fa alzare la guardia: continueremo a difendere la 194, a facilitare l’accesso all’intervento e il ricorso all’aborto farmacologico (RU486), a promuovere una corretta informazione su contraccezione e contraccezione d'emergenza, a garantire che i consultori continuino ad essere luoghi di informazione, prevenzione, promozione della salute, crescita culturale e empowerment. Le donne che si trovano ad affrontare una gravidanza indesiderata hanno in primis bisogno di rispetto, di legittimazione della loro scelta e di ricevere informazioni chiare sul percorso possibile; hanno bisogno di accedere ai servizi con facilità, in modo che i tempi previsti dalla legge siano rispettati. Se e quando diventare madre è una scelta che deve riguardare insindacabilmente la singola donna.”

Was das alles bedeutet? Dass das Gesetz 194 längst überarbeitet und ausgeweitet gehört, um den Weg hin zum Schwangerschaftsabbruch in Italien zu vereinfachen und das Recht der Frauen auf Selbstbestimmung über ihren Körper effektiv zu verankern. Nun liegt es an uns allen, darüber zu wachen, dass es zumindest in seiner aktuellen Fassung weiterhin tatsächlich umgesetzt und nicht torpediert wird. 2023 wird kein entspanntes Jahr. Non abbasseremo la guardia!

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Dietmar Nußbaumer Mo., 09.01.2023 - 18:54

Wie werden diese Umfragen erhoben bzw. wie kommt man an diese Zahlen? Wer wurde befragt, alle, Frauen, junge Frauen? Wie schaut's etwa aus, wenn frau sich ernsthaft mit diesem Thema auseinandersetzen muss? Das ist ja nicht so, wie mit einer Freundin einen Lattemacchiato trinken gehen.

Mo., 09.01.2023 - 18:54 Permalink
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Christine Clignon Mo., 09.01.2023 - 20:19

Antwort auf von Dietmar Nußbaumer

Die Daten zu Schwangerschaftsabbrüchen und Abtreibungsverweignern werden vom Gesundheitsministerium erhoben und jährlich im RELAZIONE DEL MINISTRO DELLA SALUTE
SULLA ATTUAZIONE DELLA LEGGE CONTENENTE
NORME PER LA TUTELA SOCIALE DELLA MATERNITÀ
E PER L’INTERRUZIONE VOLONTARIA DI GRAVIDANZA
(LEGGE 194/78) veröffentlicht: "I dati presentati vengono raccolti grazie al Sistema di Sorveglianza Epidemiologica delle
IVG, che è attivo in Italia dal 1980 e vede impegnati l’Istituto Superiore di Sanità (ISS), il
Ministero della Salute, l’Istat, le Regioni e le Province Autonome. Il monitoraggio avviene a
partire dai modelli D12 dell’Istat che devono essere compilati per ciascuna IVG nella struttura
in cui è stato effettuato l’intervento, poi raccolti e trasmessi dalle Regioni."

Mo., 09.01.2023 - 20:19 Permalink
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Dietmar Nußbaumer Mo., 09.01.2023 - 21:09

Danke. Ich finde es bemerkenswert, dass dieses Thema fünfzig Jahre nach den 70ern und Alice Schwarzer (um nur das bei uns bekannteste Flaggschiff zu nennen) immer noch so hochgekocht wird. Ich dachte, die 70er haben uns als angenehme Erbschaft eine gewisse mentale Befreiung gebracht.

Mo., 09.01.2023 - 21:09 Permalink