Umwelt | Fossile Energie

Wie stark hängt die Welt von Erdöl ab?

Noch macht Erdöl fast ein Drittel des weltweiten Energieverbrauchs aus, im Transportsektor sind es über 90%.
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Erdöl ist eine der wichtigsten Ressourcen der Wirtschaft und wie kein anderer Energieträger vielseitig einsetzbar. In den 1970iger Jahren machte Erdöl fast die Hälfte des weltweiten Energieverbrauchs aus, seit damals sank der Anteil kontinuierlich, doch der Êrdölverbrauch stieg ständig. Um die Jahrtausendwende machte Erdöl noch 39% am weltweiten Energieverbrauch aus, 2020 sank der Anteil auf 31%. Einerseits gewann Gas mehr an Bedeutung und andererseits kam als Folge wachsender Bedeutung von Klima- und Umweltschutz mehr erneuerbare Energie zum Einsatz.

Rückblick

Die Erfindung des Verbrennungsmotors und die Entdeckung großer Erdölvorkommen im Nahen Osten schafften die Voraussetzung für die weltweite Nutzung des Erdöls. Der rasante weltweite Aufstieg des „Schwarzen Goldes“ begann nach dem 2. Weltkrieg*,  bis in die Nachkriegszeit war Kohle der wichtigste Energieträger. Ein Überangebot, vielseitige Verwendungsmöglichkeiten und vor allem niedrige Preise trugen zur enormen Nachfragesteigerung und zur wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung des Erdöls bei.

Von 1965 bis 2019 stieg der weltweite Erdölverbrauch von 30 Millionen pro Tag auf beinahe 100 Millionen Barrels pro Tag. Zu größeren Rückgängen beim Erdölverbrauch kam es nach dem 1.Ölpreisschock 1973/1974 und nach der massiven Ölpreissteigerung im Anschluss an die Iranische Revolution 1979 und den darauffolgenden Iran-Irak-Krieg. Im Zuge der Finanzkrise und Rezession 2008/2009 sank die Erdöl-Nachfrage beträchtlich und 2020 kam es als Folge der Covid-19-Pandemie zum stärksten Einbruch des weltweiten Erdölverbrauchs in der Geschichte des Erdöls. 2021 steigt der  Erdölverbrauch wieder, jedoch wird nicht das Niveau von 2019 erreicht werden.

Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum sind die beiden wichtigsten Faktoren, welche die Energienachfrage beeinflussen, weshalb es in den OECD und Nicht-OECD Ländern zu divergierenden Entwicklungen bei der Erdöl-Nachfrage kam. Der Erdölverbrauch in den OECD Ländern ist seit 2007 rückläufig. Der Anteil der OECD-Länder am weltweiten Erdölverbrauch ist von 75% im Jahre 1965 auf 46% im Jahre 2020 gesunken, während der Anteil der Nicht-OECD Länder im gleichen Zeitraum als Folge des starken Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstums von 25% auf 54% gestiegen ist. In China hat sich der Erdölverbrauch in den vergangenen 30 Jahren mehr als versechsfacht, in Indien mehr als vervierfacht.

Entwicklung des Ölpreises: ein kurzer Überblick

Erdöl wird zu einem beträchtlichen Teil in politisch instabilen Regionen, wie im Nahen Osten gefördert. Die Entwicklung des Erdölpreises wird neben Angebot und Nachfrage deshalb auch stark von geopolitischen Ereignissen beeinflusst.

Bis 1973 war der Erdölpreis sehr niedrig und wurde von den großen multinationalen Erdölgesellschaften bestimmt. 1973/1974 kam es als Folge des Arabischen Ölembargos zu einem signifikanten Angebotsrückgang. Die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC)**, beschloss Ende 1973 den Erdölpreis um das nahezu Vierfache zu erhöhen. Von diesem Zeitpunkt an spielte die OPEC eine mehr oder weniger wichtige Rolle für die Entwicklung des Erdölpreises. Zu einer starken Preiserhöhung kam es auch 1979-1980, ausgelöst durch die Iranische Revolution und den darauffolgenden Iran-Irak-Krieg. 

Als Folge des Preisanstiegs nach 1973 und 1979 wurde die Erdölförderung in verschiedenen Regionen, wie z. B. in der Nordsee, wirtschaftlich profitabel. In den 1980iger Jahren kam es zu einem Überangebot an Erdöl und in Folge zu einem Preisverfall, weil  neue Produzenten auf den Markt drängten und die OPEC-Länder sich nicht an die Förderquoten hielten und zu viel Erdöl förderten.

Um den Erdölpreis zu stabilisieren, setzte die OPEC seit 1982 Förderquoten für die Mitgliedsländer fest, die entsprechend den Marktgegebenheiten verringert oder erhöht werden sollten. Die Quotenregelung, die bis heute Bestand hat, war nicht immer erfolgreich, da sich nicht alle Länder an die ihnen zugeteilten Quoten hielten. In späteren Jahren beteiligten sich auch einige Nicht-OPEC Länder wie Mexiko an der Quotenregelung und seit einigen Jahren kooperiert auch Russland, der drittgrößte Erdölproduzent nach Saudi-Arabien und den USA, mit den OPEC-Ländern, um mittels Produktionsquoten Einfluss auf den Ölpreis zu nehmen.

Von 1986 bis zum Beginn des neuen Millenniums lag der Erdölpreis zeitweise weit unter 20 US-Dollar pro Barrel. Zu stärkeren Preisfluktuationen kam es während des 2. Golfkrieges 1991, während der Asien Finanzkrise 1997-1998 und nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 in den USA. Der rasante Anstieg der Erdölpreise ab 2003, der nur während der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008-2009 unterbrochen wurde, ist auf eine Kombination verschiedener Faktoren zurückzuführen. So trugen der Irakkrieg, geringe freie Produktions-Kapazitäten, Produktions-Kürzungen in den OPEC-Ländern und vor allem die stark steigendende Erdöl-Nachfrage in China zur Preissteigerung bei.

Seit dem ersten Jahrzehnt des neuen Millenniums spielen die „Futures Markets“*** eine immer größere Rolle bei der Entwicklung des Erdölpreises und Spekulationsgeschäfte führen zu starken Preisschwankungen. Ein anderer wichtiger Faktor, der den Ölpreis beeinflusst, ist die Höhe der Lagerbestände in den USA und in den anderen großen Verbraucherländern. 

Der starke Produktionsanstieg von Schieferöl in den USA durch die Fördermethode des „Fracking“ trug zu einem starken Rückgang des Ölpreises seit 2014 bei. Ein Kampf um Marktanteile unter den Förder-Ländern und die daraus folgende Überproduktion wirkte sich zusätzlich negativ auf den Ölpreis aus. Kurzfristig konnten Produktionskürzungen der wichtigsten Förderländer den Ölpreis wieder stabilisieren, bevor die Covid-19-Krise 2020 die Erdöl-Nachfrage drastisch verringerte und der Ölpreis stark einbrach. Seit Anfang 2021 ist der Ölpreis infolge der wirtschaftlichen Erholung wieder gestiegen.

Im Transportsektor dominieren Produkte aus Erdöl

Mit einem Anteil von über 90% spielen Produkte aus Erdöl (Benzin, Diesel, Flugkerosin, Schweröl im Schiffsverkehr****) im Transportsektor weltweit die bei weitem wichtigste Rolle, während in anderen Sektoren, wie im Elektrizitäts- Industrie- und Wohnsektor andere Energieträger zum Teil größere Anteile haben, als Erdöl.

Alternativen zu Erdölprodukten im Transportsektor sind mit Gas-betriebene Fahrzeuge, Elektroautos und Biokraftstoffe. Brennstoffzellen-Autos (=Wasserstoff-Autos) gelten als saubere Alternative zu Pkws mit Verbrennungsmotoren, vorausgesetzt der Wasserstoff wird mit erneuerbarer Energie hergestellt, doch derzeit gibt es nur wenige Modelle auf dem Markt und der Kaufpreis ist noch viel zu hoch. Eine vielversprechende Zukunftstechnologie ist die Herstellung von synthetischen Kraftstoffen (=E-Fuels)*****, es gibt bereits Pilotprojekte in mehreren Ländern, doch noch ist die Produktion zu teuer und der Wirkungsgrad zu niedrig.

Die Rolle des Erdöls im zukünftigen weltweiten Energiemix

Bewahrheitet sich das im Mai 2021 von der Internationalen Energiebehörde (IEA) veröffentlichte zukünftige Energie-Szenario, wird der Erdölverbrauch in den kommenden Jahrzehnten drastisch sinken und 2050 nur mehr 8% zur weltweiten Energieversorgung beitragen. In allen Sektoren werden Erdölprodukte zu einem großen Teil durch erneuerbare Energie ersetzt werden, der verbleibende Teil der Erdölproduktion wird hauptsächlich in der Petrochemischen- und Chemischen****** Industrie genutzt werden.  Mag sein, dass das IEA Szenario viel zu optimistisch ist, ein Ablaufdatum des Erdölzeitalters scheint allemal vorgezeichnet zu sein, da eine massive Verringerung des fossilen Energieverbrauchs (Erdöl, Kohle, Gas) eine notwendige Voraussetzung ist, um die Treibhausgas-Emissionen zu reduzieren und so Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen.

*Erdöl spielte schon im 1. Weltkrieg, welcher der erste „motorisierte" Krieg war, eine bedeutende Rolle. Im 2. Weltkrieg war die strategische Bedeutung des Erdöls noch größer, so war z.B. die Versorgung mit Erdöl eine der Problemzonen der NS-Kriegsmaschinerie.

 ** Die OPEC wurde 1960 von den Ölprozenten-Ländern Iran, Irak Kuwait, Saudi-Arabien und Venezuela in Bagdad gegründet mit dem Ziel ihre Erdöl-Politik auch bezüglich der Preise zu koordinieren. Derzeit hat die OPEC, neben den oben genannten 5 Gründerländern folgende Mitglieder: Algerien, Angola, Äquatorial Guinea, Kongo, Libyen, Nigeria, Vereinigte Arabische Emirate und Venezuela.

***“Futures Markets“ sind Terminbörsen, an denen Warenterminkontrakte (Commodity Futures) gehandelt werden. An der New York Merkantile Exchange (NYMEX), der weltgrößten Warenterminbörse, werden die meisten „Crude Oil-Futures“ (=Erdöl-Terminkontrakte) gehandelt. Börsenhändler kaufen/verkaufen Erdöl, das erst nach Wochen oder Monaten gefördert wird. Über solche Kontrakte wird um ein Vielfaches mehr an Erdöl gehandelt als tatsächlich gefördert wird. Der größte Teil der Futures-Kontrakte führt nicht zur Lieferung des Erdöls, sondern dient spekulativen Zwecken.

**** Flugzeuge werden größtenteils mit Flugkerosin betrieben, ein geringer Teil verwendet Flugbenzin. Im Schiffsverkehr werden sowohl Schweröl als auch Marine-Diesel verwendet. Seit einigen Jahren werden vor allem Kreuzfahrtschiffe mit Flüssiggas (LNG) betrieben.

***** Synthetische Kraftstoffe werden mithilfe von Ökostrom aus Wasser und Kohlendioxid (CO2) gewonnen. Laut Experten könnten Synthetische Kraftstoffe vor allem im Flug- Schiffs- sowie im Schwer­last­-Verkehr zum Einsatz kommen, wo weder ein Elektro- noch ein Brennstoffzellenantrieb in Frage kommen.

******Erdöl ist ein wichtiger Rohstoff für die Chemische Industrie. Eine Vielzahl von Produkten, die aus unserem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken sind, wird auf Basis von Erdöl hergestellt, wie z. B. Gegenstände aus Plastik, Kunstfasern, Farben, Lacke, Düngemittel, kosmetische Produkte, pharmazeutische Produkte etc.