Gesellschaft | Wiederbelebung

Stilfser Millionäre

Bis 2026 stehen der Gemeinde Stilfs 20 Mio Euro für die Wiederbelebung des Ortkerns zur Verfügung. Mit einer Bürgerversammlung wurde nun der erste Meilenstein gesetzt.
Stilfs
Foto: IDM/Frieder Blickle

Noch reißt der Bus im Gomagoi zu jeder vollen Stunde von der Hauptstraße aus und schlägt die Stichstraße nach Stilfs ein. Noch. In Stilfs, dem 420-Einwohnerdorf, das in einer dicht gedrängten Häuserfront auf den Ortler blickt, ist nämlich Schluss. Weiter gehts nicht - und auch der Rückweg ist kein Kinderspiel: Weil die engen Gassen keinen Umkehrplatz bergen, müssen sich die Fahrer in einem komplizierten Rückwärts-Manöver wieder aus dem Dorfeingang zwängen. Die Busgesellschaft droht damit, die Strecke aufzugeben: “Ändert sich nichts, bricht die Anbindung ans öffentliche Verkehrsnetz weg”, so ein Vertreter des Gemeinderats. Und mit ihr ein weiterer Teil der immer dünner werdenden Bevölkerung.

 

20 Millionen bis 2026

 

Wären da nicht die 20 Millionen. Im Rahmen des europäischen Aufbaufonds (PNRR) hat Stilfs im März zusammen mit 21 weiteren italienischen Gemeinden eine Ausschreibung zur kulturellen Aufwertung und Wiederbelebung historischer “borghi” gewonnen: 420 Millionen Euro - 20 Millionen pro Ortschaft, die nun bis Juni 2026 ausgegeben werden müssen. Salto.bz war bei der ersten Bürgerversammlung am 29. Juli dabei, bei der das Siegerprojekt in groben Linien skizziert und erste Schritte zur Einbindung der Bürgerinnen und Bürger in die Neugestaltung ihres Dorfes gesetzt wurden.

 

Resilienz erzählen: Klima- und demografischer Wandel

 

Beim Projekt, das unter dem Namen “Resilienz erzählen” läuft, geht es nicht nur um große Infrastrukturprojekte wie den Wendeplatz für Busse, der in ein neues Mobilitätszentrum integriert werden soll. Es sind vor allem eine Reihe kleinerer ineinandergreifender Initiativen - die Sanierung und Wiederverwertung bestehender Strukturen, ein “albergo diffuso” für sanften Tourismus und eine Gemeinschaftsstruktur für Handel, Austausch und Dienstleistungen zum Beispiel -, die den Kern des Projekts bilden.

 

Stilfs kämpft seit Jahrzehnten gegen die Abwanderung und das Wegbrechen von Geschäften, Dienstleistungen und Arbeitsplätzen an. Auch wenn die Stilzer - wie sich die Dorfbewohner selbst nennen - sehr ortsverbunden sind, weist das Dorf eine der höchsten Abwanderungsraten in Südtirol auf. Manche ziehen ins benachbarte Prad, andere verschlägt es in die nahe gelegene Schweiz, und wieder andere ziehen noch weiter weg. Immer wieder werden einzelne Liegenschaften an Feriengäste oder Pensionisten aus dem Ausland verkauft, während sich viele junge Stilfser trotz des grassierenden Leerstands schwer tun, leistbaren Wohnraum zu finden. “Ganze Generationen sind abgewandert”, erklärt einer der Teilnehmenden, “das können wir uns nicht nochmals leisten!”. 

 

“Glück, dass keine Äpfel wachsen”

 

Dass die Stilfser nicht gewillt sind, diese Gefahr zu laufen, wird spätestens bei der Bürgerversammlung am Freitag deutlich. Unter der Leitung des Kernteams, das aus dem SVP-Bürgermeister Franz Heinisch, seinem Stellvertreter Armin Angerer, dem Gemeindesekretär Gustav Plangger, Gemeinderat Roland Angerer, dem Amtsdirektor für deutsche Kultur Volker Klotz, sowie einigen Experten in den Bereichen Regionalentwicklung (Armin Bernhard), Handwerk und Raumgestaltung (Verena Wopfner) und Sanierung und Gebäudeplanung (Susanne Waiz) besteht, beteiligen sich rund 80 Bürgerinnen und Bürger aktiv an der Diskussion. Dabei sind überraschend viele junge Gesichter unter den Teilnehmenden: In Stilfs zu leben ist auch für sie vorstellbar - dafür müssen aber die richtigen Voraussetzungen geschaffen werden.

“Viele von uns gehen nach der Schule einige Jahre weg, aber die meisten kommen auch wieder zurück”, erklärt Florian Platzer, der selbst einige Jahre im Ausland verbracht hat und heute ein Atelier in der Schlanderer BASIS betreibt. Manche kommen zurück, um hier zu leben, andere nur für den Sommer oder für eines der Volksfeste in Stilfs, dem Klosen zum Beispiel, bei denen sich auch heute noch die gesamte Dorfgemeinschaft beteiligt. “Wir haben Glück, dass es bei uns noch keinen Apfelanbau gibt”, erklärt Platzer lachend, “dadurch ist vieles von dem, was Dorf und Umgebung seit Jahrhunderten auszeichnet, erhalten geblieben.”

 

Eine einmalige Chance

 

Viele der jungen Stilfser tun sich aber schwer, in Stilfs eine leist- und bewohnbare Unterkunft zu finden. Es brauche mehr Mietraum, ist eine Teilnehmerin überzeugt, die am Tisch zur Wohnungsfrage mitdiskutiert. Und die Gemeinde müsse - wie in Glurns - die Initiative übernehmen, um Liegenschaften aufzukaufen, die dann an Private, die Anspruch auf einen geförderten Wohnbau haben, weitergegeben werden können. Neben der Wohnungsfrage stehen Dienstleistungen wie betreutes Wohnen oder medizinische Versorgung vor Ort, aber auch eine Stärkung des Gemeinschaftsgefühls - durch einen öffentlich zugängigen Tischtennisplatz, ein Kino mit Ortlerblick oder einen Treffpunkt, der das ganze Jahr über geöffnet ist - im Mittelpunkt der Diskussion. Zudem sind die Bewirtschaftung der brachliegenden Felder rund um Stilfs, die Wiederaufnahme des Kräuteranbaus und ein Gemeinschaftsauto am Dorfeingang sind Teil der Debatte.

 

Ein so großes Projekt, so eine Gelegenheit passiert, wenn überhaupt, nur einmal im Leben. - Armin Bernhard

 

Bei dem Überfluss an Ideen, die in den einzelnen Gesprächsrunden zum Vorschein kommen, könnte man beinahe vergessen, dass die 20 Millionen laut Ausschreibung in dreieinhalb Jahren investiert werden müssen. “Es wird nicht einfach werden, die grobe Projektskizze und die Ideen der Bewohnerinnen und Bewohner in ein strukturiertes und rasch umsetzbares Projekt zu verwandeln”, so der Vorsitzende der Bürgergenossenschaft Vinschgau und Koordinator des Projekts, Armin Bernhard. “Aber so ein so großes Projekt, so eine Gelegenheit passiert einem - wenn überhaupt - nur einmal im Leben. Und ohne die Beteiligung der Bürger ist die Umsetzung gar nicht möglich”.

 

Auch die mit dem Projekt betraute Architektin Susanne Waiz ist sich der Herausforderung bewusst: “In Stilfs ist die Umsetzung nochmals schwieriger als anderswo. Die Häuser stehen so eng beieinander, dass ein Neubau beinahe unmöglich ist, man kann eigentlich nur sanieren. Und man muss alles vom Anfang bis zum Ende genauestens durchplanen - sonst blockiert man mit einer Baustelle die nächste". Zudem kommt, dass 20 Millionen zwar viel Geld sind, um eine Veränderung anzustoßen, auf lange Sicht müssen sich die einzelnen Strukturen aber selbst tragen. Es gilt also Impulse zu setzen, die generationenübergreifend und mit Blick auf die Zukunft genutzt werden können und werden.