Umwelt | Transit

„Es braucht eine Umweltmaut“

Mobilitätslandesrat Daniel Alfreider über den Umwegverkehr, die fehlenden Daten, die zentrale Rolle der EU und eine digitale Plattform, um den Verkehr mitzugestalten.
Daniel Alfreider
Foto: LPA
Salto.bz: Herr Landesrat Alfreider ist es nicht ein Skandal, dass das Land Südtirol und auch Sie keine gesicherten Daten zum Umwegverkehr über den Brenner haben?
 
Daniel Alfreider: Zuerst muss geklärt werden, was Umwegverkehr überhaupt ist. Die Brennerautobahn ist ein europäischer Korridor, den man in einem weit größeren Kontext sehen muss. Wir haben sehr detaillierte Zahlen, was auf der Südtiroler Seite der Brennerautobahn bis nach Verona los ist. Sprechen wir aber von Umwegverkehr braucht es viel größere und breitere Datenmengen und Verkehrszahlen. Hier sprechen wir von einem europäischen Kontext. Das heißt wird müssen die Verkehrsflüsse zwischen Norddeutschland und der Poebene analysieren und auch abklären, warum jemand diese und nicht eine andere Strecke gewählt hat.

Weil der Brenner weit billiger für die Frächter ist, als zum Beispiel durch die Schweiz zu fahren?
 
Das ist sicher einer der Gründe. Es gibt aber auch noch andere Gründe. Das Grundproblem aber ist: In Sachen Umwegverkehr werden Behauptungen aufgestellt, für dies es heute noch keine gesicherten Daten gibt. Die Prozentsätze von denen man redet, sind nur Hochrechnungen oder Studien, die gemacht wurden. Dort werden gewisse Streufaktoren angenommen. Diese Zahlen stehen im Raum.
 
Man redet von rund 40 Prozent der LKW´s?
 
Ich kenne diese Hochrechnungen. Wir wollen aber nicht darauf aufbauen, sondern klare und sichere Daten und Zahlen bekommen. Wir wollen eine digitale Verkehrsplattform für den Brennerkorridor aufbauen, mit der wir in Zukunft auch den Verkehr dosieren können. Das haben wir gemeinsam mit dem bayrischen Verkehrminister und den Vertretern aus Verona entschieden. Dazu braucht es aber viel detaillierte Daten. Vor allem muss man auch analysieren, wohin der Verkehr an bestimmten Tagen und in bestimmten Zeiten verlagert wird.
Das Grundproblem aber ist: In Sachen Umwegverkehr werden Behauptungen aufgestellt, für dies es heute noch keine gesicherten Daten gibt. Die Prozentsätze von denen man redet, sind nur Hochrechnungen oder Studien,
Wie meinen Sie das?
 
Nehmen wir das Wochenende, wo die Autobahn für den Schwerverkehr gesperrt ist. Verlagern sich dann diese Verkehrsflüsse auf andere Routen? Wenn ja, dann ist das Umwegverkehr. Wenn sich der Verkehr aber nicht verlagert, dann ist für mich auch kein Umwegverkehr.
 
Wie soll diese digitale Plattform genau ausschauen?
 
Es handelt sich beim Transitverkehr um ein transnationales Problem. Jedes Land hat eigene Daten. In der Euregio gibt es bereits einen sehr guten Austausch, etwa mit dem Projekt Monitraf. Es gibt auch eine Zusammenarbeit auf der Brennerroute zwischen der Asfinag und der „Brennerautobahn AG“ in diesem Bereich, die sehr gut funktioniert.  Die Zukunft muss aber eine Antwort auf die zentrale Frage sein: Wie könne wir den Verkehr auf der Brennerachse besser mitgestalten?
 
 
Es  braucht neue Technologien, neue Beförderungstechniken und auch neue Tankstellen entlang der Brennerautobahn. Etwa für Wasserstoff oder die Elektromobilität.
 
Oder wie können wir ihn vermindern?
 
Natürlich auch das. Aber es gibt derzeit keine effektiven Dosierungssysteme. Wir kennen den derzeitigen Streit und um die Blockabfertigungen und das Nachtfahrverbot. Ich bin überzeugt, dass es zwei Maßnahmen gibt, die wir so schnell wie möglich umsetzen und durchsetzen müssen. Das Erste: Wir müssen großräumig die Verkehrsbeziehungen genau kennen und mitgestalten. Das heißt es müssen bereits in Verona Dossiersysteme und Informationssysteme aufgebaut werden....

Davon redet man seit über 20 Jahren?
 
Wir reden aber nicht nur. Über die EU wird jetzt genau dafür ein konkretes Projekt finanziert und auch umgesetzt. Wir sind am 11. Dezember wieder in Brüssel, um dieses Projekt vorzustellen. Ich bin sehr froh, dass die EU hier jetzt mitspielt.
 
Und die zweite Maßnahme?
 
Wir müssen versuchen, den Verkehr auf der Autobahn so umweltfreundlich wie möglichst zu gestalten. Das heißt es braucht neue Technologien, neue Beförderungstechniken und auch neue Tankstellen entlang der Brennerautobahn. Etwa die Elektromobilität und die Wasserstofftechnik. Denn in Zukunft sollte vor allem der Lastenverkehr auf saubere Energie umsteigen können.
 
Sie klingen zuversichtlich?

Das bin ich auch. Denn wir sind dabei im gesamten Alpenraum Partnerschaften dazu zu finden. Eine Lösung kann meiner Meinung nach nur über die EU gefunden werden. Dass die Kommission sich jetzt in dieser Richtung bewegt,  zeigt mir, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Ich habe dazu persönlich einen konkreten Vorschlag an die DG Move, der Transport- und Mobilitätsabteilung der EU-Kommission gemacht, den wir am 11. Dezember detailliert vorstellen werden. Weder Südtirol, noch Nordtirol alleine können hier eine Lösung finden. Dazu braucht es die EU.
Weder Südtirol, noch Nordtirol alleine können hier eine Lösung finden. Dazu braucht es die EU.
Eine Datenplattform ist aber noch keine konkrete Maßnahme.
 
Aber sie ist der erste Schritt. Sobald wir konkrete Daten haben und die Möglichkeit solche kontinuierlich zu erfassen, dann können wir sozusagen live nachverfolgen, wie jene Maßnahmen wirken, die wir setzen. Ob der Verkehr effektiv verhindert oder nur verlagert wird. Dazu bedarf es aber zuerst tiefgründiger Analysen.
 
Nochmals: Die Analysen werden die Situation aber kaum verbessern?
 
Wie sie wissen arbeiteten der Landeshauptmann und auch ich - zuerst in Rom und jetzt in Südtirol - seit 2014 daran, auf der Brennerautobahn auch eine sogenannte Umweltmaut vorzusehen. Das ist gerade in Italien ein Tabuthema schlechthin. Trotzdem ist jetzt ein kleiner Durchbruch gelungen. Wir müssen schauen, wie das weitergeht. Wir kämpfen aber jeden Tag in diese Richtung. Wenn wir die digitale Plattform erst einmal haben, dann könnte man mit der Einführung einer Umweltmaut direkt sehen, wie sich diese Teuerung auswirkt. Ob der Verkehr auf andere Routen verlagert wird? Wobei man sich dabei auch bewusst sein muss: Verlagerung bedeutet nicht Verringerung. Das Problem wird nur irgendwo anderes hin verschoben.