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Foto: Privat
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Salto Afternoon

Kleinstadtidyll

"Geburtstag" nennt sich der erste Teil von Horst Mosers jüngstem Roman. Passend zu den Brunecker Silvestergesprächen ein Textauszug.
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Dumpf verzerrte Tonschwingungen, unwirklich und verzögert drangen sie an ihr Ohr, als spiele jemand eine Audiowiedergabe mit allerlei Geräuschen viel zu langsam ab. Nur die Muskulatur des rechten Arms war aktiv, mit dem sie sich an der verzinkten Eisenstange festhielt, untergehakt, als wäre das Geländer ein Begleiter beim Spazierengehen. Es war wie Schwerelosigkeit, dachte sie. Dreiundvierzig, vierundvierzig, fünfundvierzig. Ihr Rekord lag bei achtundachtzig. Sie musste aufpassen, einmal hatte sie es zu lange hinausgezögert, noch eine Sekunde, und noch eine. Dann war sie tot. Zumindest hatte es sich so angefühlt.

Daniel würde ihren Geburtstag nie verpassen. Einerseits, weil es ihm wirklich wichtig war, andererseits, weil er jeden Termin, den er wahrzunehmen hatte, gewissenhaft in seinen Kalender eintrug. Jeden.

Sie kommt zu sich, rief ein Gesicht, das sie milchig verschwommen wahrgenommen hatte, eines von vielen, das von oben auf sie herabblickte, während warme Lippen sie wachküssten. Wie im Märchen, hatte sie damals gedacht. Und Wasser gespuckt, damit die Lunge wieder Luft aufnehmen und der fremde Atem aus ihrem Körper entweichen konnte. Jemand hatte sie rechtzeitig herausgezogen, weil er sie beobachtet hatte, als sie plötzlich wie leblos im Wasser getrieben war. Fünfundfünfzig, sechsundfünfzig … den Zeitpunkt erwischen, kurz bevor man wegkippt, wenn das Herz ganz schwer und zuckend schlägt, noch einmal und noch ein weiteres, dumpfes Mal … Auftauchen. Es war jedes Mal wie eine Geburt. Oder Auferstehung. Erste Atemzüge, neues Leben. Nachdem sie ein paar Mal tief Luft geholt hatte, stieß sie sich vom Beckenrand ab und glitt mit vorgestreckten Armen für eine Sekunde wie ein Torpedo durchs Wasser. Kraulend schwamm sie eine Länge nach der anderen, wie sie es immer machte. Eine Stunde später stellte sie sich unter die Dusche. Beim Verlassen des Hallenbads holte Sophie ihr Telefon aus der Manteltasche. Zwei Anrufe in Abwesenheit, eine Nachricht von Daniel: Hab dich nicht erreicht. Alles Gute. Ich versuch es nachher wieder.
besser spät als vergessen, tippte sie, und wusste gleichzeitig, Daniel würde ihren Geburtstag nie verpassen. Einerseits, weil es ihm wirklich wichtig war, andererseits, weil er jeden Termin, den er wahrzunehmen hatte, gewissenhaft in seinen Kalender eintrug. Jeden. Und dieses Ereignis war auch ein Termin, eine Spalte mit einem Text unter vielen, abgespeichert unter jährliches Ereignis, automatisch übertragen auf Handy, Laptop und Tablet. Damit auch nichts verloren ging. Das gehörte sich einfach. So war Daniel. mag dich trotzdem, schrieb sie weiter auf ihrem Smartphone und schickte die Antwort ab. Am Parkplatz, neben ihrem Wagen, parkte ein dicker Audi mit Kinderwagenlängenabstand zur Parkplatzbegrenzung, mit der Autorückseite die halbe Fahrbahn besetzend. Wer so wenig Sinn für Abstände hat, ist im Straßenverkehr eine Gefahr für die Allgemeinheit, dachte Sophie, stieg ein und startete den Motor. Sie stellte sich eine Frau mittleren Alters vor, wöchentlicher Friseurbesuch, monatliche Maniküre, eine Handtasche, die so viel kostete, wie eine normale Familie in einem halben Jahr für Essen ausgibt. Warum nur machte sie sich über solche Dinge überhaupt Gedanken, eigentlich könnte es ihr ja auch egal sein. War es aber nicht, war es noch nie gewesen. Da gab ihr Handy einen Ton von sich. Hab noch Besprechung. Mach dir einen feinen Abend auf der anderen Seite der Berge, kleine Schwester.
es ist spät, denk an deine ehe. schmeiß alle raus und geh heim, schrieb Sophie mit einem Lächeln im Gesicht zurück und fuhr los.
Sophie dachte an Melanie, Daniels Frau, wie sie zu Hause auf ihren Ehemann wartete. Vielleicht hatte sie für ihn gekocht, seine Lieblingsspeise, angerichtet auf Designertellern aus seltenem Porzellan, quadratische Form, den Tisch ansprechend gedeckt und mit irgendwelchen kitschigteuren Accessoires verziert. Sie sah sie vor sich, ihre blonden Strähnen, die weiche Haut, das freundliche Lächeln, ihre stets aufrechte Körperhaltung. Perfekt. Familienidyll. Aber da tauchte wieder der Schönheitsfehler vor ihrem inneren Auge auf, ein dunkler Fleck, eine gekrümmte Ecke am Foto, die unvollständige Sammlung. Zum Familienglück gehören Kinder, sagten stets beide, aber schon seit Jahren wollte Melanies und Daniels Wunsch nicht in Erfüllung gehen.
Daniel war sechs Jahre älter als Sophie. Während Sophie bald schon das Verlangen verspürt hatte, die Welt außerhalb des Tales, in dem sie aufgewachsen war, zu erkunden, war das für Daniel nie eine Option gewesen. Nicht zuletzt deshalb war er der perfekte Sohn für Eltern, die ihre beiden Kinder gerne präsentierten – im Sinne von Vorführen – wie Zirkuspferde, die ein Kunststück zeigen, auch jenen Menschen, die es gar nicht interessierte. Besonders ihrer Mutter war die Außenwirkung wichtig. In einer Zeit, in der noch nicht das Fernsehen die Ideale vorgab, spiegelte sich die Elterngeneration im Bild, das die Bewohner des Tals, der Kleinstadt dort, das eben andere von einem hatten: Man ist, was von einem geredet wird. Kinder sind das bedeutendste Lebensprojekt, so hatte ihre Mutter es einmal genannt, und Daniel war das geglückte Resultat dieses Vorhabens, Musterbeispiel gelungener Erziehung. Während er der Verwurzelte und Heimatverbundene war, sehnte Sophie sich nach der Ferne, nach neuen Bekanntschaften und Erfahrungen. Ihre Unbekümmertheit in dieser Hinsicht deutete ihre Mutter als Unreife, aber aufgegeben hatte sie Sophie noch nicht, so formulierte sie es, als sei Sophie sechzehn und auf verlorenen Wegen unterwegs, an irgendeiner Gabelung falsch abgebogen. Dass sie ihrem Vater näher stand als ihrer Mutter, lag nicht nur an der Tatsache, dass Väter das Leben ihrer Töchter in jeder Hinsicht bedeutsam prägen, sondern war auch dem Umstand geschuldet, dass sie ein gemeinsames Interesse verband: Geschichten. Ihr Vater besaß eine umfangreiche Bibliothek, aus der er seiner Tochter vorlas, jeden Abend ein Kapitel irgendeiner Erzählung. Als Sophie selbst lesen lernte, vergrub sie immer länger ihre Nase in Büchern und vertiefte sich in die Geschichten, ein Zugang zu einer neuen Welt tat sich auf. Später dann entdeckte sie eine große Leidenschaft für den Film, eine Vorliebe fürs Kino.
Am meisten aber fühlte sie sich ihrem Großvater nahe, dem Vater ihrer Mutter, der viel herumgekommen war in seinem Leben, ein Weitgereister, ein Sammler, manche nannten ihn einen alten Kauz. Sein Zuhause war wie ein Museum, vollgestopft mit Reiseandenken aus fremden Ländern, an den Wänden Karten weit entfernter Orte, dazwischen Jagdtrophäen. Interessiert an allem, außer an seiner Familie, zu diesem Satz hatte sich ihre Mutter irgendwann einmal hinreißen lassen, Worte, die unabsichtlich rausgerutscht waren wie ein plötzliches Niesen, eine der seltenen Äußerungen über ihre Kindheit, über ihren Vater, der anscheinend nie da war.
Wusstest du, dass eine Krake drei Herzen hat, hatte ihr Großvater Sophie einmal gefragt, während sie über die stadtnahen Wiesen gestreift waren, wie sie es oft getan hatten, als Sophie noch klein gewesen war. Wie aus dem Zusammenhang gerissen erzählte er von merkwürdigen Dingen oder stellte anscheinend unpassende Fragen, man wusste nie, wo seine Gedanken gerade waren. Er fragte dergleichen aber immer wie jemand, der es seinem Gegenüber durchaus zutraute, so etwas zu wissen. Erst als Sophie ihren Kopf schüttelte, gab er selbst Antwort auf die von ihm gestellte Frage. Und wenn sie etwas nicht verstand, erklärte er geduldig und ausführlich alles noch einmal. Meinungen wirst du viele hören im Laufe deines Lebens, Sophie, aber die Erfahrungen wohnen eine Etage höher; auf neuen Pfaden oben auf den Bergen oder inmitten menschenverlassener Wüsten begreift man, dass wir uns selbst viel zu wichtig nehmen. Auch das hatte er Sophie nahezubringen versucht. Die bekannten Wege, also die, die wir täglich gehen, sind in Wahrheit die steilsten und mitunter die gefährlichsten, sagte er immer wieder zu ihr, weil man achtgeben muss, nicht zu werden wie das Gewohnte um einen herum, unverrückbar, unabänderlich. Davor hatte ich immer Angst, das war das Einzige, wovor ich mich in meinem Leben wirklich gefürchtet habe. Dass ich es gar nicht merke, und dass es dann zu spät ist.
Im hohen Alter und nur mehr selten unterwegs, weil sein Körper an irgendeinem Punkt entschieden hatte, dass es genug war, bis hierher und nicht weiter, kümmerte er sich um Sophie, als hätte er etwas gutzumachen, als würde er eine zweite Chance erhalten, sich um ein Kind, um ein junges Mädchen zu kümmern. Aber nicht aus einem schlechten Gewissen heraus tat er es, sondern mit Hingabe die Möglichkeit nutzend, etwas davon weiterzugeben, was er erlebt hatte, aus einem schier unerschöpflichen Vorrat an Erfahrungen berichtend, als wäre der Sinn des vielen Reisens auch jener gewesen, Sophie von alledem zu erzählen.
Auch wenn sich Sophie hin und wieder über ihren Bruder Daniel ärgerte und das auch äußerte, zum Streit kam es so gut wie nie. Dafür waren seine Antworten zu überlegt, beschwichtigend und nie beleidigend, manchmal schulmeisterlich, was Sophie ärgerte, aber eben auch entwaffnete. Dagegen kam man nicht an. Vielleicht fühlte sie sich ihm gerade deswegen derart verbunden, auch wenn sie sich selten sahen. Er und ihr Großvater, nie hatten die beiden etwas auszusetzen an ihr. Und Daniel war einer der wenigen, der sie nicht als alternativ bezeichnete, oder, wie ihr Vater es bevorzugt tat, als Misfit. Ihr Vater hatte ein Faible für verschlüsselte Umschreibungen, die nicht jeder verstand. Hierbei bezog er sich auf The Misfits von Arthur Miller und dessen Verfilmung mit Clark Gable und  Marylin Monroe, die von nicht angepassten Menschen erzählten, von Außenseitern. Sophie musste erst im Internet nach der Bedeutung suchen, nachdem er sie zum ersten Mal so genannt hatte. Außenseiter. Dass sowohl Gable wie auch Monroe, deren Ehe mit Miller während der Dreharbeiten zerbrach, kurz darauf starben, faszinierte Sophie dabei am meisten. Misfits sterben früh, das hatte was.

 

Horst Moser: Kleinstadtidyll
Roman. Edition Raetia, 228 Seiten

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Bildquelle: www.raiffeisen.it

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