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Bauernregel

Vom Wiegen allein wird die Sau nicht fett

Dieser Kommentar ist aus der Österreichischen Ärztezeitung Nr 11 - 2014 entnommen. Bei der derzeitigen Diskussion um die Sanität in Südtirol vielleicht ein Denkanstoß.
Community-Beitrag von Richard Lang11.09.2014
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Vom Wiegen allein wird die Sau nicht fett“, warnte der Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke, am 117. Deutschen Ärztetag in seiner Eröffnungsrede. Damit wies der Kammerpräsident und Bundestagsabgeordnete auf falsche Hoffnungen und Fehlentwicklungen in der Qualitätsdiskussion im Gesundheitswesen hin. Qualität werde nicht vom Messen, vom Kontrollieren oder von der Administration sondern von engagierten Angehörigen der Gesundheitsberufe sowie der Zeit und der Aufmerksamkeit, die sie den Patienten widmen, beeinflusst, präzisierte er seine auf die geplante Gründung eines Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen gemünzte Aussage.


In das gleiche Horn stieß die Grünpolitikerin und Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter, Barbara Steffens, in ihrer Botschaft an die anwesenden Ärztevertreter. Sie definierte Outcome-Qualität als Gesamtzustand des Patienten nach der Behandlung. Das Gesamtergebnis des Behandlungsprozesses sei entscheidend und nicht das Wiegen und Messen von einzelnen Fakten während der Behandlungsschritte. Für das Gesamtergebnis sind die Vernetzung der Systeme, die Gestaltung der Schnittstellen und die Rücksichtnahme auf gesellschaftliche Veränderungen maßgeblich, unterstrich sie die gesellschaftliche Verantwortung für Gesundheit.

Das Gesamtergebnis des Behandlungsprozesses sei entscheidend und nicht das Wiegen und Messen von einzelnen Fakten während der Behandlungsschritte

Klar und prägnant waren auch die Aussagen von Gesundheitsminister Hermann Gröhe, der den freiberuflichen Arzt als Rückgrat der ambulanten Versorgung bezeichnete und deutlich machte, dass es Qualität nicht zum Nulltarif gibt. Auch forderte er eine angemessene Fehlerkultur, um aus Fehlern zu lernen. Denn „einen Generalverdacht hat unser Gesundheitssystem wahrlich nicht verdient“, so der Bundesminister wörtlich.

Und wie lebt man diese Themen in Österreich? Kaum eineinhalb Flugstunden von Düsseldorf, dem Austragungsort des 117. Deutschen Ärztetages, entfernt, glauben etwa die Sozialversicherungen ernsthaft, mit dem Managementinstrument der Balanced Scorecard und den darin abgebildeten Zielvorgaben, Kennzahlen und Messwerten die Versorgungsqualität verbessern zu können. Auf der Strategie des Zählens, Messens und Kontrollierens baut auch die Gesundheitsreform auf, in der die bundesweite Festlegung von Qualitätsparametern, dazugehörige Dokumentation und das Monitoring einheitlicher Messgrößen und Zielwerte maßgeblich sind. Zusätzliche Administration wie etwa zehn Zielsteuerungskommissionen sollen - so die Vorstellung des Österreichischen Gesetzgebers - die Qualität verbessern. Selbst das der Bevölkerung oktroyierte, elektronische Befundverwaltungssystem ELGA firmiert unter der Fahne der Qualitätssteigerung.

Bei all den Strategien zur Qualitätsverbesserung sucht man vergeblich die Aussagen, dass Qualität kostet und dass es diese nicht zum Nulltarif gibt. Im Gegenteil: Den Bürgern wird vorgegaukelt, dass selbst Einsparungen ohne Qualitätsverlust spielend möglich sind.

Und als Fehlerkultur leben in unserem Land gar nicht wenige tatsächlich den Generalverdacht gegenüber der Ärzteschaft. Von der medialen Vorverurteilung einzelner bis zur pauschalen Unterstellung von Qualitätsmängeln aller Ärztinnen und Ärzte reichen die unreflektierten und unhaltbaren Vorwürfe. Dass die Fehler im System liegen könnten, wird ebenso ausgeblendet wie die Binsenweisheit, dass mit Schuldzuweisungen und verstärkten Kontrollen nur Defensivmedizin und nicht Qualität erzeugt wird. Großzügig blicken unsere Staatskontrolleure über den zunehmenden Verwaltungsaufwand hinweg und messen nie die damit dem direkten Patientenkontakt entzogene Zeit und die vergeudeten Ressourcen.

Die Reformen der letzten Jahre haben gezeigt, dass unsere Gesundheitspolitik mehr zur Buchhaltung tendiert als zu einer Versorgung, die lebensnah die Bedürfnisse der Kranken und der im System Tätigen im Auge hat. Messen, Kontrollieren und Administrieren sind die derzeitigen Paradigmen der österreichischen Systemtheoretiker. Dabei bräuchten wir statt Zahlenspielen Motivation und Freiraum, um ein ausgezeichnetes System weiter zu entwickeln und zukunftssicher zu gestalten.


Artur Wechselberger
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

© Österreichische Ärztezeitung Nr. 11 / 10.06.2014

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Kommentare

Bild des Benutzers Maximilian Benedikter
Maximilian Benedikter 11.09.2014, 20:23
Danke Herr Lang! Der Dokumentationswahn und die Defensivmedizin sind die Grundpfeiler unserer Gesundheitspolitik in Südtirol. Wenn man dazu noch eine fehlgeleitete Informatisierung mit Interessenskonflikt dazu gibt, dann befällt auch die motiviertesten Ärzte ein Gefühl der Ohnmacht.
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