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Frauen

Sagen, was ist

Anfang des Jahres dachte ich noch, dass sich in der Causa Chancengleichheit gar Einiges bewegt hatte. Dann kam die Coronakrise. Und es ging wieder rückwärts.
Community-Beitrag von Brigitte Foppa02.11.2020
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Seit Jahrzehnten kämpfen Frauen für ihre Rechte.

Um die Rechte für ihren Körper, für ihre Rolle in der Fortpflanzung, für ihre Gesundheit, ja – unglaublich, heute noch - für ihre Unversehrtheit!

Um die Rechte für ihre Freiheit, so zu sein, wie sie sind, wie sie sein wollen, wie sie ihr Leben, ihre Sexualität, ihre Beziehungen und ihr Äußeres leben wollen.

Um die Rechte im Beruf, in der Bezahlung, in der Absicherung, in den Karrierechancen.

Um die Rechte in der Verteilung der Zeit und der Arbeit, in der Betreuung der Menschen, mit denen sie ihr Leben teilen.

Um die Rechte im öffentlichen Leben, zuerst um das Wahlrecht, heute um mehr Vertretung in den Gremien, in denen die Welt entschieden wird.

Es sind mühsame Kämpfe, in der viele Frauen oft mit- und nebeneinander, aber auch nacheinander für sich, noch viel mehr aber für die anderen Frauen einstehen. Es ist wie eine Stafette, in der immer wieder andere Frauen einen Teil des Hürdenlaufs übernehmen.

Denn es ist ein wahrer Hürdenlauf. Mit großer Macht bremst ein immer noch vorwiegend männliches Establishment den längst notwendigen Fortschritt. Mann kennt dafür viele erprobte Mittel: Arroganz. Belächeln. Die Es-gibt-Wichtigeres-Masche. Marginalisieren. Verschweigen. Verdecken. Belehren. Mehrheiten geschickt nutzen. Aushebeln.

Zu Beginn des Jahres 2020 hätte ich diese Zeilen nicht geschrieben, oder zumindest nicht mit diesem Grundton. Ich hatte damals das positive Gefühl, dass sich in der Causa Chancengleichheit gar Einiges bewegt hatte. Frauen besetzten nach und nach die wichtigsten Führungspositionen, waren sichtbar und stark. Die #metoo-Debatte hatte viel männliche Betroffenheit und Solidarität mit den Frauen ausgelöst. Diskussionen über Familienarbeit gingen immer öfters in Richtung gemeinsame Verantwortung. Feminismus war vom Schimpfwort zum stolzen Label auch für junge Frauen geworden.

Dann kam die Coronakrise. Angst und die Zurückdrängung der demokratischen Sicherungsmechanismen zerschossen innerhalb kürzester Zeit die so mühsam errungenen Räume der Frauenpräsenz. Wenige Männer füllten wieder die öffentliche Szene mit einer Selbstverständlichkeit aus, als hätte es den lauen Frühling der ansatzweise gemeinschaftlichen Führung nie gegeben. Der Rückschritt ist unübersehbar.

Einige Signale dieser letzten Monate?

  • Frauen und Kinder werden bei den ersten Rettungsversuchen in der Coronakrise vergessen. Sie müssen schon laut protestieren, damit man sich dran erinnert, wer die ganze Homisierung des Lebens hauptsächlich schultert.
  • Kein Wunder. Frauen sind auf der politischen Bühne zu Randfiguren degradiert. Sichtbar an der Männerpräsenz in den Medienkonferenzen der Landesregierung während Lockdown Nr.1: stolze 86%.
  • Dafür „lobt“ Franz Locher die Landesrätin Hochgruber-Kuenzer, indem er sagt, dass auch Frauen was von Raumordnung verstehen können.
  • Im Regionalrat wird versucht, die Vertretung einer (einer einzigen!) Frau in den Gemeinderatskommissionen zu verhindern.
  • Die Vertretung der Frauen mit einem Drittel in den künftigen Gemeindekommissionen für Raum und Landschaft (Passus, den wir in langer Feinarbeit fraktionsübergreifend in die Raumordnungsnovelle eingefügt hatten), wird von der Mehrheit der Herren im Gesetzgebungsausschuss auf der Vorlage des eifrigen Faistnauer in einem Moment vom Tisch gewischt.
  • Die Gemeinderatswahlen bringen ganz kleine Verbesserungen, wenn auch die ersten, die gehen müssen, wieder die Frauen sind. Der Bürgermeisterinnensessel erwies sich für 3 von 8 Frauen als Schleudersitz – auch 6 Männer wurden nicht wiedergewählt, werden Sie sagen. Allerdings 6 von den 72 amtierenden, die sich der Wahl zum zweiten Mal gestellt haben. Das bedeutet: 37% Abwahl für die Frauen, 8% für die Männer. Nur als Stichwort für die nächste Debatte, wenn man sich wieder fragt, warum Frauen keine Lust auf Politik haben.
  • Darüber haben wir auch letzte Woche im Regionalrat diskutiert. Mann befand, dass es keine verbindliche Quote auf den Gemeindewahllisten braucht. Locher: „Die Frauen haben eh keine Zeit für die Politik“. Und außerdem seien die Frauen ja sowieso erwünscht.
  • Das fragen wir dann mal Madeleine Rohrer, für die als Meistgewählte in Meran gefordert wird, sie solle sich zurückziehen oder in die Warteschleife begeben. Aus Gründen des Proporzes. Wie die Diskussion geführt würde, wenn es sich beim Meistgewählten um einen Mann handelte, möchte ich glatt sehen.
  • Wir könnten auch drüber diskutieren, zum Beispiel in der beliebtesten Diskussionssendung im öffentlichen TV, Pro&Contra – wenn da mal wieder Platz für Frauen ist. Seit die Sendung nach Corona wieder angelaufen ist, machen das die Männer nämlich unter sich aus (Männerpräsenz: 100%).
  • Und wem das alles zu frivol ist, der kann sich anschauen, wie viel weniger Frauen verdienen (- 17%), wieviel mehr sie unbezahlt arbeiten (+ 17 Stunden pro Woche) oder wie geringer ihre Rente ist (halb so groß wie die der Männer).
  • Oder aber die traurigste aller Statistiken: jene der Frauenmorde. Auch heuer waren es wieder 3. In Südtirol ist das Risiko dafür noch höher als im restlichen Italien.

Markante Anzeichen einer Trendwende, einer Rückkehr in die Vergangenheit. Es geht nicht unbemerkt vor sich. Frauen wehren sich, protestieren.

Das ist wichtig und notwendig. Im Geiste Rosa Luxemburgs bleibt es immer noch die revolutionärste Tat, zu sagen, was ist.

Das werden wir auch weiterhin tun. Und wir werden auch weiterhin für unsere Rechte kämpfen. Hoffentlich mit vielen Frauen und Männern an unserer Seite.

Nicht nur, weil wir es uns und unseren Töchtern schuldig sind, sondern auch weil die Welt Frauen mehr denn je braucht – gerade in und nach der Krise.

Nicht in Teilzeit, nicht in untergeordneten Positionen, nicht am Rande, nicht im Privaten, nicht ausgepowert und ausgebeutet, sondern ganz.

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Kommentare

Bild des Benutzers Herta Abram
Herta Abram 02.11.2020, 12:38

Brigitte Foppa zeigt die herrschenden Verhältnisse der Südtiroler-Gegenwart anschaulich auf.
Und dazu gibt es noch eine große Medienlandschaft, welche von Werten, Normen und Verhaltensmustern, patriarchaler Männlichkeit geprägt, kontrolliert und repräsentiert wird. Solle heißen: keine Gesellschaftsreflexion, kein Diskurs, nichts Gender-desaströses wird angeprangert, nichts Frauen-relevantes vorangetrieben, keine Debatten, ….

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Irene Senfter 02.11.2020, 21:36

Danke Brigitte Foppa, danke Herta Abram, ich bin zu 100% einverstanden. Und die von Ihnen/Euch angemahnten Veränderungen wären für alle, Männer und Frauen, ein großer Gewinn.

Bild des Benutzers Gianguido Piani
Gianguido Piani 04.11.2020, 09:54

Der Beitrag ist sehr interessant und fundiert. Leider sind die Lösungen bei weitem nicht so einfach, vielleicht sind sie sogar unmöglich.
Auf keinen der ausgeführten Punkte steht ein Gesetz im Wege. Die Gesellschaft muss sich entwickeln, dies kann aber noch Jahrzehnte dauern. Pro-Aktive Gesetze machen dagegen Lösungen noch komplizierter.
Beispiel Meran. Madeleine Rohrer spricht wahrscheinlich perfekt Italienisch (ich nehme an, auch Englisch und weitere Sprachen), warum muss sie denn unbedingt als "deutsch" geführt werden? Wo ist der Platz für mistilingui? Somit wird die vorangemeldete Gruppenzugehörigkeit für vorausschauende, engagierte, zweisprachige Leute zum Wettspiel.
Und was ist, wenn Frauen lieber Männer wählen? Die SVP und andere Parteien hatten Frauen auf ihren Listen, diese wurden aber auch von Frauen abgewählt, indem sie ihren Vorzug an männliche Kandidaten gaben. Wenn sogar Wählerinnen einiger Parteien keine Frauen im Stadtrat haben wollen, kann das Gesetz wenig tun.
Gute und erfahrene Leute sind vom Anfang an schwer zu finden. In Südtirol werden mit der Kombination von Proporz und Frauenquote künstliche Hindernisse hinzugefügt, die schwierige Entscheidungen unlösbar machen.

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