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Von außen betrachtet

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt!

Next Generation Landwirtschaft: Die Zukunftsplanung kann dank Recoverygelder und GAP-Förderungen für ökoverträgliche Bewirtschaftungsmodelle mutig angegangen werden.
Community-Beitrag von Karl Gudauner04.04.2021
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Landwirtschaftliche Unternehmen und urbanistische Weichenstellungen stehen häufig im Spannungsfeld zwischen Profitperspektiven und Naturschutz. Bauern und Bäuerinnen sind als wichtigste Grundeigner und individuelle Wirtschaftstreibende hier wesentliche Entscheidungsträger und Landschaftsnutzer und -gestalter. Als gut organisierte gesellschaftliche Interessengruppe wissen sie sich auch politisch Gehör zu verschaffen und sind imstande, ihre Standpunkte durchzusetzen. Daraus folgt, dass die Einstellung der bäuerlichen Bevölkerung zum Landschafts- und Naturschutz entscheidend für den Erhalt, die Pflege und den Ausbau naturbelassener Lebensräume ist. Aus meinen Kindheitserinnerungen habe ich das Bild präsent, wie sich die Bauern auf den Almen darüber aufregten, wenn die unbedachten „Stadtlinger“ einen Fuß in die nicht gemähte Wiese setzten. In einem religiös geprägten gesellschaftlichen Werterahmen bestand ein so profunder Einklang zwischen naturgegebener Landschaft und landwirtschaftlicher Nutzung, dass sie die Störung dieses Gleichgewichts als Sakrileg betrachteten. Hat diese Naturverbundenheit noch Bestand oder ist sie im Zuge der Säkularisierung der Gesellschaft und der Erschließung neuen Wohlstandschancen durch den Massentourismus auf materielle Anreizsysteme umgepolt worden? Wo - oder lässt sich überhaupt eine Grenze zwischen noch vertretbaren Eingriffen in die Natur und unwiederbringlichen Verlusten an landschaftlicher Schönheit und intakten Lebensräumen für Flora und Fauna ziehen? Schließlich gibt es ja keine empirische Verlustbilanz zu den bisher „verlorenen“ Enklaven der Biodiversität und deren ökonomische Bezifferung wäre schwierig, wenn nicht vergebliche Mühe, zumal ihnen gesellschaftlich breit befürwortete private und volkswirtschaftliche Zugewinne an Produktivität und Umsatz entgegenstehen. Oder ist das, was fehlt, eine Vision Südtiroler Naturlandschaft 2050, also ein auf breiter Ebene konsensfähiges und realistisches Planungsdokument, in dem eine Hypothese dazu detailliert ausgearbeitet ist, wodurch sich unser Landschaftsbild in den verschiedenen Gebieten des Landes hinsichtlich Naturbelassenheit, Biodiversität und Renaturierungszielen, schonender Bewirtschaftung und rücksichtsvollem Umgang mit Wasser und Boden auszeichnet? Das Konzept Landwirtschaft 2030 von Landesrat Arnold Schuler wird deshalb mit Spannung erwartet.

Das Spannungsfeld für eine Vision zur Südtiroler Naturlandschaft 2050 ausloten

Die öffentliche Debatte war bisher eher ein Schlagabtausch zwischen gegensätzlichen Interessenpolen, die sich nicht aufeinander zubewegen wollten. Das ist in einer ersten Phase der Konfrontation auch verständlich, da jeder darauf bedacht ist, zunächst einmal seinen Standpunkt darzulegen und zu untermauern. Es bringt uns in puncto Natur- und Landschaftsschutz allerdings nicht weiter, wenn die Konfrontation in der Öffentlichkeit nicht dialogisch geführt wird, sondern in der Behauptung von weit auseinanderliegenden Anspruchspositionen: Überspitzt dargestellt, fordern auf der einen Seite Stadtmenschen mit Blick auf notwendige ökologische Zielsetzungen die Einlösung idealistischer Vorstellungen zur Landschaftsgestaltung und zur landwirtschaftlichen Betriebsführung. Auf der anderen Seite sträuben sich landwirtschaftliche Unternehmen mit Blick auf Ertragslage und Marktchancen gegen Eingriffe in die unternehmerische Freiheit, gestützt durch eine Verbandslobby, die für sich beansprucht, nach eigenem Gutdünken allmählich die ökologischen Aspekte noch besser in die Entwicklungsstrategie zu integrieren. Hier ist der Frage auf den Grund zu gehen, wie realistische Perspektiven für die Erhaltung des Ökosystems und ökoverträglicher Landwirtschaft aussehen können. Solche Postulate können genauso in bukolische Romantik verfallen wie profitgesteuertes business as usual riskiert, Naturressourcen dauerhaft zu beeinträchtigen und das langfristige ökologische Gleichgewicht aus den Augen zu verlieren. Zu diesen Themen muss die Gesellschaft in Südtirol ins Gespräch kommen, zuerst, um Interessensstandpunkte abzuklären und dann, um zu versuchen, gemeinsam getragene Positionen jenseits von idealistischer Schönfärberei auf dem Boden der Tatsachen mit klaren Nutzungsregeln und Schutzstandards zu entwickeln.

Kritische Überprüfung von Image und Anforderungen an modernes Bewirtschaftungsprofil

Ausgangspunkt der Debatte sollte die Hinterfragung des Bildes der Landwirtschaft in der öffentlichen Meinung sein, das auf in Generationen entwickelten Traditionen und ethischen und praktischen Handlungsmaximen beruht. Kernpunkte des grundlegend positiven Images sind jenseits der immer wieder aufflammenden heftigen und mehr oder weniger wissenschaftlich abgestützten Disputationen die Erzeugung gesunder Nahrungsmittel, Naturverbundenheit und naturnahe Bewirtschaftungsmethoden, eigenständige unternehmerische Verantwortung und Qualitätsverpflichtung. Darauf stützt sich im Wesentlichen die PR-Strategie der Landwirtschaftsverbände und der landwirtschaftlichen Unternehmen. Risikofaktoren wie Abhängigkeit von Wetterbedingungen und Schädlingsaufkommen setzen die bäuerlichen Betriebe einem besonderen unternehmerischen Risiko aus. Neben diesen Unabwägbarkeiten sind die Rolle als Grundversorger der Gesellschaft mit Lebensmitteln und als Landschaftspfleger zentrale Beweggründe für umfangreiche öffentliche Förderungen und sehr vorteilhafte Steuerregelungen. Zu überprüfen ist, ob Image und reale Praxis noch deckungsgleich sind oder ob heutzutage andere Anforderungen an die Landwirtschaft gestellt werden (dürfen oder müssen), damit zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und Bewirtschaftungsstandards hinreichend Kongruenz bescheinigt werden kann.

Einflussfaktoren nebenerwerblicher Landwirtschaftstätigkeit auf die Betriebsführung

Noch haben wir in der öffentlichen Wahrnehmung ein Bild des landwirtschaftlichen Unternehmens vor Augen, das als Familienbetrieb vom Hofeigner als Haupterwerb geführt wird. Doch die Realität sieht so aus, dass inzwischen etwa 80 Prozent der landwirtschaftlichen Unternehmen als Nebenerwerb betrieben werden. Dabei kann der Nebenerwerbsbauer die gleiche Leidenschaft für die Landwirtschaft aufbringen wie ein Vollzeitbauer. Aber er wird teilweise erst nach seiner beruflichen Etablierung außerhalb der Landwirtschaft den Hof übernehmen und somit von der sozialen Prägung andere Voraussetzungen mitbringen wie einer, der den Hof als Jungbauer von seinem Vater übernimmt. Inzwischen steigt auch die Anzahl der Bäuerinnen, die selbst Hofeignerinnen sind und viel Kreativität und unternehmerische Initiative aufbringen, wenn es darum geht, ihren Betrieb erfolgreich in die Zukunft zu steuern.

Wer noch ein anderes berufliches Standbein hat, das die vorrangige Einkommensquelle darstellt, weist ein anderes Zeitbudget auf, das er der landwirtschaftlichen Tätigkeit widmen kann. Und die Diversifizierung der landwirtschaftlichen Produktion samt damit verbundenen ergänzenden Erwerbstätigkeiten trägt generell dazu bei, dass das Zeitbudget auf verschiedene Einsatzbereiche aufgeteilt werden muss. Das lässt sich selbst bei mitwirkenden Familienangehörigen nicht mehr so leicht bewältigen. Somit wird der Einsatz von Maschinen in der landwirtschaftlichen Arbeit als zentraler Entlastungsfaktor erlebt. Diese Konstellation und die damit verbundenen produktionstechnischen und arbeitsorganisatorischen Anpassungen sind als prägende Faktoren der Betriebsführung von Bedeutung. Inwiefern sie das Selbstverständnis der Bauern und deren Zukunftsmodelle beeinflussen, dazu wäre eine tiefergehende Untersuchung lohnenswert.

Jetzt positive Ansätze stärken und Vorreiterschaft für Ökoverträglichkeit übernehmen

Politisch Verantwortliche, Verbandsstrukturen und Unternehmen müssen sich einen Ruck geben und die verfestigten Selbst- und Fremdbilder im Lebenskosmos Landwirtschaft auf den Prüfstand stellen. Dank insgesamt guter Rahmenbedingungen und nachweislicher Fortschritte zur Wahrnehmung der ökologischen Verantwortung dürfte eine kritische Überprüfung zahlreiche vielversprechende Wege dafür aufzeigen, wie die Landwirtschaft ihre Kernaufgaben in Zukunft überzeugt mit noch mehr ökoverträglichem Engagement wahrnehmen kann. Die Herausforderungen des ökologischen Wandels, die da und dort bestehen, brauchen nicht auf die lange Bank geschoben werden. So weit nicht bereits entsprechende Planungsvorgaben in Kraft sind, können diese mit realistischen Zielsetzungen definiert werden. Gerade in der aktuellen Situation, wo zwischen Recovery Fund und neuer gemeinsamer EU-Agrarpolitik außerordentlich umfassende Mittel insgesamt für den wirtschaftlicher Umbau und die ökoverträgliche Konversion der Landwirtschaft bereitgestellt werden, gilt es, zu Beginn der Umsetzungsphase Maßnahmen mit starker Signalwirkung nach innen und nach außen zu setzen. Mutige Schwerpunktsetzungen sollten auch dazu genutzt werden, die gemeinsame europäische Agrarpolitik zielgerichteter auf einen umweltverträglichen und umweltbewussten Kurs zu bringen. Eine realistische Betrachtung der Fakten und der Rahmenbedingungen für die Entwicklung der Landwirtschaft müssen diesbezüglich auch jene aufbringen, die den Fehlentwicklungen einer auf Masse ausgerichteten und stark von der Agroindustrie und den marktbeherrschenden Lebensmittelkonzernen abhängigen Landwirtschaftspolitik eine zu idealistisch verklärte Vision entgegensetzen. In einem so sensiblen Wirtschaftszweig wie der Landwirtschaft sind grundlegende Veränderungen nur schrittweise möglich.

Es liegt an der Politik, für Südtirol umgehend und interdisziplinär mit Fachleuten und Landwirtschaftsverbänden ein wirtschaftlich und ökologisch nachhaltiges Entwicklungsszenario zu entwerfen, das schrittweise, jedoch zielstrebig angegangen wird. Die landwirtschaftlichen Unternehmen müssen aktiv in diesen Prozess eingebunden sein und die Vermarktungsstrukturen und die Konsumentinnen und Konsumenten dazu ermuntert werden, ihrerseits ihre Wertkategorien zu hinterfragen und konkrete (auch Verzichts-)Beiträge zu leisten. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für wegweisende Entscheidugngen. Deshalb sind mehr Mut und pragmatische Entscheidungskraft aufzubringen, da es auch notwendig ist, Fehlentwicklungen (z. B. bei den Ausnahmeregelungen: Stichwort Bagatelleingriffe) anzusprechen und diese zu korrigieren. Gelingt es, umweltbewusste Neuorientierungen als gültige Vision für die Landwirtschaft der Zukunft zu verankern, so wird die Überzeugung, einen erstrebenswerten Wandlungsprozess mitzugestalten, den diffusen Widerstand und die Skepsis in eine Triebfeder der Erneuerung ummünzen. Dann wird die Landwirtschaft auch in Zukunft beispielgebender Imagefaktor für unser Land sein.

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Kommentare

Bild des Benutzers Georg Lechner
Georg Lechner 05.04.2021, 11:28

In der EU sehe ich leider kaum Anzeichen für eine mutige Schwerpunktsetzung. Der EU-Rat (und gegen dessen Rechtsposition in der EU als gesetzgebende Körperschaft ist leider nicht anzukommen) hat beim Gipfel 2020 eine Fortsetzung der Förderung nach Betriebsgröße zementiert.Vielleicht gelingt über andere Fördertöpfe eine leichte Kurskorrektur, aber eine ökologische Ausrichtung (wie sie Kommission und EP anstreben) wird gegen die Handlanger agroindustrieller Lobbies in den nationalstaatlichen Regierungen wohl Illusion bleiben.

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