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Sehen, mittun, sein!

Begegnungsräume für kulturelle Öffnung

Denkstube Schloss Prösels zu Kultur-Begegnung(s)-Kultur: Nicht fordern, tun! Das ist der Weg aus der Passivität von Konsumdenken und Förderungserwartung.
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von Karl Gudauner

„Kunst für alle“ ist das Motto des KunstSozialRaums Brunnenpassage in Wien. Das dahinterstehende Konzept wird auf der Homepage www.brunnenpassage.at in knappen Sätzen beschrieben: „Die Brunnenpassage begreift den Zugang zu Kunst und Kultur als Menschenrecht. Kunst ermöglicht Menschen die eigene Identität zu finden und auszuleben. In Kunstprojekten der Brunnenpassage wird erlebbar, dass kulturelle Vielfalt die Gesellschaft bereichert.” 460 Veranstaltungen pro Jahr in etwa 10 verschiedenen Sprachen, von künstlerischer Tätigkeit und Kunstausstellungen sowie Kunstprojekten (z. B. KunstMobil) über Tanz und Musik bis zur Literatur sind selbst in der Großstadt Wien eine bemerkenswerte Performance. Auf der Tagung, die das Südtiroler Bildungszentrum (SBZ) mit verschiedenen lokalen Kulturträgern am 1. Juli auf Schloss Prösels organisiert hat, stellte die künstlerischen Leiterin Anne Wiederhold-Daryanavard die Brunnenpassage als Beispiel für Beteiligung an Kultur und Beteiligungskultur vor. Der Impuls zum Tagungsthema ist von verschiedenen Workshops zum Kulturschaffen ausgegangen, in denen vor einem Jahr eine Standortbestimmung zur kulturellen Tätigkeit vorgenommen wurde.

Brunnenpassage in Wien als Ort der Begegnung und der Kulturerfahrung

Die Brunnenpassage besteht seit 10 Jahren als „Labor und Praxisort transkultureller und partizipativer Kunstprozesse”. Die Zusammenarbeit mit professionellen Künstlern und mit etablierten Kulturträgern ist laut Wiederhold-Daryanavard ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Transparenz und Offenheit sind ein weiterer. Dies kommt bereits durch die von Glas geprägte Architektur zum Ausdruck. Das von der Caritas langfristig kostenlos zur Verfügung gestellte Gebäude steht am Brunnenmarkt im 16. Gemeindebezirk. Das Programm wendet sich bewusst an die Bevölkerung des unmittelbaren Einzugsgebiets und bezieht die dort angesiedelten Institutionen ein. Künstler/-innen und Initiativgruppen sind willkommen, wenn sie ihre Veranstaltungen für alle offen halten. Die Teilnahme ist kostenlos. Ein niederschwelliger Zugang zum Kunstschaffen eröffnet Chancen für vielfältige Kulturerfahrungen, vom Zuschauen über das Ausprobieren bis hin zum Mittun und eigene Auftritte vorbereiten. Das beinhaltet das Abtasten von Kommunikationsbereitschaft und Kommunikationsschwellen, fördert die Ausdrucksfähigkeit, baut Kontakte auf, lässt eigene Identität erspüren und die Gefühle, die in der Abgleichung und im Austausch mit anderen entstehen. In der Finanzierung wird bewusst versucht, dank eigener Marketingfähigkeit und der Qualität des Konzepts private Geldgeber anzusprechen, um nicht von der öffentlichen Förderung allein abhängig zu sein.

Partizipation als künstlerische Strategie zwischen Rebellion und Konformismus

In ihrem historischen Abriss zur Partizipation als künstlerischer Strategie in der zeitgenössischen Kunst ging Magdalena Grüner, Masterstudentin für Kunstgeschichte in Hamburg, auf erste Beispiele aus der 60er und 70er Jahren ein, wo Partizipation einen emanzipatorisch-provokativen Anstrich in künstlerischen Performances (z. B. Joseph Beuys, Lygia Clark, Valie Export, Allan Kaprow, Yoko Ono Peter Weibel) aufwies, womit der Aufführungscharakter und die sozialen Bezüge in den Vordergrund rückten. Die Rollenzuschreibung durch den Künstler für die Betrachter/-innen oder mögliche an der Performance beteiligte Personen konnte die Erfahrbarkeit des künstlerischen Schaffens verstärken, eine aktive Eingriffs-und Gestaltungsmöglichkeit einräumen, aber auch einen sanften Zwang zur Auseinandersetzung beinhalten und insofern eine Instrumentalisierung beabsichtigen. Damit wurde auch ein neues Marketingelement für den Kunstmarkt experimentell angewendet. Mit der Zeit sind partizipatorische Strategien in der Kunst weiter ausgebaut worden. Eine Interpretation hierfür ist der Verlust an gesellschaftlicher Teilhabe in einer säkularisierten und individualisierten Konsumwelt.

Die Einordnung und Bewertung partizipatorischer Elemente im Kunstschaffen ist nach wie vor umstritten. Kritisch betrachtet werden insbesondere Tendenzen der Kommerzialisierung der Beteiligung an Kunst. Seit der Etablierung der sozialen Medien werden Mach-mit-Angebote massiv für das Label- und Produktmarketing eingesetzt. Kreative Angebote bzw. die Interaktion mit Kunst in die Kaufhäuser integrierte temporäre Lebensräume stellen ein Wohlfühlangebot anspruchsloser Zerstreuung dar. In diesem Falle ist Beteiligung nicht ein Vehikel persönlicher Bewusstwerdung oder sozialer Inklusion, sondern für Konsum und gesellschaftliche Konformation. Sie erhält damit auch eine politische Dimension, mit dem Unterschied, dass sie als solche bereits ins Kunstschaffen integriert ist, während sie vor 50 Jahren noch dazu diente, tradierte Wertordnungen in Frage zu stellen.

Drei Voraussetzungen für gelingende Bürgerbeteiligung

Der Historiker Prof. Georg Grote zeigte an einem Vergleich der Rahmenbedingungen für die politische Partizipation in Irland und Südtirol auf, dass bei Referenden gelingende Bürgerbeteiligung auf drei grundlegenden Voraussetzungen beruht: einer gewachsenen Kultur aktiver Wahrnehmung solcher bürgerschaftlicher Rechte, einer klar umgrenzten Fragestellung und der Sicherstellung einer ausgewogenen Information aller Bürgerinnen und Bürger. In Irland konnten zahlreiche politische Themen durch Volksentscheid dauerhaft und ohne einen Rattenschwanz an Polemiken entschieden werden. Das Referendum zur italienischen Verfassungsreform, aber auch das zum Brexit hätten möglicherweise ein gegenteiliges Ergebnis erbracht, wenn die Fakten nicht durch mangelhafte Definition des Themas oder unzureichenden Informationsstand bzw. dadurch begünstigte emotionale Wahlkämpfe überdeckt worden wären. Aufgrund der tiefgreifenden moralischen Zerrüttung der politischen Klasse äußerte Universitätsdozent Roman Toppan hingegen Zweifel an einer positiven Entwicklung der Demokratie in Italien: „Wir gehen schwierigen Zeiten entgegen“, lautete seine Prognose in einer launigen Stellungnahme, die der Oberflächlichkeit der heutigen Gesellschaft die Rückbesinnung auf die Wertgrundlagen des Humanismus als Ausweg entgegenstellte.

Zusammenleben in Südtirol zwischen Gegen-, Mit- und Nebeneinander

Eine anregende Diskussion entwickelte sich auf Schloss Prösels zum „Gegen-, Mit- und Nebeneinander“ des Zusammenlebens in Südtirol. Der Journalist Lucio Giudiceandrea und der Erwachsenenbildner Peter Litturi entwickelten einen Dialog zu den verschiedenen Lesarten der Befindlichkeit unserer Gesellschaft. Auf die Sprachgruppen bezogene strukturelle Parallelismen prägen die Handlungsmuster seit Jahrzehnten. Dafür charakteristisch sind Mechanismen der Abgrenzung und der Selbstbezogenheit. In der öffentlichen Verwaltung und in privaten Organisationen, von den Alpenvereinen über die sanitären Rettungsdienste bis hin zu den Sportvereinen reichten und reichen gemeinsame Aufgaben und Interessen in Südtirol oft nicht aus, um Institutionen und Vereine dazu zu bewegen, sprachgruppenübergreifend dauerhaft zusammenzuarbeiten.

Aus den letzten Jahren gibt es immerhin Beispiele für die Überbrückung der historischen Antagonismen und die durch die Ausdifferenzierung der Strukturen bedingten Handlungslogik. 2015 hat die Caritas den Schritt zur Zusammenlegung der deutsch- und italienischsprachigen Sektionen vollzogen. Auf der Seite der Unternehmerverbände erfolgte 2016 der Zusammenschluss von SWR und USEB. Natürlich geht es um Effizienzgewinne, aber der entscheidende Vorteil liegt in der sprachgruppenübergreifenden Kommunikation bei der  Interessenvertretung. Eine Zusammenlegung von Strukturen mag auch nicht überall sinnvoll sein. Unzweifelhaft braucht es aber mehr Kooperation und Meinungsaustausch. Das einzige historische Beispiel sprachgruppenübergreifender Kooperation sind die lokalen Ableger der nationalen Gewerkschaftsbünde CGIL, CISL und UIL. Sie verstehen sich seit jeher als sprachgruppenübergreifende Arbeitnehmervertretungen. In ihrer internen Organisation ist diese Balance Auftrag und Strukturelement.

Entspannte Begegnungsräume zur Förderung der Verständigung zwischen den Sprachgruppen

Das ständige Hochkochen ethnischer Konflikte in der lokalen Politik vor Augen, plädierte Peter Litturi für die Einrichtung von „entspannten Begegnungsräumen“ als Voraussetzung für die Herausbildung einer vernünftigen Gesprächskultur. Anlass zur Besorgnis geben aktuell die Streitigkeiten um das Schlussdokument des Konvents der 33 zum Südtiroler Autonomiestatut. Das Ziel, einen sprachgruppenübergreifenden Konsens zur Überarbeitung dieser lokalen Verfassung herzustellen, ist nicht nur klar verfehlt worden. Es scheint so, als wäre es in diesem Autonomiekonvent gar nicht ernsthaft angepeilt worden, stellte Lucio Giudiceandrea ernüchtert fest. Als zweisprachig aufgewachsener Südtiroler setzt er sich engagiert gegen die anmaßende Voreingenommenheit in beiden Sprachgruppen zur Wehr und ruft dazu auf, aufgeklärte Gesprächsbereitschaft und den Versöhnungsgedanken in den Vordergrund zu stellen.

Die Hoffnung darauf, dass im Landtag die Diskussion zur Reform des Autonomiestatuts eine entsprechende Wende vollzieht, ist nicht sehr groß angesichts der Deutlichkeit, mit der spezifische Problemlagen inhaltlicher Natur und der Mangel an ausgereifter Diskussions- und Verantwortungskultur zutage getreten sind. Aber als eigentlich zuständiges Gremium trägt der Landtag eine andere institutionelle Verantwortung als die beratenden Gremien eines partizipativen Verfahrens, dem im Laufe der Abwicklung ernsthaftes politisches Commitment und Akzeptanz der Regeln deliberativer Politik, also zwei Schlüsselelemente für realistische Erfolgsaussichten, abhandengekommen sind. Der Autonomiekonvent hat einen aufschlussreichen Problemaufriss für den Landtag produziert. Dort stellen Verständigung zwischen den Sprachgruppen und abgestimmte Vorgangsweise mit dem Trentino Kernelemente des politischen Auftrags dar. Dialogfähigkeit und Kompromissbereitschaft können also noch unter Beweis gestellt werden. Die Diskussionsforen des Autonomiekonvents waren nämlich genau als das gedacht:  als offene Demokratiewerkstatt für das gemeinsame Bauen an  der Zukunft des Landes. Die Zivilgesellschaft darf allerdings nicht nur darauf warten, dass von der Politik kulturübergreifende Räume für das gegenseitige Kennenlernen und die  Verständigung geschaffen werden. Sie muss auch selbst die Initiative ergreifen, damit in der Südtiroler Gesellschaft eine neue Saat aufgeht, die Friedenstauglichkeit und autonomiepolitische Wehrhaftigkeit verbindet und ein neues Selbstbewusstsein entwickelt.

Deliberative Politik und partizipative Verfahren

Wahlen sind nur kleine Fenster zu dem System Demokratie als politischer Organisationsstruktur unserer Gesellschaft. Die Etablierung des Volkes als Souverän stellt eine historische Errungenschaft gegenüber anderen Herrschaftssystemen dar, in denen die Freiheit und die Mitsprache des einzelnen Bürgers und der einzelnen Bürgerin wenig ausgeprägt war. Im demokratischen System kommt der Phase der Deliberation, also der Verifizierung der Anliegen der Bürger/-innen und vertieften Diskussion der einzelnen Problematiken sowie der Suche nach tragfähigen Lösungen aus dem Blickwinkel des Gemeinwohls große Bedeutung zu. Das habe ich in meiner Betrachtung zu den Chancen für Bürgerbeteiligung unterstrichen. Gemeinwohlentwicklung als soziale Verantwortung und Wertorientierung als Maßstab sind aus meiner Warte fundierte Argumente gegen das Versinken der Gesellschaft im Politikverdruss. Zu oft lenken wir unsere Aufmerksamkeit nicht auf gelingende Gemeinschaftsgestaltung, sondern auf vermeintliche Defizite des Systems Demokratie, die eigentlich den handelnden Menschen anzulasten wären.

Transparenz ist ein ausgezeichnetes Instrument, um auf der Verwaltungsebene gesetzeskonformes Verhalten zu gewährleisten, vorausgesetzt, die institutionellen Kontrollfunktionen werden wahrgenommen. Deliberative Politik erweitert die Mechanismen der repräsentativen Demokratie, indem sie die Mitsprache der Bevölkerung bereits in der Vorphase zur eigentlichen Entscheidung als Strukturelement in den politischen Prozess einbaut. Partizipative Verfahren dienen zur breiten Auseinandersetzung mit den anstehenden Sachfragen, sollen die Interessenslagen offenlegen und eine gemeinsame Suche nach Lösungen fördern, die respektvoll geführt wird, unter Anerkennung der Argumente sowie mit der Bereitschaft, Kompromisse zu schließen und eigene Ansprüche zurückzuschrauben, wenn dies der Tragfähigkeit der Entscheidung nützt. Das Gegenstück zur deliberativen Politik ist die dezisionistische Politik, in der zügige Entscheidungsprozesse von Parlament oder Regierung privilegiert werden. Beteiligungskompetenz aufzubauen ist eine Aufgabe, für die Strukturen und Ressourcen benötigt werden, sei es auf institutioneller Ebene, sei es auf Seiten der Bürgerinnen und Bürger.

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