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Salto Weekend

Duca Lamberti ermittelt

Zwei der vier Duca-Lamberti-Krimis von Giorgio Scerbanenco kommen in diesen Tagen auf den Buchmarkt. Ein Textauszug zur Wiederentdeckung.
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[Aus: Die Verratenen]

Als das Fernsehen eingeführt wurde, war der Erste, der sich eins anschaffte, mein Bräutigam, der Fleischer. Natürlich wollte ganz Ca' Tarino das mal miterleben, aber er wählte seine Gäste sorgfältig aus. Er lud meine Eltern ein, und ich ging natürlich mit, und so fing das an mit uns. Im Dunkeln lag auf einmal seine Hand auf meinem Knie und glitt dann immer höher, und sobald sich die Gelegenheit bot, fragte er mich, ob ich noch Jungfrau sei. Seine Hand auf meinen Beinen zu haben, mit meiner Mutter gleich da­neben, ärgerte mich, und so habe ich gesagt, ja, natürlich, ich hätte die ganze Zeit nur auf ihn gewartet, um ihn ein wenig zu ärgern.

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Es ist schwer, zwei Menschen gleichzeitig umzubringen, doch sie stoppte das Auto fast auf den Zentimeter genau an der bewuss­ten Stelle, wie sie es mehrmals, auch nachts, geprobt hatte, an die­ser Stelle, die an der merkwürdigen gotischen, eiffelturmartigen Eisenbrücke über den Kanal zu erkennen war, und sagte, als das Auto auf dem gewünschten Quadratzentimeter zum Stehen kam wie ein Pfeil, der in der Mitte der Zielscheibe stecken bleibt: „Ich steige einen Moment aus, um eine Zigarette zu rauchen, ich rauche nicht gern im Auto." Sie sagte es zu den beiden auf dem Rücksitz, die sie umbringen musste, und stieg aus, ohne ihre Antwort abzu­warten, und so hörte sie nicht mehr, wie sie, träge von dem reich­haltigen Mahl und auch wegen ihres Alters, freundlich und etwas heiser zustimmten, ja, sie solle ruhig aussteigen, um es sich dann, von ihrer Gegenwart befreit, noch ein bisschen bequemer zu ma­chen, als könnten sie so besser einnicken, alt und fett wie sie waren, beide im weißen Regenmantel, sie mit einem beigegelben Woll­schal um den Hals, der fast vom gleichen Farbton war wie ihre Haut, die Haut einer Leberleidenden, und sie noch fetter erschei­nen ließ. Ihr Gesicht erinnerte an einen großen Frosch, obwohl sie doch einst, vor Millionen von Jahren, der Krieg, der Zweite Welt­krieg, war noch nicht vorüber, sehr schön gewesen war, wie sie selbst behauptete. Und nun würde sie sie umbringen, sie und ihren Freund. Offiziell hieß sie Adele Terrini, doch in Buccinasco, in Ca' Tarino, wo sie geboren war und man viel über sie wusste, war sie bekannt als Adele die Hure, und nur ihr Vater, der Amerikaner und ein Trottel war, hatte sie Adele meine Hoffnung genannt.

Auch sie selbst war Amerikanerin, aber kein Trottel, und als sie ausstieg, schlug sie die Autotür zu, den Sicherheitsknopf hatte sie heruntergedrückt, auch die Sicherheitsknöpfe der anderen Türen waren bereits unten, und dann zündete sie sich eine Zigarette an und schaute zur anderen Seite des Kanals hinüber, zu der Straße nach Pavia, auf der die Autos zu dieser Zeit in einem trägen Rhyth­mus auftauchten und wieder verschwanden, selbst das war berech­net. Und dann, als spaziere sie ein wenig ziellos herum, näherte sie sich dem Heck des Autos. Es war ein bescheidener, leichter, viersitziger Fiat, sie wusste zwar nicht den Namen des Modells, aber sie hatte genau bedacht, inwieweit er für ihre Zwecke geeignet sei.

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Giorgio Scerbanenco / Foto Eredi Scerbanenco

Zwischen ihr und der Straße lag ein Kanal, der Alzaia Naviglio Pavese, ein ziemlich schwieriger Name für sie, die Amerikanerin, ein unverständlicher Name. Ihr Italienischlehrer aus San Francisco, Arizona, das übrigens nichts mit dem anderen San Francisco zu tun hat, hatte sich nicht damit aufgehalten, bestimmte Feinheiten zu erläutern, etwa dass mit alzaia der Treidel bezeichnet wird, mit dem Boote oder Lastkähne vom Land aus den Fluss oder Kanal hinaufgezogen werden; aber die Philologie, die Etymologie dieses Wortes war auch nicht das, was sie interessierte, sondern die ein­zigartige Lage dieses Kanals zwischen den beiden Straßen und die Tatsache, dass das Wasser zu dieser Jahreszeit sehr hoch stand, und dann die Beschaffenheit der beiden Straßen: Die breitere, asphal­tierte war eine Nationalstraße, sogar ihren offiziellen Namen hatte sie sich eingeprägt, Strada Nazionale 35 dei Giovi. Die andere, die nicht asphaltiert war und fast rührend ländlich wirkte, war der alte Treidelweg des Kanals. Und dazwischen der Kanal.

Kanäle führen Wasser, wenn sie nicht trocken liegen, und die­ser lag nicht trocken, und außerdem verfügte er nicht einmal über befestigte Ufer, eine Brüstung oder Holzpflöcke, nichts; in der nächtlichen Dunkelheit konnte ein Auto in diesen Kanal geraten, ohne durch irgendetwas aufgehalten zu werden. Und so gab sie dem Auto einen kleinen Schubs, diesem Fiat, von dem sie nicht wusste, um welches Modell es sich handelte. Und alles geschah ge­nau so präzise und sanft, binnen weniger Sekunden, wie sie es ge­plant hatte, sogar die Vorderräder waren leicht nach rechts gerich­tet, zum Kanal hin, und natürlich war der Leerlauf eingelegt, sodass es nicht mühsamer war, als einen Karren den Abhang hin­unter zu schieben, und das Auto, in dem die beiden Alten saßen, träge von dem Huhn mit den Pilzen, dem Gorgonzola, den über- backenen Äpfeln mit Zabaione, dem Sambuca, alles von der Ame­rikanerin bezahlt, sodass sie sicher annahmen, sie sei ein Trottel wie ihr Vater - dieser Ausbund an Einfalt und Dummheit -, dieses Auto also, in dem Adele die Hure oder Adele meine Hoffnung und ihr Freund saßen, glitt wunderbar leicht, wunderbar glatt in den Kanal, in das tiefe Wasser des Kanals, und schlug genau im ge­wünschten Moment auf das Wasser auf, nämlich als auf der ande­ren Seite des Kanals, auf der großen Straße, der Nationalstraße 35 dei Giovi, gerade kein Wagen vorbeifuhr und es fast vollkommen finster war. Das Einzige, was man ausmachen konnte, waren die weit, noch sehr weit entfernten Scheinwerfer einiger Autos.

Salto in Zusammenarbeit mit Folio Verlag

Giorgio Scerbanenco, 1911 als Volodymyr-Džordžo Ščerbanenko, Sohn eines ukrainischen Professors und einer Italienerin in Kiew geboren, floh mit seiner Mutter bei Ausbruch der Russischen Revolution, die seinen Vater das Leben kostete, nach Italien. Später begann er als Reporter zu arbeiten und entdeckte seine schriftstellerische Begabung. Neben 60 Romanen verfasste Scerbanenco zahlreiche Kurzgeschichten. Literarischen Ruhm erlangte er mit den Kriminalromanen um Duca Lamberti. Sie lassen sich heute noch wie ein bewegender und bitterer Querschnitt des Italien der sechziger Jahre lesen, indem sie ein unbequemes, verkommenes Bild enthüllen. Serbanenco wurde 1969, kurz vor seinem Tod, mit dem Grand Prix du Roman Policier ausgezeichnet und mehrere Verfilmungen bescherten ihm internationale Reputation. Nach Scerbanenco ist der wichtigste Krimipreis Italiens benannt.

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