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Journalismus pur

Kein Blatt vor den Mund nehmen

Diskursive Pole in der Südtiroler Medienlandschaft - einige vage Überlegungen
Community-Beitrag von Anna Sergio04.10.2019
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Ich werde mich recht abstrakt halten, um etwaigen Mahnschreiben vorzubeugen *smile*. Nun, da offensichtlich ist, dass es mir um die intermedialen Verhältnisse auf begrenztem Raum (Südtirol) geht, kann ich sagen: Kommt bitte mal runter. Ich bin schwer enttäuscht. Wir alle sollten schwer enttäuscht sein, weil Objektivität auch hierzulande kein Kriterium für Qualitätsjournalismus zu sein scheint.

Alles fing bei der Polarisierung an. Eines Tages beschloss man, dass ein Informationsblatt die Bevölkerung nur einseitig informierte und daher ein oder gleich mehrere weitere Blätter (z.T. nur digital, weil Geldmangel für ihre guten Absichten wohl ein mehr als ausreichender Beweis sein soll) herausgeben sollte, die auch die Aspekte der Informationen beleuchten, über die erstgenanntes Blatt geschwiegen haben bzw. immer noch schweigen soll.

Also gibt es nun die zwei Pole: Das bestehende Blatt kann (wie übrigens alle Blätter, die an Platzmangel leiden) nicht die Fülle an Informationen wiedergeben, die von jeder Bürgerin und jedem Bürger als relevant wahrgenommen werden. Aber das ist nicht der einzige Grund: Die Art und Weise, welche Informationen an die Öffentlichkeit gelangen, hängt stark vom Quellennetz, das ein Journalistinnenteam mit viel Mühe und über lange Zeit flicht. Und lebendige Quellen sind Gold wert. Besonders, wenn sie sich medial schon behauptet haben, weil sie eben eine wichtige Funktion in der Gesellschaft haben. Es ist also kein Wunder, dass erstgenanntes Blatt einen guten Draht vor allem zu einer Gruppe von lebendigen Quellen hat. Was auf den ersten Blick aber nicht durchscheint: Damit wird auch der Diskurs, der mit dem Blatt konstruiert wird, beeinflusst. Man könnte fast sagen: Gelenkt! Und genau darauf zielen die als Antwort auf dieses Blatt entstandenen Blätter ab: Den etablierten Diskurs zu dekonstruieren, ihn Stück für Stück auseinanderzunehmen, um aufzuzeigen, dass er der elitären Machterhaltung und der Nichtveränderung sozialer und politischer Verhältnisse  dient.

Aber dann – sieh da! – wird die Falsifizierung erstgenannten Blattes durch die später gegründeten zum Hauptkriterium für besseren Journalismus im Land. Genau da setzt meine Enttäuschung ein: Mit der Verwendung von Ironie signalisiert die Verfasserin oder der Verfasser eines Artikels das Einverständnis, die stille Abmachung mit der Leserschaft, gewisse Informationen als selbstverständlich, unveränderbar einzustufen. Das bedeutet, dass sowohl Journalistinnen und Journalisten als auch Leserschaft ein „Denken nach Vorurteilen“ bevorzugen, das bei jeder Niederschrift und Lektüre reaktiviert und gefestigt wird.

Dadurch entstehen zwei Pole, die eben nur aufgrund der Polarisierung existieren können: Es gilt, mit einer möglichst großen Leserschaft den Pakt des Denksystems mitsamt absoluten Wahrheiten einzugehen und dann systematisch gegen den anderen Pol in den Krieg zu ziehen. Dabei ist der eigentliche Qualitätsjournalismus der, der sich stets selbst infrage stellt, der keine Scheu davor hat, den Informationen auf den Grund zu gehen, sie aus allen Aspekten zu beleuchten und nicht wegen gefestigten Überzeugungen das journalistische Auge zu schließen, um das anprangernde weit zu öffnen.

Ich will damit in keinster Weise die unglaublich anstrengende und mit großem Pflichtgefühl und Fleiß getätigte Kunst journalistischer Informationssammlung, Kontaktpflege und Sprachfertigkeit niedermachen: Ich wünsche mir, dass die Motivation und der Fleiß im Südtiroler Journalismus bleiben – aber unter der Voraussetzung, dass man Vorurteile abschüttelt.

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Kommentare

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Sepp Bacher 04.10.2019, 12:00

Das wäre auch meine Erwartung. Leider geht es einerseits um ein bestimmtes Leserpublikum und andererseits um einen gewissen Werbemarkt, den in Südtirol nur einen Seite beherrscht. Die Alternativen Medien, die in Opposition einerseits zum Macht-Blattl und andererseits zur Regierung bzw. die SVP gestartet sind, haben sich im laufe der Zeit auch verändert. Z. B. die FF oder die Tageszeitung: die Opposition zu den Mächtigen ist nicht mehr leicht auszumachen; Grundlagen-Recherche kaum aus zu machen. Die Opposition zur mächtigen Konkurrenz ist geblieben. Ausgewogene gut recherchiert Artikel sind Seltenheit. Möglicherweise ist das das Schicksal der Provinz.

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Georg Lechner 04.10.2019, 14:24

Medien stehen vor allem vor der Notwendigkeit des wirtschaftlichen Überlebens. Allein von gutem Journalismus kann kein Medium leben, das haben das Ende von "Wirtschaftswoche" (Ende 1996) , "präsent" (auch ungefähr zu dieser Zeit) oder "Financial Times Deutschland" (vor ca 6 Jahren) eindrucksvoll bewiesen.

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Christoph Moar 04.10.2019, 20:06

Als Anregung zur Reflektion finde ich den Beitrag sehr relevant! Zwei Annahmen halte ich aber für falsch.

1.
Dass ein Medium digital und nicht in Print konzipiert wird, hat meines Erachtens viel mehr mit Dingen wie Inhalten, Konzept, Interaktionsmöglichkeiten, strategischer Vision oder gesellschaftlicher Relevanz zu tun als mit Geldmangel, wie es die Autorin oben hingegen zu postulieren scheint.

Print ist tot, lang lebe Print - der Konflikt zwischen Neuen und Alten Medien ist bald mindestens 15 oder 20 Jahre alt!

Wer in diesen letzten 15 Jahren die Neuverteilung des Werbekuchens (von Medienprodukten zu Suchmaschinen), die Verschiebung des Medienkonsums (von Print/TV zu Online), und die technisch/gesellschaftlichen Entwicklungen verfolgt hat, kommt hoffentlich zum Schluss, dass die Entscheidung eines Mediums, sich Online und nicht in Print zu positionieren, wohl kaum aus so banalen Gründen wie Geldmangel stattfindet.

2.
Dass ein (bestehendes) Print Medium Platzmangel haben soll, halte ich ebenfalls für eine gewagte These. Bei Rotationspresseprodukten dürfte Platz prinzipiell im Überfluss vorhanden sein, die Grenzkosten einer zusätzlichen Papierbahn sind zum Gesamtprodukt wohl vernachlässigbar. Eher sollten wir von Mangel an redaktionellen Ressourcen reden..

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