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Salto Afternoon

Disobedience

Große Depression: Pünktlich zur herbstlich-grauen Übergangszeit erwartet uns ein filmisches Fest. Wenn auch ein trauriges.
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Disobedience, das heißt Ungehorsam, und Ungehorsam ist eine Eigenschaft, die, trotz kategorischer Unterdrückung in jeglichen modernen Gesellschaften, tief in uns drin sitzt. Von Zeit zu Zeit wird es dem Ungehorsam in uns zu eng, und er bricht aus, er brüllt laut um sich und gibt sich zu erkennen. Dann ändert sich etwas. Auf die eine oder andere Art und Weise. Der neue Film des chilenischen Regisseurs Sebastián Lelio stellt den Ungehorsam in den Mittelpunkt seiner Erzählung. Dazu nutzt er ein Trio, welches unterschiedlicher nicht sein könnte. Ronit Krushka, gespielt von Rachel Weisz, lebt in New York. Sie ist die Tochter eines jüdisch-orthodoxen Rabbi aus London, und hat sich mit ihrer Fortgehen die Gunst der Familie verspielt. Nun stirbt der Vater, und sie kehrt zu den Trauerfeierlichkeiten nach England zurück. Dort trifft sie auf ihre Jugendliebe Esti (Rachel McAdams), die in der Zwischenzeit einen Bekannten namens Dovid (Alessandro Nivola) geheiratet hat. Der aufstrebende Mann soll die Nachfolge des verstorbenen Rabbis antreten. Ronit kommt als Fremde nach England, sie merkt deutlich, dass sie als Außenseiterin gilt, als diejenige, die die Gemeinde hinter sich gelassen, und so auch ihren Glauben abgelegt hat. Die Begeisterung über ihre Ankunft hält sich daher in Grenzen. Einzig die unglücklich wirkende Esti kommt auf Ronit zu, und es kommt wie es kommen muss. Sie offenbart ihrer Freundin, dass sie die Ehe mit Dovid nur zum Schein angenommen hat, und sie in Wahrheit immer noch auf Frauen steht. Die beiden Liebenden kommen sich näher, doch müssen auf der Hut sein. In der jüdisch-orthodoxen Gemeinde beobachtet jeden jeden, und so dauert es nicht lange, bis die verbotene Liebe ans Licht kommt.

 

DISOBEDIENCE | Official Trailer | In theaters April 27

 

All dies, und was daraus folgt, erzählt der Regisseur mit großer Langsamkeit. Er nimmt sich Zeit, die Figuren einzuführen. „Disobedience“ ist ein sehr psychologischer Film. Er konzentriert sich auf seine Charaktere, und bedient sich dabei vor allem bei den beiden weiblichen Hauptrollen an großem Potenzial. Sowohl Rachel Weisz, als auch ihre Namensvetterin Rachel McAdams spielen sich in diesem stillen Film gegenseitig an die Wand. Das geschieht nicht durch große Gesten, durch Geschrei oder aufwändig ausgespielte Emotionen. Vielmehr liegt der Teufel im Detail – oder der Engel, denn es ist eine Freude, den beiden Schauspielerinnen dabei zuzusehen, wie sie mit aller Kraft versuchen, ihr Innerstes zusammenzuhalten, dann aber nach und nach zerbrechen. Ronit, die in New York lebt, verkörpert diese Lebensweise durch und durch. Wenn sie vorbei an trauernden Gläubigen im Haus Dovids schlendert, wirkt sie wie ein Fremdkörper, der in die strenge, erzkonservative Welt ihres toten Vater eindringt. Esti hingegen hat sich in dieser Welt zurechtgefunden, oder vielmehr hat sie sie akzeptiert. So richtig glücklich scheint sie jedoch nicht. Sie ist eine Gefangene, die in Ronit die Möglichkeit sieht, auszubrechen. Dem stellt sich in erster Linie ihr Mann Dovid entgegen, dem in diesem Film eine tragische Rolle zukommt. Er mag verstanden werden, und im selben Moment beginnt er, die beiden Frauen zu verstehen. Doch ob er ihnen Recht geben wird, ob er sie ziehen lassen wird, und sich damit gegen die eigene Glaubensgemeinschaft stellt, das soll an dieser Stelle nicht verraten werden. In seinen besten Momenten ist der Film unglaublich intim, was an der Chemie zwischen Weisz und McAdams liegt. Gleichzeitig schaffen sie es, das Herz des Zuschauers zu nehmen, und zu zerbrechen, so wie ihr eigenes einige Male im Laufe der Handlung brechen wird. Eines propagiert der Film auf jeden Fall: Zusammenhalt ist wichtig. Wichtiger denn je. Spaltung und Ausgrenzung, Missgunst und Ablehnung bringt am Ende keinem etwas. Die Figuren aus „Disobedience“ müssen das schmerzhaft lernen. In einem Film, der durch einen kleinen, klar definierte Handlungsraum Großes über die Welt erzählt. Einem Film, auf den man durchaus Lust haben muss. Feelgood-Freunde werden eine harte Zeit damit haben. Aber passend zum Herbst kann man sich gut auf den Streifen einlassen. Und wenn man etwas für sich daraus mitnehmen kann, hat sich die Mischung aus tiefer Melancholie und tränen-trockener Trauer ja durchaus gelohnt.

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