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Tourismuskonzept

Bettenobergrenze ein Ablenkungsmanöver?

Bettenobergrenze in Kombination mit einer „Bettenbörse“: das klingt nach echtem Umsteuern in der Tourismusentwicklung. Kann das Etikett halten, was es verspricht?
Community-Beitrag von Thomas Benedikter05.03.2021
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Wenn der Tourismuslandesrat einen Bettenstopp ankündigt, gar von einer Deckelung der Nächtigungszahlen spricht, ist das schon ein bedeutsamer Schritt. Dass das Land touristisch überbeansprucht ist (overtourism), scheint jetzt in der oberen Etage angekommen zu sein. Den Bettenstopp hätte LR Schuler allerdings zusammen mit einem Stopp für neue Tourismuszonen auch schon im Landesraumordnungsgesetz verankern können, und zwar gesetzlich statt mit einem bloßen Plan. Solange nun das neue Gesamtkonzept für die touristische Entwicklung nicht auf dem Tisch liegt, wäre es verfrüht, näher darauf einzugehen. Ein-zwei zentrale Aspekte lassen sich aber vorwegnehmen.

Reicht ein Bettenstopp, der die bereits genehmigten neuen Betten noch gar nicht einbezieht, als Bremse für den Übertourismus? „Beim Bettenstopp handelt es sich um ein Manöver, das von einem Etikettenschwindel nicht allzu fern ist,“ schreiben die GRÜNEN in ihrer Stellungnahme zum neuen Tourismuskonzept. Richtig, denn gerade die Kombination mit einer „Bettenbörse“ weicht das Ganze wieder auf. Eigentlich ist der dem CO2-Emissionshandel entliehene Grundgedanke einer Börse (eigentlich Kontingentierung) nicht schlecht: man deckelt die Bettenzahl irgendwo bei 240.000 und nur wenn irgendwo Betten „aufgelassen“ bzw. abgemeldet werden, dürfen neue Bettenburgen entstehen. In Südtirol geben immer mehr Betriebe im unteren Sterne-Bereich auf: warum nicht die „verlorenen“ Betten ersetzen und gleichzeitig qualitativ aufwerten, wenn dadurch die Wertschöpfung insgesamt steigt?

Doch ist die reale Entwicklung absehbar: es werden immer mehr Betten von kriselnden 2- bis 3-Sterne-Betrieben ins Hochpreissegment umverteilt, wo die Touristen mehr Geld lassen. Diese Strategie wird unter dem Motto Qualität statt Quantität verkauft und sorgt für die Zustimmung beim HGV. Was die Tourismuslobby unter Qualität versteht, ist allemal Rentabilität. Die bloße Zahl der Betten ist sekundär. Rentabler werden die Betten mit mehr Service, Ausstattung und Platz, sprich Kubatur. Waren früher 2-3 Betten ein Zimmer in einer Pension oder in einem mittelgroßen Hotels, sind heute zwei Betten Teil einer Wohnung in einer ausgedehnten Hotelanlage. Ganze Chalet-Weiler fressen sich in die Landschaft (Ratschings, Pflersch, Hafling, Seiser Alm) oder überragen als Hoteltürme unberührte Waldlandschaften (Forestis). Die touristische Überbelastung hat viele Dimensionen von der Hypermobilität (immer mehr Kurzzeitaufenthalte), energieintensivem Wellnessbereich, Flächenverbrauch für die Außenanlagen und neue Aufstiegsanlagen. Betten sind nur ein Indikator des Drucks auf Land und Leute. Noch mehr Bodenversiegelung und Beton ist nicht nur in Sachen Klimaschutz unvertretbar, sondern auch Gift für das eigentliche touristische „Kapital“ Südtirols: die Landschaft.

Hotel Forestis am Ploseberg bei Brixen
Hotel Forestis am Ploseberg bei Brixen, von Hans Heiss

Fazit: Eine Bettenobergrenze reicht nicht, wenn die touristische Kubatur und Infrastruktur munter ausgebaut werden dürfen, während die ausgesonderte Hotelkubatur nicht verschwindet. Vielmehr bringt jedes neue Bett im 5-Sterne-Segment ein Vielfaches an Kubatur-, Flächen-, Energieverbrauch und Mobilität mit sich, es sei denn, die ersetzte Hotelkubatur würde saniert. Doch wo geschieht das schon?

Wenn die Verhinderung der touristischen Überbeanspruchung das Ziel wäre, müsste das Land nicht nur die Bettenzahl, sondern auch den Flächenverbrauch (Tourismuszonen) und die Hotelkubatur jeder Art deckeln. Sie müsste auf neue Erschließungsprojekte genauso wie auf die Subventionierung der gesamten Branche (einschließlich Urlaub auf dem Bauernhof) verzichten. Sie müsste mit der alljährlichen IDM-Flutung der Medien mit Standort-Werbung aufhören und für fairere Löhne im Gastgewerbe sorgen. Mehr Kostenwahrheit würde das Angebot verteuern, wodurch die Nachfrage etwas eingedämmt würde wie in der Schweiz geschehen. Eine Bettenobergrenze allein tut es nicht. Jetzt, in Zeiten der Corona-Krisenbewältigung ist das freilich nicht durchsetzbar, doch mittel- und langfristig führt kein Weg dran vorbei. „Der Tourismus muss sich selbst im Interesse der Wirtschaftlichkeit Grenzen setzen,“ meinte der Landesrat im SALTO-Interview vom 3.3.21. Neben der bloßen Wirtschaftlichkeit gäbe es halt auch noch den Landschafts- und Klimaschutz, die Lebensqualität der einheimischen Bevölkerung und das Gemeinwohl.

 

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Kommentare

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Johann Georg Bernhart 05.03.2021, 16:12

Immer wird von Qualitativer Verbesserung gesprochen, wo wollen wir hin, wollen wir nur noch 4 und 5 Sterne Betriebe,diese kann sich der normal sterbliche nicht leisten, wir brauchen auch 2 und 3 Sterne Betriebe mit Familienanschluss,wo die Urlauber noch mit dem Vornahmen begrüsst werden , den wahren ehrlichen Südtirol ,ohne Schnik Schnak und nicht Betriebe wo die Gäste Nummern sind .

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Christian I 05.03.2021, 17:22

Als ich vor einige Tage Schulers Bettenstopp-Aussage hörte, dachte ich genau das gleiche! Daher mein Dankeschön an Herrn Thomas Benedikter; Ihr schöner Kommentar spiegelt genau meine Meinung.

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