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Salto Afternoon

Real News oder Fake News?

"Aus Passeier schreibt man uns...": Manfred Schwarz hat Zeitungen zwischen 1848 – 1918 durchforstet und Kuriositäten aus dem Passeiertal zusammengetragen.
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Wie und wo haben Sie für dieses Buch recherchiert?
Ich durchforschte die digitalen Zeitungsarchive der Südtiroler Landesbibliothek „Dr. Friedrich Teßmann“ und der Österreichischen Nationalbibliothek nach interessanten Berichten. In beiden Archiven kann über eine Stichwort-Suchfunktion in historischen Zeitungen recherchiert werden. Ein mühevolles Blättern in den originalen Zeitungen war deshalb nicht notwendig. Ich hätte damit auch niemals das gefunden, was über die Portale zum Vorschein kam.

Und die Fotos?
Die Bilder stammen von Archiven und Museen aus dem In- und Ausland sowie von zahlreichen Privatpersonen. Darunter sind viele Schätze, die bisher unbekannt waren, etwa die ältesten Passeirer Fotos aus den 1860er-Jahren.

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Talgeschichten: Das Buch ist im verlag.passeier erschienen.

Welche Themen herrschten im untersuchten Zeitraum vor?
An und für sich ist ja jeder Artikel eine eigene Geschichte. Mir war ein möglichst breiter Querschnitt sehr wichtig, die Themen reichen von „normalen“ Geschehnissen aus dem Alltag über Wetterberichte, Werbungen und Statistiken bis hin zu Verbrechen und Naturkatastrophen.

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Was weiß man über die Berichterstatter von damals?
Die Berichte stammten zum größten Teil von „Correspondenten“. Ich nehme an, dass dies Pfarrer oder Lehrer waren. In regelmäßigen oder unregelmäßigen Abständen schrieben sie über Neuigkeiten aus den Gemeinden oder fassten Geschehenes zusammen. Die Verhältnisse von damals sind heute kaum vorstellbar: Es konnte schon mal zwei Wochen oder mehr dauern, bis aus einer Information ein Artikel wurde.

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Der Umgang mit der sogenannten Privacy war noch nicht so streng wie heute – Namen und Fakten wurden unverblümt wiedergegeben…
Das stimmt in der Tat. In den Berichten stehen Namen in voller Länge. Nur in wenigen von mir recherchierten Beispielen sind Personen anonymisiert. Es kann sein, dass die Namen den Berichterstattern nicht bekannt waren oder das Dargestellte wohl doch zu heftig war, um eine Person namentlich zu nennen.

Zeitungen dienten schon seit jeher dazu, Meinungen zu verbreiten und Leser wie Leserinnen gezielt zu beeinflussen. Das war in der Zeit von 1848 bis 1918 nicht anders. Zensur gab es damals natürlich auch. 

Wie veränderte sich der Lokaljournalismus im Lauf der Jahrzehnte? 
Zwischen 1848 und 1918 nahm die zeitliche und inhaltliche Dichte der Berichterstattung aus dem Tal stark zu. Dies hat vor allem damit zu tun, dass in diesem Zeitraum auch die Anzahl an Zeitungen stieg. Nach 1848 gab es vor allem Berichte über kirchliche und militärische Begebenheiten. Später kamen auch Politisches, Wirtschaftliches und Themen wie das Wetter, die Ernte oder Sterbefälle hinzu. Die aus heutiger Sicht oftmals kuriose Ausdruckweise ist aber geblieben.

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Gab es damals bereits Fake-News? Zensur? Lügenpresse? Also all die negativen Facetten unserer modernen Medienlandschaft...
Zeitungen dienten schon seit jeher dazu, Meinungen zu verbreiten und Leser wie Leserinnen gezielt zu beeinflussen. Das war in der Zeit von 1848 bis 1918 nicht anders. Zensur gab es damals natürlich auch. Die wohl bekanntesten Beispiele sind Blätter aus der Zeit des Ersten Weltkrieges mit weißen Flecken oder gar komplett weißen Seiten. Die ursprünglichen Berichte wurden in diesen Fällen im Nachhinein zensiert, der Platz konnte aber nicht mehr mit anderen Inhalten gefüllt werden.

Wie ist das Buch aufgebaut?
Es ist chronologisch gegliedert. Nach einer Einführung in die Zeit um 1848 folgt der Hauptteil mit den Zeitungsberichten, Bildern und Illustrationen. Für jedes Jahr findet sich mindestens ein Artikel. Insgesamt beinhaltet das Buch über 250 Berichte und über 150 Bilder.

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Wie waren die Reaktionen der Passeirer und Passeirerinnen bei der Erstpräsentation?
Die Buchvorstellung im MuseumPasseier war ein großer Erfolg. Über 100 Personen ließen sich die Präsentation nicht entgehen. Es gab viele positive Rückmeldungen, auch bezüglich des lebendigen Vorlesens der Schauspielerin Andrea Haller.

Welcher Artikel hat Sie am meisten berührt?
Neben allerhand Kuriosem und Heiterem passierte im Tal auch viel Tragisches. Im Dezember 1916 kamen beispielsweise in Schönau am Fuße vom Timmelsjoch neun Menschen durch Lawinen ums Leben. Darunter befand sich eine Bäuerin mit ihren vier Kindern. Katastrophen wie diese machen mich immer wieder nachdenklich. Vieles von heute wird als selbstverständlich gesehen, obwohl es das gar nicht ist. 

Nächste Vorstellungen:

9. November, lese.werk.statt St. Martin in Passeier
21. Dezember, Bunker Mooseum Moos in Passeier

Manfred Schwarz, geboren 1985, aus St. Leonhard in Passeier, Studium der Geschichte in Innsbruck, freiberuflicher Historiker und Kulturvermittler/Museumspädagoge bei den Tiroler Landesmuseen. Zuletzt erschien „Übers Timmelsjoch. Vom gefährlichen Saumpfad zur Traumstraße der Alpen“ (2018, zusammen mit Irene Prugger und Stefan Pertl).

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Aus tausenden Artikeln wählte Manfred Schwarz über 250 aus, die auf unterhaltsame Art Kurioses, Besonderes, aber auch Gewöhnliches aus dem Tal in der Zeit von 1848 bis 1918 wiedergeben. / Foto: Albert Pinggera

 

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