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Architektur erleben im Kindergarten
Kinder bauen

Smells like kid's spirit

Wie baut man an einem Tag eine Kuppel mit 3 Meter Durchmesser gemeinsam mit 20 Kindergartenkindern? Und warum? Ein Workshop im Kindergarten Neumarkt zeigt es!
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Text: Werner Reifner

In Zusammenarbeit mit der Architekturstiftung Südtirol / in collaborazione con la Fondazione Architettura Alto Adige.

 

Wie baut man an einem Tag eine Kuppel mit 3 Meter Durchmesser- aus einem Gartenschlauch, 20 Holzstäben und ein paar Schrauben aus dem Baumarkt, gemeinsam mit 20 Kindergartenkindern? Und warum? Ein Workshop im Kindergarten Neumarkt zeigt es!

 

Man nehme eine engagierte Architektin, in diesem Fall meine Frau, Kindergartenpädagoginnen, die für Experimente offen sind, wissbegierige und geschickte Kindergartenkinder und ein paar Utensilien aus dem Baumarkt.  Aus dieser Mischung kann ein Projekt entstehen, das Kindern Architektur erlebbar macht und nebenbei noch richtig Spaß macht.

 

Offene Pädagogik bei Othmar Barth

 

Im deutschsprachigen Kindergarten in Neumarkt - welcher übrigens als Teil des Veranstaltungshauses „Haus Unterland“ aus der Feder der Südtiroler Architekturikone Othmar Barth stammt - sind alle Familien eingeladen, sich nach Ihrem Können oder ihren Hobbies aktiv einzubringen. So kommt es schon mal vor, dass in der Adventzeit der ortsansässige Krampusverein im Kindergarten vorbeikommt und seine Masken vorstellt oder Eltern zum Vorlesen oder Musik machen kommen.

     

Kinder bauen

 

Beste Bedingungen also, um mit den Kindern ein Bauprojekt zu starten, an dem sie nachvollziehen können, wie in gemeinsamer Arbeit und anhand von Plänen und Skizzen ein Haus in ihrem eigenen kindlichen Maßstab entsteht. Es soll eine geodätische Kuppel werden, die im Garten des Kindergartens als  Höhle, Haus oder Rückzugsort im wahrsten Sinne bespielt werden kann.

 

Am Anfang steht der Plan

Am Anfang steht der Plan, von Werner Reifner

 

Rund, hoch, weit

 

Massive Kuppeln, wie sie beispielsweise im römischen Pantheon oder den Renaissancekathedralen wie dem Petersdom gebaut wurden, beeindrucken durch ihre Dimensionen und künstlerische Gestaltung, die enormen Lasten mussten aufwendig durch eigene Stützbauwerke abgeleitet werden.

Die geodätische Kuppel hingegen abstrahiert die dreidimensionale Schalenform und löst sie in Flächen auf, die in einem definierten Winkel zueinanderstehen, wie man es von einem Fußball kennt, bzw. in Stäbe, die sich in einem Knotenpunkt treffen. Die Stäbe werden zu Dreiecken verbunden und durch deren Aneinanderreihung entsteht eine Kugelform. Durch diese Filigranität ist das Gesamtgewicht der Kuppel um ein Vielfaches reduziert und es können noch größere Spannweiten realisiert werden – die Füllung der Felder zwischen den Stäben mit transparenten Materialien revolutionierte die Anwendungsmöglichkeiten. 

 

vom_konzept_in_die_umsetzung
Vom Konzept in die Umsetzung, von Werner Reifner

 

Erfunden in den 20er Jahren, sorgte der Architekt Buckminster Fuller mit der aufsehenerregenden Kuppel Biosphère auf der Expo 67 in Montreal für große Bekanntheit. Die neue Qualität war die enorme stützenfreie Spannweite dieser Räume und ihre Transparenz durch die mit Glas gefüllten Felder.

Aber nicht immer müssen ganze Kathedralen überspannt werden, die kleineren Geschwister können in jedem Garten einen Geräteschuppen oder eben ein Spielhäuschen für Kinder beherbergen.

 

Fuller für Neumarkt

 

Das war auch die Idee im Kindergarten Neumarkt. Die Kinder sollten sich möglichst selbständig, mit einfachen Mitteln und durch ihr eigenes Geschick an einem Tag ihr Gartenhäuschen bauen können. Die Konstruktionsprinzipien und Maße wurden vorgegeben und wurden von meiner Frau anhand von Skizzen und Bilden anschaulich vermittelt. Nicht nur für die Kinder, sondern auch für manche Kindergartenpädagogin interessant.

 

3_selber_machen.jpg
Selber machen, von Werner Reifner

 

Kleine Hände machen der Arbeit schnell ein Ende

 

Messen, schneiden, sägen, bohren, schrauben, alles machten die kleinen Handwerker selbst. Die einzelnen Arbeitsschritte waren übersichtlich aufbereitet und mit dem Werkzeug für kleine Kinderhände aus der kindergarteneigenen Kreativwerkstatt ausgerüstet. In nur einem Vormittag sägten sie aus den Rundstäben die erforderlichen zwei Stablängen, schnitten einen Gartenschlauch - zufälligerweise genau in Barths markantem Gelb – in hundert Stücke und verschraubten diese nach dem Bohren eines Lochs mit Hakenschrauben und Muttern zu den Verbindungsstücken, die durch ihre leichte Flexibiltät die erforderlichen Winkel aufnehmen konnten.

 

1-, 2-, 3-dimensional, vom Stab zur Kuppel

 

Das Zusammensetzen erfolgte schließlich unter Mithilfe von allen kleinen Bauarbeitern. Anfängliches Chaos und fröhliches Durcheinander gehörte da dazu- schließlich sind wir ja im Kindergarten.

Stab um Stab fand seinen Platz wie vorgesehen in den Verbindungsknoten aus Gartenschlauch und so wurde aus den eindimensionalen Stäben erst ein Kreis, dann eine Zick-Zack-Krone, dann ein Kranz. Mit der zweiten Reihe wölbte sich der Kranz nach innen und mit dem letzten Feld in der Mitte war die Kuppel zusammengesetzt - hält! 

 

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Viele Dreiecke - später wird die Sache rund, von Werner Reifner

 

Jetzt wurden in Feinarbeit die Zugseile durch die Hakenschrauben gefädelt und schon war das Bauwerk richtig stabil, man konnte es leicht als Ganzes in die Höhe heben und in die geeignetste Ecke des großen Gartens stellen.

Architektur erleben im Kindergarten

Die Kinder waren natürlich stolz auf ihr Werk und eigneten sich das Bauwerk sofort auf ihre Weise an, ganz im Sinne der Erfinder. Manche krochen durch die Dreieicke nach innen, manche suchten sich ein Fenster aus, das sie mit Utensilien aus dem Kindergarten füllten. Da wurde mit Wolle, Stoffen und Elektroleerrohren gewebt, geflochten, gewickelt und so eine bunte, lustigen Unterschlupf geschaffen.

 

5_bespielt_und_angeeignet.jpg

Bespielt und angeeignet, von Werner Reifner

 

Frei bespielt

 

Als ich nach einigen Tagen meinen Sohn in den Kindergarten brachte und in den Garten blickte, konnte ich feststellen, dass die Kuppel noch weiter von den Kindern geschmückt worden war und somit der Beweis erbracht war, dass den Kindern nicht nur das spielerische Bauen Spaß gemacht hatte, sondern dass sie auch Freude am Selbstgebauten hatten und es immer wieder neu erfinden konnten.

 

 

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