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Grauzonen Italiens

Gedanken zum Sommerende

Ein Bel Paese aus Bausünden, Schwarzbauten und Krokodilstränen. Auch Südtirol kann gut Märchen erzählen, wenn es um unberührte Natur geht.
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Es war ein glühend heißer Sommer – in jeder Hinsicht. Bei Waldbränden versengte hektarweise Land, Häuser stürzten ein und die Ruinen vom letzten Jahr in Amatrice sind immer noch Ruinen, wie jeder nur allzu deutlich sehen kann. Das Wasser wurde knapp, was die Behörden in Rom aber nicht davon abhielt, die Ärmsten der Armen mit Hilfe von Hydranten zu attackieren. Um nicht erst von den Angriffen auf die Hilfsorganisationen zu sprechen, die in den trüben Wassern des Mittelmeers ihren Job erledigen, oder von den Aktionen Donald Trumps, dem wahren „public enemy“ Nummer eins. Unsere Politiker reden, reden, reden und sagen doch immer nur das Gleiche. Die fatale Komplizenschaft zwischen Gewählten und Wählern ist das wahre Verderben unseres Landes und speziell Süditaliens – es zeigt sich in jedem Detail. Manchmal überkommt mich ein Gefühl von Mutlosigkeit, das ich nicht will, weil es nicht zu mir passt, und dann klammere ich mich wie ein routinierter Freeclimber an jeden Griff, der Halt verspricht. An einen alten Song von Frank Zappa zum Beispiel, an die immer wieder guten Zeilen von Thoreau, an eine Wanderung zum Col Alt oder an das Lächeln geliebter Menschen. Apropos Menschen, mein Beifall gilt dem Ex-Bürgermeister der sizilianischen Stadt Licata, Angelo Cambiano, ein klassischer Held der Zivilcourage in einem unzivilisierten Italien. Einer, der gegen illegale Bautätigkeit und Ungerechtigkeit kämpfen wollte und deshalb aus dem Weg geräumt wurde –  fürs Erste nur aus dem Gemeinderat. So sieht es aus in unserem Bel Paese. Oder nehmen wir Ischia, diese Insel mit gerade mal 60.000 Einwohnern, auf der unglaublich 25.000 Anträge auf Erlass von Bausünden gestellt wurden. Und wenn ein noch nicht mal besonders starkes Erdbeben dann diese Schwarzbauten wie Kartenhäuser einstürzen lässt, werden Krokodilstränen für die Opfer vergossen, die sich doch hätten vermeiden lassen. Im Übrigen leben wir in einem Land mit starker Erdbebengefahr, und 50% unserer Gebäude sind nicht normgerecht, noch viel mehr sind es im Süden des Landes. Nicht normgerecht sind auch all die Schwarzbauten, die zu Tausenden auf unserer Halbinsel errichtet wurden. Vergessen wir auch nicht, dass der illegalen Bautätigkeit die Steuerentziehung entspricht, das schlechte Landmanagement, die Umweltverschmutzung, die von fehlender Kanalisation bis hin zur Zerstörung der Schönheit der Natur reicht, in der wir leben. Eine Grauzone, in der Mafia, persönliche Interessen und Gruppierungen aus Macht und Politik in perfekter Harmonie zusammenleben. Unsere wahre Katastrophe heißt nicht Erdbeben, sondern illegale Bautätigkeit, Scheinheiligkeit, Kriminalität, Straferlass und Frömmelei, all das stets und grundsätzlich begleitet von Wahlslogans. Und apropos Slogans: Wie kann es sein, dass alles, was geschieht, auf die ein oder andere Weise instrumentalisiert wird, um Wählerstimmen zu suchen oder zu sichern? Wenn ich höre, dass von „Schwarzbauten aus der Notwendigkeit heraus“ gesprochen wird, läuft es mir kalt den Rücken hinunter. So also wollen wir unsere Zukunft gestalten? Mit einer derart ordinären Kurzsichtigkeit, die nach Diskriminierung, Geschäftemacherei, Intoleranz und kulturellem Kleingeist stinkt? Und wie sieht es hier bei uns aus, laufen die Dinge da besser? Ja, das schon, aber wenn wir glauben, dass unser Südtirol ohne Makel wäre, dann haben wir uns gründlich getäuscht.  Was den Tourismus betrifft, so sind wir große Märchenerzähler: unberührte Natur? Authentizität? Einzigartige Landschaft? Alles nur Geflunker! Was bei uns zählt, sind die Zahlen: 30 Millionen Übernachtungen, das hört jeder gern. Und wenn dann die Gesetze zum Städtebau hinten und vorne nicht passen, kann man halt nichts machen... Ich kann nur hoffen, dass die nachfolgenden Generationen besser sein mögen als wir, und dass sie auf die Verschwendung und schlechte Verwaltung des Öffentlichen nicht mit Straferlassen reagieren. Und der Welt der Zukunft so ein neues Licht schenken. Forza, ragazzi!

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