Kultur | Salto Afternoon

Ausflug in die Hölle

Ist der richtige Mix um Dante ins Heute zu holen zu gleichen Teilen Edutainment und Selbstoptimierung? Professor Gregorio Vivaldelli ging gestern Abend diesen Weg.
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Foto: Gianni Gaetano
Bevor Vivaldelli jedoch mit dem Publikum im Teatro Cristallo in die „Malebolge“, den 8. Höllenkreis, der Betrügern vorbehalten ist, abstieg, galt es ein anderes Dante-Projekt vorzustellen: „Un teatrino giDantesco“ Ist eine Nachwehe der Pandemie und des Dante-Jahres 2021. Vorgestellt wurde das Projekt von Greta Marcolongo, welche es gemeinsam mit Cecilia Tacconi und Carla Ferrari entwickelt hatte. Im Formfaktor einer schmalen Aktentasche lässt sich das kleine Theater zu einer Bühne mit drei austauschbaren Motiven für „Inferno“, „Purgatorio“ und „Paradiso“ ausklappen, vor welcher 10 ausgewählte Pappfiguren positioniert werden können. Weiters liegt ein Büchlein mit Spielregeln und pro Teil der Göttlichen Komödie drei ausgewählten Geschichten in altersgerechter Sprache bei. Marcolongo hatte in der Pandemie einen Mangel an Schulmaterial zu Dante für die erste Schulstufe festgestellt und reagierte (wenngleich verspätet) mit ihren Kolleginnen auch auf die Pandemie-Anforderung „das Theater zu den Menschen zu bringen“. Zu haben ist das Endprodukt für 35 Euro.
 
 
Gregorio Vivaldelli, von Anfang an Feuer und Flamme für diesen Ausflug in die Hölle, begann nicht gleich in Medias res, sondern holte für die Fragestellung des Abends „Dov’è il tuo cuore?“ aus, erst zur „Comedia“ in ihrer Gesamtheit, die als Allegorie auf den Lebensweg zu verstehen sei, dann zu den Mauern der Stadt Dis (it.: Dite), dem Übergang von der oberen zur unteren Hölle. Organisiert hatte das betrügerische Höllen-Sight-Seeing das Komitee der Dante Gemeinschaft Bozen in Zusammenarbeit mit dem Teatro Cristallo. Den vorchristlichen, römischen Charakter der mythologischen Toponomastik Dis/Dite - ein Aspekt oder Name von Pluto, dem Gott der Unterwelt - unterschlug der Bibelwissenschaftler dabei, seine christliche Prägung sollte auch im weiteren Verlauf des Abends eine Rolle spielen. Mit seiner unterhaltsamen Art fand Vivaldelli schnell den Zugang zum den Saalpublikum, welches die Plätze restlos füllte und eine große Altersspanne aufwies.
Mit handverlesenen Terzinen und einfacher, zugänglicher Sprache, wie auch mit einigen Running-Gags hielt Vivaldelli den Spannungsbogen für fast zwei Stunden aufrecht. Das erste Thema welchem er sich im Detail verschrieb, war der Gestank, der aus der unteren Hölle aufstieg, durch den Dante uns von den Sünden der unteren Hölle in besonderer Weise abhalten möchte: Während im 7. Kreis Gewalttätige ihrer Strafe zugeführt werden, sahen Dante und Vivaldelli, der ihm hierin beipflichtete den Betrug in seinen zehn verschiedenen Ausprägungen als eine noch größere Sünde, nur übertroffen durch den Verrat, im 9. Höllenkreis.
Geryon (it. Gerione), der Wächter des Höllenkreises, eine Chimäre mit dem Gesicht eines „gerechten Mannes“, wurde auch, als Sinnbild seines Reiches näher betrachtet, die lähmende Angst Dantes und der Freundesdienst Vergils, der beim Ritt auf dem Rücken des Biests zwischen Dante und dem giftigen Schwanz Geryons saß wurden sinnbildlich für gute Freundschaft gelesen. Den Wert einer Umarmung unterstrich der Professor dabei besonders.
Bei aller Schwärmerei und authentischer Begeisterung für Dantes Werk drang man schließlich nicht tief in den achten Höllenkreis vor: Die ersten zwei der zehn „Bolge“, den Gräben, die den Höllenkreis unterteilen, wurden in der Präsentation durchwandert, auch wenn Vivaldelli scherzte, dass er acht Stunden für diese Zeit hätte und es sicher Personen im Saal gegeben hätte, welche ihm so lange gefolgt wären. Kurios auch, dass ein dekontextualisiertes Zitat Peter Mayr-Nussers Platz fand: „Zeugnis geben ist heute unsere einzige, schlagkräftigste Waffe.“. Wenngleich sich der christliche NS-Widerständler hier auf evangelikale Tätigkeit bezog, griff Vivaldelli das Zitat allgemeiner und säkluarer: Man müsse ein gutes, authentisches Beispiel für die Jüngeren abgeben.
 
Ma qui tacer non posso
 
In der ersten Bolga Kuppler und Verführer (it. „Ruffiani e seduttori“), welche von Teufeln mit langen Peitschen in entgegengesetzter Marschrichtung angetrieben werden. Beide Gruppen, stellvertretend durch den Bologneser Venedico „Caccianemico“ dell'Orso und den Sagenhelden Iason vertreten, werden an der „Würde der Frau“ straffällig. An dieser Stelle sind die traditionellen Rollenverhältnisse Dantes evident, Vivaldelli tut nichts um diese zu hinterfragen oder zu thematisieren. Die „Divina Comedia“ wird, bei allen Bestrebungen der Vermittlung und der Transplantation ins Heute beim hetero-normativen Verständnis von Geschlechterrollen im Jahr 1300 belassen. Hier hätte man sich seitens des Professors Vivaldelli auch mit wenig zufrieden gegeben. Er zitiert auch aus dem Talmud, gibt ein Hierarchisches Verhältnis von der Erschaffung der Frau aus einer Rippe des Mannes wieder. Vivaldelli findet beide Höllenbewohner, den Bologneser, der seine eigene Schwester politisch vorteilhaft verkuppelte und Iason, der untreu gegenüber seiner Frau mit falschen Worten Hypsipyle verführte und schwanger zurückließ, als Sinnbild für die Unvereinbarkeit der Sünde an der von Dante idealisierten Frau.
Lobend hervorzuheben ist allerdings, dass der Professor an dieser Stelle auch seinen eigenen Vortrag unterbrach und zwar mit einem kraftvollen „Ma qui tacer non posso!“ und in einem dezidierten Appell gegen Gewalt an Frauen, verschiedene Formen physischer und psychischer Gewalt differenziert sah.
 
 
Es folgte noch ein kurzer Abstecher in die zweite „Bolga“ den Schmeichlern in menschlichen Exkrementen vorbehalten, welche unser Miteinander erschweren, da durch unaufrichtiges Lob - man bedenke abermals, wir sind hier hierarchisch tiefer in der Hölle als es physisch Gewalttätige sind - Misstrauen zwischen Menschen entsteht. Wer ein aufrichtiges Kompliment abgibt, sich begeistern lässt, ist dort wo sein Herz ist, gleichsam authentisch und mit seinem Wesen an einem bestimmten Ort festzumachen. Wenngleich die Standard-Formel von „Pensate che nel 1300 c’era gente che (…). Che tempo!“, bei welcher die Punch-Line stets war, dass Sünde zeitlos ist und damit auch die Themen der Göttlichen Komödie, Abnutzungserscheinungen zeigte, unterhielt sich das Publikum hier besonders an der Weigerung des Professors das Wort „merda“ in den Mund zu nehmen. Dabei markiert, wie der Professor konstatierte, gerade diese Zuwendung zu vulgärer Sprache und Schimpfworten einen Linguistischen Übergang bei Dante, im achten Höllenkreis. So groß war dessen Abscheu gegenüber dem Betrug. trotz all seiner Kreativität.
Ja, auch davon zeugt das „Inferno“ Dantes indirekt: Mit zehn Unterteilungen und den Canti XVIII bis XXX ist es der vom Dichterfürsten am differenziertesten gesehene Abschnitt der Hölle, einer für den es heute noch mehr als genügend Kandidaten gäbe. Es war, trotz, durch Detailverliebtheit nicht mehr möglichem Abstecher in die vierte Bolga (zu falschen Propheten, Wahrsagern und Astrologen), die als Möglichkeit im Raum stand, spannend zu sehen, wie aktuell und zugänglich Dantes Magnum Opus im 21. Jahrhundert präsentiert werden kann.