Maurizio Costanzo und Matteo Salvini
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Die Salvini-Show

Gefühlter Populismus

Macht macht machtgeil oder: die Salvini-Show; oder aber: Wie Angst als Unterhaltungsform populistisch wird.
Community-Beitrag von Anna Sergio08.06.2019
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Kontrolle ist die tragende Säule der Macht. Kontrolle ist allerdings nicht gleich Kontrolle. Matteo Salvini, Jahrgang 1973, verfügt als Innenminister der italienischen Republik über eine gewisse Macht – eine geteilte Macht. Seit diese am ersten Juni 2018 für die nächsten fünf Jahre rechtlich gefestigt wurde, gibt sich der gebürtige Mailänder, zweifacher Familienvater und Patriot alle Mühe, um sie auch in der Kollektivvorstellung seiner Mitbürgerinnen zu zementieren.

Gekonnt weitet der Minister seine Kontrolle über das einfachste und kostenärmste aller Mittel aus: Sprache. Er weiß aber genau, dass nicht nur das Was sondern auch das Wie auf die Sichtbarkeit seiner Botschaften und seines Selbst einwirken. Aus diesem Grund hat Salvini seine Persona (nicht italienisch für Person, sondern fachsprachlich für Medienfigur, zu der Rezipientinnen ein Verhältnis aufbauen) so geformt, dass sie a) als Identifikationsmuster für möglichst viele italienische Staatsbürger fungiert und b) ihm Zugang zu anderen Macht- und folglich Kontrollbereichen gewährt.

Auf die genauen Abläufe der Kontrollübernahme kann und will ich nicht genauer eingehen und das sollte schon der erste Beweis der Macht des Autors sein, der selbst entscheidet, worüber im Text berichtet wird. In wenigen Worten erklärt, hat der Innenminister über Social-Media-Kanäle an Sichtbarkeit in den traditionellen Medien gewonnen und einen Diskurs geschafft, der sich eben durch die Vielfalt der Kanäle einen Weg in die Köpfe aller Italiener gebahnt hat, egal ob arm, reich, gebildet, mit geistiger oder körperlicher Beeinträchtigung: In den meisten Aufnahmen seiner Kundgebungen sieht man im unteren Bereich des Bildes, etwas versteckt vor der Kamera, aber gut sichtbar für das Publikum, eine Übersetzerin in die Gebärdensprache.

Dabei begegnet man in seinen Reden meist denselben rhetorischen Mitteln: einer anscheinend endlosen Aufzählung positiv konnotierter Wörter, die er seiner Persona assoziiert folgt ein konkretes Beispiel – oftmals von angeblich selbst Erlebtem –, mit dem er ausschließlich die von ihm vertretenen Argumente hervorhebt. Der Kreis schließt sich mit genau derselben Vorgangsweise bei politischen Gegnern und konkurrenzfähigen Medienfiguren – mit dem einzigen Unterschied, dass er für die Aufzählungen negativ konnotierte Wörter verwendet. Die gelungene Verbindung schaffen die Verbrechensberichte, die zum realitätsnahen und somit gefühlsintensiven Erleben des Erzählten beitragen.

Mediales Unterhaltungserleben ist nicht nur ein angenehmes Gefühl während und nach der Rezeption, sondern es ist das Gefühl selbst und noch mehr seine Intensität. Unabhängig davon, ob positiv oder negativ, Menschen haben das Bedürfnis nach intensiven Emotionen. Und dafür muss eine Persona einen Diskurs konstruieren, der bei Rezipientinnen wiederholt intensives Gefühlserleben evoziert.

Idealerweise sollte es ein Gefühl sein, das Menschen zum schnellen Handeln motiviert oder im Kreuzfeuer der Ideale erstarren lässt.

Gekonnt nutzt Salvini die Mittel der Angst, um Stimmen für sich zu gewinnen. Konkretisieren lässt sich diese Angst mittels Kriegsmetaphern, die mit Angst vor einer drohenden Invasion, vor Schutzlosigkeit seiner selbst und der eigenen Familie bewusst in Verbindung gesetzt werden, um dafür zu sorgen, dass Rezipientinnen entweder nickend zustimmen und schweigen oder mit den Armen rudern und verbal – im Extremfall sogar körperlich – den einen glorifizieren und die anderen bekämpfen. Im Internet hat der Minister bereits eine kleine Armee mit über einer Million Follower auf Twitter und Instagram und dreieinhalb Millionen Likes auf Facebook. Die hohe Präsenz in den traditionellen Medien ist zumindest teilweise dem Erfolg seiner Persona im Internet zuzuschreiben. Salvinis Soldaten genießen es, den Worten des capitano (Mannschaftskapitän, allerdings ursprünglich Hauptmann im militärischen Sinne) zu folgen und sie mit eigenen Worten oder genau denselben Formulierungen zu panzern, sie undurchdringbar zu machen.

Wie werden Worte und ganze Konzepte undurchdringbar? Die kognitive Linguistik gibt Aufschluss über mentale Prozesse, die stattfinden, um ein Abbild der Realität zu konstruieren. Denken folgt einer Struktur von Assoziationen. Assoziiert werden Konzepte oder frames, die man sich als Wissenspakete vorstellen kann, die alle dem jeweiligen Individuum bekannte Informationen zu einem Thema beinhalten. Die vom Gehirn erbrachte Leistung zum Abrufen einiger dieser Informationen (nicht aller Informationen, die tatsächlich im jeweils individuellen Wissenspaket enthalten sind), erfolgt auf der Basis der erlebten Relevanz bestimmter Informationen gegenüber anderer aus demselben oder aus einem anderen Paket.

Wir beziehen diese Informationen aber nicht vollkommen selbstständig und nach unserem Willen, sondern werden geleitet (auf Italienisch condurre, vom Lateinischen ducere, dessen Substantivierung dux lautet) auf dem Weg zur Interpretation der erhaltenen Inputs. Dabei müssen Emotionen als omnipräsente Begleiterscheinungen von Botschaften betrachtet werden. Durch das bewusste Emotionalisieren der Botschaft kann der Kommunikator das Abrufen bestimmter Informationen fördern oder einschränken. Es handelt sich um einen Vorgang, den man in der realen Welt in fast genau gleicher Weise beobachten kann: Grenzen werden undurchdringbar gemacht und alles, was sich dahinter befindet, wird mit einem Schleier aus ausgeklügelten Vorurteilen und Verallgemeinerungen bedeckt.

Redundante Formulierungen und Wahlsprüche sorgen für Habitualisierung der Rezipientinnen, denen das Assoziieren der Wissenspakete „Migration“ und „Kriminalität“ immer leichter fällt. Sie tun sich auch leichter, dieser Verknüpfung Ausdruck zu geben – solange sie sich für fight und nicht für flight entscheiden.

Die Macht- und damit Kontrollbasis des italienischen Innenministers ist die Unterhaltung der Massen. Alles andere – von seiner Diät bis zu seinen politischen Handlungen – steht im Dienste der Unterhaltung.

Più che il Ministro dell’Interno l’ospite del Costanzo Show.
(Ich bin eher Gast der Costanzo-Show als Innenminister.)

Matteo Salvini bei der Maurizio-Costanzo-Show am 28.03.2019

Maurizio Costanzo und Matteo Salvini

Die Maurizio-Costanzo-Show ist die langlebigste Talkshow Italiens. Sie zählt seit 1982 mehr als 4400 Folgen und gilt seit ihren Anfängen als Startrampe für aufkommende Fernseh- und Musikstars, aber auch als Kommunikationskanal zwischen politischen Persönlichkeiten und dem „einfachen Volk“. Mittler zwischen Persönlichkeiten und Publikum ist der Moderator Maurizio Costanzo, ein einundachtzigjähriger Journalist, der besonders dank seines Aussehens und der Modulation seiner Stimme Star Wars‘ Jabba the Hutt in Nichts nachsteht. Nichtsdestotrotz ist Costanzo zu einem Symbol der italienischen Fernsehgeschichte geworden, auch weil er nicht davon zurückschreckt, seine Meinung zu äußern. Und Maurizio steht zu seiner Meinung, die nur allzu oft in impulsiv hergestellten Medienprodukten Ausdruck findet und zu einer fruchtbaren Quelle fürs Fremdschämen wird. Der Popularität der Sendung hat diese Impulsivität nicht geschadet; das Publikum im Studio scheint sich völlig angepasst zu haben und leistet einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Konstruktion der Medienfiguren innerhalb der Show.

Der lange Applaus zu Beginn der Show und das rhythmisch abwechselnde Zurufen der Silben Mat-, -te- und -o beziehungsweise Sal-, -vi- und -ni zeugen bereits von der engen Bindung, die zwischen Politiker und Volk besteht.

Das obengenannte Zitat steht am Ende eines kurzen Abrisses des beruflichen Werdegangs von Salvini. Er wollte zuerst Fußballer werden, konnte allerdings nicht gut genug spielen, dann Sportjournalist, aber er konnte nicht gut genug schreiben und schließlich wurde er Politiker, denn sprechen und mit seinen Worten Menschen unterhalten konnte er gut. Man darf Unterhaltung in diesem Fall nicht immer mit Lachen assoziieren – natürlich sind auch komische Elemente in seinem Unterhaltungsangebot vorhanden, diese dienen jedoch als Waffen zur Bekämpfung von Feinden und fremden Eroberern. Unterhaltung ist grundsätzlich intensives Gefühlserleben und der Minister bietet nicht nur Botschaften, die Angst erzeugen, sondern auch Botschaften, die zum Ausleben der Angstreaktionen animieren. Der Genuss vollkommenen Gefühlserlebens sorgt dann auch dafür, dass die Persona an Identifikations- und Vorbildstärke gewinnt und Rezipientinnen in ihrer Suche nach Erfolgserlebnissen (die sich von denen der Persona inspirieren lassen) auch Einstellungen und Weltbild der Medienfigur übernehmen. Es handelt sich um die Medienfigur Salvini und nicht um die reale Person. Das verschafft ihm einen weiteren Vorteil gegenüber seinen nicht so einflussreichen Kollegen: Er hat eine Persona konstruiert, von der sich reale Menschen in ihrem Denken und beobachtbaren Verhalten beeinflussen lassen; das bedeutet, dass Salvini mit der Kontrolle über die Persona auch die Kontrolle über das Denken und Handeln von nach intensiven Emotionen, Orientierung oder Ausgleich suchenden Menschen übernommen hat.

Wieso können diese Menschen dann nicht einfach Fear The Walking Dead schauen? Die Antwort findet man in der stärkeren Realitätsbindung der Botschaften Salvinis, also in der Möglichkeit, nicht bloß am Wahltag, sondern vierundzwanzig Stunden am Tag und sieben Tage die Woche als Teil der digitalen Armee für den Anführer – oder genauer ausgedrückt für den Gedanken und Handlungen leitenden dux – mit Worten und Taten zu kämpfen.

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Kommentare

Bild des Benutzers Peter Gasser
Peter Gasser 08.06.2019, 12:31

Eine inhaltsreiche und aufschlussreiche Analyse.
zu Führern (“dux, capitano”), “Angst” und “Recipienten” (Volk, Wahlvolk), auch:
https://www.salto.bz/de/article/03062019/wolf-und-schafe

△rtim ୍℘୍stロ 08.06.2019, 18:34

Mit dem Verlust demokratischer Orientierung geht nicht nur die Mitte, sondern auch jedes Maß verloren. Darauf verweisen auch neuere Studien. (Vgl. auch https://www.nzz.ch/feuilleton/wir-erleben-ein-grosses-gleiten-ld.1370201...). Dabei gilt:
Sprache ist Medium. Durch die Orientierung auf Zeichen ist ein furchtbare Illusion verbunden, die Hypostasierung von etwas, die Annahme, dass etwas gegeben ist. Kein Problem, wenn es sich beispielsweise um einen Tisch handelt. Gefährlich wird es, wenn wir die Ideologiegeschichte betrachten (gefährliche Hypostasierung).
Sprache macht Gedanken, Gedanken machen Sprache. Denn: "Was von Menschen nicht gewusst / Oder nicht bedacht, / Durch das Labyrinth der Brust / Wandelt durch die Nacht " (Goethe)

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Karl Gudauner 09.06.2019, 13:07

Talk-Shows auf allen Sendern, die Salvini laufend eine Bühne bieten, tragen mehr zu seiner Etablierung als politischer Kultfigur bei als zur Information. Kurios: Inzwischen wird im Fernsehen auch schon in der Würstelwerbung ein Salvini-Typ eingesetzt.

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Peter Gasser 09.06.2019, 13:50

ja, leider ist dies so... bringt halt Quote, statt Kultur...
Neo-Liberalismus.

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Hans Hanser 09.06.2019, 19:50

Tja, es gibt Menschen wie Sie, die eine Lobeshymne auf Europa oder die EU halten (das hatte ich in Ihrem Artikel nicht verstanden...) und solche, die die EU und das was Europa heute darstellt auch kritisch sehen.
Ich persönlich habe für Menschen wie Salvini nichts übrig, deshalb habe ich auch kein Fernsehen. Spätestens seit Berlusconi dort eine bewusste mediale Beeinflussung ins Leben gerufen hat, kann ich das nur empfehlen. Denken Sie mal drüber nach...

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elisabeth garber 13.06.2019, 09:51

Salvini zeigt auch ausserhalb der Massenmedien unermuedliche Präsenz, macht auch mit Schwarzafrikanern 'Selfies' - er beherrscht seine Rolle als volksnaher Retter aus der Misere perfekt. Er glaubt selber daran und so kommt es bei den Rezipienten auch an. Alles logisch und einfach, Bussi, Schulterklopfen, Händeschütteln. Er ist auch überzeugt, dass man heutzutage Politik (Differenzen) mit einer "chiamata" macht/ausräumt und dann für das Volk weiterarbeitet. Man schaue sich hierzu einiges Filmmaterial auf YouTube an ( Salvini bei Gruber L./8 e mezza/La 7 oder seine Auftritte im Zuge der EU-Wahlen oder die Lokalaugenscheine in Kalabrien, das er bekanntlich von der 'Ndrangheta befreien will usw. usf.).
Dieser Artikel ist eine ausgezeichnete Analyse der Figur Salvinis und des propagandistischen 'Gutmenschentums' von rechts.

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