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Rassismus

Nicht mehr wegschauen

Zwischen Bergpanorama und offener Diskriminierung - Rassismus zeigt sich offen auf den Straßen und im Netz Südtirols. Viel zu oft wird weggesehen.
Community-Beitrag von Olaf Borghi08.06.2020
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Ob im Netz oder auf der Straße - Rassismus in Südtirol versteckt sich nicht hinter verschlossenen Türen, außer wenn es darum geht, Zeichen dagegen zu setzen. Dabei wird weltweit momentan gegen Diskriminierung demonstriert. Bei diesen Demonstrationen, bei Black Lives Matter, geht es nicht nur um die USA, sondern um uns alle und auch um Südtirol. 

Vor ein paar Jahren arbeitete ich in einem Gastronomiebetrieb. In diesem Betrieb herrschte ein reger Personalwechsel. Eine Zeit lang war dort eine Küchenhilfe angestellt, die Asylsuchende in Südtirol und in einer Flüchtlingsunterkunft untergebracht war. Ich nenne sie hier Kira. Kira war fleißig, nahm jeden Tag einen langen Arbeitsweg auf sich, Kira mochte den Ausblick, den man vom Restaurant aus hatte, und Kira war jeden Tag mit Rassismus konfrontiert. So alltäglich, wie der Blick in die Berge, war für Kira auch Letzteres.

“Sie wurde systematisch schikaniert, musste die schlimmsten Arbeiten
doppelt so lange machen und wurde selbst dann noch als faul beschimpft.”

Sie wurde systematisch schikaniert, musste die schlimmsten Arbeiten doppelt so lange machen und wurde selbst dann noch als faul beschimpft. Einmal schlug ein Koch Kira auf den Hintern und sagte, “die N-Wort haben wirklich einen keifen Hintern”. Immer wieder wollte Kira einfach nicht mehr zur Arbeit kommen. Immer wieder kam sie dann doch. Kira sagte nichts. Denn Kira wusste, dass diese Arbeit trotz allem eine Chance für sie war und dass wenn sie diese verlieren würde, wenn sie sich wehrte.

Ich wusste von alledem. Doch auch ich sagte nichts. Ich könnte hunderte Ausreden finden, warum das so war. Ich könnte sagen, ich sei zu jung gewesen, oder dass ich selber nur Praktikant war. Doch letztlich ist mein Nicht-Handeln nicht auf mein Alter zurückzuführen, sondern darauf, dass Rassismus viel zu oft in Südtirol, Italien, Österreich, den USA und der Welt als etwas, das nunmal so passiert, hingenommen wird. 

“Rassismus beinhaltet nicht nur das aktive Diskriminieren. Auch all jene, die ihre Augen verschließen, wenn etwas Derartiges vor ihnen passiert, unterstützen Rassismus.”

Rassismus beinhaltet nicht nur das aktive Diskriminieren. Auch all jene, die ihre Augen verschließen, wenn etwas derartiges vor ihnen passiert, unterstützen Rassismus. Viel zu lange habe auch ich Rassismus somit passiv unterstützt. Als Menschen neben mir vom “Marokkino, vor dem man sich in acht nehmen solle” oder vom “Flüchtling, der den ganzen Tag nur herumlungert und Drogen verkauft”, sprachen, still nahm ich es hin. Unter einem Post von Stol diese Woche über eine Black Lives Matter Demonstration in Bozen war zu lesen 

“Braucht koan Mensch!” 

und 

“Fa do bohnhöfsschlägerei und drognhandl direkt af di demo gong daszis la dotien des warn suppo orbatskräfte , olbm voll in einsotz”. 

Genau diese Kommentare zeigen, wie wichtig eine mediale und gesellschaftliche Debatte in Südtirol über Rassismus ist.

Und die Politik und viele Medien schweigen (weitestgehend), die Regierungsparteien des Südtiroler Landtags erwähnen die Thematik mit keinem Wort. Eigentlich nicht überraschend - so handelt es sich doch um eine Mitte-Rechts Koalition, in der auch die rechtspopulistische Lega ihren Platz findet.

“Das was [online] oft seinen Ursprung nimmt, wird viel zu oft leider im realen Leben umgesetzt.”

Dabei wären klare Statements dringend notwendig. Würde man eine Liste davon erstellen, wie viele solcher rassistischer Kommentare online täglich in den Kommentaren unter den Artikeln verschiedener Südtiroler Nachrichtenportale veröffentlicht werden, so wäre dies eine Arbeit von mehreren Stunden. Das was dort oft seinen Ursprung nimmt, wird viel zu oft leider im realen Leben umgesetzt.

Die Scheindebatte gegen Hass im Netz

Doch unternimmt die SVP nicht längst etwas gegen Hass im Netz? So forderten einige Politiker*innen kürzlich erst wieder eine Klarnamenpflicht und drohten, dass ansonsten Förderbeiträge entfallen würden. Leider schießt die SVP damit am eigentlichen Ziel vorbei. In einer Gesellschaft, in der Rassismus unter Klarnamen auf den Straßen salonfähig ist, führt eine solche Pflicht nicht zu weniger Hass im Netz. Denn wenn Hass im Netz so oder so bereits unter Klarnamen stattfindet (siehe Facebook-Kommentare) raubt eine Klarnamenpflicht lediglich die Möglichkeit kritischer Posts, bei denen die persönliche Identität nicht aufgeben muss (etwas, wofür das Internet seit seinen Anfängen steht).

Viel mehr Sinn hätte es stattdessen, wenn nicht hunderttausende an Fördergeldern an Medien fließen würden, die sich in keinster Weise die Mühe machen, offensichtlich rassistische Posts zu löschen (bzw. an zuständige Behörden weiterzuleiten) oder mit einem Hinweis zu versehen.

Rechtswidrige Kommentare nicht einfach so stehen zu lassen und Hinweise auf die Netiquette sind nicht Zensur, sondern sollten in einer demokratischen Gesellschaft selbstverständlich sein.

Offenen Rassismus nicht einfach so stehen zu lassen würde Fälle wie den von Kira vielleicht nicht verhindern. Doch es wäre ein erster wichtiger Schritt. Solange dieser nicht begangen wird, werden Kira und die vielen anderen, für die sie steht, nicht in Ruhe unser wundervolles Bergpanorama genießen können.

In einem anderen Artikel schrieb ich hinsichtlich einer anderen Thematik davon, dass man nicht nur mit einem Auge sehen sollte, sondern beide Augen öffnen muss. Wenn es um Rassismus geht scheinen weite Teile der Südtiroler Politik und Medienlandschaft oft nicht nur nicht diesen Ratschlag zu befolgen, sondern aktiv beide Augen zuzukneifen und sich wegzudrehen. Auch ich habe in der Vergangenheit wie viele andere zu oft weggeschaut. Es gilt daher ab nun umso genauer hinzuschauen.

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Kommentare

Bild des Benutzers Sepp Bacher
Sepp Bacher 15.06.2020, 10:02

Es ist schon offensichtlich, dass unter den Südtiroler Politikern mit Ausnahme der Grünen Rassismus kein Thema zu sein scheint. Kompatscher oder jemand anderer der Landesregierung hätten schon ein Stellungnahme zu den Geschehnissen abgeben müsste.
Stellungnahmen lösen zwar nicht das Problem, wie auch Demos nicht, sie zeigen die Situation aber auf und verändern vielleicht etwas im Kopf. Die tatsächlich Veränderung muss in viele kleinen Schritten und durch viele Maßnahmen nach und nach passieren. Aber die dafür Verantwortlichen in Medien, Bildung und Sozialem sollten mindestens wach werden und reagieren!

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