Politik | Klimaschutz Italien

Turbo bei erneuerbarer Energie gefragt

Ohne wesentlich raschere Genehmigungsverfahren für neue Windkraft- und Photovoltaik-Kraftwerke kann Italien seine Klimaschutzziele bis 2030 nicht erreichen.
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Italien kann seine für 2030 gesteckten Klimaschutzziele (-55% CO2-Emissionen gegenüber 1990, also noch -35% in nur 8 Jahren) nur erreichen, wenn es seine THG-Emissionen jetzt Jahr für Jahr um 20 Mio t CO2eq zurückfährt. Im Pandemiejahr 2020 wurde zwar ein Minus von 36 Mio t THG verzeichnet, doch 2021 sind die Emissionen schon fast auf den Stand vor der Pandemie zurückgekehrt. -55%: das geht nur mit einem viel rascheren Ausbau der Erneuerbaren Energie (EE).

Doch erfolgte der Ausbau der EE im vergangenen Jahrzehnt im Schneckentempo: 2021 hat Italien nur 1,4 GW an neuer Leistung bei Windkraft und Photovoltaik installiert, also weniger als in allen anderen großen EU-Ländern. So hat Italien 2021 z.B. nur ein Viertel der neuen Kapazität an EE-Leistung Polens gebaut. Dabei war Italien schon mal weit besser: 2011 sind 9 GW an Photovoltaik und 1 GW an Windkraftwerken ans Netz gegangen. 2012-2021 sind aber nur 1 GW jährlich dazu gebaut worden. Um die gesteckten Klimaschutzziele zu erreichen.

Laut REPowerEU muss Italien bis 2030 einen Anteil an EE am Gesamtenergieverbrauch von nicht bloß 40%, sondern 45% erreichen. Zu diesem Zweck müssten bis 2030 – so Elettricità Futura  – 85 GW an neu installierter Leistung ans Netz gehen, also jährlich 9 GW zusätzlich. Damit könnte Italien den heutigen Anteil der EE von nur 41% auf 84% in 2030 verdoppeln, trotz weiter steigendem Gesamtverbrauch. Die neuen Wind- und Solarkraftwerke würden die Treibhausgasemissionen um 75% gegenüber 1990 senken.

Daraus folgt nicht nur eine gewaltige finanzielle Anstrengung, sondern auch drei wesentliche Vorteile, so der Präsident der Fondazione per lo Sviluppo Sostenibile Edo Ronchi:

1. Von heute 1 GW jährlichem Anstieg an EE-Kraftwerksleistung muss der Sprung zu 10-12 GW im Jahr geschafft werden. Für Italien eine gewaltige finanzielle Einsparung, denn die EE-Kraftwerke kosten viel weniger als mit Gas betriebene Kraftwerke. 470.000 neue Arbeitsplätze würden geschaffen. Mit neuen Speicherkapazitäten von 80 GWh würde auch das Problem der Leistungsschwankungen bei Wind und Photovoltaik stark ausgeglichen.

2. In wenigen Jahren könnte man den heutigen Anteil des russischen Gas bei der Stromerzeugung vollständig ersetzen. Die Gas-Ersatzlieferungen aus anderen Ländern wären auf eine kurze Übergangszeit beschränkt, nämlich auf die Dauer der Bauzeit der neuen Anlagen mit EE.

3. Die Diskussion um die Rückkehr zum Atomstrom wäre definitiv vom Tisch. Denn in nur 8 Jahren, also bevor je ein neues AKW fertiggestellt werden könnte, hätte Italien bereits einen Anteil von 84% an EE am Gesamtenergieverbrauch, und nur mehr 16% müsste mit Gas erzeugt werden. Es gäbe schlicht und einfach keinen Bedarf mehr an Atomstrom. Der Weg zur völligen Abdeckung der Stromversorgung mit EE wäre nicht mehr weit. Somit muss Italien nicht kräftig Gas, sondern kräftig Wind und Sonne geben.

Parlament und Regierung sind nun aufgerufen, möglichst rasch die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Erweiterung der Kraftwerkskapazität um 85 GW bis 2030 zu schaffen. Hauptproblem sind die überlangen Genehmigungsverfahren. Hauptbremser vor allem die Regionen und das Kulturministerium, primär um die Landschaft zu schützen. Somit benötigt Italien ein ähnliches Beschleunigungsgesetz, wie es soeben der Deutsche Bundestag verabschiedet hat. Zudem hat Italien als eines der wenigen EU-Länder noch immer kein gesamtstaatliches Klimagesetz.

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Johannes Engl Mo., 11.07.2022 - 22:22

Thomas Benedikter bringt es auf den Punkt: nicht darauf starren was alles nicht geht, sondern hinweisen, wie es gehen könnte. Er zeigt auf, wo die Potentiale stecken.
Vorschlag für Südtirol: auf alle gemeindeeigenen Dächer mit der richtigen Ausrichtung kommt eine PV-Anlage. Ansonsten kein Beitrag mehr für neue Bauwerke (Feuerwehr, Kultur, Schulen, etc.)

Mo., 11.07.2022 - 22:22 Permalink