König Ludwig XIV
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COVID-19

Die Rückkehr der Konservativen

Das Corona-Virus hat die gesamte Welt in eine tiefe Krise gestürzt. Die Antwort auf das Problem: altbewährte Mittel und konservative Werte.
Community-Beitrag von Andres Pizzinini08.11.2020
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DER RAT DER ÄLTESTEN

Die demographische Entwicklung in Europa indiziert einen klaren Rückgang der Bevölkerung, deren Zahl sich laut Prognosen der UNO am Ende des 21. Jahrhunderts stabilisieren wird. Von aktuell 738 Millionen sollte die Bevölkerung auf ca. 650 Millionen zurückgehen. Auch das Wirtschaftswachstum geht zurück und wird sich gemeinsam mit der Geburtenrate allmählich einpendeln. Gleichzeitig erleben wir seit dem Zweiten Weltkrieg eine radikale Steigerung des Kapitals – im Vergleich zum Jahreseinkommen eines Landes. Wir sind nicht weit von einer Rentier-Gesellschaft wie im auslaufenden 19. Jahrhundert entfernt: Wer hat, der hat, wer nichts hat, kann auch kaum Kapital erwirtschaften. Wir sind mit anderen Worten auf die Erbschaft angewiesen und werden es in Zukunft noch stärker sein. Diese Entwicklung hatte sich bereits vor der Coronakrise deutlich abgezeichnet und wurde nun bestätigt, wenn nicht sogar in ihrer Gültigkeit bewiesen. In Frankreich – um nur ein Beispiel zu nennen – besitzt heute ein Mensch zum Zeitpunkt seines Ablebens 220% im Vergleich zum Durchschnitt, also mehr als zweimal so viel wie der Durchschnitt. Im Jahr 1960 waren es gerade mal 140%. Seit den 1980er Jahren ist der Reichtum der höheren Semester förmlich explodiert. Dies ist in anderen europäischen Ländern in etwa gleich und trifft in besonderem Maße auf die Über-Achtzigjährigen zu. Man bedenke, dass die durchschnittliche Lebenserwartung in Europa heute ungefähr bei 80 Jahren liegt. Es ist auch das Durchschnittsalter, in dem Menschen am Coronavirus versterben. Es nimmt kaum Wunder, dass die Altersgruppe mit dem größten Kapital auch sozial bestimmend ist und, warum nicht, zunächst im eigenen Interesse agiert. Die Gründe dieser Entwicklung sind vielfältig, interpretationsbedürftig und wohl kaum eindeutig zu bestimmen. Gewiss ist, dass ältere Menschen heute wieder eine gesellschaftsbildende Rolle spielen, die vergleichbar mit jener in vormodernen Dorfstrukturen ist, wo ein Rat der Ältesten die Regeln gesellschaftlichen Zusammenlebens festlegte. Die gesellschaftliche Mobilität der Trente Glorieuse ist nun endgültig Vergangenheit.

Die Greta-Thunberg-Generation möge ferner den beträchtlichen Anteil des Kapitals der Ältesten beachten, der ihr bereits vor deren Ableben in Form einer Schenkung abgetreten wird. Sie wird darin volens nolens einen weiteren Grund für die Achtung der Älteren finden und damit einen Ansporn für ein friedliches Miteinander. Der Opa darf also mit der alte Karre weiter durch die Stadt furzen während die Jugendlichen am Freitag Schule schwänzen, sollten sie jemals wieder die Schule betreten.

DIE ROLLE DER FRAUEN

Die Schließung vieler Betriebe, vor allem aber die Schließung von Kindergärten, Kitas und Schulen hat der gesamten Gesellschaft schwer zugesetzt. In besonderem Maße davon betroffen sind die Frauen. In der ersten Welle der Arbeitslosigkeit nach dem Lock-Down im März waren mehr als 80% der in Europa Betroffenen Frauen. Dies hängt wesentlich damit zusammen, dass die Frauen mit der Kinderbetreuung beschäftigt waren – Erziehungs- und Bildungseinrichtungen wurden ja geschlossen. Die Präsidentin der Arbeiterkammer in Österreich Renate Anderl meinte: „Wir Frauen sind in vielen Bereichen immer schon benachteiligt gewesen – Corona hat diese Problematik noch einmal verstärkt; ich habe das Gefühl, dass uns Corona massiv zurückgeworfen hat.“ Die Bereiche, in denen Frauen häufig arbeitsmäßig tätig sind, sind darüber hinaus schlecht bezahlt, wie Einzelhandel, Bildungseinrichtungen, soziale Berufe etc. Im Notfall arbeitet also der besser verdienende Mann weiter.

Das Zuhausebleiben hängt für Frauen nicht nur mit dem Verlust des Arbeitsplatzes zusammen, sondern bringt ein weiteres, wohl noch schlimmeres Problem mit sich. Sowohl weltweit als auch in mehreren EU-Ländern seien die Fälle häuslicher Gewalt gegen Frauen nach Beginn der Ausgangsbeschränkungen im März um ein Drittel angestiegen, so Evelyn Regner, Vorsitzende des EP-Ausschusses für Frauenrechte und Gleichstellung der Geschlechter. Nun ist das Corona-Virus nicht per se frauenfindlich – im Gegenteil, Männer sterben häufiger an dessen Folgen als Frauen –, doch trifft jede Krise zunächst die schwächeren Glieder der Gesellschaft. Zu diesen zählen nebst Künstlern und Kindern auch die Frauen. Der Vorstoß des Feminismus seit dem Zweiten Weltkrieg steht angeblich doch nicht auf so soliden Beinen, wie man noch vor einiger Zeit zu glauben geneigt war.

DIE ERZIEHUNG VON JUNG UND ALT

Vor einigen Monaten wurde das Comicheft „Conny & Covy“ von der Provinz Südtirol herausgegeben und den Schulen zur Verfügung gestellt. Darin werden die Schüler angehalten, die Sicherheitsmaßnahmen angesichts der Pandemie zu befolgen. Die Erziehung erfolgt nach dem Wenn-Dann-Prinzip, das vom alttestamentarischen Talionsgesetz bis hin zum Struwwlpeter als die goldene Regel europäischer Bildung galt: Wenn du dich falsch verhältst, so wirst du dafür büßen. Selbst die Väter der Pädagogik wie John Locke oder Montesquieu – sollten Sie sie nicht kennen: Es sind die Guten – waren der Meinung, dass Erziehung, genauso wie politische Führung ohne Strafen nicht auskomme. Dennoch entspricht diese Strategie nicht der Pädagogik, wie sie seit den 70er Jahren theoretisiert und häufig praktiziert wird. Doch dieser inzwischen ein halbes Jahrhundert alte liberale Vorstoß musste angesichts des Ernstfalls wiederum der älteren Pädagogik weichen.

Desgleichen geschieht in der Politik, wo der autoritäre Führungsstil ohne Widerrede als einzig gültige Lösung vorgestellt wird. In Ausnahmezuständen sollen eben keine Grundsatzdiskussionen geführt werden. Dabei erinnere man sich, dass auch Kaiser Augustus (gest. 14 n. Chr.) durch eine Ausnahmesituation die römische Republik wieder herzustellen versprach und stattdessen das Kaisertum begründete. Im Namen einer Ausnahmesituation konsolidierte auch Ludwig XIV. (gest. 1715) seine absolutistische Macht, indem er seine Expansionskriege jeweils in Form neuer Dekrete entschied und damit das Mitspracherecht des Adels erfolgreich und dauerhaft auflöste. Das soll nicht heißen, dass wir heute in einer Diktatur leben, allerdings, dass autoritärere politische Führung bald zur Normalität werden könnte.

Angesichts plötzlicher und heftiger sozialer Erschütterungen wird das bisher Bewährte konsolidiert, weshalb auch in Krisenzeiten stets die Regierungspartei an Zustimmung gewinnt. Die Union in Deutschland (CDU/CSU) hatte schon lange nicht mehr so viel Zustimmung von Seiten der Bevölkerung genossen wie heute.

DIE EINHEIT

Seit dem Beginn der Coronakrise wird die nationale Einheit intermittierend als höchstes Ziel beschworen – Italien zeichnet sich darin in besonderer Weise aus. Doch die Vorstellung der Einheit eines Volkes hat seit den Diktaturen des 20. Jahrhunderts etwas an Charme eingebüßt. Seit den 60er Jahren ist der Begriff der Einheit in der Philosophie und insgesamt in der europäischen Kultur ein rotes Tuch. Es gibt nicht mehr eine Fakultät für Literatur, sondern für Literaturen, keinen Raum, sondern Architektur-Räume, ja sogar keine Welt, sondern kulinarische Welten sowie Bücher- und andere Welten. Diese Mannigfaltigkeit ohne übergeordnete Einheit im Zeichen des Nominalismus hat paradoxerweise dessen ontologisches Sparsamkeitsprinzip (entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem) auf den Kopf gestellt und eine wundersame Vervielfältigung der Dinge, Kulturen und Disziplinen hervorgebracht. Begriffe wie différance, Fragment, Alterität und Kritik sind an die Stelle der Einheit getreten und gehören inzwischen zum Alphabet zeitgenössischer Kultursprache. Demgegenüber wird nun in der Krise sogar Hegels Rechtsphilosophie – Hegel gehört längst zum Index der verbotenen Denker – aus der Kiste geholt, um die Menschen zu einem frohgemuten und vernünftigen Befolgen der Sicherheitsmaßnahmen zu bewegen. Die systemkritische counter-culture wurde indes offiziell zu einer nicht systemrelevanten Tätigkeit deklariert. Man könnte auch behaupten, die Künstler wurden in ihrem Willen, nicht zum System zu gehören, ernst genommen. Während sie anfangs noch Pirouetten im Wohnzimmer drehten und auf der Waschmaschine sitzend Guitarre spielten, schweigen sie nun finster und strecken ihre Hand bittend in Richtung Staat aus.

MAITRES ET POSSESSEURS DE LA NATURE

Die Medizin hat im Auftrag der Politik dem Virus sprichwörtlich den Krieg erklärt. Die Kriegsrhetorik ist allenthalben zu vernehmen, nicht nur zwischen den Zeilen, sondern sie kommt offen und laut auch durch überzeugende Zivilisten mit Anstandsbauch wie A. Borelli zur Sprache. Von der der Gesundheitsfront zurückgekehrt werden die Veteranen im Kittel mit Applaus und Staatsinsignien beehrt. Die Militärgeschichte samt den unzähligen Sentenzen, die aus diesem Fundus zwecks Befruchtung abendländischer Weisheit gewonnen wurden – semper paratus, nemo me impune lacessit etc., sind seit dem Pazifismus der 70er Jahre etwas ins Hintertreffen geraten. Nun werden sie erneut ins Spiel gebracht. Die gesamte Unternehmung hat den Charakter einer militärischen Expedition. Die kongeniale frühneuzeitliche Auffassung des Menschen als Herrn und Meister der Natur (R. Descartes) wurde ebenso rehabilitiert. Man hatte noch vor knapp einem Jahr den Eindruck eine ganze Generation wollte mit der Natur gemeinsame Sache machen. Es wurde nicht mehr die Unterwerfung der Natur zugunsten der von Menschen gesetzten Zwecke angestrebt, sondern man träumte von einem taktvollen Miteinander. Die Sache ist vom Tisch, die Jugend geknebelt und angeblich soll es sogar einen Versuch gegeben haben die Heiligkeit des Franziskus postwendend aufzuheben, weil er den Tod seine Schwester nannte.

Dieser Kriegspositivismus findet in der Zahlenmystik des Nostradamus-Falk seine kongeniale Berichterstattung. Nachdem er nichts Relevantes vorhergesehen hat, produziert Herr Falk jetzt mit landesüblicher Retardierung in Südtirol im Dienste der EURAC Zahlen.

Es ist durchaus möglich, dass es sich bei alledem um ein vorübergehendes Phänomen handelt. Ja, es ist möglich.

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Kommentare

Bild des Benutzers Georg Lechner
Georg Lechner 09.11.2020, 19:39

Der gute Hegel war - mit Verlaub gesagt - ein großer Schwurbler vor dem Herrn. Er verstand sich auf wohlgesetzte Formulierungen, aber letztlich bleibt kaum etwas Greifbares übrig, wenn man der Sache auf den Zahn zu fühlen beginnt.
Die Kriegsrhetorik ist leider gang und gäbe, die "Qualitätsmedien" wie FAZ oder NZZ lassen keine kritische Distanz zu PESCO erkennen und Trumps Forderung nach Rüstungsanstrengungen der Europäer werden willfährig nachgebetet, so wenig man (zu Recht) sonst auch von Trump hält.

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