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Decolonising Minds
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Salto Afternoon

Keine friedliche Geschichte

In „Decolonising Minds“ setzten sich drei Schulklassen mit den Spuren der aggressiven italienischen faschistischen Kolonialisierung in Südtirol und Äthiopien auseinander.
Von
Bild des Benutzers Carla Pfeifer
Carla Pfeifer09.06.2021
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Das Projekt Decolonising Minds wurde von zwei Schulklassen aus dem Realgymnasium und dem Liceo Carducci in Bozen und einer Schulklasse der Miskaye Hizunan Medhanealem Monastery School aus Addis Ababa in Äthiopien mit Unterstützung der Lehrpersonen und von Fachkundigen erarbeitet. 

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Kritische Aufarbeitung: Cover der Broschüre, die von den Schüler*innen erarbeitet wurde / Quelle: Decolonising Minds

 

Wie bleiben historische Geschehnisse erhalten? Nicht nur als Listen aus Jahreszahlen und Fakten, sondern als Denkmäler, Statuen, Gebäude, Straßennamen, und vor allem als Erinnerungen der Menschen, als ein Teil der Kultur, die wir leben. Es ist wichtig, sich mit der Vergangenheit kritisch auseinanderzusetzten, denn sie kann uns viel über uns selbst erzählen.
In Decolonising Minds wird nicht nur die äthiopische Kolonialisierungsgeschichte und Äthiopien selbst präsentiert. Die Schüler haben in Fotoarchiven recherchiert und sich ihre eigenen Städte genau angesehen.

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Collage: Tourism as colonialism? / Tourismus als Kolonialismus? / Quelle: Decolonising Minds


In Bozen findet man viele Beispiele dafür, wie sehr der italienische Staat seine Siege in Afrika feierte, Straßennamen und Monumente erinnern an den militärischen Erfolg. Südtirol und damit vor allem Bozen sollte in einem sehr kurzen Zeitraum italianisiert werden, weshalb die Darstellung eines „großartigen“ italienischen Staates hier besonders stark gefördert wurde. Wie stark die Bevölkerung dagegen rebellierte, davon wissen wir noch heute sehr gut, erinnern wir uns doch an den Bombenanschlag auf das Siegesdenkmal am 1.Oktober 1987.
Fotos aus dem Fotoarchiv von Luis Leiter, einem Südtiroler, der selbst an den Kriegen in Äthiopien beteiligt war, zeigen uns verschiedene Aspekte des Krieges. Manche Szenen sind friedlich, andere zeigen hungernde Kinder und verstümmelte Leichen. Diese Bilder bringen uns die Geschehnisse, die ungefähr ein Jahrhundert zurückliegen, schrecklich nahe. 

...der italienische Kolonialismus ist nicht nur im Faschismus zu verorten: Er hat weder mit dem Faschismus begonnen, noch endete er damit. 

Auch in Addis Ababa haben die Schüler viele Beispiele gefunden, die an die Zeit der Kolonialisierung erinnern. Hier wirken die gewählten Beispiele aber weniger einseitig als jene in Bozen, in Addis Ababa findet man Monumente, die an die unschuldigen getöteten Zivilisten erinnern oder Patrioten und äthiopische Heerführer darstellen, aber auch ganze Plätze, die noch dastehen, wie sie von den Faschisten errichtet wurden.

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Kriegsspiele: War as a game of chess / Krieg als Schachspiel / Quelle: Decolonising Minds


Besonders in Italien herrscht wenig Bewusstsein für die eigene Vergangenheit als kolonialisierendes Land. Während viele Italiener das Bild einer wohlwollenden Kolonialisierung vor Augen haben, wurden in Wahrheit unzählige Zivilisten getötet und Giftgase eingesetzt. In diesem Punkt hat die faschistische Propaganda ganze Arbeit geleistet und das faschistische Italien als Befreier von der Primitivität und als Erbauer eines modernen Staates dargestellt. Doch der italienische Kolonialismus ist nicht nur im Faschismus zu verorten: Er hat weder mit dem Faschismus begonnen, noch endete er damit. 

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Reflektieren: Thoughts of the time / Die Gedanken der Zeit / Quelle: Decolonising Minds​​​​​​​


Das Projekt will sensibilisieren, einen Denkanstoß geben, damit nicht alles so hingenommen wird, wie wir es vorgesetzt bekommen.
​​​​​​​Kritisch zu reflektieren und nicht in unseren Vorurteilen und unserem Teilwissen faktische Wahrheit zu sehen, ist nicht einfach und verlangt einiges ab. Doch das ist es wert.

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Kommentare

Bild des Benutzers a richter
a richter 10.06.2021, 22:18

Ein korrektes Urteil ueber die Kolonialzeit (nicht nur die italienische...) steht noch aus. Viele junge afrikanische Historiker beschaeftigen sich damit
(sehr vieles war schlimm aber auch vieles wurde positiv angenommen)
Auf jeden Fall was nach der Kolonialzeit kam uebertraf diese an Grausamkeit 100 mal den schlimmsten Graziani. Denke and das Regime der Derg, Krieg im Ogaden, Unterdrueckung der Muslime, Befreiungskrieg Eritrea, und nicht zuletzt Genozid in Tigray

Glaube Parallelen mit Suedtirol kann man schwer ziehen

Bild des Benutzers pérvasion
pérvasion 11.06.2021, 16:14

Ich habe hier auf Grundlage der Abhandlung einer angesehenen Wissenschaftlerin vor einigen Wochen ein paar Dinge zu internen und externen Kolonien aufgeschrieben: https://www.brennerbasisdemokratie.eu/?p=64527

Bild des Benutzers Walter Kircher
Walter Kircher 11.06.2021, 08:32

Meine Hochachtung!
Ein Musterbeispiel wie wahrhaftige Geschichtsschreibung getan werden sollte!
- Um daraus zu lernen ...

Bild des Benutzers Walter Pichler
Walter Pichler 11.06.2021, 12:18

In meinen Augen ein schönes und wichtiges Projekt!

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