Eingeschränkt
Madita Hinger
Advertisement
Advertisement
Migration

Zuhause verlassen - ein neues finden

Was bedeutet es das alte Zuhause zu verlassen und ein neues zu finden?
Community-Beitrag von Madita Hinger10.01.2020
Bild des Benutzers Madita Hinger
Advertisement

Am 1. März 2019 bin ich in Bozen angereist, mit diesem Schritt kamen Veränderungen und Stärken in mein Leben von denen ich keine Ahnung hatte und mir wurde bewusst, was ein Zuhause für mich bedeutet.

Zum ersten Mal in Bozen, eine schöne kleine Stadt. Mit dickem Rucksack vom Bahnhof durch das gefüllte Zentrum bis zum Caritas Gebäude. Drei Etagen, die Treppen hoch in mein zukünftiges kleines Zimmer. Schnell ein Rundgang vom einem Büro zum nächsten, eine Begrüßung und ein Willkommen, auf Italienisch und auf Deutsch.

Die Arbeit fing an, ich habe meinen ersten Eindruck von meinem neuen Zuhause, meiner Arbeit und dem Wohnort gemacht. Überflutet, aufgeregt, gespannt und mit großem Interesse stieg ich in meinen neuen Lebensabschnitt ein. Mein Ziel war erreicht, ein langes Projekt im sozialem Bereich zu starten. Langsam konnte ich mir eine Übersicht verschaffen, mich einleben in mein neues Zuhause und neue Freundschaften schließen. Der Nebel der am Anfang vor meinen Augen war, löste sich auf und ließ mich alles sehen, wovon ich bis dann nur gehört hatte. Als meine Umgebung mir dann zur Gewohnheit wurde, begann ich mich auf kleine Details zu konzentrieren und nach und nach ließen sie mich vieles verstehen.

Sobald man seinen eigenen Weg geht und ihn individuell gestaltet, gehört man zur Minderheit.

Mit den Erfahrungen, mit denen ich hier ankam und mit den vielen neuen, die ich hier gemacht habe, entdecke ich neue Perspektiven von der Gesellschaft in der ich lebe und von mir selbst.

In diesen 10 Monaten änderte ich meine Definition vom Begriff „Zuhause“ öfters. Denn je länger ich hier bin, desto mehr Details werden mir wichtiger, um mich hier zuhause zu fühlen. Aber was ist eigentlich Zuhause für mich ? Schwierige Frage und auch noch jetzt habe ich keine klare Antwort darauf. Anfangs fühlte ich mich hier in Bozen sofort sehr wohl, weil ich nicht viel brauchte, ich war mit allem glücklich und sehr dankbar, was mir zu Verfügung stand. Mit der Zeit änderte sich das Gefühl, durch all diese vielen neuen Erfahrungen die ich gesammelt habe, so dass mein Wohlgefühl und das gefühlte neue Zuhause, mehr und mehr nachließ. Mehrere Erfahrungen erschweren mir, mich wieder so zu fühlen, wie am Anfang. Aber das bedeutet für mich nur eins, ich habe vieles gelernt über mich und meine Umgebung und was das beinhalten muss, damit ich sagen kann, das ist mein Zuhause.

Sehr wichtig ist für mich die Integration.

Doch zu viele negative Gedanken sind in den Köpfen der Menschen und so kümmert man sich lieber um sich selbst

Mit dem Begriff „Integration“ beschäftige ich mich viel und er begleitet mich schon mein Leben lang. Besonders wenn du deine gewohnte Umgebung verlässt und dich in einer fremden niederlässt, wird dir bewusst, was Integration bedeutet und was alles dazu gehört. Weil alles stets in Veränderung ist, ist man immer dabei, sich neu zu integrieren.

Leider ist die gegenseitige Unterstützung außer unter Menschen die sich bereits kennen sehr schwach und die Ausgrenzung umso stärker. Viele haben eine Angst die unsichtbare Grenze zu überschreiten und sich auf eine fremde Ebene zu begeben, um sich weiter zu entwickeln, außerhalb des Stromes der Mehrheit. Denn da liegt das Unbekannte. Ich lernte, wenn man sich dagegenstellt und Freundlichkeit an jeden weiter schenkt, entstehen Lächeln auf den Gesichtern und man fühlt sich nicht mehr allein. Das Vertrauen und der Glaube an sich selbst, wachsen und eine Sicherheit entsteht zu seinen Mitmenschen bis hin zu Geborgenheit die jeder braucht. Man respektiert sich gegenseitig und zeigt Stärke gegenüber Erniedrigungen.

Die Offenheit kommt dann schon von allein.

Doch zu viele negative Gedanken sind in den Köpfen der Menschen und so kümmert man sich lieber um sich selbst, als aufmerksam mit offenen Augen und Ohren durch die Welt zu gehen.

Lieber bleibt man in seiner gewohnten Umgebung, weil weiter weg ist es ja nicht sicher für einen, so denken leider viele und verpassen zu entdecken, was eigentlich alles in ihnen steckt. Alles Fremde schreckt einen ab und es werden viele Vorurteile produziert, denn sein eigenes Leben ist das wichtigste und so muss man sich als einzelner Mensch durchkämpfen, was dazu führt, dass man sich ganz alleine auf der Welt unter Milliarden von Menschen fühlt.

In meinem Lebensweg stoße ich immer wieder darauf, dass ich mich zu den Minderheiten zählen kann, weil das meine Richtung meinem Lebensweg ist und umso mehr meine Persönlichkeit stärkt. Es fängt damit an, dass ich in Luxemburg geboren bin. Ein sehr kleines Land, das viele nicht kennen. Also werde ich weiterhin jedes Mal erklären müssen, wo sich mein Heimatland befindet, wenn ich neue Leute kennen lerne. Da ich als Praktikantin bei Caritas und später als Freiwillige bei Young Caritas in Luxemburg angefangen habe und jetzt hier in Bozen bin und ein Langzeitprojekt bei Young Caritas mache, dachte ich mir, jetzt wüsste jeder Bescheid, wenn ich sage, dass ich bei der Organisation Caritas einen europäischen Freiwilligendienst absolviere. Aber nein, wie überrascht war ich, dass ich verwirrte Gesichter sah, die von der internationalen Organisation Caritas noch nie etwas gehört haben. So möchte ich umso mehr Projekte und Aktionen unterstützen, mich beteiligen und selbst entwerfen, damit die Menschen wissen, wofür Caritas sich einsetzt und was sie verändern kann. So wie viele andere Organisationen die kämpfen müssen für ihre Aufmerksamkeit und Unterstützung. Jede einzelne Person muss mit anpacken, damit wir wieder eine heile Welt schaffen können.

Advertisement
Advertisement

Kommentar schreiben

Kommentare

Bild des Benutzers Sepp Bacher
Sepp Bacher 10.01.2020, 14:21

Interessant, dass Sie aus Luxemburg kommen! Es gibt viele Parallelen:
Südtirol ist zwar flächenmäßig dreimal so groß, hat aber um ca. 100.000 Einwohner weniger. In beiden Ländern gibt es drei offizielle Amtssprachen, wobei bei Ihnen zu Hause das Luxemburgische, das mit dem Deutschen sehr verwandt ist, den größten Anteil ausmacht. Bei uns sind auch wie deutschsprachigen Südtiroler, die wir zwar auch einen Dialekt sprechen, der aber nicht als eigene Sprache gilt, deutlich in der Mehrzahl.
Also jeweils eine kleines Volk, mit meistens hohem Lebensstandard mit einem Sprach-Mischmasch und zusätzlich noch eine beträchtliche Anzahl Immigranten. Und doch ist es für Sie, so anders. Muss ja nicht immer neue Heimat sein!

Bild des Benutzers Georg Lechner
Georg Lechner 10.01.2020, 16:54

Die Erfahrung, ein "Exot" zu sein, ist mir auch vertraut. In der Volksschule war ich einer der wenigen, die nicht im Kindergarten gewesen waren (meine Eltern hätten mit Hinbringen und Abholen vier Stunden am Tag zu tun gehabt). Auch später galt es öfter, mich mit neuen Situationen auseinanderzusetzen, so absolvierte ich mit 55 und mit 60 noch berufliche Weiterqualifikationsschulungen. So wie Sie schätze ich mittlerweile auch den Erfahrungshorizont, der sich mir damit erschlossen hat.
Mittlerweile fühle ich mich an jedem Ort zuhause (auch an Urlaubsorten), den ich mir durch Spaziergänge in der Umgebung vertraut gemacht habe.

Advertisement
Advertisement
Advertisement