Kulturzeitschrift ARUNDA, Dr. Hans Wielander - Schlanders, 1998

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Aus der Norm

Die Arunda Nr. 47 aus dem Jahr 1998 behandelt ein eher schwieriges Thema. Sie fragt sich: Was ist normal? Sie gibt sich schließlich den Titel „Aus der Norm„
Community-Beitrag von Sebastian Felderer29.08.2015
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Dem Menschen

wird von der Tradition

seiner Kultur vorgeschrieben,

was er lernt und wie er lernt.

Vor allem aber werden ihm

scharfe Grenzen dessen gezogen,

was er nicht lernen darf.

 

Konrad Lorenz

 

 

…. und ein Nachruf von Hartmann Hinterhuber

 

„ES ist geschehen“, schreibt Primo Levi, „folglich kann ES wieder geschehen“.

ES geschieht heute wieder an vielen Kriegsschauplätzen dieser Welt: auch dort werden psychiatrische Großkrankenhäuser „geleert“, um anderen Zwecken zugeführt zu werden. Sie werden „geleert“ wie vor 50 Jahren durch Hunger und systematische Vernachlässigung, durch gezielte Tötungen und Massenexekutionen.

Am Beginn der 60er Jahre schrieb John F, Kennedy: „Psychische Kranke dürfen nicht länger durch das Einsetzen von Kommissionen und Unterkommissionen vertröstet werden, die Not und das Elend hunderttausender von Menschen fordern eine Entscheidung, heute, sofort. Diesen Mitbürgern dürfen Grundrechte nicht vorenthalten werden, wenn der Staat die Achtung vor sich selbst nicht verlieren will.“

Diese Worte, vor knapp 35 Jahren formuliert, haben große Aktualität. Psychische Störungen sind immer noch mit einem hohen Risiko mangelhafter Behandlung und unzureichender Unterstützung während der Krankheit selbst sowie mit sozialer Benachteiligung und Randständigkeit nach deren Abklingen verbunden.

Der Standard der psychiatrischen Versorgung auch in unserem Lande kontrastiert sehr stark mit der hohen Entwicklungsstufe der psychiatrischen Wissenschaft: Immer noch kommen nur ein Bruchteil der Betroffenen in den Genuss der sich heute bietenden Möglichkeiten.

Es gab nur wenige Menschen, die sich nach 1945 auch in Südtirol und in Österreich an der Vernachlässigung psychisch Kranker und an unmenschlichen Verhaltensweisen in Krankenanstalten skandalisierten und für einen Teil ihrer Vorhaben die Unterstützung aufgeschlossener Vertreter aus Politik und Verwaltung gewannen.

Über viele Jahre war gerade der von Nationalsozialisten verübte tausendfache Mord an psychisch Kranken und Behinderten verantwortlich für die Stagnation der psychiatrischen Dienste, da durch das Verschwinden der Kranken das Problem als inexistent empfunden wurde. Der wirtschaftliche Wiederaufbau und die Stabilisierung demokratischer Verhältnisse waren die vorherrschenden Themen der Nachkriegszeit, die wenig Platz für die Anliegen von Randgruppen ließen, auch dann, oder erst recht, wenn diese Opfer nationalsozialistischer Verfolgung gewesen waren.

Die Darstellung des dunkelsten Kapitels des Umgangs mit Kranken, Behinderten und Randgruppenangehörigen eröffnet Einblick in Abgründe menschlichen Verhaltens , in Terror und kollektive Fanatisierung, in Unmenschlichkeit und Verrohung. Es werden aber auch Menschen sichtbar, die sich dieser brutalen Zeit mit Herz, Verstand und Mut unbeirrbar ihrer humanitären Aufgabe verschrieben haben, bei der sie nicht nur keinen Dank erhoffen konnten, sondern sich selbst in große Gefahr brachten.

Die Beschäftigung mit der Vergangenheit, das Studium der Geschichte und die Darstellung des Wahnsinns einer Epoche gewinnt nur dann einen tieferen Sinn, wenn Fehlentwicklungen geortet und die Weichen für eine bessere Zukunft gestellt werden, die ein Mehr an Frieden, Versöhnung, Toleranz, insgesamt ein mehr an Menschlichkeit beinhaltet.

Vergangenheitsbewältigung ist Zukunftsbewältigung oder sie verliert sich in leeren Schuldzuweisungen an andere. Die Vergangenheitsbewältigung führt somit auch zu Wahrheit und Aufmerksamkeit gegenüber menschenverachtender Strömungen der Zeit.

 

umdrehung

 

gegen den uhrzeigersinn

läuft ein schattenriss,

geht das ich seinen hohlweg,

hinein in den wald

 

über die holzwege

führen verschollen wege,

fällt licht ab von der sonnenuhr,

sprache in die baumnadeln

 

doch eine sirene

riss beichtstühle auf,

liefen sünden mit langen schritten

hinaus ins laub

 

nur der kirchturmgockel

drehte sich im wind

und krah schrie die krähe

aus der ackerfurche

 

Markus Ausserhofer

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