Julia Psenner
Salto.bz
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salto Gespräch

“Man kann es eh nie allen recht machen”

Julia Psenner hat ihren Weg gefunden und begleitet nun junge Menschen auf dem ihren. Ein Gespräch über Authentizität, Mädchen und ihre Vorbilder und Frauensolidarität.
Von
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Lisa Maria Gasser11.10.2020
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Früher hat sie sich als Außenseiterin gefühlt, heute ist Julia Psenner Schulsozialpädagogin, Fotomodel und Gemeinderätin in Eppan. Außerdem sitzt sie im Vorstand des Eppaner Jugend- und Kulturtreffs Jump. Am Weltmädchentag, der am heutigen 11. Oktober begangen wird, hat die 32-Jährige zwei Botschaften für junge Frauen.


salto.bz: Frau Psenner, wie werden Sie von anderen Menschen wahrgenommen?

Julia Psenner: Ich habe erst heute darüber nachgedacht, weil wir im Rahmen eines Mädchenprojekts über Außenseiter-Sein gesprochen haben. In der Mittelschule war ich sehr sehr schüchtern, eine graue Maus, an die sich heute niemand erinnern kann. Zwischen Mittel- und Oberschule wurde mir bewusst, dass ich nirgendwo richtig dazupasse, mich nie wirklich am richtigen Ort fühle. Irgendwann gab es einen Moment, an dem ich mir gedacht habe, wenn ich schon Außenseiterin bin und sowieso nicht dazupasse, dann ist es egal, wenn ich auch optisch nicht dazupasse und mein Ding durchziehe. Ich habe es nicht geschafft, mich an Vorstellungen von außen anzupassen – ob es sie nun tatsächlich gab oder die ich mir vielleicht auch selbst eingeredet habe – und so habe ich mir gesagt, ok, ich mache einfach das, worauf ich Lust habe. Denn man kann es ohnehin nie allen recht machen. Und was mir in letzter Zeit aufgefallen ist: Seit ich meine Haare blau gefärbt habe, reagieren sehr viele Leute positiv.

Wie merken Sie das?

Auf der Straße, beim Einkaufen, egal wo, sprechen mich Leute an und meinen: “Hast du eine tolle Haarfarbe!”, “Toll, dass du dich traust!” Das ist eine ganz neue Erfahrung für mich, weil ich mir das überhaupt nicht erwartet habe. Ich hatte mir gedacht, dass es mit bunten Haaren in Südtirol möglicherweise ein paar Schwierigkeiten geben könnte. Aber im Gegenteil.

Wenn Sie in den Spiegel schauen, was sehen Sie, wen sehen Sie?

Ich war schon als kleines Kind von Menschen fasziniert, die etwas alternativ waren, mit farbigen Haaren, Tätowierungen. Wenn ich heute in den Spiegel schaue, denke ich mir: Ich bin genau die Person, die ich eigentlich immer sein wollte. Würde ich als Kind mich treffen, würde ich mir denken: Boah, ist die toll. Dass ich das sagen kann, ist ein gutes Gefühl. Es war nicht immer leicht, aber es ist toll, dass ich jetzt in den Spiegel schauen kann und mich genau so sehe, wie ich immer sein wollte.

Mädchen schlucken ganz viel runter, passen sich an, versuchen, nicht aufzufallen, sind stiller

Bis Sie den den Schritt gewagt, Sie selbst zu sein, hat es einige Zeit gebraucht. Wie einfach fällt es insbesondere jungen Menschen, zu verstehen, wer sie eigentlich sind und sich dann auch so anzunehmen?

Ich glaube, das ist ganz schwierig und dass es dafür eine sehr gute Basis braucht. Die Pubertät, das Alter, in dem man beginnt, sich damit auseinanderzusetzen, wer ich eigentlich bin, ist für alle ein einschneidender Moment. Oft auch ein Krisenmoment, wo man auch einmal alles in Frage stellt. In dieser Phase merkt man häufig auch, welche Basis man mitgekriegt hat. Was habe ich von daheim, von meiner Familie von kleinauf mitbekommen? Das ist etwas, an das man sich oft nicht bewusst erinnern kann, sondern eine grundsätzliche Haltung, die Menschen, die einen umgeben, dir entgegenbringen. Wenn man in einem wertschätzenden Umfeld aufwächst und das Gefühl hat, wichtig und wertvoll zu sein, wird man seinen Weg so oder so machen; man stolpert vielleicht ein paar Mal, aber im Großen und Ganzen kriegt man dadurch die Resilienz, die man braucht, um auch mit späteren Krisen gut umgehen zu können.

Wie können Sie als Schulsozialpädagogin junge Menschen auf diesem Weg, auf dieser Suche nach sich selbst, begleiten?

Eine Uni-Professorin hat einmal etwas ganz Tolles gesagt: Mit kleinen Kindern, in Kindergarten und Grundschule, ist es oft ganz schwierig, denn deren wichtigste Bezugspersonen sind die Eltern, das nahe Umfeld. Da habe ich begrenzte Möglichkeit, einzuwirken. Im Jugendalter hingegen zieht es die Heranwachsenden eh schon etwas weg von den Eltern, sie wollen andere Identifikationsmodelle und Personen finden, die zu Bezugspersonen werden. Insofern hat man da auch die Möglichkeit, diese Rolle einzunehmen. Ganz ganz wichtig ist, was man vorlebt. Das ist das Um und Auf – dass ich nicht irgendetwas tue, hinter dem ich nicht zu 100 Prozent stehe. Ich werde in der Arbeit mit Jugendlichen nie etwas sagen oder tun, von dem ich nicht überzeugt bin. Für mich geht es in der Arbeit – sei es mit Mädchen als auch mit Buben – ganz viel darum, zu schauen, wo liegen ihre Stärken, ihre Fähigkeiten, ihre Schätze vergraben und wie kann man die herausholen und fördern. Zugleich geht es mir darum, gerade in einem sehr leistungsorientierten Umfeld wie der Schule, auch Momente zu bieten, wo es nur darum geht, Spaß zu haben, loszulassen, zu lachen, zu ratschen. Sich hinsetzen und über Gott und die Welt reden, einfach da sein und zuhören.

Julia Psenner
“Toll, dass du dich traust!”: ein Satz, den Julia Psenner öfters hört, seit sie sich ihre Haare blau gefärbt hat

 

Gehen Mädchen und Buben in der Phase der Pubertät unterschiedlich mit den einhergehenden Zweifeln und Krisenmomenten um?

Was ich in der Schule ganz stark merke ist, dass Mädchen ganz viel runterschlucken, sich anpassen, versuchen, nicht aufzufallen, stiller sind. Buben werden oft laut und aggressiv und man schaut deswegen eher hin – weil man merkt, der stört. Bei Mädchen ist oft leider das Gegenteil der Fall. Die Aggressionen, die sie ja auch entwickeln, richten sie oft gegen sich selbst oder sie unterdrücken sie. Weil sie das oft nicht gelernt haben, nie eine Möglichkeit gefunden haben, Gefühle rauszulassen und deshalb oft erst viel später wirklich auffallen. Das ist schade und es besteht die große Gefahr, dass man nicht rechtzeitig merkt, dass es einem Mädchen schlecht geht. Weil sie oft sehr angepasst sind, sehr ruhig.

Warum ist das so?

Ich bin davon überzeugt, dass es damit zusammenhängt, wie wir sozialisiert werden, wie wir aufwachsen. Wenn Buben laut sind, schreien, rennen, auch mal grober sind, ist das eher akzeptiert – “Buben sind halt so”. Bei Mädchen ist es immer noch bzw. wieder vermehrt so, dass von ihnen eher erwartet wird, brav, ruhig, vernünftig zu sein. Das wird auch in den sozialen Medien vermittelt, von den Vorbildern, die Jugendliche auf Instagram, Youtube & Co. haben. Dazu gibt es interessante Studien, die zeigen, dass bei weiblichen Vorbildern immer mehr in die Richtung 50er-Jahre-Frau geht: Es geht um den Haushalt, kochen, schminken – also Sachen, die “ganz nett” sind –, aber weniger darum, auch einmal auf den Putz hauen, lauter zu sein, auch einmal etwas Groberes oder Aggressiveres zu machen.

Hängt das damit zusammen, dass man als Mädchen riskiert, für ein rebellischeres Verhalten kritisiert, nicht akzeptiert oder ausgeschlossen zu werden?

Ja, auf jeden Fall. Wenn man merkt, dass man nicht den Vorstellungen entspricht, passt man sich entweder an und verliert dadurch auch gewissermaßen den Bezug zu sich selbst, oder man setzt sich durch. Das äußert sich dann allerdings bei manchen in einem übertriebenen Verhalten.

Vielleicht sind wir nicht immer das, was man sich vielleicht erwartet, die ungeschminkte, rohe Fassung

Stichwort Vorbilder: An wem orientieren sich Mädchen und junge Frauen heute?

Vorbilder gibt es stark in den Medien – Influencer und Influencerinnen, also “Beeinflusser” wie man nicht umsonst so schön sagt. An diesen orientieren sich Mädchen stark, sie sind gewissermaßen die neuen Helden und Heldinnen. Sowohl auf Instagram als auch auf Youtube.

Es gibt Initiativen, bei denen bekannte Persönlichkeiten und Influencer zu vermitteln versuchen, dass in den sozialen Medien viel Fassade, gestellt, manipuliert ist und für mehr Realität und weniger Sich-Vergleichen plädieren. Unter anderem dadurch, dass sie ihren Körper so zeigen, wie er ist, ohne Filter oder Nachbearbeitung. Kann das Mädchen und junge Frauen positiv beeinflussen, sich so zu akzeptieren, wie sie sind?

Ich denke schon. Ich habe mir selbst einen Instagram-Account eingerichtet. Dort kann man seinen Account zum Glück so gestalten, wie man möchte und gezielt aussuchen, wem und welchen Hashtags man folgt. Dadurch kann man sehr empowernde und positive Botschaften empfangen. Die Gefahr ist aber, dass es eben trotzdem immer körperlich bleibt. Wenn ich Bilder von mir mache und verbreite, geht es immer ums Ausschauen – egal ob mit oder ohne Filter. Es geht immer mehr um den Blick von außen auf jemanden und nicht so sehr darum, wie es einem innen drin geht.

Sie sind selbst als Fotomodel tätig. Wie ist es dazu gekommen?

Eine gute Freundin hat mich und andere gefragt, ob wir Lust hätten für ihre Maturarbeit an der Grafikschule zu posieren. Das hat mir solchen Spaß gemacht, dass ich beschlossen habe, das fortzuführen. Ich habe mich als Kind immer schon gern verkleidet, verwandelt. Unsere Verkleidungskiste mit Tüchern, Stoffen, alten Kleidern war das Lieblingsspielzeug von mir und meiner Schwester. In den Fotoshootings kann ich das ausleben, ich kann mir überlegen: Wer will ich sein, welche Rolle, die ich mit den vielen Eigenschaften, die jeder Mensch hat, in mir habe, will ich heute verkörpern und nach außen tragen? Für mich sind die Fotoshootings eine Gelegenheit, mich zu fragen, wie ich mich fühle, was kommt von innen und was will ich nach außen zeigen.

Die Weltherrschaft will ich jetzt nicht (lacht), aber die 50 Prozent davon, die uns zustehen

Zugleich könnte man behaupten, Sie wollen sich verstecken, etwas vormachen, sich eben nicht so zeigen, wie Sie sind.

Ich habe zuletzt einen sehr tollen Podcast gehört – morgana von Michela Murgia – über historische und zeitgenössische Frauenfiguren, die unangepasst waren. In einer Folge ging es um Authentizität. Die Aussage dabei war: Am Authentischsten ist man, wenn man sich so gibt und auch verkleidet und schminkt, wie man eigentlich ist. Also ich drehe das um: Das Schminken und das sich Anziehen versteckt nicht etwas, sondern bringt das hervor, was man eigentlich ist, indem man sich immer wieder neu erfindet. Denn vielleicht sind wir nicht immer das, was man sich vielleicht erwartet, die ungeschminkte, rohe Fassung. Sondern vielleicht gibt es von uns einfach viele verschiedene Variationen und Versionen – und manchmal braucht es Kleidung und Make-Up, um noch einmal mehr der Mensch zu sein, der man in dem Moment ist.

Wissen die Schülerinnen und Schüler von Ihren Fotoshootingsn? Was sagen sie dazu?

Das ist herausgekommen als ich in der Straßenzeitung zebra. erschienen bin und nach einem Fotoshooting mit den Krampussen von Lana. Ich denke, es wäre schwieriger, wenn ich eine Lehrperson wäre, da würde ich mehr kritisiert werden. Aber die Schüler sehen mich nicht als Lehrperson, ich habe doch eine etwas andere Rolle, und dann passt das auch. Ich verstecke die Fotos auch nicht, überlege mir aber sehr wohl, wenn ich eine Anfrage von Jugendlichen oder Schülerinnen und Schüler auf Instagram sehe, ob ich sie annehme. Das hängt stark davon ab, wie gut mein Bezug zu der individuellen Person ist, inwieweit ich glaube, dass das für sie in Ordnung geht oder ob es nicht eine Überforderung ist, wenn sie meine Bilder sieht oder sich nicht mehr auskennt und nicht mehr weiß, wie sie mit mir reden soll.

Julia Psenner
“Man kann es eh nicht allen recht machen, deshalt mach dein Ding anstatt dich einzuschränken”: die Botschaft von Julia Psenner – der Satz auf dem Foto ziert ihr Arbeitszimmer in der Mittelschule Eppan

 

Neben Ihrer Rolle in der Schule und in der Jugendarbeit haben Sie seit Kurzem eine weitere: Sie wurden in den Gemeinderat von Eppan gewählt. Angesichts der Tatsache, dass immer wieder bemängelt wird, dass Frauen entweder kein Interesse haben, sich politisch zu betätigen oder nicht genug Sichtbarkeit erhalten: Was hat Sie dazu bewogen, zu kandidieren?

Meine Mama hat immer gesagt, ich soll in die Politik gehen. Persönlich habe ich ehrlich gesagt lange gedacht, Politik interessiert mich nicht, mir kam das immer so theoretisch und trocken vor. Aber es hat mich dann eine Frau dazu bewogen, Greta Klotz, die selbst voll engagiert ist. Der Schwung und die Energie, die sie in die Politik steckt, hat mich angesteckt. Die Erfahrung, die ich jetzt zum Glück habe machen können, ist, dass es ganz ganz wichtig ist, dass wir Frauen uns untereinander noch mehr vernetzen. Es ist fundamental, dass wir uns vernetzen, solidarisch miteinander sind, gegenseitig unterstützen. Das aber ist ganz schwierig. Ein Arbeitskollege an der Schule hat einmal gesagt: “Wenn ihr Frauen euch ein bisschen mehr zusammentun und weniger gegeneinander arbeiten würdet, ihr würdet die Weltherrschaft übernehmen. Warum funktioniert das nicht zwischen den Frauen?” Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es effektiv stimmt, was er gesagt hat. Also die Weltherrschaft will ich jetzt nicht (lacht), aber die 50 Prozent davon, die uns zustehen.

Zur fehlenden Vernetzung kommt, dass Frauen ganz oft von anderen Frauen am heftigsten – für ihr Aussehen, ihre Arbeit – kritisiert oder angegriffen werden, auch in den Kommentarspalten in den sozialen Medien. Wie erklären Sie sich das?

Die Frage nach dem Warum das so ist, stelle ich mir auch schon lange und habe die Antwort darauf noch nicht gefunden. Wir haben untereinander oft ein starkes Konkurrenzdenken, von dem man sich fragt, wo das herkommt. Ich glaube schon – das ist eine Theorie –, dass das ganz viel mit den Bildern zusammenhängt, die wir in den Medien und vor allem in Filmen vermittelt bekommen.

Inwiefern?

Es gibt den Bechdel-Test, mit dem Stereotypisierungen weiblicher Figuren in Spielfilmen aufgedeckt werden. Das Prinzip ist ganz einfach – ein Film besteht den Bechdel-Test, wenn drei Fragen mit Ja beantwortet werden können: Kommen mindestens zwei weibliche sprechende Personen vor? Sprechen die beiden Frauen miteinander? Unterhalten sie sich über etwas anderes als Männer? Unglaublich viele Filme bestehen den Test nicht. Ich habe begonnen, auch bei Büchern, die ich lese, im Hinterkopf zu überlegen, ob dieses Buch den Test besteht. Tatsächlich wäre es ganz selten der Fall, auch bei Büchern von weiblichen Autoren. Es kommen oft zwar mehrere Frauen vor, die aber nie wirklich ein Gespräch miteinander führen oder sich austauschen. Meine Überlegung dazu ist: Dass wir das so unterschwellig ständig mitkriegen, prägt einen – dass du als Frau oder Mädchen kaum einmal Bilder von Frauen oder Mädchen siehst, die sich unterhalten, auch einmal über etwas anderes sprechen als Männer oder darüber, wie schwierig es manchmal als Frau oder Mädchen ist. In ganz vielen Filmen und Serien werden Frauen gerne als Konkurrentinnen dargestellt und ganz wenig Solidarität vermittelt. Ich glaube, dass Filme und Bücher sehr großen Einfluss nehmen.

Es ist toll, dass ich jetzt in den Spiegel schauen kann und mich genau so sehe, wie ich immer sein wollte

Würden Sie von sich sagen, Feministin zu sein?

Ja, auf jeden Fall.

Was macht für Sie das Feministisch-Sein aus?

Ich bin überzeugt, dass es wichtig ist und es unser aller Ziel sein sollte, dass alle gleichberechtigt sind. Und zwar über den Feminismus hinaus, ob es jetzt um Menschen mit Beeinträchtigung, um verschiedene ethnische Zugehörigkeiten oder anderes geht. Das Ziel sollte Gleichberechtigung für alle sein und nicht, im konkreten Fall aufgrund des Geschlechts, Nachteile erfahren.

Ist Ihnen das schon einmal passiert?

Es gibt weiterhin Sexismus in der Gesellschaft. Frauen kriegen Kommentare ab, die einfach jedes Mal unter die Gürtellinie gehen. Oder schon allein die Tatsache, dass ich das Gefühl habe, ich kann abends oder nachts nicht alleine nach Hause oder ausgehen ohne mir nicht vorher schon überlegen zu müssen, wie ich heimkomme, wen treffe ich, wo sind meine Ansprechspunkte falls etwas sein sollte, ist eine extreme Einschränkung.

Wenn man sich Ihren persönlichen Werdegang ansieht, hat man den Eindruck, es bewegt sich etwas in Sachen weiblicher Selbstbehauptung und -akzeptanz. Andererseits bleibt auf gesellschaftlicher Ebene noch viel zu tun, zu sensibilisieren. Wie thematisieren Sie Frauenbilder, Frauenrollen, Stereotypisierung mit Ihren Schülerinnen und Schülern?

Das große Problem ist, dass es meist einfach nicht bewusst ist. Bei uns an der Mittelschule bin ich eine Schulsozialpädagogin für 370 Schüler, dazu kommen jene der beiden Grundschulen. Ich biete zwar Projekte an, aber für mich alleine ist es etwas viel. Einige Lehrpersonen sind sehr sensibel für diese Thematik und bringen sie auch im Unterricht ein. Aber ich glaube es geht weniger darum, ein Mal mit einem Projekt zu sensibilisieren, sondern darum, das Thema immer wieder zu bringen. Die mangelnde Gleichberechtigung, Sichtbarkeit und Thematisierung von Frauen sollte etwas sein, das man immer wieder bespricht und nicht einmal darüber sprechen und dann gleich weitermachen und nichts ändern. Es geht um eine Grundhaltung, die man immer wieder einbringen und für die man sich auch immer wieder selbst reflektieren muss. Gerade in einem so großen Betrieb wie der Schule muss diese Haltung etwas sein, das von der gesamten Schule getragen wird und an der man gemeinsam weiterarbeitet.

Welche Botschaft richten Sie am Internationalen Mädchentag an Mädchen und junge Frauen, die ihren Weg noch nicht gefunden haben oder sich nicht trauen, ihn zu gehen?

Ich habe zwei kleine Botschaften. Einerseits: Man kann es eh nicht allen recht machen, dann ist es gescheiter, gleich das zu machen, worauf man Lust hat oder von dem man überzeugt ist, als sich einzuschränken. Und zweitens: Man sollte sich andere Mädchen suchen, die mit einem gemeinsam den Weg machen; denn zusammen ist es leichter.

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Kommentare

Bild des Benutzers Lollo Rosso
Lollo Rosso 11.10.2020, 21:17

Schönes Interview! Solche Frauen braucht das Land!

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Karl Trojer 12.10.2020, 10:44

Der Frau Psenner besten Dank für diesen Beitrag !
Und "...denn zusammen ist es leichter"... ja, dann könnte sich Vieles zum Guten wenden !

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