"Tag der Ehre" 2020
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Rechtsextrem

Der Gemeinderat und die SS

75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz gedenkt Andrea Bonazza nicht der Opfer, sondern der Täter. Bei einem Neonazi-Aufmarsch in Budapest.
Von
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Lisa Maria Gasser12.02.2020
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Wir schreiben das Jahr 2020. Die ganze Welt gedenkt der Opfer des Holocaust, der 75 Jahre, die seit der Befreiung des Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau vergangen sind, und sagt sich “Nie wieder!”. Die ganze Welt? Nein. Einige gefährliche Geschichtsverdreher ziehen es vor, die gefallenen Soldaten der Nazi-Terrororganisation SS zu erinnern, jene, die für die Opfer des Holocaust maßgeblich verantwortlich sind. Mittendrin: ein Vertreter des Gemeinderats von Bozen.

 

Gedenken an Gräueltäter

 

Im Bozner Rathaus ist Andrea Bonazza seit der Ankündigung seiner Partei, sich als solche aufzulösen, kaum mehr aktiv. Doch abseits des institutionellen Politiktreibens ist der “coordinatore regionale” der selbsterklärten “Faschisten des 3. Jahrtausends” von CasaPound rührig wie eh und je – weit über die Landesgrenzen hinaus. Das ist auch den Beobachtern des “Tag der Ehre” nicht verborgen geblieben. Jedes Jahr pilgern hunderte Neonazis und Rechtsextreme aus ganz Europa dafür nach Budapest. Es ist eine gruselige “Gedenkveranstaltung”, um die Mitglieder der Waffen-SS und die ungarischen Soldaten, die an ihrer Seite kämpften, zu feiern. Diese hatten sich vor 75 Jahren, am 11. Februar 1945, an einem aussichtslosen Gemetzel gegen die vorrückenden russischen Streitkräfte beteiligt. Zehntausende Soldaten der Waffen-SS und der Wehrmacht waren daran beteiligt. Insgesamt rund 150.000 Menschen kamen in den letzten Kriegstagen ums Leben.

Mit dem “Day of Honour”/“Tag der Ehre” und dem anschließenden “March of Honour”, einem “Marsch der Ehre” lädt der ungarische Ableger des rechtsextremen Netzwerks “Blood and Honour” seit Jahren am zweiten Februarwochenende nach Ungarn. Und die Neonazis kommen zu Hunderten: aus allen Himmelsrichtungen, mit Hakenkreuzen, SS-Runen oder dem Symbol der ungarischen Pfeilkreuzler, die mit Nazi-Deutschland kollaborierten – zum Teil gekleidet in historische Uniformen der faschistischen Armeen und mit Waffen, von denen nicht immer sicher gesagt werden kann, ob es Imitate sind.

"Tag der Ehre" 2020
Anderswo verboten: Teilnehmer des "Marschs der Ehre" 2020, teilweise in SS-Uniformen gekleidet (Fotos: Twitter/Presseservice Wien)

 

Besonderes Highlight: An jeder Etappe des “Marschs der Ehre” erhalten die Teilnehmer einen Stempel für die zurückgelegte Strecke – mit nationalsozialistischen oder ungaro-faschistischen Emblemen:

"Tag der Ehre" 2020
(Fotos: Twitter/Presseservice Wien)

 

Bozner Beteiligung

 

Ob auch Andrea Bonazza fleißig Stempel gesammelt hat? Der CasaPound-Gemeinderat in Bozen war jedenfalls am vergangenen Samstag (8. Februar) beim “Tag der Ehre” in Budapest. “In Erinnerung an die jungen Ungarn, die gegen die kommunistische Invasion der Roten Armee gefallen sind”, schreibt er stolz auf Twitter und Instagram:

Bonazza in Budapest
Kranzniederlegung von Faschisten aus ganz Europa: vor dem Denkmal “WWI. Mountain Riflemen Memorial” im Városmajor-Park gedachte auch Andrea Bonazza der Täter des Holocaust (Screenshot: Twitter)

 

Mehrere Fotografen, die den Aufmarsch der hunderten Rechtsextremen am Samstag begleitet und dokumentiert haben, haben auch Andrea Bonazza eingefangen.

"Tag der Ehre" 2020
Vor einem Kreuz mit der Aufschrift "Budapest 1945" und einem Helm der Nazi-Streitkräfte: Andrea Bonazza (2.v.r. mit Glatze und grüner Jacke) am 8. Februar beim "Tag der Ehre" in Budapest (Foto: recherche-nord)

 

Da steht ein demokratisch gewählter Volksvertreter der Südtiroler Landeshauptstadt und hat keine Scheu davor, seine antidemokratische Gesinnung offen zur Schau zu stellen – auf einer mehr als dubiosen “Gedenkveranstaltung”, bei der immer wieder unverhohlen gegen Juden gehetzt, der Hitlergruß gezeigt und Reden mit Zitaten von Adolf Hitler geschwungen werden, wie das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus aufzeigt. Alles von den Behörden autorisiert – ein Gericht hatte ein zuvor erlassenes polizeiliches Verbot mit Verweis auf die Versammlungsfreiheit aufgehoben.

Neben Bonazza stehen übrigens die Mitglieder der “Green Arrows” – eine Bozner Hardcoreband, die CasaPound nahesteht und die am selben Tag bei einem Rechtsrock-Konzert mit dem Namen “Festung Budapest” in der ungarischen Hauptstadt auftritt. Der Bandleader der “Green Arrows” Christan Corda steht derzeit wegen schwerer Körperverletzung in Genua vor Gericht.

"Tag der Ehre" 2020
Bozner in Budapest: stramm gestanden, um der nationalsozialistischen Terrororganisation SS an einem "Tag der Ehre" zu gedenken – Andrea Bonazza ist der 2., Christian Corda der 4. von links (Foto: Presseservice Wien)

 

Ungestört Netzwerken

 

“Die Veranstaltung ist für die rechtsradikale Szene in Europa ein wichtiges Event. Denn hier können sie sich ungestört präsentieren”, erklärt Linus Pook vom Zentrum für Demokratischen Widerspruch nach dem heurigen “Marsch der Ehre”.

Beobachter hierzulande sind über die Teilnahme Bonazzas und anderer Exponenten der italienischen rechten Szene nicht verwundert. “Es ist offensichtlich, dass die Bozner mittlerweile extrem gut vernetzt sind: Es gibt nicht nur Kontakte in den Süden, sondern eben auch immer öfter – und wie man am Beispiel Budapest sieht – ins osteuropäische Ausland”, heißt es aus gut informierten Kreisen. Diese Netzwerkarbeit habe es immer schon gegeben, bestätigt die Quästur in Bozen. Die Aufmerksamkeit der dort angesiedelten Sondereinheit Digos sei ungebrochen auf die Tätigkeiten der rechten Szene – sowohl auf italienischer als auch auf deutscher Seite – gerichtet, ebenso wie auf anarchistische Kreise.

Von der Teilnahme Bonazzas am “Tag der Ehre” in Budapest haben die Ermittler allerdings nichts gewusst. Man werde Informationen sammeln und sich gegebenenfalls einschalten, heißt es aus der Quästur.

“Io mi vergogno per lei!”, ist ein Satz den Andrea Bonazza während der Gemeinderatssitzung am Dienstag Abend dem Bozner Bürgermeister an den Kopf wirft. Er schäme sich für Renzo Caramaschi, weil bei der offiziellen Gedenkfeier der Gemeinde zum Tag der Erinnerung (an die Foibe-Massaker) tags zuvor unter anderem die Partisanenvereinigung ANPI anwesend war, so Bonazza. Nach mehreren Schreiduellen muss die Sitzung frühzeitig abgebrochen werden.
“Io mi vergogno per lei!” “Ich schäme mich für Sie!” Wie viele Gemeinderatskollegen das wohl zu Andrea Bonazza sagen, der 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz nicht der Opfer, sondern der Täter des Holocaust gedenkt?

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Kommentare

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elisabeth garber 12.02.2020, 20:02

Da gefriert einem das Blut in den Adern.

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Hartmuth Staffler 12.02.2020, 21:09

Das ist der ganz normale Wahnsinn unserer Tage. Man muss ja nicht nach Budapest fahren, es genügt Predappio. Auch die in Bozen veranstalteten Foibe-Gedenkfeiern sind, bei allem Respekt für die 5000 in die Karsthöhlen geworfenen Italiener (die zehntausenden anderer Nationalität sind anscheinend uninteressant) sehr problematisch, wenn man gleichzeitig die mehr als 100.000 Kroaten, Slowenen und Serben ausblendet, die von den Faschisten ermordet wurden. Mit dieser Einseitigkeit kann man die tragischen Ereignisse der Geschichte niemals überwinden.

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Manfred Klotz 13.02.2020, 07:36

Da bin ich ganz bei Ihnen. Italien hat nie jemals auch nur den Versuch gemacht den Faschismus aufzuarbeiten. Im Gegenteil, er wird schleichend (ein in diesem Zusammenhang passendes Adjektiv) wieder salonfähig. Auch im Zusammenhang mit den "Foibe" traut man sich - aus Gründen falsch verstandenen Patriotismus' - kaum den revisionistischen Ansichten der rechten Recken zu widersprechen. Dann kommt es zu solch unsäglichen Szenen wie das Selfie von Salvini und Meloni, die sich lachend vor dem Mahnmal in Basovizza präsentieren. Auch wenn man einräumen muss, dass der Versuch die eigene Geschichte aufzuarbeiten, in Bezug auf den Erfolg offensichtlich auch in Deutschland ein frommer Wunsch geblieben ist. Andernfalls wären Pegida und die AfD nicht erklärbar. Und da gibt es auch in Südtirol noch viel Arbeit.

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Georg Lechner 15.02.2020, 12:32

Der fehlende Erfolg der Aufarbeitung hat in D., Ö. und I. viele gemeinsame Wurzeln: Der Tausch Parteispende gegen "Reinwaschung", das Wirken der US - Geheimdienste (die wohlwollend die "Rattenlinie duldeten, zusammen mit der r.k. Kirche: "Für den Vatikan und die alliierten Geheimdienste war die Rettung von Nazi-Kollaborateuren und SS-Mördern Teil ihrer gemeinsamen antikommunistischen Agenda" - so Uki Goni in "Odessa. Die wahre Geschichte: Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher")
Nicht einmal der "Arisierer" des deutschen Zweigs der Rothschildbank wurde zur Verantwortung gezogen. Er konnte seinen Nachkommen ein Milliardenvermögen hinterlassen. Sein Haupterbe gehört zu den Geldgebern der AfD.

△rtim ୍℘୍stロ 15.02.2020, 13:32

Hartmuth Staffler, es waren nach dem Triestner Historiker Galliano Fogar weniger als 570 Italiener: https://www.balcanicaucaso.org/aree/Italia/Predrag-Matvejevic-le-foibe-e...

Bild des Benutzers Günther Alois Raffeiner
Günther Alois Raffeiner 13.02.2020, 07:27

Bonazza, I O M I V E R G O G N O P E R L E I !!!!!

△rtim ୍℘୍stロ 15.02.2020, 04:28

Das passt zur Ansicht das verbrecherische, faschistische Italien (1922-1945) als unschuldiges Opfer darzustellen. Italien hat sich anders als Deutschland, wo es einen Nürnberger Prozess ... gab, nie mit seiner dunklen Vergangenheit auseineindergesetzt. Bis heute. Mehr noch: Seit 2004 gibt es in Italien gar eine ganz offizielle Instrumentalisierung des Gedenktages des faschistisch geprägten Begriffes "Foibe", mit dem manche die italienische Schuld zu relativieren und eine Opfermentalität zu zelebrieren versuchen. Das Absurde ist dabei, dass das Bedauern über diese Opfer am Ende eines Krieges nun auch noch von Neo-Faschisten zu ihrem Zwecke genutzt wird.
Der Casapound-Mann ist hier ganz kohärent, während Bozner Grüne, PD ... hingegen nur den nationalitalienischen Geschichtsrevisionismus teilen. (https://bolzanobozen.wordpress.com/2020/02/10/giorno-del-ricordo-2020/)
Vielleicht sollte man in Italien, aber auch in Ungarn ... mal als Beispiel die (diesjährige) Rede des Bundespräsidenten Steinmairs anlässlich der Zerstörung Dresdens nehmen: https://www.dnn.de/Nachrichten/Politik/Bundespraesident-Steinmeiers-Gede...
Eine Gedenkrede ganz ohne Aufrechnung und Geschichtsrevisionismus.

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