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60er Jahre

„Ich gehe nicht betteln“

Der Pusterer Bub und BAS-Attentäter Siegfried Steger über die Forderung nach Amnestie, die Vorteile für Italien, seine Pro-Europa-Haltung und die Schuldfrage.
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Salto.bz: Herr Steger, warum stellen Sie gerade jetzt diese Forderung nach Amnestie?
 
Siegfried Steger: Das ganze ist eher aus Zufall geboren. Ich habe vor ein paar Wochen in Telfs den Südtirolsprecher der ÖVP Hermann Gahr getroffen und dabei haben wir auch über das Thema Begnadigungen gesprochen. Wir kamen überein, dass man ein bisschen politischen Druck machen muss, damit endlich etwas passiert.
 
Politischen Druck auf wen?
 
Auf die Südtiroler Landesregierung, die SVP aber vor allem auf Italien. Wir fordern eine Art Generalamnestie. Wir gehen nicht nach Rom, um zu betteln. Sondern wir fordern eine Amnestie, wie sie der Staat Italien in Hunderten anderen Fällen, die weit schwerwiegender sind, längst gemacht hat.
 
Sie sagen es ist Zeit, dass der Staat Italien den Südtirol-Attentätern endlich vergibt?
 
Ja. Ich bin überzeugt, dass uns das zusteht und dass die Südtiroler Landesregierung auch das Recht hat diese Amnestie zu fordern. Wir Attentäter, die wir im Exil sind, wurden genug gepeinigt. Ich bin der Älteste, der noch lebenden Pusterer Buam und deshalb habe ich gesagt, ich stehe öffentlich für diese Forderung ein.
Ich hoffe schon, dass sich eine Mehrheit findet, um diese leidvolle Kapitel endlich abzuschließen.
Warum sollte Italien darauf einsteigen?
 
Ich denke, dass die Italiener eigentlich nichts zu verlieren haben, sondern durch diesen Akt eher etwas gewinnen könnten. Dann wäre das Kapitel endlich beendet. Die Italiener brauchen uns keine Vorwürfe mehr zu machen und wir ihnen keine mehr. Es wäre aber auch für Europa ein gutes und wichtiges Zeichen. Schauen wir uns an, was derzeit in Katalonien passiert. Dort werden die Menschen von der Polizei niedergeschlagen, weil sie friedlich von ihren demokratischen Rechten Gebrauch machen. Ja wo sind wir denn? Und wir reden vom großen, freien Europa. Auch vor diesen Hintergrund würde ein solcher Akt den Italienern nur Vorteile bringen. Sie würden damit nach Außen hin zeigen, dass es ein Umdenken in Italien gegeben hat. Man redet immer über das vereinte Europa. Aber man muss es dann auch gerecht aufbauen.
 
Sie hoffen auf die EU?
 
Ich bin absolut für Europa. Absolut. Allein aus der Tatsache heraus, dass es dadurch keine Kriege mehr auf diesem Kontinent gibt. Das ist das Allerwichtigste. Das ist meine Anschauung. Und bin überzeugt, dass Italien mit einem solchen Schritt in Europa an Ansehen nur gewinnen würde.
Ich bin nicht einer von denen die sagen, ich bin ein Freiheitskämpfer, aber getan habe ich nichts.
Jahrzehntelang hat man von Begnadigung geredet. Sie verlangen jetzt aber eine Amnestie?
 
Das ist ein wichtiger Unterschied. Denn ich gehe nicht betteln.
 
Oder liegt es daran, dass Sie in Ihren Büchern zugegeben haben, dass der Kampf des BAS auch Menschenleben gefordert hat?
 
Es stimmt, dass es Tote gegeben hat. Auf beiden Seiten. Das tut mir auch leid. Aber das sage ich schon seit vielen Jahren. Es war eine Situation der Notwehr. Vieles wurde auch von Italien heraufbeschworen. Etwa durch die Folterungen. Zudem wurden auch junge Südtiroler Opfer von Militäreinsätzen. Aber ich will hier auf keinen Fall anfangen, aufzurechnen. Das wäre falsch.
 
Die Frage ist, ob Sie und die „Pusterer Buam“ Menschen auf dem Gewissen haben?
 
Auch das habe ich geschrieben. Ich sage es offen: Es hätte bei einigen unsere Aktionen Tote geben können. Beim Sprengen der Kaserne in Sand etwa. Oder bei der Aktion, wo der Luis Amplatz dabei war. Da hätte es Verletzte und Tote geben können. Vielleicht hatten wir Glück, dass es am Ende nicht passiert ist. Aber ich beschönige nichts. Ich bin nicht einer von denen die sagen, ich bin ein Freiheitskämpfer, aber getan habe ich nichts. Es war ein Kampf, den ich damals und auch heute noch als Notwehr sehe. Wenn wir nichts getan hätten, wären wir heute eine Minderheit im eigenen Land.
Wenn die Landesregierung und die SVP ein bisschen Mut haben, dann müssen sie was tun.
Ihr Traum ist es, noch einmal vor Ihrem Tod nach Südtirol einreisen zu dürfen?
 
Traum? Ja, das wäre sicher schön. Aber ich sage auch: Für mich ist dieser Amnestie nicht so wichtig. Der Schritt ist aber vielleicht wichtig für die Zukunft. Damit dieses Problem endlich abgeschlossen wird. Wir werden immer die Nachbarn der Italiener sein, ganz gleich was politisch passieren wird. Ob wir ein vereintes Europa oder ein wiedervereintes Tirol haben. Wir sind immer die Nachbarn Italiens. Deshalb wäre es wichtig diese Dinge endlich abzuschließen.
 

Glauben Sie, dass die Landesregierung Ihre Forderung aufgreifen wird?
 
Wenn Sie ein bisschen Mut haben, dann müssen sie was tun. Ich hoffe schon, dass die Landesregierung und auch der Landtag diese Amnestie einfordern wird. Natürlich verstehe ich, dass einige italienische Landtagsabgeordnete nicht dafür sind. Aber ich hoffe schon, dass sich eine Mehrheit findet, um diese leidvolle Kapitel endlich abzuschließen.

Der Hintergrund

Es war eine Exklusiv-Nachricht der Tiroler Tageszeitung (TT) am Mittwoch. Siegfried Steger fordert erstmals eine Generalamnestie für die noch lebenden Südtirol-Attentäter. Offizielle Unterstützung erhält er dabei vom Hermann Gahr, dem Obmann des Südtirol-Ausschusses im Nationalrat. Der ÖVP-Politiker sagt zur TT: „Seit über 50 Jahren hat Siegfried Steger seine Heimat nicht mehr betreten dürfen. Ich glaube, wir reden nicht mehr über Schuld oder Unschuld, sondern sind gefordert, ein Problem zu lösen.

 

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ÖVP-Politiker Hermann Gahr: „Wir sind gefordert, ein Problem zu lösen.“

Gemeinsam mit Steger tritt Gahr jetzt an die Südtiroler Politik heran. Beide erwarten sich Schützenhilfe aus Bozen. „Die Südtiroler Landesregierung soll aktiv werden. An Rom muss die Forderung für eine Generalamnestie gerichtet werden. Der Südtiroler Landtag kann hier handeln“, hofft Gahr. Der Obmann des Südtirol-Ausschusses will gleichzeitig in Österreich aktiv werden und auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen in die Verhandlungen einbinden.

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