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12. März 1938

Deutschland am Brenner

Vor 80 Jahren marschierten Hitlers Nazi-Truppen in Österreich ein. Wie der Bundespräsident den Ereignissen gedenkt – und warum auch Südtirol nicht vergessen darf.
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Es geschah über Nacht, aber nicht unerwartet. Und der Boden für das, was danach passierte, war lange vor dem 12. März 1938 bereitet worden.
Um 5.30 Uhr vor 80 Jahren marschierten die Truppen von Nazi-Deutschland in Österreich ein. Die junge Republik wurde Teil des “Großdeutschen Reiches”.
Sieben finstere Jahre fristete das ehemalige Kaiserreich nach dem “Anschluss” als “Ostmark” sein Dasein – “das dunkelste Kapitel in der Geschichte unseres Landes”. So bezeichnet der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen acht Jahrzehnte später die Ereignisse der Nacht vom 11. auf den 12. März. Bei einer Gedenkfeier in der Wiener Hofburg sprach Van der Bellen eindrückliche Worte – und appellierte an die Menschen, jene düstere Zeit nicht zu vergessen, die Erinnerung “an die Schrecken von Nationalsozialismus, Krieg Verfolgung und Holocaust” wachzuhalten, “denn es gibt keine Entschuldigung für selbstverschuldete Unwissenheit für Wegschauen, für historische Ignoranz, oder gar für Relativierungen”:

“Die deutsche Wehrmacht kam über Nacht. Nicht über Nacht kam die Verachtung für die Demokratie, kamen Militarismus, Intoleranz und Gewalt. Sie hatten sich schleichend in Österreich eingenistet.
Es war eine kontinuierliche Aushöhlung von Humanismus und Rechtsstaatlichkeit; ein politisches und gesellschaftliches Multiorganversagen, ausgelöst durch die Krankheiten: steigende politische Polarisierung, weltanschauliche Unversöhnlichkeit, Rassismus, und Antisemitismus.
Und genau deswegen, sehr geehrte Damen und Herren, weil der 12. März 1938 eine Vorgeschichte hat, und letztlich den Kulminationspunkt einer katastrophalen Entwicklung darstellt, genau deswegen müssen wir auch heute noch genau hinsehen wie es so weit kommen konnte und entschlossen unsere Lehren daraus ziehen.
Die Lehre, dass auch Demokratien anfällig für Populismus und Demagogie sind.
Die Lehre, dass Diskriminierung ein erster Schritt zu Entmenschlichung ist.
Die Lehre, dass Rassismus und Antisemitismus nicht einfach verschwinden, sondern auch heute im Kleinen wie im Großen weiter existieren.
Die Lehre schließlich, dass es wichtig ist, rechtzeitig die Stimme zu erheben - klar und unmissverständlich - und gegen jede menschenverachtende Ideologie aufzustehen.
Und daher sind wir alle gefordert, Sie und ich, unsere Sinne zu schärfen und zu versuchen, wachsam und sensibel die allfälligen Zeichen an der Wand zu erkennen.”

Alexander Van der Bellen 12.03.2018

80 Jahre danach: Alexander Van der Bellen am 12. März 2018 (Foto: Peter Lechner/HBF)

“Deswegen kann es auch nicht darum gehen, unsere Werte einer offenen, demokratischen Gesellschaft nur zu verteidigen.
Nein.
Wir müssen sie, ganz im Gegenteil, ausbauen, stärken und immer fester im Selbstverständnis jeder und jedes Einzelnen verankern.”
(Alexander Van der Bellen am 12. März 2018)

Auch in Südtirol gedenkt man den Geschehnissen vor 80 Jahren – und dem, was danach kam. “Österreich war nicht erstes Opfer des Nationalsozialismus, wie früher oft behauptet, vielmehr waren Politiker und Teile der Bevölkerung wesentlich mitverantwortlich für den ‘Anschluss’ und seine Folgen”, betont Hans Heiss.
Als Historiker weiß er: “Für Südtirol waren ‘Anschluss“ und deutscher Einmarsch im März 1938 ein wichtiges Signal: Da nunmehr ‘Deutschland am Brenner’ stand, erschien auch eine baldige ‘Heimholung’ Südtirols aus dem faschistischen Italien ins Großdeutsche Reich denkbar – das weckte ungemessene Hoffnung in ganz Südtirol. Der ‘Anschluss’ von 1938 stärkte die Ausrichtung Südtirols an NS-Deutschland und den Nationalsozialismus. Die Angliederung Österreichs bereitete auch die Option von 1939 vor, die ‘dunkelste Stunde’ der Geschichte unseres Landes. Südtirol tut daher gut daran, die Gedächtnisfeiern und Veranstaltungen in Österreicher dieser Tage zur Kenntnis zu nehmen. Der ‘Anschluss’ von 1938 ist nicht nur ins Gedächtnis der Republik Österreich eingeschrieben, sondern auch ein Eckstein unserer Landesgeschichte.”

Innsbruck 1938

Dunkle Zeiten: jubelnde Menschenmassen empfangen Adolf Hitler im März 1938 auch in Innsbruck (Foto: Bundesarchiv)

Ähnlich, wenn auch mit anderem Fokus, nimmt Sven Knoll von der Süd-Tiroler Freiheit zum 12. März 1938 Stellung:
“Auch in Süd-Tirol wurde damals der ‘Anschluss’ mit trügerischer Begeisterung aufgenommen. Hitlers Truppen brachten jedoch nicht die Befreiung, sondern Krieg, Verfolgung und Vernichtung. Für Süd-Tirol führte dieser Tag geradewegs in die Option. Es ist daher wichtig, dass auch in Süd-Tirol – zusammen mit Österreich – an die Ereignisse vor 80 Jahren gedacht wird, denn die Einverleibung Österreichs in das Deutsche Reich hatte auch für Süd-Tirol schwerwiegende Folgen. Unmittelbar nach dem ‘Anschluss’ planten Hitler und Mussolini mit der Option die Umsiedlung der Süd-Tiroler, die dazu geführt hätte, dass Süd-Tirol ausgelöscht worden wäre. Die Zeitzeugen von damals werden immer weniger und mit ihnen sterben die Stimmen derer, die noch aus persönlichen Erfahrungen warnen können. Umso wichtiger ist es daher, ihre Erinnerungen zu bewahren und die Lehren für die Zukunft daraus zu ziehen, denn der Nationalsozialismus und der Faschismus haben Wunden hinterlassen, die bis heute nicht verheilt sind.”

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Kommentare

Bild des Benutzers alfred frei

Frage a Sven Knoll: hätte der Doppelpass die Südtiroler damals gerettet ?

+1-12
Bild des Benutzers Martin B.

Nein, der nazifaschistischen Propaganda und Denunziation ist kaum jemand entgangen, weder auf Täter noch auf Opferseite. Aber bitte was hat das mit heute bzw. Altösterreich 1918/19 zu tun. Und bitte nicht mit dem Ahnenpass kommen.

Bild des Benutzers Robert Tam...

Frage an Alfred Frei: hat eine menschenfeindliche Diktatur wie der Nationalsozialismus Doppelstaatsbürgerschaften zugelassen, oder sind diese eine Errungenschaft moderner, demokratischer Staaten?

Bild des Benutzers 19 amet

Kleinkariert wie immer.

Bild des Benutzers pérvasion

Bitte, Herr Frei!

Bild des Benutzers alfred frei

Danke für die Nachfrage. Die Frage, anders formuliert, könnte lauten: ist die Forderung der Doppelstaatsbürgerschaft in Südtirol, zur aktuellen Zeit, grundsätzlich in die Errungenschaft moderner, demokratischer Staaten einzuordnen oder beinhaltet sie hauptsächlich nur lokalbezogene, tagespolitische, ausgrenzende, parteipolitische, kleinkarierte Manöver ?

Bild des Benutzers Martin B.

Sie selbst scheinen sich die Antwort schon gegeben zu haben. Welchen Sinn macht dann eine Diskussion?

Bild des Benutzers 19 amet

Herr Frei hat Recht . Deswegen braucht es auch keine Diskussion. Dieses Projekt ist geboren aus dem jahrezehntelangen Versagen der rechten Parteien, die für die Südtiroler nicht das Geringste erreicht haben . In der ganzen Zeit haben sie nur geplodert, Träueme posaunt und gut von unserem Steuergeld gelebt. Nun möchten sie mit diesem nutzlosen Büchl ihre Gefolgschaft ködern, bevor sie ihnen davonläuft. Wenn man sieht welche Bauchlandung ihre Freunde, die Katalenen, erlebt haben,dann kann man sich vorstellen wie dieses nutzlose Projekt enden wird.

Bild des Benutzers Basso Meno

"Wie der Bundespräsident den Ereignissen gedenkt "

Dazu

http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/zwiebelfisch-wir-gedenken-dem-...

Bild des Benutzers Ludwig Thoma

Ob Herr Knoll weiß, dass sich in seiner Partei Leute tummeln, für die der Einmarsch der Nazitruppen die Befreiung vom Faschismus bedeutet? Oder solche, die unlängst auf einem der größten Vernetzungstreffen Rechtsradikaler als Redner auftraten?

Bild des Benutzers 19 amet

Er weiss es schon, aber er will es nicht wissen.

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