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Interview

Neue Regeln für die Netzwerkgesellschaft

Isabella Mader ist Vorstand des Excellence Institutes und seit vielen Jahren Lehrbeauftragte an Hochschulen mit den Schwerpunkten Wissens- und Informationsmanagement.
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Das Interview hat Karl-Ludwig Schibel im Juni 2017 geführt.

 

Isabella Mader ist Vorstand des Excellence Institutes und seit vielen Jahren Lehrbeauftragte an Hochschulen mit den Schwerpunkten Wissens- und Informationsmanagement, IT-Strategie und Kollaboration. Zu diesen Themen liegen auch zahlreiche Buch- und Konferenzpublikationen von ihr vor. 2013 erhielt sie die Auszeichnung "Top CIO des Jahres“. Vor ihrer aktuellen Tätigkeit wirkte sie unter anderem als Vorstand eines Softwarehauses und sowie in der Methodologieentwicklung bei den Vereinten Nationen. Ihre aktuellen Arbeitsschwerpunkte sind Netzwerke, Kollaboration, Sharing Economy und die Unternehmergesellschaft.

Sie gehen davon aus, dass der feste Arbeitsvertrag ein Auslaufmodell ist. Heißt das, die Minderheit von Arbeitsplätzen in der heutigen “Gig Economy” (Crowdworking wie z.B. Crowd Guru oder Clickworker, Fahrdienste wie Uber und Lyft, TaskRabbit für allround Dienste) sind das Modell der Zukunft?
In der engeren Definition ist das richtig, nur wenige Prozent der Erwerbstätigen sind Teil der Netzwerkökonomie. Aber wir sehen zum Beispiel in den USA - die Zahlen sind von 2015 - dass dort 40% der Arbeitenden in sogenannten „insecure contingent jobs“ sind. Wir sprechen von Kleinstverdienern, viele mit befristeten Teilzeitjobs oder Werkverträgen. Wir sehen auch, dass die Arbeit auf den Plattformen zunimmt, zum großen Teil, um ein zusätzliches Einkommen zu erzielen. Auf Plattformen wie Amazon Mechanical Turk sind heute schon 700.000 Freelancer registriert, zu einem guten Teil US Amerikaner, die dort für einen Dollar die Stunde arbeiten. Hier wird sichtbar, dass speziell große Unternehmen feste Arbeitskräfte freisetzen, und die notwendige Arbeitskraft über Freelance-Verträge wieder einsourcen. Das sind nicht unbedingt Leute, die auf Plattformen zu finden sind, sondern oft jene, die in die Selbstständigkeit ohne langfristige Bindungen gedrängt werden. Wir stehen vor einem Age of Non-Commitment, mit zweischneidigen Folgen, eben auch für die Arbeitgeber, die anfangen zu merken, dass ihre Weigerung, ein Commitment einzugehen bei den Freelancern dieselbe Reaktion hervorruft.

Der feste Arbeitsvertrag ist also tatsächlich ein Auslaufmodell, aber es gibt schon wieder Gegenbewegungen, auch von Seiten der Arbeitgeber?
Eine Gegenentwicklung, die wir bei den Unternehmern beobachten können, ist der Versuch, die guten Freelancer wieder mit längerfristigen Verträgen zu binden. Dennoch – auch bei den gefragten Expertisen – wird darauf bestanden, dass die Leistung als Freelancer erbracht wird. Schwierig ist es bei gering qualifizierter Arbeit, wie eben Autofahren, oder Logistikdienstleistungen, also klassisch ungelernten Arbeiten, die selbst wiederum recht zügig der Automatisierung anheimfallen werden. Ein Unternehmen wie Uber, wo heute noch Menschen die Fahrzeuge lenken, ist eine Zwischenerscheinung, während in einer noch nicht einmal langfristigen, sondern mittelfristigen Perspektive autonome Fahrzeuge diese Dienste übernehmen werden. Viele kleine Jobs, die wenig Expertise erfordern, tragen schon das Verfallsdatum in sich.

Damit wären der feste Arbeitsvertrag und die sozialstaatlichen Errungenschaften der letzten 130 Jahre in massiver Gefahr, weil deren historische Bedingungen durch die technologische Entwicklung gleichsam ausgehebelt werden?
Wir sind Zeugen eines Prozesses der Aushöhlung und es lassen sich hier sehr klare Parallelen zum Beginn der Industriegesellschaft erkennen, wo die ersten Industriellen-Generationen der sog. „Robber Barons“ ihre wirtschaftliche Macht ungezügelt, ohne jedes Regelwerk ausüben und Bedingungen diktieren konnten. Das ging natürlich zu Ungunsten derer, die keine Verhandlungsmacht an den Tisch bringen konnten. Erst in der Folge sind die Institutionen entstanden, die nach dieser Zeitenwende eine Balance in der Gesellschaft wiederhergestellt haben.

Die Institutionen sind aber doch wesentlich entstanden – nehmen wir die Bismarcksche Sozialreform – aufgrund der Aktionen und Streiks der Arbeiterbewegung als Zugeständnisse im Kampf um die Machtfrage. Möglich war die Organisierung der Arbeiter wiederum, weil sie in den Fabriken physisch „unter einem Dach“ vereint waren und alle unter denselben Arbeitsbedingungen litten. Die heutigen Prekariatsarbeiter sind in einer anderen Situation. Die digitalen „Robber Barons“ verfügen über das Produktionsmittel digitale Plattform, die für sie arbeitenden Personen sind atomisiert, und außer den Wenigen, die besonders qualifiziert sind, verfügen sie über keinerlei Verhandlungsmacht.
Diese Minderheit von gut Qualifizierten hat es immer gegeben, und diese seltenen Expertisen hatten und haben immer sehr gute Bedingungen, ob früher im Angestelltenverhältnis, oder heute als Freelancer. Bei den niedrig Qualifizierten versuchen auch heute die digitalen „Robber Barons“, die gewerkschaftliche Organisierung zu verhindern, siehe Uber, sie findet aber dennoch statt.  Die Versuche, sich dem Organisationsverbot zu wiedersetzen, werden jedoch die Automatisierung beschleunigen, um den "Störfaktor Mensch" zu beseitigen. An diesem Punkt sehe ich ganz stark die Rolle des Staates als Intermediär zwischen Wirtschaft und Bevölkerung, weil letztere sonst zu wenig Verhandlungsmacht besitzt. Der Staat bzw. Institutionen wären dann z.B. für die Adaptierung der sozialen Absicherung die Verhandlungsmacht der Bürger.

Die Rolle des Staates kommt ins Spiel, um Rahmenbedingungen und Grenzen für die Ausbeutung der Arbeitskraft in Industrie 4.0 zu setzen, weil kollektive Organisation in Parallele zur historischen Arbeiterbewegung heute nicht mehr möglich ist?
Im Wesentlichen ja, auch wenn wir derzeit sehen, dass die Staaten sehr zurückhaltend sind. „Regelungswahn“ wird als Schimpfwort gebraucht, und die öffentliche Gewalt zögert sehr, Regeln für die Netzwerkökonomie zu setzen. Die Aufgabe des Staates ist und bleibt zu sehen, wo die Balance kippt und wo es nachzustellen gilt. Kein Computerspiel funktioniert ohne Regeln und die Gesellschaft, die wesentlich komplexer ist, wird das selbstverständlich auch nicht tun. Es geht nicht um Regeln oder keine Regeln, sondern die Frage ist: sind sie der Zeit angemessen? Und das sind sie gegenwärtig allem Anschein nach nicht. Die geltenden Regeln passen zur Industriegesellschaft und es gilt überhaupt erst neue für die Netzwerkgesellschaft zu entwickeln. Ein zweiter wichtiger Punkt sind die Grenzen nationaler Regelungen. Die mögen hinreichen für ortsgebundene Dienstleistungen wie Taxifahren, Zustelldienste oder Haareschneiden aber nicht für alle anderen Dienste, wie Grafikdesign oder Programmierung. Der Programmierer in Bangladesch kann digitale Dienstleistungen in derselben Qualität liefern wie sein Kollege vor Ort, arbeitet aber zu einem Bruchteil, oft einem Hundertstel der Honorare, mit denen wir hier rechnen. Rechnen müssen, allein aufgrund der Lebenshaltungskosten. Von einem Abstimmungsprozess auf internationaler Ebene ist jedoch noch überhaupt nichts zu sehen und die Vereinten Nationen haben hier noch keine konkreten Initiativen gesetzt, soweit sie denn überhaupt irgendeine Verhandlungsmacht hätten. Auf eine globale Wirtschaft können nationale Regelungen nur bedingt einwirken. Globale Phänomene wie die Plattformökonomie sind überhaupt noch nicht hinreichend in den Überlegungen der Entscheidungsträger repräsentiert. Hier ist internationale Zusammenarbeit gefordert (seien es nun Staaten oder Institutionen wie Gewerkschaften).

So wie Sie es beschreiben sind wir mit einem Problembestand konfrontiert, der heute schon spürbar ist, vor allem aber schnell wächst, nämlich die sozialstaatlichen Mindestbedingungen für jene zu garantieren, die auf digitalen Plattformen arbeiten, während die Problemverarbeitungskapazitäten sehr beschränkt sind.
Dazu gibt es eine interessante Aussage von dem Wirtschaftsnobelpreisträger 2015, Angus Deaton, der meinte, dass über die wachsende Plattformökonomie die Entwicklungs- und die Schwellenländer die Möglichkeit hätten, am internationalen Wachstum in Form von Arbeitsplätzen zu partizipieren. Noch dazu bedarf diese Teilnahme keiner Migration. Der Programmierer in Bangladesch muss nicht nach Europa oder in die USA gehen, um einen Job zu finden, sondern sitzt mit einem Laptop und WLAN zu günstigen Lebenshaltungskosten in seinem Heimatland. Man kann die Sicht von Angus Deaton teilen, aber die bessere Partizipation der Drittweltländer an der internationalen Wertschöpfung wird die Menschen in den Industriestaaten wenig trösten, weil eben ihre eigenen Jobs dadurch wegfallen. Die Frage wird dann sein, welche Produkte und Dienstleistungen die entwickelten Industriestaaten auf dem internationalen Markt anbieten können, die gefragt und konkurrenzfähig sind. Unter anderem sind das  qualitativ hochwertige IT Dienstleistungen. Sowohl in Europa als auch in den USA haben wir Schwierigkeiten, genügend Experten in gefragten Disziplinen auszubilden. Derzeit fehlen z.B. in Europa deutlich über 600.000 IT-Spezialisten, ähnliche Werte in den USA, Kanada rauft mit 180.000 ausgeschriebenen und nicht besetzbaren Stellen. Währenddessen produzieren Indien und China – und produzieren ist hier das richtige Wort – Heerscharen von Absolventen in diesen gefragten Disziplinen, Science, Technology, Engineering und Mathematik. IT ist z.B. in China in der Oberstufe ein Pflichtfach, sodass, die jungen Chinesen, wenn sie auf dem Arbeitsmarkt ankommen, schon digital gebildet sind. Diese Entwicklung ist in Europa und den USA mit zu geringen Bildungsbudgets weithin verschlafen worden.

Mir scheint, dass Sie der Öffentlichen Hand nicht nur ein hohes Maß an Problemverständnis zumuten, sondern auch sehr hohe Problemverarbeitungskapazitäten und wenn wir einen Blick auf die Europäische Union und die nationalen Regierungen werfen, ist davon nicht viel zu erkennen.
Aus meiner Sicht stehen wir ganz klar vor einem ordnungspolitischen Auftrag. Man kann natürlich warten, bis die Menschen auf die Straße gehen und wieder die Fackeln fliegen. Immer wieder frage ich in meinen Vorträgen, wie wir ohne Gewalt und Zerstörung eine Zeitenwende hinbekommen, die aus der Geschichte gelernt hat. Credo: Sich auf neue Modelle besinnen und diese umsetzen. Im Moment, da stimme ich zu, ist davon nicht viel zu sehen. Die Bemühungen auf EU Ebene mögen ehrenwert sein, aber sie gehen immer in die Richtung Job-, Job-, Joberhalt und nicht in Richtung Qualifizierung für Kompetenzen, die auf einem zukünftigen Freelance-Arbeitsmarkt gefragt sein werden samt dazugehörender sozialer Absicherung. Die Aufgabe der Politik wird derzeit nicht wahrgenommen. Da sind wir uns einig.

Wir sprechen von sozialer und ökonomischer Balance, im Zentrum der Toblacher Gespräche wird die ökologische stehen, d.h. die Frage nach den Potentialen der Digitalisierung für eine nachhaltige Entwicklung.
Das ist ein wichtiger Aspekt der gegenwärtigen Entwicklung. In der Sharing Economy sind die drei Säulen der Nachhaltigkeit exakt nachgebildet. Bei den ökologischen Faktoren sehe ich uns bisher am Besten aufgestellt, weil das Idee des Teilens von brachliegenden Ressourcen nicht nur bestechend ist, sondern auch ökologisch sinnvoll. Das Teilen eines Autos mit der entsprechenden Ressourcenschonung, die Library of Things, wo nicht nur die Klassiker der Sharing Economy wie Autos und Ferienwohnungen sondern Gegenstände des täglichen Bedarfs geteilt werden. Mit Car sharing kann ich einen Einkauf für € 12.90 erledigen, während ich bisher einen Mietwagen nur für sehr viel mehr Geld für einen Tag mieten konnte. Güter und Dienstleistungen stehen den Menschen zu deutlich niedrigeren Kosten oder sogar gratis zur Verfügung.

All das fügt sich zusammen zu einem rapiden Umbruchprozess, dessen Gestaltung Sie sich vor allem vom Staat erwarten. Was sind die Stellschrauben?

Ein erster Schritt wäre, die Wertschöpfung da zu besteuern, wo sie entsteht. Da lässt sich durchaus eine Vorschau geben, wie das in etwa gestaltet sein müsste. Wir besteuern gegenwärtig Arbeitseinkommen vergleichsweise hoch und Finanzerträge sehr niedrig. Es ist dringend eine Umstellung des Steuersystems notwendig, der Frage folgend: wo ist die größte Wertschöpfung? In der Netzwerkgesellschaft eindeutig beim Finanzkapital und bei den Robotics. Diese Frage wird kaum diskutiert. Das zweite große Thema ist die Bildung. Die Arbeitslosigkeit eskaliert vor allem im ungelernten Bereich. Wenn wir überlegen: wie haben wir den Menschen über das Fließband erhoben, dann war das mit Bildung, und wir haben jetzt einen nächsten großen Schritt vor uns.

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Kommentare

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Isabella Mader sagt u.a. : "..... sehe ich ganz stark die Rolle des Staates als Intermediär zwischen Wirtschaft und Bevölkerung, weil letztere sonst zu wenig Verhandlungsmacht besitzt. Der Staat bzw. Institutionen wären dann z.B. für die Adaptierung der sozialen Absicherung die Verhandlungsmacht der Bürger." Das hier aufgezeigte Szenario läßt keine Alternative zur staatlichen, besser EU-weiten oder gar UNO-weiten Regelungen zu. Persönliche Leistungen sind hoch besteuert, die Vermögenssteuern und die Roboterarbeit aber vergleichsweise nur sehr niedrig. Das Thema "Besteuerung von Vermögen" insbesondere von spekulativem Finanzvermögen erscheint mir vorrangig und dringend zu sein Dafür wäre ein erster Schritt bereits der, Finanztransaktionen mit mindestens 1% zu besteuern und die Transaktionsintervalle von derzeit Tausendstel-Sekunden auf mindestens 3 Tage zu erhöhen. Die EU könnte und müsste dies für ihren Wirtschaftsraum vorschreiben, zumal die Praxis des derzeitigen Finanzmärkte schlimmer ist als die eines Spielcasinos, sie jeder seriösen Volkswirtschaft zuwiderläuft und die Realwirtschaft kaput macht

Bild des Benutzers Isabella Mader

Lieber Herr Trojer, vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich sehe diesen allerdings nicht im Widerspruch zum Interview, sondern als eine genaue Wiedergabe in etwas anderen Worten. Sehr präzise fordern Sie ganz genau das gleiche, meinen aber, es würde fehlen. Ich kann keinen Widerspruch erkennen, und auch nichts Fehlendes im Vergleich zu Ihrer Forderung.
Es ist einfach exakt gleich.

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