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Wintertourismus

Endspiel am Berg

Einige Südtiroler Skigebiete haben laut einer jüngsten Studie einen besonders großen ökologischen Fußabdruck. AVS und Umweltschützer sehen dringenden Handlungsbedarf.
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Es ist ein altbekanntes Dilemma, das durch eine jüngst erschienene Studie wieder vor Augen geführt wird. Zum einen sorgt der alpine Wintertourismus als einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige des Landes dem Südtiroler Tourismus Jahr für Jahr neue Rekordzahlen. Zum anderen leiden Natur und Tierwelt unter den immer invasiveren Eingriffen in ihre Lebensräume. Der bayerische Biologe Alfred Ringler hat nun erstmals die ökologischen Auswirkungen von vier Jahrzehnten Skitourismus im gesamten Alpenraum untersucht. Für knapp 1.000 Skigebiete hat Ringler einen ökologischen Fußabdruck erstellt und die Ergebnisse in der Studie “Skigebiete der Alpen: landschaftsökologische Bilanz, Perspektiven für die Renaturierung” veröffentlicht.

Im alpenweiten Ranking, das der Wissenschaftler im Rahmen der Studie mittels Eingriffsindex (Flächenverbrauch, Rodungen, Planierungen, Erosionsflächen, Beschneiung u.a.) erstellt hat, finden sich auch einige Südtiroler Skigebiete. Spitzenreiter bei der Landschaftsbelastung sind nach Ringler die beiden Tiroler Skigebiete Sölden und Ischgl. Doch bereits auf Platz 5 findet sich das Skigebiet Kronplatz. Weitere Top-Platzierungen erreichen Corvara/Gröden auf Platz 8, Sulden auf Platz 9, Schnals auf Platz 13 und Speikboden auf Platz 20 sowie Klausberg und Schöneben, die sich Platz 22 teilen(*).

Dass in Südtirol – wie vielerorts im übrigen Alpenraum auch – trotz der bedenklichen Situation weiter auf Expansion gesetzt wird, stimmt so manchen im Land nachdenklich. “Die kleineren Skigebiete in Talnähe werden wegen der mangelnden Schneesicherheit zunehmend aufgegeben, während die besonders landschaftsschädlichen Groß-Skigebiete in empfindlichen Alpenhochregionen stetig expandieren. Dort ist die ökologische Belastungsgrenze aber bereits überschritten”, warnen AVS und Dachverband für Natur- und Umweltschutz in einer Aussendung. Nichtsdestotrotz gebe es hierzulande Pläne für 17 neue Pisten und 19 neue Aufstiegsanlagen, darunter die Vervollständigung der “Ortler Ronda” in Sulden, die neue Talabfahrt in Schnals sowie der Zusammenschluss des Skigebiets Drei Zinnen – hervorgegangen aus dem skitechnischen Fusion der Skigebiete Helm und Rotwand – mit dem Skigebiet Thurntaler in Osttirol und der Skiarena Val Comelico im Belluno. “Ganze Landschaften werden umgebaut, um die Pisten an die Bedürfnisse des Durchschnittsskifahrers und an die Erfordernisse der Beschneiung anzupassen”, gibt Georg Simeoni vom AVS zu bedenken: “Dabei haben Pistenplanierungen, Zufahrtsstraßen, Waldrodungen und der aufwändige Bau von Beschneiungsanlagen in unseren Gebirgslandschaften bereits eine Spur der Verwüstung gezogen.”

Neue Talabfahrt Schnals

In Schnals soll eine neue Talabfahrt enstehen: im September 2016 haben die Umweltschützer einen Baustopp erreicht

Zerschnittene Ökosysteme, verkleinerte Lebensräume bedrohter Tier- und Pflanzenarten und verdrängte Wildtiere seien nur einige der Folgen des Wintertourismus, zeigt Klauspeter Dissinger vom Dachverband auf. Auch die Erosionsgefahr steige durch die Rodung von Wäldern, ebenso die Probleme bei der Trinkwasserneubildung. Für AVS und Dachverband gibt es nur eine Lösung: “Wenn die alpinen Ökosysteme nicht über kurz oder lang zusammenbrechen sollen, braucht es Endausbaugrenzen für den Skitourismus.” Als wichtigste Forderung nennen die beiden Verbände “ein alpenweites, rechtsverbindliches und allseits respektiertes Raumkonzept. Auch in Südtirol selbst sieht man Verbesserungsbedarf: “Der Südtiroler Fachplan für Aufstiegsanlagen und Skipisten verbietet zwar die Ausweisung neuer Skizonen in skitechnisch unberührten Gebieten, doch besteht im gleichen Zug die Möglichkeit in Ausnahmefällen ‘ergänzende Eingriffe’ vorzunehmen – und zwar außerhalb der im Fachplan ausgewiesenen Skizonen im Rahmen einer von der Landesregierung genehmigten Machbarkeitsstudie. Damit lässt man sich offensichtlich eine Hintertür offen”, so Georg Simeoni, der an die zahlreichen Machbarkeitsstudien erinnert, die 2016 und 2017 auf dem Tisch gelandet seien: “Schnals, Marinzen, Schöneben-Haider Alm, Langtaufers-Kaunertal, Tiers-Frommeralm.”

 

(*) Abgrenzung und Bezeichnung der Skigebiete orientieren sich an der landschaftsökologischen Zusammengehörigkeit und können daher Unterschiede zu Angaben von Skigebietsbetreibern oder Tourismusstatistiken aufweisen

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Kommentare

Bild des Benutzers Martin Hilpold

Sehr interessant ist in der Studie die Feststellung:"Werden weiterhin abwandernde Einheimische, die mit dem Preisanstieg, mit Wasserversorgungs und anderen Problemen nicht mehr zurechtkommen, nur durch betuchte Zuzügler und Zweitwohnungsinhaber ersetzt, wie es z.B. in Orten wie Verbier oder Gstaad der Fall ist, so sollte man besser nicht von einem die alpine Dauerbesiedlung stabilisierenden Effekt der Wintersport-Resorts sprechen."

+1-11
Bild des Benutzers Kraxn Troga

Nein, Nein und nochmal Nein! Lasst uns das eigentliche Feindbild nicht aus den Augen verlieren. Der wahre Teufel das sind die Mountainbiker mit den Bremsspuren und den daraus resultierenden Erosionsschäden...

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