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Nachhaltigkeit

Lungiarü, das ladinische Bergsteigerdorf

Umgeben von Tourismushochburgen im Gadertal und in Gröden gibt es tatsächlich ein „gallisches Dorf“ mitten in den Dolomiten.
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Text: Anna Pichler // in Zusammenarbeit mit dem Alpenverein Südtirol

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Es hat seine Ursprünglichkeit größtenteils bewahrt, und die Bewohner haben den Bedarf an Nutzland sanft einem bedachten Wachstum angepasst. Lungiarü – so heißt das Dorf auf Ladinisch, Campill ist der deutsche Name. Und als das zweite Bergsteigerdorf Südtirols darf es sich seit August 2018 bezeichnen.

Die lokale Arbeitsgruppe, das sind Mitglieder der AVS-Ortsstelle St. Martin in Thurn, Mitarbeiter des örtlichen Tourismusvereins und engagierte Einheimische, sind von der Initiative Bergsteigerdörfer als Zukunftsperspektive für die nachhaltige Entwicklung von Lungiarü überzeugt.

Die Idee wurde also nicht aus Alternativlosigkeit geboren, sondern aus Überzeugung. Die Akteure sind Visionäre und Zeit geisterfasser mit Herzblut für ihr Lungiarü.

 

Im Naturpark Puez-Geisler

Erreichbar ist Lungiarü über die kurvenreiche Gadertaler Straße oder über das Würzjoch abzweigend bei San Martin de Tor/St. Martin in Thurn durch das südwestverlaufende Campiller Tal. Beim Ortsteil Ties beginnt die Fraktion, kurz darauf treten am Dorfeingang die gewaltigen bis an ihren Fuß dicht bewaldeten Nordflanken der nordwestlichen Puezgruppe in Erscheinung: Crëp dales Dodesc, Capuziner, Piz Duleda. Nun wird das Bild von Lungiarü deutlicher: Das Dorf im Talboden auf 1400 Metern wird von den Dolomitengipfeln der Puez-, Geisler- und der Peitlerkofelgruppe umschlossen, die Teil des Dolomiten UNESCO Welterbes sind. Mehr als die Hälfte des Fraktionsgebietes von Lungiarü liegt im Naturpark Puez-Geisler.

 

Viles – Jahrhundertealte Siedlungskultur

Der Ortskern ist mit Grundschule, Widum und einem kleinen Dorfladen mit wichtiger Funktion für die Nahversorgung überschaubar. Alles wird überragt vom neuromanischen Kirchturm der Pfarrkirche zur Heiligen Luzia. Ins Auge sticht die bäuerliche Architektur auf den steilen Südhängen oberhalb des Ortskerns. Hier unter dem Pütia/Peitlerkofel steigen die Viles bis auf knapp 1600 Meter an: Lagoscel, Ví, Grones, Seres und Miscí. Die Viles sind Gehöftegruppen erbaut in Rodungsinseln, wo der Wald dem Getreide- und Ackeranbau weichen musste. Sie zählen zu den ältesten Siedlungen des Gebietes. Viele Hofnamen reichen bis ins 13. und 14. Jahrhundert zurück. Mindestens drei Bauernhöfe sind dabei nicht allein durch bauliche Nähe und gemeinsame Einrichtungen wie Durchgänge und Innenhöfe, sondern auch durch eine ökonomische Beziehung zueinander verbunden, wie durch einen gemeinsamen Backofen und Brunnen und durch gemeinsame Nutzungsrechte. Sie zeugen vom Zusammengehörigkeitsgefühl und sparsamem Umgang mit dem Boden als einst einziger Lebensgrundlage. Charakteristisch für das Bauernhaus ist eine Pilzform, die sich durch ein gemauertes Untergeschoss mit kleinen Fenstern und ein vorkragendes Obergeschoss aus Holz ergibt. Unmittelbar daneben steht das Wirtschaftsgebäude.

Eine besondere Note verleihen den kompakten Weilern die noch gut erhaltenen sieben bis acht Meter hohen Trockengestelle – auch als Harpfen bekannt, die für die Trocknung von Getreide und Futterbohnen verwendet wurden. Weiterer Ausdruck der einstigen Selbstversorgung in Lungiarü sind die zahlreichen Mühlen im Val di Morins/Mühlental und ein Kalkbrennofen. Veranstaltungen wie das Mühlenfest Cëna dal Mornà am 21.06.2019 und die Roda dles Viles bieten die Möglichkeit diese Gebäude, das traditionelle Handwerk, die ladinische Kultur und Küche kennenzulernen.

 

Ladinische Sprache und Kultur

Das Gadertal – somit auch Lungiarü – gehört zu den fünf dolomitenladinischen Tälern. Hier wird Ladinisch (Ladin) gesprochen. Seit 1951 ist das Ladinische in der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol als eigene Sprachgruppe anerkannt. Entstanden ist die Sprache, als die Römer die Regionen entlang des Alpenhauptkammes eroberten. Die Urbevölkerung hat in den nachfolgenden Jahrhunderten das Volkslatein der römischen Soldaten, Beamten und Händler in ihren Wortschatz integriert. Die übernommene lateinische Sprache wandelte sich so allmählich zum Ladinischen.

 

Intakte Kultur- und Naturlandschaft

Die Landwirtschaft, heute zur Gänze als Grünlandwirtschaft und oft verbunden mit Urlaub auf dem Bauernhof, ist noch immer ein wichtiger Erwerbszweig in Lungiarü. Eng ist die Verbundenheit mit dem Werkstoff Holz, was einige Tischlereien und eine Holzschnitzerei beweisen. Der etwas versteckte Talkessel von Antersasc umgeben vom gleichnamigen Massiv erlangte kurzzeitig vermehrte Aufmerksamkeit aufgrund der geplanten Almerschließung im Natura- 2000- Gebiet. Antersasc zeigt die enge Verzahnung zwischen Natur- und Kulturlandschaft: einerseits sehr extensiv beweidete Süd- und Südosthanglagen, andererseits weitgehend nutzungsfreie nordexponierte steile Felsabbrüche und Schuttflächen, dazwischen intensiv beweidete Almböden im Tal. Kontrastreich ist der Wechsel zwischen diesen saftig-grünen Almweiden, dunklen Fichtenwäldern, hellem Kalkschutt und zerklüfteten Felswänden. Mit faszinierenden Farbkontrasten smaragdgrüner Zirben, golden gefärbter Lärchen und Bergwiesen und mit viel Ruhe lockt besonders der Herbst unterhalb der bleichen Peitlerkofelgruppe.

 

Alpinismus

Die auch unter dem Namen Zwischenkofelalm bekannte Gegend von Antersasc war bereits um 1900 eine gängige Route zur Puezhütte. Die Nordrinnen zwischen den unzähligen Felsnadeln in diversen Steilheiten und Schwierigkeiten laden im Winter zu lohnenden Skitouren ein. Hier ist sowohl für den Rinnen-Anfänger etwas dabei als auch für den absoluten Profi. Die Piza de Pöz/Östliche Puezspitze ist mit 2913 Metern höchster Gipfel im Grenzgebiet Lungiarü und schon fast ein Klassiker für Skitourengeher: 360-Grad-Rundumblick auf Kreuzkofel, Sellastock, Langkofel und Marmolata, ca. 1500 Höhenmeter Aufstieg und mit dem „Canale Nord“, die längste Nordrinne im Gebiet.

Der Pütia/Peitlerkofel (2876 m) wurde schon von Johann Santner 1884 als „Aussichtspunkt ersten Ranges“ bezeichnet. Wegen seiner Randlage gilt der weithin sichtbare markante Gipfel als nordwestlicher Eckpfeiler der Dolomiten. Kaum bekannt ist, dass er sich zur Gänze im Fraktionsgebiet von Lungiarü befindet und dessen Hausberg ist. Die meisten Kletterrouten befinden sich auf seiner Nordseite, wie die Messnerroute an der direkten Nordwand im VI Schwierigkeitsgrad und die meist bestiegene Hruschka-Route im IV–V Schwierigkeitsgrad. Der in Lungiarü geborene Hans Pescoller beschrieb in seinem Tourenbuch die Besteigung der Peitler-Nordwand über die Hruschkaführe zusammen mit Heini Holzer im Jahr 1968 als „Erfüllung seines ehemaligen größten Bergwunsches“. Hans Pescoller, Autor von Tourenführern und Bildbänden, war 1963 Erstbesteiger der Nordostwand des Crëp dales Dodesc/Zwölfer (2403 m) im III Schwierigkeitsgrad und 1971 der Nordwand am Capuziner (2710 m) zusammen mit Hans Steger im V Schwierigkeitsgrad.

Dass der Pütia/Peitlerkofel noch immer alpinistisch interessant ist, zeigen die Erstbegehungen im Jahr 2015 an der Südwand „Traverso al Cielo“ von Simon Kehrer und Christoph Hainz im Schwierigkeitsgrad 7b (obbl. 6c) und die Route „Fornella Express“ am Peitlerkofelturm im VII Schwierigkeitsgrad von Alex und Kurt Pfattner.

Neben Alpinkletterrouten und Klettersteigen bietet Lungiarü einen Klettergarten, der an heißen Sommertagen ideal ist. Er besteht aus drei im Wald versteckten Felsblöcken bzw. Sektoren „Il Tempio“, „Lacrime di Giada“ und „Metropolis“. Von Lungiarü aus bieten sich mehrere Tagestouren an, von der einfachen Familienwanderung bis zur anspruchsvollen Bergtour. Beliebt ist die Peitlerkofel-Umrundung über die Pra de Pütia. Die artenreichen Berg-Mähwiesen und Natura- 2000- Lebensräume reichen stellenweise bis in Höhen von 2360 Metern und werden durch die traditionelle Bewirtschaftung erhalten. Einkehrmöglichkeiten bieten hier Almhütten, ebenso wie im Gebiet von Medalges und Munt d’Adagn. Die Schutzhütten am Dolomiten Höhenweg Nr. 2 liegen knapp außerhalb des Fraktionsgebietes: die Schlüterhütte (2297 m) im Gemeindegebiet Villnöss, die Puezhütte (2475 m) im Gemeindegebiet von Wolkenstein. In Lungiarü ist es gut möglich, auf das eigene Auto zu verzichten. Für längere Aufenthalte finden sich im Dorf genügend Bergsteigerdorf-Partnerbetriebe.

 

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Broschüre zum Bergsteigerdorf Lungiarü inklusive Wandervorschläge erhältlich beim AVS oder als Download unter: www.bergsteigerdoerfer.org/lungiarue
 

VERANSTALTUNGSTIPP
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CЁNA DAL MORNÀ tla Val di Morins
21.06.19 ab 18.00 Uhr Mühlental Lungiarü

 

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Wir feiern gemeinsam den längsten Tag des Jahres mit schmackhaften Aperitifs im Val di Morins/Mühlental im Bergsteigerdorf Lungiarü. Liebevoll zubereitete Gerichte von lokalen Bergsteigerdorf-Partnerbetrieben mit regionalen Produkten. Unterhaltung mit Live-Musik ohne akustische Verstärkung. Es besteht die Möglichkeit, die Wassermühlen zu besichtigen oder den Besuch mit einer Wanderung im Bergsteigerdorf zu verbinden. Bei Schlechtwetter wird die Veranstaltung abgesagt. Parkmöglichkeiten in Pares sind ausgeschildert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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