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Skipisten

Wolkenstein am See

An der Saslong soll ein riesiges Speicherbecken entstehen. Seit über 10 Jahren wehren sich die Anrainer dagegen. Das Großprojekt wird jetzt auch im Landtag zum Thema.
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Das Phantom ist so groß wie die halbe Bozner Altstadt.
Man muss die Ausdehnung der Fläche vom Waltherplatz bis zur Streitergasse und von der Weintraubengasse bis fast zum Musterplatz hernehmen, um sich eine realistische räumliche Vorstellung zu machen.
Im Volksmund hat das Phantom auch schon seit langem einen Namen: „Lech da Frataces“. Lech heißt aus Ladinisch See. Frataces ist der Flurname der Bergflanke oberhalb der Weiler La Selva, Ruacia, Dorives und Ciaslat zwischen St. Christina und Wolkenstein.
Aus dem Trugbild ist seit über einem Jahr Wirklichkeit geworden. Denn im Sommer 2016 wurden in Frataces mehrere Hektar Wald gerodet. Dort will die Saslong AG ein gigantisches Speicherbecken errichten, das für die Beschneiung der Weltcup-Piste dienen soll.
Doch dagegen wehren sich die Anrainer, die in den Weilern unterhalb des künstlichen Bergsees wohnen. „Wir haben Angst, denn dieses Gebiet ist höchst unstabil“, sagt eine Gruppe von Grödnern gegenüber salto.bz. Dass diese Angst alles andere als unbegründet ist, zeigen geologische Gutachten, die vorliegen. Doch die Politik schaut weg. Anscheinend ist die Schneesicherheit auf der renommierten Weltcup-Abfahrt wichtiger als die Sicherheit der Bevölkerung.
Dabei ist die Geschichte um das Mega-Speicherbecken an der Saslong nicht nur ein Musterbeispiel für den Zusammenprall von ökonomischen und ökologischen Interessen, sondern sie zeigt auch auf, wie dynamisch die Vorgaben und Regeln der öffentlichen Verwaltung und der Landespolitik manchmal sein können. Bestimmungen und Vorgaben von heute, können morgen schon völlig anders sein.
 

Das Megaprojekt

 
Die Geschichte um den „Lech de Frataces“ beginnt vor über 10 Jahren. Die „Funivie Salsong AG“, des Grödner Unternehmers mit Mailänder Wohnsitz Claudio Riffeser, will für die Pistenbeschneiung ein riesiges Speicherbecken errichten.
Der Bau der künstlichen Speicherseen aus denen dann die Schneekanonen gespeist werden, hat sich seit langem in Südtirol durchgesetzt. Dieses Methode hat den ökologischen Vorteil, dass damit die Wasserentnahme aus den Bächen besser planbar ist. Die Auffüllung der Becken muss nicht im Winter erfolgen, sondern man kann die künstlichen Seen dann füllen, wenn die Fließgewässern eine besserer Wasserführung haben. Zudem können so auch die Niederschläge gespeichert werden. Der Nachteil liegt auf der Hand. Die Speicherbecken sind riesige Bauten und damit ein nachhaltiger Eingriff in die alpine Landschaft. Vor allem dann, wenn die Liftgesellschaften jedes Maß für Umweltverträglichkeit verlieren.
 
vergleich

Größe des geplantes 100.000-Kubikmeter-SpeicherbeckensDie halbe Bozner Altstadt.

Genau das ist an der Saslong passiert. Bereits 2006 reichte die Saslong AG bei der Gemeinde Wolkenstein ein Projekt ein, das den Bau eines Speicherbeckens in Frataces mit einem Fassungsvermögen von 180.000 Kubikmetern vorsah. Es ist ein Megaprojekt, dass umgehend die Proteste der Bevölkerung auf den Plan ruft. Es bildet sich spontan eine Gruppe von Bewohnern aus den darunter liegenden Weilern, die gegen das Projekt öffentlich und in Zeitungsartikeln protestieren.
 

Die Genehmigung

 
Der Protest zeigt nur teilweise Wirkung. Ende 2006 genehmigt der Gemeinderat Wolkenstein ein etwas verkleinertes Speicherbecken mit einem Fassungsvermögen von 100.000 Kubikmetern. Wie schlampig man dabei vorgeht, zeigt ein Detail. Im Beschluss und im genehmigten Projekt wurde zwar das Fassungsvermögen verkleinert, der Wasserspiegel und damit die Fläche des Speichersees ist aber zum ursprünglich fast doppelt so großen Projekt gleichgeblieben. Rund 4,6 Hektar groß.
Die Gemeinde Wolkenstein wurde damals - wie auch heute wieder - von Bürgermeister Roland Demetz angeführt. Böse Zungen behaupten, dass die Tatsache, dass Demetz privat ein Unternehmen besitzt das Schneekanonen baut, bei der Entscheidung nicht unwesentlich war. Demetz hat diese Unterstellungen immer vehement zurückgewiesen. Inzwischen hat er die Anteile an besagtem Unternehmen auch abgegeben.
Die Bürgerinitiative reichte bei der Gemeinde und beim Land einen Rekurs gegen die Bauleitplanänderung ein. Darin sind eine ganze Reihe von Einwänden gegen den riesige Speichersee angeführt. Einwände die genauso auch über ein Jahrzehnt später noch aktuell sind.

Die Einwände

 
Die Größenordnung: Seit über einem Jahrzehnt gibt es eine klare Richtlinie des Landes, die inzwischen zu einer staatlichen Gesetzesbestimmung wurde. Der zulässige Wasserbedarf für Beschneiungen liegt bei maximal 700 Kubikmeter pro Hektar Piste. Die Saslong hat rund 42 Hektar Pisten. Damit würde ein Speicherbecken von rund 30.000 Kubikmeter Wasser genügen.
Das geologische Risiko: Die Zone „Frataces“ ist historisch durch Massenbewegungen und geologischer Instabilität gekennzeichnet. Immer wieder gibt und gab es in diesem Gebiet Felsstürze und Murenabgänge.
 
vorgesehene_lage_des_speichers_mit_gefahrenzonen_ca.jpg

Lage des Speicherbeckens: Größe (weiß), geologische Gefahrenstufe rot (sehr hoch) und blau (hoch).

Die Quellen: In Frataces gibt es gut ein halbes Dutzend Trinkwasserquellen. Die öffentliche Wasserquelle „Recia“ und verschiedene private Wasserquellen, wie vor allem die Quelle „Gran Puntons“ liegen ganz in der Nähe des geplanten Speicherbeckens. Hier besteht die konkrete Gefahr der Verschüttung und des Verschiebens der Quellen.
Der Eingriff: Dazu kommen die Auswirkungen auf die Landschaft durch den Bau eines riesenhaften Beckens und die vorherige Schlägerung von Waldbeständen. Weil die Schlägerungen inzwischen erfolgt sind, kann man diese Großbaustelle in unmittelbarer Nähe des Weltnaturerbes der Dolomiten bereits bewundern.
 

Geänderte Vorgaben

 
Nach diesen Einwänden war das Land gefragt. Das geologische Gutachten des Landes zog sich lange hin. Bürgermeister Roland Demetz durfte bei den Gemeinderatswahlen 2010 nicht mehr antreten und der Wechsel an der Gemeindespitze beruhigte auch die Saslong-Pläne deutlich.
2012 setzte sich dann zwischen Liftbetreiber, Land, Gemeinde und Kritikern eine Kompromisslösung durch. Der Gemeinderat von Wolkenstein genehmigte ein Speicherbecken mit einem Fassungsvermögen von 50.000 Kubikmeter. Gleichzeitig sicherte der Direktor des Amtes für Wassernutzung Wilfried Rauter zu, dass die Saslong-Betreiber in den Stoßzeiten für die Schneegewinnung bis zu 100 Liter Wasser pro Sekunde aus dem Grödnerbach entnehmen dürfen. Es geht dabei um rund 10 Tage im Jahr.
Bei den Gemeinderatswahlen 2015 kehrt dann wieder Roland Demetz als Bürgermeister an die Spitze der Gemeinde Wolkenstein zurück. Und mit ihm auch das alte Megaprojekt des Speicherbeckens. Wobei sich plötzlich auch die Vorgaben der Landesregierung und - verwaltung ändern.
Die Saslong AG beginnt im Sommer 2016 mit dem Vorbereitungsarbeiten für den Speicherbau. Wenig später folgt dann eine unliebsame Überraschung. Am 8. November 2016 erlässt das Amtes für Wassernutzung ein Dekret, das für die Saslong AG eine Wasserableitung aus dem Grödnerbach von maximal 74 Sekundenliter zwischen November und 20. Dezember und von maximal 24 Sekundenliter zwischen dem 21. Dezember bis Ende Februar vorsieht.
Zum Vergleich: Am Grödnerbach, dort wo die Saslong AG das Wasser entnimmt, liegt das Alperia-Kraftwerks Dorives. Es darf zwischen 960 und 1200 Liter in der Sekunde für die Stromproduktion entnehmen. Auch wenn dieses Wasser wieder in den Bach zurückfließt, wird damit deutlich, wo die wirtschaftlichen Prioritäten in der Wassernutzung liegen.
 
 

Die Wiederauferstehung

 
Spätestens damit aber ist der mühsam ausgehandelte Kompromissvorschlag gestorben.
Die Saslong AG rekurriert gegen das Dekret des Amtes für Wassernutzung und fordert die Ableitung von 150 Sekundenliter. Die Dienstellenkonferenz und die Landesregierung lehnen den Rekurs ab. Dabei kommt bei den Ämter eine klare Vorgabe zum Ausdruck: Lieber ein größeres Speicherbecken als eine höherer Wasserentnahme. Diese Marschrichtung bestätigt auch Landeshauptmann Arno Kompatscher im Frühjahr 2017 bei einer Aussprache mit den Liftbetreibern.
Es ist der Startschuss für die Wiederauferstehung des alten Großprojekts. Die Saslong AG besteht wieder auf ihr ursprüngliches Projekt eines Speicherbeckens von 100.000 Kubikmetern. Am 26. September 2017 ändert der Gemeindeausschuss von Wolkenstein mit Beschluss 136/2017 den Bauleitplan und gibt damit grünes Licht für den riesigen „Lech da Frataces“.
 
eingetragener_speicher_zu_50.000_m3_und_vorgeschlagener_speicher_zu_100.000_m3.jpg

Eintragung im Bauleitplan: Unterschied zwischen 50.000 und 100.000 Kubikmeter-Becken.

Dem genehmigten Projekt von Ingenieur Walter Gostner ist eine neue Umweltstudie beigelegt, die bestätigt, dass die Steinschlags- und Bergsturzgefahr in diesem Gebiet ins Gewicht fällt. Die Studie zeigt auch auf, dass Teile des geplanten Beckens im Einzugsgebiet einer geologisch katalogisierten „Roten Zone“ liegen. Dort gilt eigentlich ein Bauverbot.
Mit einer Ausnahme: Das Gesetz erlaubt den Bau von Einrichtung von öffentlicher und grundlegender Bedeutung, wenn es keine andere denkbaren Baugrund dafür gibt. Auf diesen Passus berufen sich die Betreiber und auch der Gemeindeausschuss von Wolkenstein.
Der Beschluss geht jetzt an die zuständigen Landesämter.
 

Der Widerstand

 
Die Anwohner wollen ihren Widerstand gegen das Großprojekt aber nicht aufgeben.„Es ist unschwer auszumalen, was passiert wenn ein Mur- oder Felsabgang in das gefüllte Becken einschlägt“, sagen sie gegenüber salto.bz. Die Bürgerinitiative fordert die Umsetzung des alten Kompromissvorschlages. Ein Speicherbecken von 50.000 Kubikmetern und dazu mehr Wasserentnahme. Dafür gäbe es auch im Gemeinderat von Wolkenstein durchaus ein Mehrheit.
Die Grödner Kritiker bekommen dafür auch politische Schützenhilfe. Die grünen Abgeordneten Hans Heiss, Brigitte Foppa und Riccardo Dello Sbarba wollen in einer Landtagsanfrage die Haltung der Landesregierung in Sachen Speicherbecken Saslong erfahren.
Die Kritik einer stattliche Gruppe von Anwohnern verdient eingehende Würdigung, da sie neben persönlicher Sorge bester Kenntnis der örtlichen Verhältnisse entspringt“, begründet Einbringer Hans Heiss die Anfrage.
Die Antwort der Landesregierung wird weit über den Bergsee von Frataces hinaus Bedeutung haben. Denn der Weg, den man in Gröden jetzt einschlägt, wird für weitere ähnliche Projekte in Südtirol wegweisend sein.
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Kommentare

Bild des Benutzers Alfons Zanardi

Man gewinnt den Eindruck dass Seilbahn- und Pistenbetreiber in Südtirol so genau alles dürfen was Ihnen gerade einfällt.
Auch auf einem anderen Berg in Gröden, der Seceda wurde heuer ein riesiges Becken gebaut, auf 2000 m Höhe. Jedes Jahr werden im Sommer massive Arbeiten zur Verbreiterung der Piste und ähnliches durchgeführt.
Dass diese Bauten im öffentlichen Interesse sein sollen erscheint mir zutiefst fragwürdig. Der enorme Wasser- und Energieverbrauch bei der Beschneiung ist sehr problematisch und verstärkt die Probleme, welche sie erst notwendig macht.
Den Kampf gegen den Klimawandel werden die Seilbahn- und Pistenbetreiber sicher nicht gewinnen. In anderen Ländern stellt man sich schon darauf ein dass Skitourismus bis in mittlere Lagen mittelfristig nicht mehr möglich sein wird.
Dass es den sprichwörtlichen "Holländer" überhaupt noch nach einem "Urlaub" in einer vollständig artifiziellen Industrie-Situation (U-Bahnen, High-Tech-Aufstiegsanlagen, Kunstschnee) gelüstet ist für mich zunehmend rätselhaft.

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