Tartler, Ina
Georg Hofer
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zebra.

Was Freiheit bedeutet

Ina Tartler wuchs während der Ceauşescu-Diktatur im rumänischen Siebenbürgen auf. Seit zehn Jahren ist sie leitende Dramaturgin bei den VBB. Ein Porträt.
Von
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Lisa Frei25.02.2019
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„Bei der Premiere hat Menasse geweint!“, sagt Ina Tartler Mitte Jänner bei der Stückeinführung zu Robert Menasses „Die Hauptstadt“ im Stadttheater Bozen. Die schwarz gekleidete Frau Anfang 50 mit schulterlagen dunklen Haaren steht zwischen Bühnenbild und Zuschauerraum. Vor ihr sitzen ein paar Dutzend Menschen und lauschen gespannt ihren Worten, die sie mit großzügigen Handbewegungen untermalt. Als Dramaturgin hat sie die Produktion begleitet, war Mittlerin zwischen Autor und Regie und dafür zuständig, dass sich Sprache und Dialoge aus dem Roman möglichst authentisch im Theaterstück wiederfinden. „Jaja, nur noch ganz kurz!“, ruft sie plötzlich und lächelt schelmisch ihrem Kollegen zu, der an der Eingangstür steht und mit dem Finger auf seine Uhr tippt. Gleich beginnt das Stück. Sie schließt die Einführung ab und verabschiedet sich freudestrahlend, schüttelt rasch ein paar Hände und verschwindet ins Foyer. Sie muss heute noch zu einer wichtigen Probe.
Ein Alptraum! Ina Tartler schüttelt den Kopf. Ihre beste Freundin überlebte nicht und beinahe wäre auch sie selbst gestorben:
Wenige Stunden zuvor am selben Tag in einem naheliegendem Café. Ina Tartler hält kurz inne und entschuldigt sich: „Da bin ich leider schon gleich zu Beginn am wundesten Punkt, typisch!“ Sie entstammt der Volksgruppe der Siebenbürgner Sachsen, einer deutschen Minderheit in Rumänien, die in den 80er Jahren fast vollständig nach Deutschland aussiedelte. Als mittleres von drei Geschwistern wurde sie 1966 in der Nähe von Kronstadt, rumänisch Brașov, geboren und erlebte die Jahre der kommunistischen Diktatur unter Nicolae Ceaușescu hautnah mit. In den 80er Jahren wurde die Situation zusehends repressiver. Die Menschen litten unter einem System, das ohne Rücksicht auf Verluste am obersten Ziel der kommunistischen Arbeitsgesellschaft festhielt. „Grausame Repressalien waren an der Tagesordnung, besonders die Frauen litten darunter“, sagt sie. Das System drang bis in ihre Körper vor und machte diese zu Instrumenten der Ideologie. Aufklärung und Verhütung gab es nicht, regelmäßige Arztbesuche waren Pflicht und jede Schwangerschaft wurde notiert. Schwangerschaftsabbruch war eine Straftat. Unzählige Frauen starben an verpfuschten Abtreibungen oder brachten Kinder zur Welt, die sich niemand gewünscht hatte: „Ein Alptraum!“ Ina Tartler schüttelt den Kopf. Ihre beste Freundin überlebte nicht und beinahe wäre auch sie selbst gestorben: Mit 21 Jahren kam sie nach einer missglückten Abtreibung mit hohem Fieber in eine Klinik. Ihre Eltern durften sie nicht besuchen und es war nicht sicher, ob sie überleben würde. Über Kontakte gelang es ihrer Familie einen Arzt dazu zu bringen, ihr heimlich – auch er machte sich so strafbar – das rettende Medikament zu verabreichen. In dieser Nacht teilte sie das Bett mit einer anderen Frau, die Station war maßlos überfüllt.
 
Tartler, Ina
Stückeinführung: "Ein paar Dutzend Menschen und lauschen gespannt ihren Worten, die sie mit großzügigen Handbewegungen untermalt".
Tartler hebt den Blick und sagt: „Wenn du so etwas erlebt hast, dann weißt du was Freiheit bedeutet.“ Und besonders diese sehe sie durch die politischen Entwicklungen der letzten Zeit in Gefahr. Das Erstarken rechtsextremer Parteien in Europa mache ihr richtig Angst, aber sie möchte nicht Angst haben und es sei an der Zeit, sich wieder mehr für Politik zu interessieren, in den Wiederstand zu gehen, zu protestieren: „Ich habe schon ein Plakat gebastelt!“, sagt sie. Am Abend wird sie noch zur Leseprobe von „Alles kann passieren!“ gehen, die sie als Dramaturgin begleitet. Es handelt sich dabei um eine Textmontage von Reden rechter Politiker, die von einer Gruppe Südtiroler Frauen rezitiert werden. „Das ist die Botschaft: Alles kann passieren! – das hätte ich nie gedacht!“ Ganz kurz blitzt in ihren Augen Entsetzen auf. Sie holt eine Mappe aus ihrer Tasche und blättert kurz darin. Dann zitiert sie Erich Kästner: „Man darf nicht warten bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist, man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr an, sie ruht erst wenn sie alles unter sich begraben hat. Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen ehe sie die Macht übernommen haben. Es ist eine Angelegenheit des Terminkalenders, nicht des Heroismus.“ 
Das ist die Botschaft: Alles kann passieren! – das hätte ich nie gedacht!
Im Zweiten Weltkrieg war Deutschland zunächst mit Rumänien verbündet und die Siebenbürgner Soldaten konnten wählen, in welches Heer sie einberufen werden wollten. Dann veränderten sich die Fronten und man stand sich plötzlich als Feinde gegenüber. „Die Geschichte ist ähnlich wie in Südtirol“, sagt die Dramaturgin und erzählt von einem Onkel, der begeistert in den Krieg zog und von dem nur die Uhr nach Rumänien zurückkam. In den Wirren der Nachkriegszeit flohen viele Menschen aus Siebenbürgen oder gelangten nach Kriegsgefangenschaft oder Arbeitslager in andere Teile Europas. So wie Tante Rosl, die in ein russisches Arbeitslager einberufen wurde, fliehen konnte und nie mehr nach Rumänien zurückkehrte. Zur Zeit der Diktatur hatten fast alle in Siebenbürgen auch Verwandte im Westen. Eine Ausreise war nur durch Sondergenehmigungen möglich. In den 70er Jahren startete ein „Umsiedelungsprogramm“ mit der Bundesrepublik, die die Ausreise der deutschsprachigen Bevölkerung Rumäniens unterstützte. Auch Familie Tartler stellte einen Ausreiseantrag. Dann passierte lange nichts. Es war eine Frage des Geldes. „Die Korruption innerhalb des Systems war perfekt“, erzählt Ina Tartler. Die Verwandtschaft in Deutschland sammelte Geld und in einem Turnschuh schmuggelte man die dort verbotene Währung nach Rumänien. 30.000 Mark lagen so für längere Zeit hinter dem Küchenschrank der Familie bis die richtige Person gefunden war, der man es – natürlich ohne Quittung – in die Hand drückte und hoffte: „Erst dann bekamen wir den dunkelblauen Pass.“
 
Tartler, Ina
Blick in den Spiegel: "Wenn du so etwas erlebt hast, dann weißt du was Freiheit bedeutet".
1988 reiste die Familie aus. Es begann eine Zeit großer Verunsicherung: „Ich musste das Leben von Grund auf neu lernen.“ Bei ihrer Ankunft am Nürnberger Bahnhof war sie überwältigt von den leuchtenden Reklametafeln und dem vielen Licht: „Ich kam aus der Dunkelheit!“, sagt sie. Die Straßen in Rumänien waren nicht beleuchtet und die Stromversorgung teilweise rationiert gewesen.  Mit der Familie wohnte sie anfangs in einer Art Auffanglager und mit einer Laufkarte musste jede Person bestimmte Türen abgehen, gesundheitliche Checks machen. In einem Raum wurde die damals 23-jährige Ina Tartler nach ihren Zukunftswünschen gefragt. Sie kennt heute noch genau ihre Antwort: „Studieren!“ „Die Freundlichkeit der Menschen hat mich wahnsinnig verlegen gemacht“, erinnert sie sich an die Anfangszeit im Westen. Der Kommunismus hätte einen rauen Ton gehabt. Dabei sei nicht alles nur schlecht, ihre Kindheit auch glücklich gewesen, wenn auch immer und überall für sie subtile Unterdrückung spürbar gewesen sei. Offener Protest wäre zu gefährlich gewesen, aber es gab eine innere Freiheit, „einen starken inneren Wiederstand“, formuliert es Tartler und erzählt von der Willenskraft der Menschen und einer großen Sehnsucht nach dem wahren, dem freien Leben. Dort sieht sie heute auch ihre Leidenschaft für das Theater verwurzelt, das sie als „einen Raum potenzierter Lebenskraft“ beschreibt.
In Siebenbürgen wird die deutsche Kultur bald ganz verschwinden. Fast alle sind ausgewandert. Ina Tartler hat nur noch eine alte Tante, die sich dort um die Instandhaltung des deutschen Friedhofs kümmert
In Deutschland entdeckte sie über einen Freund die Liebe zum Theater und studierte Theaterwissenschaften in München: „Es gab diesen Moment, da dachte ich, das hol ich mir!“ Sie erinnert sich an eine aufkeimende Leidenschaft, den Ehrgeiz und die Freude am Studium und der Arbeit im Theater. Sie lernte viele inspirierende Menschen kennen und ihre Augen leuchten, wenn sie von ihren Studienjahren, „der Münchner Zeit“, erzählt: „Die 90er waren die Zeit maximaler Offenheit, maximaler Europafreundlichkeit, es herrschte eine tolle Stimmung!“ Die Grenzen fielen und die Leute waren neugierig auf den Osten, auf die Geschichte. „Diese Neugierde ist heute nicht mehr in den Menschen“, sagt sie wiederum etwas ernster. 
 
Tartler, Ina
Arbeit im Theater: Erinnerung an eine aufkeimende Leidenschaft.
Sie arbeitete zunächst am Schauspielhaus in Salzburg und kannte das Stadttheater Bozen durch Koproduktionen. Als dort die Stelle in der Dramaturgie frei wurde, bewarb sie sich und bekam den Job. „Ich wollte eigentlich nicht lange bleiben“, sagt sie und schmunzelt, „aber ich mag Südtirol!“ Außerdem sehe sie hier sehr viele Parallelen zu Siebenbürgen. Auch in Rumänien habe es ein Unbehagen zwischen den Volksgruppen gegeben, besonders in der älteren Generation. „Es wäre nicht schön gewesen, wenn ich einen Rumänen geheiratet hätte“, sagt sie und erzählt von einer Tante, die es dennoch gewagt hat. Auch die Sprache der jeweils anderen Gruppe habe man nur schlecht und mit einem gewissen Unmut gesprochen. In Siebenbürgen wird die deutsche Kultur bald ganz verschwinden. Fast alle sind ausgewandert. Ina Tartler hat nur noch eine alte Tante, die sich dort um die Instandhaltung des deutschen Friedhofs kümmert. „Es wird so sein wie im Baltikum, wo es irgendwo deutsche Inschriften gibt und heute niemand weiß, was sie bedeuten.“ Ihr Blick schweift durch den Raum und sie sagt: „Diese immer präsente Melancholie unterscheidet uns wiederum sehr von den Menschen in Südtirol.“
Ich hätte große Lust, noch einmal sehr mutig zu sein!
Ina Tartler sagt von sich, bisher eher unpolitisch gewesen zu sein. Nach der Wende hatte sie die Nase voll von der Politik, die durch die Diktatur stets negativ behaftet war. Dabei sei es eigentlich sehr schön, interessiert zu sein, Verantwortung zu übernehmen, in Dialog zu treten. Nun will sie das wieder vermehrt tun. „Ich bin gerade so an einem Punkt“, sagt sie nachdenklich und mit einem Lächeln, „ich hätte große Lust, noch einmal sehr mutig zu sein!“
 
zebra
 
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Kommentare

△rtim ୍℘୍stロ 26.02.2019, 10:47

Ein tief beeindruckendes Zeugnis. Allzu geschichtsvergessen werden hierzulande nicht nur Bedeutung und Streben nach Freiheit vergessen. Manche werden für ihren Freiheitswunsch gar befeindet. Denn: "Glückliche Sklaven sind die erbittersten Feinde der Freiheit."

Bild des Benutzers Hartmuth Staffler
Hartmuth Staffler 26.02.2019, 16:57

Im Baltikum findet man, wie Ina Tartler richtig sagt, immer noch Spuren der früheren deutschen Besiedlung, ebenso in Schlesien, im Sudetenland, in Siebenbürgen, im Banat .. und irgendwann wird man auch in Südtirol noch solche Spuren finden.

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