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Energiewende

Klima- versus Gewässerschutz

Handelskammer und Energieverband wollen knapp 600 Millionen Euro in neue Wasserkraftwerke in Südtirol investieren. Sie versprechen, die Umwelt schonen zu wollen.
Von
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Anna Luther14.11.2022
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Der Südtiroler Energieverband (SEV) und die Handelskammer Bozen haben das Potential für den Neubau von Wasserkraftanlagen in Südtirol erhoben. Das WIFO – Institut für Wirtschaftsforschung der Handelskammer Bozen berechnete dafür, die wirtschaftliche Rentabilität der zehn vorgeschlagenen Wasserkraftprojekte und beurteilte neun von ihnen bei einem Strompreis von mehr als 100 Euro pro Megawattstunde (MWh) als rentabel.
Angesichts der aktuell sehr viel höheren Großhandelspreise für Strom könne diese Annahme als sehr konservativ betrachtet werden. Südtirol würde von dem Neubau der neun Wasserkraftanlagen also wirtschaftlich profitieren. Allerdings sei es „klarerweise sehr schwierig, Prognosen zu machen“, gesteht SEV-Direktor Rudi Rienzner ein. Ein Anhaltspunkt sei die kürzlich beschlossene Strompreisdeckelung auf EU-Ebene mit 180 Euro pro MWh, das sind 18 Cent pro Kilowattstunde (kWh). „Dahinter steht sicherlich die Überlegung, dass dieser Preis der richtige für erneuerbare Energien ist“, so Rienzner.
Hintergrund der Strompreisdeckelung ist der Krieg in der Ukraine und die damit einhergehenden stark gestiegenen Energiepreise. Kostete Strom in den Jahren von 2015 bis 2020 durchschnittlich nur 50 Euro pro MWh, war es im Sommer 2021 bereits doppelt so viel. Anfang dieses Jahres lag der Strompreis auf durchschnittlich 200 Euro pro MWh.
 
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Michl Ebner: „Die Politik ist nun gefordert, die gesetzlichen Voraussetzungen zu schaffen, sodass das vorhandene Potential der Südtiroler Wasserkraft genutzt werden kann.“ (Foto: salto.bz)
 

Großer Strombedarf

 
„In Zeiten von massiv steigenden Energiekosten und angesichts des fortschreitenden Klimawandels wird das Thema alternative Energiequellen immer wichtiger. Dabei spielt die Wasserkraft besonders in Südtirol eine entscheidende Rolle“, begründen der SEV und die Handelskammer Bozen das vorgeschlagene Investitionsvorhaben für die neuen Wasserkraftwerke von rund 594 Millionen Euro.
„Der Strombedarf nimmt durch die E-Mobilität und die Digitalisierung weltweit weiter zu“, erklärt Walter Gostner von dem Ingenieursbüro Patscheider & Partner bei der Vorstellung der Studie zum Wasserkraftpotential in Südtirol. Außerdem könnten ohne intensive Bemühungen die Pariser Klimaziele nicht erreicht werden: „Trotz aller Anstrengungen in den letzten Jahrzehnten sind wir weltweit noch sehr stark von fossilen Energieträgern abhängig“, so Gostner. Beispielsweise wird derzeit nur ein Sechstel des Stromes weltweit mit Wasserkraft produziert. Das nicht ausgeschöpfte Potential sei noch groß und belaufe sich in Südtirol auf zehn Prozent.  
 

Schutzplan überarbeiten

 
SEV-Präsident Hanspeter Fuchs betont: „Dafür braucht es zuallererst eine raschere Ausschreibung von Wasserkraftwerken über drei Megawatt. Hinzu kommt, dass der Gewässerschutzplan unter Einbeziehung des wirtschaftlich nutzbaren, hydroelektrischen Potenzials überarbeitet werden muss.“ Denn der Gewässerschutzplan, der Teil des Wassernutzungsplanes ist und im Juni 2021 genehmigt wurde, erlaubt derzeit keine stärkere Nutzung von Wasserkraft in Südtirol. Seit seinem Inkrafttreten sei ein starker Rückgang bei den genehmigten Wasserkraftprojekten zu verzeichnen. „Wir fordern, dass der Gewässerschutzplan neu diskutiert wird, weil wir die Energie- und Klimakrise vor uns haben“, erklärt Walter Gostner.
 
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Walter Gostner: „Trotz aller Anstrengungen in den letzten Jahrzehnten sind wir weltweit noch sehr stark von fossilen Energieträgern abhängig.“ (Foto: salto.bz)
 
Der Gewässerschutzplan wurde verabschiedet, um den ökologischen und chemischen Zustand der Südtiroler Gewässer zu erhalten oder zu verbessern. Gleichzeitig wird die Ressource Wasser durch den Klimawandel knapper – bereits jetzt spielen Speicherbecken für die Landwirtschaft in Trockenperioden wie in diesem Sommer eine wichtige Rolle. Um den Klimawandel wiederum einzudämmen, braucht es eine Energiewende, die ohne Wasserkraft nicht auskommen wird.
 

Umfassende Strategie nötig

 
Neben dem Neubau von Wasserkraftanlagen gebe es laut SEV und Handelskammer noch weitere Möglichkeiten zur Ausnutzung des Potentials in und über Südtirol hinaus. Dazu zählen die Modernisierung von bestehenden Wasserkraftwerken, die Mehrzwecknutzung von Trinkwasser-, Bewässerungs-, Beschneiungs- und Abwasseranlagen sowie Restwasserturbinen, die Neuausrichtung von Nutzungskonzepten, die Wiederertüchtigung von Anlagen sowie der Einsatz innovativer Technologien wie kinetische Turbinen oder Wasserräder.
Für SEV-Direktor Rudi Rienzner brauche es einen umweltschonenden und technisch innovativen Ausbau der Wasserkraft in Südtirol, um die Energiewende umzusetzen: „Wasserkraft ist nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung.“ Michl Ebner, Präsident der Handelskammer Bozen, fasst es so zusammen: „Durch eine bessere Nutzung der bestehenden Wasserkraft in Südtirol könnte mehr grüner Strom erzeugt werden. Dies würde zu einer Steigerung der Wertschöpfung und somit der Steuereinnahmen im Lande führen. Die Politik ist nun gefordert, die gesetzlichen Voraussetzungen zu schaffen, sodass das vorhandene Potential der Südtiroler Wasserkraft genutzt werden kann.“
 
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Kommentare

Bild des Benutzers Laurin Kofler
Laurin Kofler 14.11.2022, 16:19

Zum einen sind da die europäischen Gewässerschutz-Richtlinien, zum anderen brauchen die Industrie (Strom) mehr Wasser, ebenso wie Tourismus und Landwirtschaft. Das wird ein heißer Kampf.

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alfred frei 14.11.2022, 16:23

Die Politik ist nun gefordert > "im Sinne und im Auftrag des Allgemeinwohls" - , die gesetzlichen Voraussetzungen zu schaffen ....... oder ?

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Michael Kerschbaumer 14.11.2022, 16:32

Die Politik ist der LH und die Alperia und sicherlich nicht die SEV und die Handelskammer. Oder doch? Als Berater würde ich den ex LH vorschlagen.

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Karl Gudauner 14.11.2022, 18:50

Damit sind legitime wirtschaftliche Interessen erst mal prominent platziert und es wird Druck auf die Politik ausgeübt. Demokratie funktioniert so, dass die Gruppeninteressen gegenüber den Entscheidungsträgern artikuliert werden. Unter Zeitdruck ist keineswegs gesichert, dass die Politik im Hinblick auf die Entscheidungsprozesse die wirtschaftlichen Interessen und die Gemeinwohlinteressen umfassend überprüfen kann und eine ausgewogene Lösung sich als mehrheitsfähig erweist. Eine verantwortungsvolle Politik erfordert jedenfalls die Berücksichtigung der ökologischen Aspekte und der Rahmenbedingungen der jeweiligen Projekte zur Nutzung der Wasserkraft. Zukunftsweisend und vor allem sinnvoll wäre es, bei wichtigen Entscheidungen wirtschaftliche, ökologische und soziale Aspekte der Entwicklung des Landes in gemeinsam auf den Prüfstand zu stellen. Die Interessenvertretungen und die Expert*innen können die entsprechenden Informationen zusammentragen. Die Studie der Handelskammer ist ein Impuls, der mit einer zukunftsweisenden Planungsstrategie aufgegriffen werden muss. Die Politik hat die Aufgabe, den Deliberationsprozess auf den Weg zu bringen, also die Abwägung der verschiedenen Fakten, Faktoren und Perspektiven und die Meinungsbildung zur Entscheidung. Gute Entscheidungen benötigen ausreichend Zeit, Weitblick, Verantwortungsbewusstsein und Unabhängigkeit.

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Herta Abram 14.11.2022, 20:18

Frage dazu an Michl Ebner: Stehlen wir damit die Zukunft oder heilen wir sie?

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Johannes Engl 14.11.2022, 20:55

"Das Tochterunternehmen Athesia Energy GmbH ist das Energiekompetenzzentrum der Athesia Gruppe. Es beschäftigt sich mit Entwicklung, Finanzierung und Betrieb von Erzeugungsanlagen im Bereich der erneuerbaren Energien. Durch Investitionen in einen zukunftsorientierten Wirtschaftszweig wird die Unternehmensgruppe gestärkt und die Nachhaltigkeit unserer wirtschaftlichen Tätigkeit gesteigert."
Noch Fragen?

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Manfred Gasser 14.11.2022, 21:00

Soviel zu Verantwortungsbewusstein und Unabhängigkeit.

Bild des Benutzers Manfred Gasser
Manfred Gasser 14.11.2022, 21:04

Und natürlich, nicht zu vergessen, Weitblick. Ein weiter Blick in die eigene Brieftasche.

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Manfred Gasser 15.11.2022, 08:33

Mah, man könnte ihnen doch den Regen verkaufen? Oder doch besser gleich Eisack, Etsch und Rienz?

Bild des Benutzers Günther Alois Raffeiner
Günther Alois Raffeiner 16.11.2022, 08:38

Wer verdient sich da wieder eine goldene Nase auf Kosten der Natur und Bevölkerung Südtirols???

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Stefan TAFERNER 16.11.2022, 13:25

Laut monatlichen Bericht von TERNA ist der Energiebedarf rückläufig. In Nachkriegszeit wird also der Preis sinken.. und dann? Tränendrüsenlobby bei LH.
Bei allen Diskussionen fehlt der Beitrag von EDYNA. Wie sieht es mit den Netzverlusten aus? Laut TERNA verlieren wir ca. 28% zwischen Produktion und Endverbraucher. Hier würde ich als erstes Ansetzen, bevor wieder den Fischen das Wasser entzogen wird.

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Klaus Griesser 17.11.2022, 19:28

Ich kann verstehen, dass die Unternehmerschaft an der Nachhaltigkeit der Gewinne durch zu erweiternde Gewinnung CO2-neutraler Energie interessiert ist. Das verstößt rücksichtslos gegen die ökologische Nachhaltigkeit des Wassersystems: unsere Wasserläufe sind eh schon übermäßig in Leitungssysteme und Turbinen gepresst , müssen für Schneeturbinen, touristische Badefreuden höchster Qualität, landwirtschaftliche Jauchenerzeugung- und -verbreitung usw. usf. herhalten, dass zusätzliche Verbauungen dieser Nachhaltigkeit den Garaus machen würden. Dazu kommt, dass die Wassermengen wegen der schwindenden Gletscher nachhaltig zurückgehen werden. Was soll da aus unserem Trinkwasser werden?
Und so ein "dynamischer" Vorschlag kommt nach den "sustainability days"?

Bild des Benutzers Josef Fulterer
Josef Fulterer 25.11.2022, 06:52

Im Sommer werden die bereits stark zurück gegangenen Gletscher, immer weniger Wasser zur Stromerzeugung und zur Auffüllung der Stauseeen liefern.
Die Optimierung der bestehenden Anlagen ist vernünftig. Die weitere Ausbeutung der Wasserkraft hingegen ist sehr kritisch zu hinterfragen.

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