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Kommunikation

Oh du schöne, heile Welt

Schluss mit sogenannten „Höflichkeiten“
Community-Beitrag von Silvia Griessmair15.01.2020
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„Alles okay? Alles klar? Alles gut? Alles in Ordnung?“ Nein, nein, nein und nochmals nein! - nicht unbedingt die erwünschte, „angemessene“, ja man könnte sogar sagen „regelwidrige“ Antwort auf die allseits beliebten Heile-Welt-Fragen.

Direkt nach der Begrüßung – oder in manchen Fällen sogar ohne Vorwarnung – wird man vielerorts mit solchen Geschossen konfrontiert. Vielleicht gut gemeint, das mag sein, aber sicherlich schlecht getroffen. Denn da das Gegenüber im Grunde nur eine einzige, bestimmte Antwort haben will, wird man enorm unter Druck gesetzt. Als ob die „Probleme“, die man so mit sich herumträgt, nicht schon schwer genug wären, wird man so dazu gedrängt, auch noch so zu tun als existierten sie gar nicht. Es ist immer alles schön in Ordnung. Auch wenn zuhause oder innerlich vielleicht gerade die Welt zusammenbricht, nach außen hin ist alles perfekt. Kein Problem. Ich habe alles im Griff.

Dass wir damit weder uns selbst noch unseren Mitmenschen einen Gefallen tun, scheint vielen nicht klar zu sein. In einer Zeit, in der der Druck ohnehin immer größer wird, bräuchten wir dringend wieder mehr (Zwischen-)Menschlichkeit. Und das erreichen wir sicher nicht durch solche Floskeln, die dem Gegenüber nicht ehrliches Interesse vermitteln, sondern eine vorprogrammierte, ritualisierte Reaktion fordern. Immer schön an die Spielregeln halten.

Auch die vermeintlich „neutrale“ Fragestellung „Wie geht es dir?“ hat es in sich. Wir haben nämlich keine Zeit mehr, jemandem so „richtig“ zuzuhören und ein offenes, aufrichtiges Gespräch zu führen – oder besser gesagt: Wir nehmen sie uns einfach nicht. Dass wir dadurch vereinsamen, fällt uns oft erst nach Jahren auf, manchen vielleicht sogar nie. Da ist dieses nagende Gefühl in uns, dass irgendetwas nicht ganz stimmt oder anders laufen sollte, aber was ist es? Warum fühlt es sich so an als würde man sich von seinen Mitmenschen immer mehr entfernen und entfremden? Nun, vielleicht sollten wir demnächst mal wieder der Kommunikation mehr Beachtung schenken und aktiv etwas verändern. Lieber einmal weniger fragen, ob denn „alles okay“ sei, und uns dafür einmal mehr die Zeit nehmen, dem Gegenüber in die Augen sehen. Wie geht es dieser Person wirklich? Wie wirkt sie auf mich? Bereits eine ganz kleine, aber dafür ehrliche Aufmerksamkeit kann im übertragenen, aber auch im wortwörtlichen Sinne Leben retten.

Also ja, es ist okay, wenn nicht immer alles „okay“ ist. Auch wenn die Welt nicht immer „heil“ ist, kann sie trotzdem „schön“ sein. Und selbst wenn sie manchmal nicht „schön“ ist, ist das „okay“.

Und um Floskeln mit Floskeln zu bekämpfen: „Geteiltes Leid ist halbes Leid“. Wir brauchen andere Menschen. Zusammen sind wir stärker. Und weiser. Und weniger einsam. Also lasst uns wieder zueinander finden!

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Kommentare

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G. P. 15.01.2020, 19:40

Guter Text, Sie schreiben mir aus der Seele. Ich erkenne mich (teilweise) wieder ...

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Georg Lechner 15.01.2020, 20:03

Wir haben ohnehin nur die Zeit, die wir uns nehmen.
Dass ein Gespräch zuerst einmal eher formelhaft beginnt, muss noch kein Fehler sein. Das wäre erst einer, wenn es nur bei Riten bliebe. Ein tieferes Eintauchen folgt erst allmählich im Wechselspiel, womit wir wieder beim Zeitfaktor wären.

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Sepp Bacher 15.01.2020, 21:53

Ihre Fragen und Ihr Text gefällt mir gut. Das sind aber vorwiegend Floskeln, die wir unkritisch von den Piefke übernehmen oder übernommen haben. Südtiroler glauben, dass die "Gäste" schon das richtige Deutsch sprechen, dabei verwenden sie genauso wie wir eine schlampige Umgangssprache. In unseren Breiten gibt es zwar auch Floskeln, aber mindestens sympatischere. Mich haben Floskeln mit "in Ordnung", alles klar oder ok, immer schon gestört! Wenn jemand mit blutendem Gesicht nach einem Unfall vom Polizisten gefragt wird, alles ...usw. dann fragt man sich, wie kann jemand nur so blöd....?!
In diesem Falle würde man bei uns aber auch nicht fragen, wie geht es dir? oder ähnlich. Aber es stimmt, bestimmte Floskeln signalisieren vorerst einmal, dein Interesse, deine Aufmerksamkeit, denn auf der Straße erwartet auch niemand, dass du jetzt deine Gefühle ausbreitest. Da sitzt man sich bei uns schon mindestens für einen Kaffee oder a Glasl in die nächste Bar. Schlimm ist es erst dann, wenn dein Gegenüber anstatt mit dir zu reden, dauernd mit seinem Smartphone beschäftigt ist, was leider immer öfters passiert. Man kann das aber auch ansprechen und die Person damit konfrontieren. Kommunikation muss man oft auch erst provozieren! Life und nicht in Textnachrichten!!

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