Gender Equality
Tim Mossholder
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NOWA FÜR SOS FUTURE

Auf Augenhöhe

Noch 136 Jahre wird es dauern, bis Männer und Frauen gleichgestellt sind − wenn es im aktuellen Tempo weitergeht.
Von
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SOS Future31.05.2021
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Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Analyse der Stiftung des Weltwirtschaftsforums im Schweizerischen Davos. Darin wurden die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die politische Teilhabe sowie der Zugang zu Gesundheit und Bildung je nach Geschlecht untersucht. Betrachten wir die Diskussionen, die das zur Sitzung der Landtagskommission mitgebrachte Baby der Mandatarin Jasmin Ladurner ausgelöst hat, dann dauert der Prozess in Südtirol wohl noch zusätzlich 30 Jahre länger.

Dabei sind gerade solche Ereignisse für Optimist*innen und Idealist*innen durchaus Hoffnungspflänzchen, die gehegt werden wollen, denn: Wir reden endlich wieder über das Ungleichgewicht zwischen Frauen und Männern, zum Beispiel in Entscheidungs- und Führungspositionen, über Diskriminierung, über gesellschaftliche Hürden für Frauen und wir werden wieder verschärft damit konfrontiert, dass noch lange nicht alles gut ist. Nach den kleinen Erfolgen in den 70iger Jahren ist die feministische Bewegung eingeschlafen, war negativ behaftet und verpönt. Und das, obwohl der Feminismus einzig das Recht beschreibt, in Menschenwürde und selbstbestimmt über sich und das eigene Leben zu verfügen, ohne Kategorisierung oder Bevormundung von außen, ohne Ungleichbehandlung durch ein gesellschaftspolitisches Konstrukt. Dennoch sind wir noch weit von einem Gleichgewicht auf Augenhöhe entfernt. Frauen bekommen statistisch gesehen 25.353 € Jahresgehalt, die Männer 40.660 €. Bei den Renten sieht es durchschnittlich ähnlich aus: 735 € für Frauen und 1.433 € für Männer und das, obwohl Frauen durchschnittlich pro Woche 22,2 h Care-Arbeit leisten, Männer nur 8,2 h.

„Hoi, da fehlt doch noch etwas!“

wie es Lene Morgenstern im Video des Landesbeirates für Chancengleichheit zum Gender Pay Gap ausdrückt. Ja, und Frauen fehlen vor allem auch in Führungs- und Entscheidungspositionen, überall dort, wo dieser Missstand auf struktureller Ebene verändert werden könnte und muss, auch weil „gemischte“ Teams einfach schlagkräftiger in der Entwicklung sind. Nur 0,1 % der Führungspositionen haben Frauen inne, obwohl derzeit 50,53 % der Bevölkerung aus Frauen besteht und: Es liegt nicht an der Qualifikation – 19,4 % der Frauen haben einen Hochschulabschluss, im Gegensatz zu 13,6 % der Männer. Gefühlt hat uns auch die Corona-Pandemie in dieser Entwicklung wieder um Jahre zurückgeworfen. Laut Istat sind 58 % der Bevölkerung, die ihre Arbeit durch die Pandemie verloren haben, Frauen, weil vermehrt Frauen in Berufen tätig sind, die von Kontaktbeschränkungen stark betroffen sind, wie z.B. Gastgewerbe und Einzelhandel. Die Monate der Schul- und Kitaschließungen haben auch Frauen härter getroffen als Männer und es gibt auch immer noch viel mehr alleinerziehende Mütter als Väter. Das Totschlag-Argument der letzten Jahre „Jede Frau kann heutzutage alles erreichen, wenn sie nur wirklich will“ ist abgeklatscht und kann einfach nicht mehr durchgehen. Wir müssen wieder darüber reden, laut, unbequem und öffentlich, in Gremien, in Vorstandsvorsitzungen, im Bäckerladen, in der Kita und beim Friseur.

Wir müssen reden über Quoten, familienfreundliche Arbeitsplätze, über gendergerechte Sprache, über unbezahlte Care-Arbeit, finanzielle Abhängigkeit, Altersarmut und über Femizide.

Das neue Jahr hat in Italien in 4 Monaten 20 Frauenmorde zu verzeichnen und es bleibt zu hoffen, dass niemand mehr diese Morde in ein privates Beziehungsdrama einordnet, sondern dass der strukturelle und gesellschaftliche Missstand dahinter demaskiert und bekämpft wird. Femizide sind die Spitze eines Eisbergs, der ganz unten am Sockel mit dem Abwerten von Mädchen und Frauen beginnt, sich dann auftürmt und nährt von zahlreichen Ungerechtigkeiten wie schlechter Absicherung, Armutsfalle, Doppelbelastung, weniger Sichtbarkeit, weniger Einfluss, Sexismus und vielen Formen von Gewalt.

 

Darüber reden, also eine zukunftsfähige Dialogkultur zu fördern, hat sich auch die Sozialgenossenschaft blufink auf die Fahnen geschrieben. Das innovative Unternehmen, gegründet und geführt von zwei Frauen, Katharina Erlacher und Katherina Longariva, arbeitet vielseitig und ganzheitlich, mittels verschiedener Projekte, Dienstleistungen und Angeboten, immer das Gemeinwohl, das Ganze, eine lebenswerte Zukunft im Fokus. Mit der conflict kitchen, eine gesellige Veranstaltung mit Nahrung für Körper (in Form einer herzhaften Suppe) und Geist (durch Austausch auf Augenhöhe und konstruktive Gespräche), greift blufink immer wieder Brennpunktthemen auf und bietet interessierten Bürger*Innen einen Rahmen für sapnnende Impulse, Austausch, Reflektion und das Entstehen von Handlungsspielräumen. So geschehen Anfang März 2020, als in der Conflict Kitchen das Thema „Gender Equality“ auf den Tisch kam. Rund 90 Personen haben daran teilgenommen und allein dies zeigt, dass das Thema unter den Nägeln brennt. Durch die Tischgespräche wurden verschiedene Sichtweisen beleuchtet und aktuelle Sachverhalte besprochen sowie Südtiroler Verhältnisse erörtert. Der gemeinsame Tenor ist der Handlungsbedarf, keine Ausreden mehr im 21. Jahrhundert, die Geschlechtergleichstellung ist ein Muss für eine gesunde, zukunftsfähige und lebensbejahende Gesellschaft. Auch die Forderungen der Agenda 2030 der Vereinten Nationen war in der Conflict Kitchen ein Thema und im Sinne ihres Entwicklungszieles Nr. 5 will man/frau sich auch in Südtirol vereint und verschärft dieser Herausforderung stellen. Das SDG Nr. 5 beinhaltet folgende Forderung auf lokaler wie internationaler Ebene:

Frauen und Mädchen müssen überall gleiche Rechte und Chancen haben und in der Lage sein, frei von Gewalt und Diskriminierung zu leben. Die Gleichstellung und Stärkung von Frauen ist nur eines der 17 Ziele für Nachhaltigkeit, aber auch ein wesentlicher Bestandteil aller Dimensionen integrativer und nachhaltiger Entwicklung. Kurz gesagt, alle SDGs hängen von der Erreichung von Ziel 5 ab.

Innerhalb des Südtiroler Netzwerkes für Nachhaltigkeit, das sich der Agenda 2030 verpflichtet hat, gibt es rund 37 Organisationen/Vereine/Initiativen, welche sich dem Entwicklungsziel der Geschlechtergerechtigkeit widmen; eine Kerngruppe zum SDG 5 will künftig alle Belange sammeln und aktiv auf gesellschaftspolitischer Ebene agieren. Heike Platter, Netzwerkerin, Feministin und Frau der Kommunikation ist seitjeher aktiv im Bereich der Chancengleichheit tätig und engagiert sich nun auch maßgeblich für das SDG 5. Bereits im Jahr 2019 ist es ihr zusammen mit zwei weiteren Mitstreiterinnen im Team des Frauen-Netzwerkes Wnet gelungen, einen Aktionstag zur geschlechtergerechten Sprache in den Medien zu organisieren. Das Thema wurde von vielen deutschsprachigen Tagesmedien in Südtirol aufgegriffen und hat auf kreative Weise zu mehr Sichtbarkeit der Frauen in der Öffentlichkeit beigetragen.

„Eine geschlechtergerechte Sprache soll keine Sprachverrenkungen bewirken, sondern viel mehr auch die Zweite Hälfte der Menschheit zu Wort kommen lassen und damit sichtbar machen. Sprache macht Bilder im Kopf; Medien berichten nicht nur, sondern gestalten auch Wirklichkeit. Dass mittlerweile auch der Duden gendert, trägt diesem Fakt weiter Rechnung“,

ist Heike Platter überzeugt. Sie sieht die aktuelle Situation als Chance dem Feminismus Sprungkraft und eine breite Basis zu verleihen: „Unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem erfährt derzeit einen Paradigmenwechsel. Wir müssen die Bruchstellen ausmachen und neue Lösungen verhandeln. Es geht auch nicht mehr um ein Entweder/Oder, auch nicht um ein gegen die Männer sein, sondern um ein ausgewogenes, menschliches Miteinander. Und es geht für mich auch nicht mehr um Kompromisse und Notlösungen, sondern vielmehr um ein gemeinsames (soziales) Feld, das wir jetzt, miteinander, kraftvoll und fair gestalten können.“

Inzwischen machen sich verschiedene Frauengruppen auch in Südtirol stark für neue Verhandlungen und gemeinsam will man/frau mehr Stimme und Sichtbarkeit für Frauen erlangen: Für den 25. September 2021 ist in Südtirol ein Frauenmarsch in der Landeshauptstadt geplant. Der nötige Antrieb, oder vielleicht besser, der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war der gewaltsame Tod von Barbara Rauch; die Frauenmorde in Südtirol und darüber hinaus. Inspiriert von „Non una di meno. Piano feminista 2017“ wurde ein ausführliches Manifest erstellt, welches gemeinsam mit dem Marsch auf politischer und auch auf gesellschaftlicher Ebene längst überfällige Weichen stellen soll, damit wir uns als Gesellschaft einer wirklichen Chancengleichheit nähern können. Der Marsch wird von einer überparteilichen Gruppe von Frauen organisiert, Überparteilichkeit steht auch im Programm. Gleichberechtigung und Frauenrechte sind die Themen, die uns alle angehen und unter dem sich auch Diversität und verschiedene Herkünfte vereinen. Wenn man die Zeichen der Zeit optimistisch deuten möchte, bahnt sich gerade jetzt eine 3. Welle des Feminismus an und es bleibt zu hoffen, dass mit diesem Kraftakt die Ära der Frauendiskriminierung, der Ungleichbehandlung der Frauen, endgültig vorbei sein wird. Hoffnung machen auch die Männer, die erstmals, zwar wenige und vereinzelt, aber immer mehr, bewusst und freiwillig das Patriachat zu Grabe tragen. Jene, die auf Kandidaturen zu Gunsten von Frauen verzichten, jene die Vaterschaftsurlaub nehmen und jene, die in roten Stöckelschuhen auf die Straße gehen mit Schildern:

„Real Men Are Feminist“.

„Transformation für einen nachhaltigen gesellschaftlichen Wandel kann nur gemeinsam gelingen. Es ist an der Zeit, dass Frauen und ihre Themen gehört und gesehen sowie als gesellschaftspolitisch relevant wahrgenommen werden, dass die jetzigen Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft aber auch die Männer (wie Frauen) in der Gesellschaft erkennen, dass es so wie es bisher lief, zugunsten einer menschengerechteren, nachhaltigen Entwicklung im 21. Jahrhundert nicht (mehr) funktionieren kann und darf. Denn erst dann können wir wirklich gemeinsam Zukunft gestalten und auch neue Wege im Miteinander gehen.“ ist Heike Platter überzeugt.

 

Ein Beitrag von Evi Kainz, NOW/A // seeding positive transformation für Südtirols Netzwerk für Nachhaltigkeit.

Die Initiative wird von der Autonomen Provinz Bozen und vom Ministerium für Arbeit und Sozialpolitik unterstützt.

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Kommentare

Bild des Benutzers Karl Trojer
Karl Trojer 17.03.2021, 11:10

Der Frau Evi Kainz besten Dank für diese umfassenden Darlegungen !
Mit gegenseitigem Respekt bei Wertschätzung der Verschiedenheiten kann Integration gut gelingen und es erschließt sich uns selbst ein weites Feld über wertvolle, neue Einsichten mit Erweiterung unseres eigenen Horizonts. Konkrete Möglichkeiten zur Hilfeleistung für Flüchtlinge sehe ich im Beistand bei bürokratischen Abwicklungen, in der Wohnungssuche, in der Hilfe zur Vermittlung eines Arbeitsplatzes, in der Kontaktpflege und der Aufnahme in örtlich vorhandene Vereine.

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