Philipp Achammer
LPA/Nicol Abler
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Integration

Achammers Absichten

Nach der zurückgezogenen Islam-Broschüre lädt Landesrat Philipp Achammer zur Pressekonferenz. Es soll um Integration gehen. Doch am Ende steht eine weitere Frage im Raum.
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Den Inhalt der Broschüre wolle er heute nicht mehr kommentieren. Der sei ihm ohnehin nicht bekannt gewesen, hatte Philipp Achammer umgehend klar gestellt als vor zwei Wochen die Freiheitlichen zum Angriff auf den Bildungslandesrat bliesen. Wegen eines Faltblattes der Deutschen Bildungsdirektion mit dem Titel “Muslimische Kinder und Jugendliche in der Schule – Informationen, Orientierungen und Empfehlungen”.
Genüsslich schlachten Ulli Mair und Andreas Leiter Reber das Thema Anfang April aus, sprechen von einem “Kniefall vor dem Islam”. Der Frontalangriff der Freiheitlichen geht gegen den Landesrat, dem sie einen “eindeutigen Linksruck in der Integrationspolitik” bescheinigen.

Deshalb schlägt Achammer 14 Tage später zurück. Mit einer Pressekonferenz, bei der er “über den Weg der deutschen Schule in der Integrationsfrage nach der Rücknahme der Broschüre zum Umgang mit muslimischen Schülern” informieren will.
Vor allem aber wirkt das Ganze wie eine Reinwaschaktion für den Landesrat, der im Zusammenhang mit der Broschüre keinerlei Verantwortung bei sich sieht. Eine Aktion, die nicht so ganz gelingen mag.

Kerschbaumer, Tschenett, Achammer, Falkensteiner
Integration als Auftrag: (v.l.) Beatrix Kerschbaumer, Gustav Tschenett, Philipp Achammer, Sigrun Falkensteiner (Foto: salto.bz)

 

Kein Weg um Inklusion herum

 

Flankieren lässt sich Achammer von Bildungsdirektor Gustav Tschenett und Schulamtsleiterin Sigrun Falkensteiner. Gekommen ist auch die Direktorin der Landesberufsschule für das Gastgewerbe “Savoy” in Meran, Beatrix Kerschbaumer. Die drei berichten aus der Sicht von Bildungsexperten über die Herausforderungen der Integration – und wie sie gelingen kann. Im Schulamt will man eine Neuausrichtung der Sprachenzentren in Angriff nehmen, berichtet Falkensteiner. Deren Funktion als Beratungs-, Erstanlauf- und Orientierungsstelle für Eltern soll gestärkt werden. Sprachkurse, insbesondere für Mütter, sowie die Figur der interkulturelle Mediatoren sollen potenziert und Schulen mit einem hohen Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund im Netzwerk mit anderen Schulen verstärkt als Impulsgeber einbezogen. Außerdem dürfen so genannte “Brennpunktschulen” mit mehr personellen und finanziellen Ressourcen rechnen – je nach Bedarf – und das Lehrpersonal mit entsprechender Weiterbildung und Hilfestellung.

“Integration muss etwas kosten”, sagt Falkensteiner bestimmt. Nur so könne man dem Grundgedanken des inklusiven Schulsystems gerecht werden. Dieser sei nicht zuletzt in der Verfassung festgeschrieben, pflichtet Gustav Tschenett bei. “Was uns als Schule ausmacht ist, dass wir, anders als unsere Nachbarländer, keine Sonderschulen haben und nicht gezielt Deutsch-Klassen einführen. Wir fördern die Integration aller Kinder, unabhängig von ihrer sozialen, familiären oder kulturellen Herkunft. Genau das zeichnet uns aus: Dass alle dieselben Bildungschancen haben.”

 

“Nie die Absicht”

 

Zu den Worten der beiden Spitzenbeamten der Deutschen Bildungswelt gesellt sich die politische Botschaft des Landesrates. Integration bedeute weder Segregation noch Assimilation – “kein ‘wir hier und ihr dort’” –, betont Philipp Achammer mehrmals. Warnt zugleich aber auch vor “falsch verstandener vorauseilender Toleranz”: “Es ist wesentlich, sich auf andere Kulturen einzulassen. Das heißt aber nicht, Eigenes dafür aufzugeben.”

Und dann kommt doch die Islam-Broschüre zur Sprache, die Achammer eigentlich nicht mehr kommentieren wollte. Inzwischen ist sie zurückgezogen worden, soll überarbeitet werden. Weil noch eine weitere Broschüre aus dem Deutschen Schulamt aufgetaucht ist, die ohne Quellenangabe übernommen worden zu sein scheint, musste jüngst Christian Alber seinen Platz räumen. Der Schulinspektor für den Religionsunterricht wird der Öffentlichkeit als einziger “Schuldiger” für die Broschüren-Misere präsentiert.

Es habe “nie die Absicht” bestanden, den Schulen Vorgaben zu machen, “ein Nachschlagewerk mit Handlungsanweisungen für konkrete Situationen” zu geben, beteuert der Landesrat, sondern “Informationen und eine gute Basis”. Es werde so schnell auch keine neue Broschüre geben.

 

Kein politischer Auftrag?

 

Damit könnte der Schlussstrich gezogen sein. Gäbe es nicht einen berechtigten Grund, an den Worten des Landesrates zu zweifeln. In Antwort auf eine Landtagsanfrage von Ulli Mair – Thema: “Ramadan an Südtirols Bildungseinrichtungen” – schreibt Philipp Achammer Anfang September 2018 nämlich:

“Die Landesregierung spricht sich dafür aus, dass Kindergärten und Schulen auf auftretende Probleme in Zusammenhang mit dem Fasten im Ramadan pädagogisch reagieren. Um die Kindergärten und Schulen dabei zu unterstützen, beauftragt die Landesregierung die Deutsche Bildungsdirektion mit der Entwicklung eines Faltblattes ‘Muslimische Kinder und Jugendliche in der Schule’, das ganz konkrete Alltagsprobleme thematisiert, Hinweise zu Kleidervorschriften, Schwimmunterricht, Essen, Trinken etc. enthält und Kindern, Eltern und Lehrkräften pragmatische Hilfestellungen anbietet”.

 

Anfrage Ramadan September 2018

 

Exakt das ist passiert. Mit jener Broschüre, die sieben Monate später für den Freiheitlichen Frontalangriff auf Achammer sorgt – und von der der Landesrat jetzt sagt, den politischen Auftrag dazu nicht gegeben zu haben.

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Kommentare

Bild des Benutzers Michl T.
Michl T. 16.04.2019, 12:07

Konrad Adenauer hat schon gesagt "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern.." allerdings hat er im selben Atemzug auch gesagt "nichts hindert mich, weiser zu werden." Bitte Herr LR, lerne draus - wer liest und *heikle* Texte frei gibt ist deutlich im Vorteil. Der Auftrag kam vom LR und damit ist die Verantwortung geklärt.
jetzt - husch husch - bitte alle wieder zurück an die Arbeit ;-)

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