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Salto Afternoon

Orgasmus mit Tiefgang

Der international erfolgreiche Künstler Ugo Dossi hat einige seiner Arbeiten vor kurzem in Bozen ausgestellt. Ein Nachgespräch über Wirbel und Höhepunkte.
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Salto.bz: Sie sind als Künstler ein Kind der sogenannten 68er, stellten auch auf der Documenta in Kassel aus. Inwiefern hat dieser Zeitgeist Ihre Kunst geprägt?
Ugo Dossi: Sehr. Und ich erinnere mich auch sehr gerne an diese Zeit. Ich war damals noch ein ganz junger Künstler. Ich hab die Documenta 6 und 8 mitgemacht. Das ist so wie die Olympischen Spiele für einen Sportler, ein Türöffner für Künstler. Für mich war es eine Art Türöffner in das „Offizielle“.

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Der Künstler Ugo Dossi / Foto: Agostino Fuscaldo

Und vorher waren Sie ein inoffizieller Künstler?
Als junger Künstler ist man immer inoffiziell. Ich wohnte zu dieser Zeit bereits seit einigen Jahren in Mailand und hatte dort sehr gut mit Arturo Schwarz gearbeitet, dem legendären Kunsthändler, der den Surrealismus und Dada nach Italien gebracht hat. Er war ein Poet und ist für mich sozusagen der Unterbau meines Schaffenswerks. Schwarz hat mich auch dazu gebracht meine eigenen Weltmodelle auf die Documenta zu bringen.

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Weltmodell / Quelle: ugodossi.com

Es gab damals auch Kritik von Seiten der traditionellen Kunstszene. Wie sind Sie und ihre rebellischen Künstlerkollegen der 1970er Jahre damit umgegangen?
Das hat uns wenig gestört. Wir sahen uns auf der Konzeptseite und haben uns als Konzeptkünstler verstanden. Alles andere war uns gleichgültig.

Welche Rolle spielt Poesie in Ihrem Werk?
Die poetische Größe und poetische Kraft in einem Werk ist sehr wichtig. Etwa bei meinen automatischen Zeichnungen, die ihre Wurzeln im Surrealismus haben. Es sind unbewusst gesteuerte Bewegungen, die zu Zeichnungen werden und zum Ausdruck des Unbewussten. Die Kreativität des Unbewussten zu manifestieren, das ist das Werkzeug, das Bergwerk aus dem ich alle meine Sachen hole.

Die Tiefe ist die Welt, die Oberfläche nur etwas Gespiegeltes.

Wie sehen Sie die gegenwärtige Kunstszene?
Ich sehe keine Weiterentwicklung, sondern zum großen Teil eine Rückentwicklung. Um es einfacher zu sagen: Uns war Inhalt sehr wichtig, die Tiefe des Gedachten. Dagegen der Zeitgeist jetzt, der ist eher im Flachen angesiedelt. Der Kunst hat Angst vor dem tiefen Wasser, bleibt lieber im Planschbecken, schön an der Oberfläche.

Was kann man dagegen tun?
Ich habe beispielsweise Arbeiten realisiert, die Wirbel zeigen. Der Wirbel ist eine Einladung unter die Oberfläche zu gehen, in die Tiefe, um zu schauen was da ist.

Und was ist da?
Die Tiefe ist natürlich wahnsinnig groß und schön. Die Tiefe ist die Welt, die Oberfläche nur etwas Gespiegeltes.

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 Automatischen Zeichnungen / Quelle: ugodossi.com

Was war der prägendste Moment, der Sie zum Künstler hat werden lassen? 
Der erste Orgasmus. Das war die Öffnung ins Jetzt. In die Tiefe der Welt.

Der aus dem Trentiner Val Rendena stammende Ugo Dossi studierte von 1962 bis 1965 an der Akademie der Bildenden Künste München bei dem Monumentalmaler Franz Nagel und an der Accademia di Brera in Mailand. Von 1965 bis 1976 war er freischaffend in Mailand als Künstler tätig. Dort wurde Ugo Dossi von der dem Surrealismus zugewandten „Galleria Arturo Schwarz“ betreut. Zeitweise arbeitete er in Mailand als Bühnenmaler. Von 1975 bis 1976 unterhielt er ein Atelier in Paris, 1976 zunächst in Zürich und anschließend in München. Er nahm 1977 an der Documenta 6 und 1987 an der Documenta 8 in Kassel teil.
Ugo Dossi beteiligte sich an den Biennalen in Venedig, Paris, Mailand und Buenos Aires.
 

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