Kultur | Salto Afternoon

Wolfsinn

Eine ausführliche Auseinandersetzung zum Thema "Wolf" aus kulturhistorischer Perspektive: ein Salto-Gastbeitrag in Zusammenarbeit mir der Kulturzeitschrift "Vissidarte"
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Foto: Vissidarte

Über Wölfe zu reden schließt immer Weltanschauung ein.
Das zeigt sich auch daran, dass die Wolfsforschung sehr spät begann.
Wölfe galten lebendig als schädlich und tot als nutzlos.

In bocca al lupo

Vor jeder anspruchsvolleren Unternehmung ver­wenden Menschen im italienischen Sprachraum einen Segensspruch, auch noch in Zeiten, in de­nen über Wölfe zu reden kaum jemandem in den Sinn kam. Außer man beteiligte sich an Wolfsfor­schung in den Wäldern der Apenninen, um die fast erloschene Population von Canis lupus italicus nachzuweisen und den Bestand abzuschätzen (um 1970 an die hundert Wölfe in Italien) oder Hir­ten fluchten über einen Riss aus den vieltausend­köpfigen Schafherden in Süd- und Mittelitalien.

Die Kinder lernten, auf „in bocca al lupo“ nicht „grazie“ zu sagen, sondern „che crepi“. Die zwei Haltungen der Menschen zu Wölfen sind im alltäglichen Austausch von Redewendungen sichtbar. Eine Bärin zum Beispiel vertei­digt ihre Jungtiere bei Gefahr und koste es ihr Leben, eine Wölfin hingegen zieht um. Sie nimmt die Welpen am Nackenfell und trägt je­den einzeln in eine nächste Höhle, wenn sie Gefahr vermutet. „In bocca al lupo“ ist der si­cherste Platz für das Überleben der Welpen.

Anfang des 20. Jahrhunderts waren Wölfe in den Alpen, in Mittel- und Westeuropa (bis auf kleine spanische Populationen) ausgerot­tet. Keine größere Rolle mehr spielten sie seit dem 18. Jahrhundert, als Fallen und Flinten aus Stahl oder Gift, Erzeugnisse industrieller Produktion und die staatlichen Abschussprämien die Wölfe so gut wie ausgerottet hatten: „checrepi“

Wolfsbilder der Antike

Ja, die römische Wölfin, so die Gründungsle­gende, fand die zwei ausgesetzten Knaben der Königsdynastie, säugte und wärmte sie, denn Wöl­fe waren dem Gott Mars heilig, dem Vater der Kna­ben Romulus und Remus. Am 15. Februar feierte die römische Gesellschaft in Rom die Lupercalia, auf dem Palatin verehrte sie die Grotte Lupercal des Gottes Faunus Lupercus, Böcke wurden ge­opfert, junge Männer mit dem Bocksblut gekenn­zeichnet, und die Priester liefen mit Fellstreifen der getöteten Böcke durch die Straßen und schlu­gen damit über die nackten Rücken verheirateter Frauen, die sich davon Kindersegen versprachen. Die römischen Hirten und Herdenbesitzer moch­ten die Wölfe so wenig wie ihre Kollegen im anti­ken Griechenland, und ihre Haltung verankerten sie in den Fabeln, die Äsop und andere Dichter sammelten und in Form brachten: Der Wolf sei ein Dieb, der Wolf sei schlau, der Wolf gehöre hinaus aus der zivilen Welt. Endgültig vorbei mit dem Ruf war es ab dem Hochmittelalter, als Kirche und stärkere Landnutzung die Wölfe mit dem Teufel verpackten. Und doch blieb die Erinnerung an den Wolf aus einer Zeit, bevor die Menschen Ur­wälder rodeten, Land aufteilten und Weidetiere hielten - Mars, Lupercus, das Heiligtum des Zeus am Berg Lykaion in Arkadien auf der Peloponnes, Apoll Lykaion, Artemis, die Titanin Leto, die Mut­ter von Apoll und Artemis, die Zeus in eine Wölfin verwandelte, als er sie vor seiner Götterfrau Hera zu verstecken suchte. Artemis beschützte nach griechischer Vorstellung die werdenden Mütter und die Kinder, die Wildtiere, die sie als göttliche Jägerin auch tötete und deren Fruchtbarkeit sie anregte. Sie und ihr Bruder Apoll schickten mit ihren Pfeilen Krankheiten zu den Menschen, töte­ten, verwandelten oder heilten. Eine ganze Reihe von Tieren, welche die Gottheiten begleiteten und symbolisierten (Wölfe, Bären, Füchse, Adler, Ra­ben, Schwäne und andere), hatten in der antiken Vorstellung diese magischen Fähigkeiten inne.

Wölfe im „Wilden Westen“: keine Selbstverständlichkeit

Im Yellowstone-Nationalpark lebten ab den 1920er-Jahren keine freien Wölfe mehr. Mit der Einrichtung des Parks sollte die Landschaft ge­schützt werden, aber nicht alle ihre Wildtiere. Ab den 1970er-Jahren planten Umweltorganisa­tionen und Behörden, das natürliche Gleichgewicht zwischen Vegetation und den Pflanzen- und Fleischfressern wieder herzustellen, da die Bäu­me und der Bewuchs am Fluss unter den großen Huftieren sehr gelitten, Tiere dadurch ihren Le­bensraum verloren (Biber, Vögel) und sich eini­ge Tierarten sehr stark vermehrt hatten (Füchse, Kojoten). Es folgten 20 Jahre „Öffentlichkeits­arbeit“: Informationsveranstaltungen, Debatten, Gerichtsverfahren. Alle 50 Staaten der USA wur­den zum Projekt Wölfe im Yellowstone-Nationalpark befragt. Als das Final Environment Impact Statement an die US-Bürgerinnen und -Bürger verschickt wurde, trafen 160.000 Zuschriften bei der obersten Forstbehörde ein, die größte Mei­nungskundgebung in der Geschichte der USA vor dem digitalen Zeitalter (abgesehen von Wahlen). 100.000 sprachen sich für die Wölfe aus, 60.000 dagegen. Der Projektleiter Ed Bangs stellte fest, dass die meisten Adressaten wenig Ahnung von Wölfen und dem Sinn des Projekts hatten. Die Meinung zum Umgang mit Wölfen spiegelte die je­weilige Weltanschauung. Am 21. März 1995 konn­ten die Gehege, in denen sich die 14 Wölfe nach dem Transport von Kanada in den Norden der USA auf die Freilassung vorbereiten sollten, end­lich geöffnet werden. Es folgte noch eine Über­siedelung von kanadischen Wölfen, dieses Mal im Bundesstaat Idaho. Die Nez Percé, First Nations in Idaho, versprachen sich von den Wölfen auch eine kulturelle Regeneration. Indianer hatten bis ins 19. Jahrhundert durchaus Wölfe gejagt. Dabei befolgten sie die überbrachten Rituale, denn Menschen und Wölfe waren in spiritueller Dimension verbunden (gemeinsame Ahnen, Wölfe begleiteten die Heranwachsenden und unterwiesen sie als Jäger und vollwertige Mitglieder der Gruppe, Initiationsriten bedeuteten für die jungen Menschen, Wolfsqualitäten anzunehmen). Daher sahen und sehen die First Nations in den USA, Alaska und Kanada im Wolf nicht die bedrohliche, blutrünstige Bestie, die ihre Jagdbeute vernichtet oder Menschen frisst.

Anders die Einwanderer aus Europa, die Weidetie­re hielten und die Landschaft in Besitz aufteilten – sie brachten das negative Wolfs- und Waldbild der sesshaften Bauern nach Nordamerika mit. Die An­siedler rotteten daher die Wölfe in den gesamten USA aus. Nur in schwer zugänglichen Gebieten Kanadas und Alaskas duldeten Menschen Wölfe; auch das erinnert an das Schicksal der anderen ursprünglichen Einwohner, die in Reservate ab­gedrängt wurden.

Inzwischen etablierten sich die Wölfe im Yellow- stone-Nationalpark und schafften die Verbindung zu den Wolfspopulationen im Süden Kanadas, was für den genetischen Austausch notwendig ist.

Der Wolf schlüpft aus der Haut der Bestie

Als der junge Forstwissenschaftler Aldo Leopold um 1908 in den Wäldern des Südwestens der USA für den Forest Service unterwegs war, sah er wäh­rend der Mittagspause eine alte Wölfin über den Bach kommen, sechs kleine Wölfe um sie herum. Er zögerte nicht und pumpte Blei in die Wolfs­gruppe, so beschrieb er die Szene dreißig Jahre später in einem Essay Thinking like a Mountain. Mehrere seiner Essays erschienen nach seinem Tod 1949 als Buch A Sand CountyAlmanac. „Eines der Wolfsjungen zog das verletzte Bein über die

Steine nach, Leopold hatte sich mehr von der Er­regung als vom Ziel lenken lassen. Die Wölfin hat­te er tödlich getroffen. Sie sah ihn an, während sie zusammenbrach. Ein stolzes grünes Feuer starb in ihren Augen, etwas löschte aus, was nur sie und der Berg kannten“, so Aldo Leopold in der Erinnerung. Aldo Leopold handelte wie alle Kollegen im Forest Service und seine Zeitgenossen, weniger Wölfe bedeutete mehr Hirsche, die sie jagen konnten, und keine Wölfe, das war ihnen das Jagdparadies. Als er das grüne Feuer in den Augen der Wölfin sterben sah, da merkte er, dass Wolf und Berg eine ganz andere Auffassung von dieser Welt hatten. Es war ein langer Prozess, der bei Aldo Leopold an jenem Nachmittag einsetzte, bis er sein ökologi­sches Konzept vorlegte, in dem jedes Element mit vielen anderen vernetzt war. Er sah später, als die Wölfe tatsächlich aus allen Gebieten der USA verschwunden waren, dass am Übermaß der Weiß­wedelhirsche der Bergwald starb – alle Büsche und Sprösslinge hatten die Hirsche abgebissen. Leopold fand viele der gebleichten Knochen von Weißwedelhirschen: Sie starben an Hunger und an Infektionskrankheiten.

Zur Zeit des jungen Aldo Leopold wusste die Ge­sellschaft, gleichgültig ob in Nordamerika oder in Europa, über Wölfe nicht wesentlich mehr als Georges-Louis Leclerc, Comte du Buffon in seiner Allgemeinen und speziellen Naturgeschichte, die er von 1749 bis zu seinem Tod 1788 aufgezeichnet hatte. Der Wolf sei lebendig völlig unnütz und tau­ge auch tot zu nichts.

Bis in die 1940er Jahre war nur die Beobachtung von Wölfen in Gehegehaltung üblich und faszinier­te, weil Wölfe in einer sehr rigiden Hierarchie zu leben schienen. Alle Wölfe ordneten sich dem Al­pha-Wolf unter, Kämpfe um die Rangordnung und das scharfe Zurechtweisen durch den Alpha-Wolf (der natürlich männlich gedacht wurde und dem die Alpha-Wölfin zur Seite stand) entsprach den gesellschaftlichen und pädagogischen Modellen der Zeit. Adolf Hitler ließ sich von engen Mitarbei­tern und Vertrauten eine Zeit lang als Herr Wolf ansprechen. Die angenommene Hierarchie und Loyalität der Wölfe verflocht Hitler mit den ger­manischen Wolfsmythen: Wodan, der Herr über Wetter, Zauber und Tod, wurde von den Wölfen Geri und Freki begleitet. Es mochte auch die Figur des Fenris-Wolfes, der die Sonne fressen und da­mit das Ende der Welt heraufbeschwören sollte, bei Hitlers Wolfsphantasien eine Rolle gespielt haben. Noch im Zweiten Weltkrieg beobachteten Menschen, wie hungrige Wölfe in Russland und Polen die Schlachtfelder absuchten und an Lei­chen der unbestatteten Soldaten zerrten oder sie aus den notdürftigen Gräbern zogen. Es hat sei­nen guten Grund, dass die Totemtiere der Kriegs­götter Wölfe sind, ob Mars oder Wodan – ein ver­lassenes Schlachtfeld bietet Nahrung ohne Risiko.

 

Die amerikanischen Wildbiologen, die sich seit den 1940er Jahren mit Freilandforschung zu Wölfen beschäftigten, Kot analysierten, Wolfs­fährten folgten, ab den 1960er-Jahren Wölfe mit Radio-Sendern ausstatteten, um die Größe ihrer Territorien und um ihre Wanderungen kennenzu­lernen, die das Jagdverhalten und die Dynamik Wölfe - Beutetiere untersuchten, fügten ein ande­res Bild von wildlebenden Wölfen zusammen. Seit den 1970er Jahren etablierte sich auch in Europa eine solide Wolfsforschung und ergänzte das Wis­sen der amerikanischen Zoologie. Wölfe sind von Anatomie und Verhalten her auf die aktive Jagd ausgerichtet. Sie lernen die Technik von den El­tern und durch eigene Erfahrung, aber nur an die zehn Prozent der Jagden sind tatsächlich erfolg­reich. Die Beutetiere haben sich im Verlauf der Evolution auf die Beutegreifer abgestimmt: Die Beutetiere sterben nicht aus und der Lebensraum der Pflanzenfresser – Graslandschaften, Busch- und Waldgebiete – kann sich erholen. Beim Wolf denken viele gleich an seine Zähne, an die vier eindrücklichen spitzen Fangzähne, mit denen er einem Hirsch oder Hausschaf die Hals­schlagader durchbeißt und es niederzieht. Die 42 Wolfszähne machen ein Fleischfresser-Gebiss aus und Fleisch ist die Hauptnahrung der Wölfe. Aller­dings bleckt kein Wolf seine Zähne, wenn er ein Beutetier ausgemacht hat und zur Verfolgungs­jagd ansetzt. Zähne blecken und Nase krausen, das setzen Wölfe in der artspezifischen Kommu­nikation ein, vor allem, wenn sie Wölfe beeindrucken und warnen wollen, die nicht zur eigenen Familie gehören und die Territoriumsgrenzen übersehen, obwohl sie eindeutig mit Urin und Kot markiert sind. Wölfe haben eine sehr, sehr feine Nase, sie wissen genau, was sie riskieren, wenn sie durch ein Territorium gehen, das nicht das ihre ist. Lupus lupum est, das Territorium ist eine heili­ge, lebenswichtige Angelegenheit. Durch Riechen und Heulen lassen sich Informationen einholen, ohne sich der Gefahr auszusetzen, gleich miteinander kämpfen zu müssen. Aber wenn es sein muss, gehen nicht verwandte Wölfe miteinander hart um und beißen Artgenossen tot, manchmal essen sie ihr Fleisch.

Wölfe beobachten lange und sehr genau, bevor sie hinter einer Gruppe von Hirschen oder Rehen herjagen. Sie wissen, wen sie holen. Ein Hirsch läuft unregelmäßig wegen einer Verstauchung: der richtige Kandidat. Wölfe sind Ausdauersportler, sie können im Trab 50 Kilometer am Stück laufen, aber ein langer Lauf kostet Energie. Zu junge, kleine Tiere geben wenig her und die Mütter können mit Hörnern und Hufen auf Wolfsschädel und Wolfsbeine zielen. Alte, geschwächte, kranke Tiere sind weniger riskant. Sinnlose Rennereien und Verletzungen gilt es zu ver­meiden, ein hinkender Wolf verhungert. Es sei denn, seine Familie versorgt ihn mit. Es gibt Beispiele von verletzten oder eingeschränkten Wölfen, die Nahrung von ihren Familienmitgliedern erhalten, dokumen­tiert von Wildkameras. Es gibt auch Fälle von alten Wölfen, die als Babysitter bei den Welpen bleiben und versorgt werden. Wölfe sind soziale Tiere, mit allen Schattierungen.

Wölfe kommen nächtelang zu ihrem Riss zurück, sie verdauen Aas ohne weiteres. Während die mensch­liche Konsumgesellschaft im Schnitt ein Drittel des gekauften Fleisches wegwirft und bei den Schlacht­teilen sehr selektiv geworden ist (Hühnerbrust und Kalbskotelett), nützen Wölfe von ihrem Riss so gut wie alles, sie zermalmen mit den Molaren auch die langen Röhrenknochen der Huftiere. Canis lupus ita- licus braucht am Tag zwei Kilogramm Fleisch, die grö­ßeren Unterarten in Eurasien und Nordamerika bis zu vier Kilogramm, aber Wölfe sind fähig, längere Hungerzeiten auszuhalten und dann wesentlich mehr Fleisch zu verzehren. Danach legen sie sich schlafen und suchen sich dafür einen ungestörten Ort

Die früher als Alpha-Wölfe interpretierten Tiere sind nicht durch viele Kämpfe an die Spitze ge­kommene Generäle, sondern die Elterntiere der Wolfsfamilie. Außer in sehr großen Arealen mit sehr großen Huftieren (Alaska, Nordkanada) leben Wölfe als Kernfamilie. Das Wolfspaar bleibt, wenn beide überleben, Jahre zusammen und nur es hat Nachwuchs. Beide Eltern kümmern sich um die Jungwölfe, was bei Säugetieren die Ausnahme ist. Die Wölfin säugt die Welpen, an die drei Wochen bleibt die Mutter ständig bei ihnen im Bau, der Va­ter bringt in dieser Zeit seiner Gefährtin Nahrung. Mit drei bis vier Wochen nehmen die Welpen auch feste Nahrung zu sich, nachdem sich ihre Milch­zähne entwickelt haben: Die Eltern oder älteren Geschwister, die noch im Familienverband leben, die sogenannten helper, würgen für die Welpen halbverdauten Fleischbrei hoch, die kleinen Wöl­fe betteln mit ihrer kurzen Schnauze an Hals und Mund der Erwachsenen. Schnauzen aneinander halten, schnüffeln und Kontakt durch die Schnau­ze aufnehmen sind von klein auf Teil des Begrü­ßungsrituals innerhalb der Familie oder unter vertrauten Wölfen. Trotz der Pflege und Umsicht der Eltern sterben zwischen 50 und 80 Prozent der Jungwölfe, bevor sie das erste Lebensjahr er­reichen. Kommen sehr viele Beutetiere im Terri­torium vor, kann die Wölfin mehr Welpen zur Welt bringen, im Durchschnitt sind es an die vier. Anders als bei Hündinnen setzt der Östrus bei Wölfinnen nur einmal im Jahr und nur für wenige Tage ein. Um im richtigen Moment dabei zu sein, begleitet der Wolf, der in der älteren Forschung Leitwolf ge­nannt wurde, die Wölfin auf Schritt und Tritt (in den Alpen ist die Hochzeitsreise der Wölfe im Februar). Ein Wolfsleben ist kurz und konzentriert, mit zwei Jahren sind männliche und weibliche Wölfe er­wachsen und wandern üblicherweise von ihrer Fa­milie fort. Überleben sie ihre Lehr- und Wanderjah­re und finden sie einen Partner, der zu ihnen passt - Wölfe sind in der Partnerwahl wählerisch -, dann haben sie noch fünf, sechs gute Jahre vor sich. Ein Wolf, der nicht mehr jagen kann, zieht sich zurück, sucht Aas und wird vor Schwäche und Hunger sterben; nicht jede Familie schaut auf ihre Alten

Bilanz des Grausamen

Menschen empfinden Wölfe, die Rehe, Hirsche oder Bisons jagen, als grausam. Sie kennen die Bilder von schwer verwundeten Schafen oder Kälbern, die Wölfe manchmal lebendig anfres­sen. Hausschafe reagieren auf Wölfe ganz anders als die wilden Schafarten: wilde Schafe spren­gen auseinander, die Wölfe müssen sich für eines entscheiden. Tötet der Wolf ein Hausschaf, blei­ben die anderen Schafe in der Nähe der stellen sich in Panik zu Gruppen zusammen. Das Jagd­muster der Wölfe kommt durcheinander. Beob­achten, Aussortieren, Anrennen, Packen, Töten, Verzehren - dieses Programm können sie nicht abschließen, wenn weitere Schafe in der Nähe bleiben, sie müssen immer wieder anrennen, packen, töten, anrennen, packen, töten. Daher der sogenannte Overkill.

Anders als Menschen töten Wölfe ihre Beute in deren gewohnter Umgebung. Sie zerren die Tiere nicht von den vertrauten Mitgliedern der Herde fort in unbekannte, enge Transportwägen, was die Tiere erschreckt. Viele der mit dem Abtransport beauftragten Arbeiter haben weder die Zeit noch die Ausbildung, den Weg zur Versteigerung und zum Schlachthaus so ruhig wie möglich ablaufen zu lassen. Ob Wolfsbisse schmerzhafter sind oder der Aufenthalt in der industriellen Produktion von Milch, Fleisch, Eiern und Medikamenten, ohne So­zialkontakt und Bewegung, mit Stress, schlechter Versorgung bei Transporten und vor Schlachtun­gen und brutalem Umgang mit panischen Tieren, das können nur die Betroffenen beurteilen. Dieser Teil der Geschichte wird in der Diskussion fast im­mer ausgeblendet.

Wenn bald acht Milliarden Menschen den massiven Konsum von billig produziertem Fleisch, makello­sem Gemüse und Obst jederzeit beanspruchen und durch die intensive Landwirtschaft Böden, Wasser, Wälder, Luft an die Grenzen des Ökosystems Erde führen, hat es dann Sinn, gegen die 200.000 bis 250.000 noch wildlebenden Wölfe zu ziehen, die in sehr zersplitterten Lebensräumen auf der Nord­hemisphäre leben? Und dabei sieht jedes Land nur die „eigenen“ Wölfe. „...Ed subito lupus fac- tus est“ und sogleich verwandelt er sich in einen (Wer-)Wolf (Petronius, Satyricon), übertragen in die heutige Debatte: Jemand muss Schuld haben und ablenken von gesellschaftlichen, wirtschaftli­chen und politischen Schieflagen. Das Symboltier Wolf eignet sich dafür bestens.

 

Salto in Zusammenarbeit mit Vissidarte