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Legacoopbund
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Genossenschaften

Das Genossenschaftswesen in Slowenien

Der schwierige Werdegang der Genossenschaften in Slowenien
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Vertreter des slowenischen Genossenschaftsverbandes „Zadružna zveza Slovenije“ bei Legacoopbund zu Gast: Ein Interview mit Matjaž Podmiljšak über den nicht leichten Entwicklungsprozess der Genossenschaften in Slowenien.

470 Genossenschaften zählt man derzeit in Slowenien, während in Südtirol mehr als 1.000 Genossenschaften im Landesregister verzeichnet sind. Obwohl also Slowenien viermal so viele Einwohner wie Südtirol hat, ist die Anzahl der Genossenschaften sehr gering. Wieso dieser große Unterschied? Dieser Frage sind wir auf den Grund gegangen und haben den Besuch des slowenischen Dachverbandes der landwirtschaftlichen Genossenschaften „Zadružna zveza Slovenije“ als Anlass genutzt, dem Verantwortlichen der Studienreise Matjaž Podmiljšak einige Fragen zu stellen.

Im Rahmen eurer Studienreise nach Südtirol konntet ihr die Eigenarten der italienischen Sozialgenossenschaften kennenlernen. Welche Aspekte waren für euch besonders interessant?

Matjaž Podmiljšak: Wir waren beeindruckt von eurer exzellenten Organisation und der großen Loyalität der Bauern, die als Genossenschaftsmitglieder fast ausnahmslos alle ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse der Genossenschaft anvertrauen. Besonders waren wir daran interessiert zu verstehen, wie italienische Genossenschaften organisiert sind und welche die steuerlichen Bestimmungen für Genossenschaften sind.

Wie viele Genossenschaften gibt es in Slowenien und in welchen Sektoren sind sie tätig?

In Slowenien gibt es derzeit 470 Genossenschaften: 114 sind im Handel, in der Reparatur und Wartung von Kraftfahrzeugen tätig, 92 in der Land- und Forstwirtschaft, sowie in der Fischerei und Jagd und 58 in wissenschaftlichen und technische Bereichen. Unser Genossenschaftsverband, der ausschließlich landwirtschaftliche Genossenschaften vertritt, vereint 60 genossenschaftliche Unternehmen, die insgesamt ca. 80 % des Umsatzes aller landwirtschaftlichen Genossenschaften in Slowenien ausmachen.

Wieso konnten sich in Slowenien die Genossenschaften nicht so gut behaupten wie in Italien?

Bei der Vermarktung landwirtschaftlicher Erzeugnisse spielen die Genossenschaften auch in Slowenien eine wichtige Rolle. Da aber kaum bindende Verträge zwischen den Mitgliedern und der Genossenschaft bestehen – mit Ausnahme der Milchproduktion – nutzen die Bauern auch die Möglichkeit, ihre Produkte selbst zu vermarkten. Slowenien räumt den Genossenschaften keinen besonderen Platz ein, sie müssen sich mit anderen Unternehmensformen auf dem freien Markt behaupten, es gibt auch keine steuerlichen Vorteile für Genossenschaften. Auch werden Genossenschaften als Relikt des sozialistischen Regimes verstanden.

Inwiefern haben sich der jugoslawische Sozialismus und die Parteidiktatur unter Tito auf das slowenische Genossenschaftswesen ausgewirkt?

Nach dem Krieg nahmen die Genossenschaften, die sehr zahlreich waren, eine tragende Rolle bei der Selbstversorgung des Landes ein. Die Genossenschaften wurden dadurch immer stärker und einflussreicher, deshalb wurden sie in den sechziger Jahren „ausgesetzt“, das heißt sie mussten bestehenden Verarbeitungsbetrieben beitreten oder eine neue juridische Form annehmen. Das damalige Regime merkte aber, dass die Selbstversorgung ohne die kleinen Bauern nicht möglich war und dass sich nur die Genossenschaften um sie kümmerten. Deshalb wurde 1971 der Verband der Kreditgenossenschaften wieder gegründet und 1972 der slowenische Genossenschaftsverband. Durch die Kreditgenossenschaften konnten die Bauern günstige Kredite aufnehmen und ihre Betriebe modernisieren, was sich auch auf die Produktion positiv auswirkte: Immer mehr Bauern konnten sich neue Traktoren leisten und das Pferd trat als Arbeits- und Nutztier stark in den Hintergrund.
Ich möchte aber auch betonen, dass der Sozialismus in Jugoslawien bei weitem liberaler war als in anderen kommunistischen Staaten. Aufgrund der Tatsache, dass Tito zu den Initiatoren der Bewegung der Blockfreien Staaten zählte, war Jugoslawien bis zum Ende der 70-er Jahre ein hochangesehenes Land. Dem Staat wurden deswegen auch großzügig Kredite vergeben und wir konnten ziemlich gut leben; unter den kommunistischen Staaten galten wir als die reichen Vetter. Der Spieß drehte sich um, als Tito starb und die Banken langsam das Geld zurückverlangten.

Welche Faktoren waren entscheidend, dass die Genossenschaften nach dem Ende der Diktatur wieder Fuß fassen konnten?

1992 trat ein neues Gesetz in Kraft, wodurch die Tätigkeiten der Genossenschaften unterstützt wurden und sie die Möglichkeit erhielten, sich im Prozess der Entnationalisierung zu beteiligen. Genossenschaften wurden so zu Mitinhabern von Verarbeitungsbetrieben. Die neunziger und 2000-er Jahre waren für die Genossenschaften trotzdem sehr schwierig, da sie kaum vom Staat unterstützt und sich selbst überlassen wurden. Genossenschaften erhielten zum Beispiel keine Beihilfen oder Beiträge und konnten sich auch an keine öffentlichen Ausschreibungen beteiligen. Schwerwiegend war auch die Entscheidung des Staates, die Kreditgenossenschaften im Jahr 2004 abzuschaffen. Bis heute können in Slowenien keine Kreditgenossenschaften gegründet werden. Trotz alledem konnten sich einige landwirtschaftliche Genossenschaften durchsetzen und wurden so zu bedeutenden Geschäftspartnern der Bauern. In den letzten Jahren, besonders nach der schweren Finanzkrise, gewinnen die Genossenschaften immer mehr an Bedeutung, da sie nicht den Gewinn, sondern die Bedürfnisse der Mitglieder an erste Stelle setzen.

In welche Richtung entwickeln sich heute die slowenischen Genossenschaften?

Die besten Aussichten sehen wir für die multisektoralen Genossenschaften. In Slowenien tragen die Genossenschaften zur Entwicklung des ländlichen Raums bei, z. B. durch die Versorgung der Mitglieder und der Einwohner mit Handels-Dienstleistungen, indirekte Bank- und Postdienstleistungen usw. Die Genossenschaften spielen in Slowenien auch eine wichtige Rolle wenn es um die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung geht,  sie übernehmen die Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte und versorgen öffentliche Einrichtungen mit lokalen Nahrungsmitteln. Es entstehen bei uns auch neue Typologien von Genossenschaften z. B. im sozialen Sektor. Wir sind derzeit mit der Regierung im Gespräch, um für die Genossenschaften Steuerbefreiungen oder –Nachlässe zu erlangen und die Revisionspflicht wieder einzuführen. Wir erwarten, dass die neue Regierung den Genossenschaften, als eine Form der Marktstärkung der Bauern, mehr Gewicht verleihen wird.

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