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salto Gespräch

„Wie eine kleine Familie“

Singen, Tanzen und Schauspielern als Ventil und Rettungsanker.
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Seit fast 25 Jahren beigeistert die Musical School Bozen ihr Publikum und die jugendlichen Darsteller. Warum das Projekt so erfolgreich ist, erzählen Darsteller Christopher Pasqualini und Organisatorin Lauretta Rudat.

 

Salto.bz: Christopher, wie bist du zur Musical School gekommen?

Christopher: Meine Cousine hat mir davon erzählt. Meine Mama war soforot begeistert, ich eher nicht.

Warum?

Christopher: Bei uns im Dorf hieß es immer, ein „Bua“ muss Sport machen. Ich war auch beim Hockey und Fußball – also überall, wo ein Junge dabei sein muss.

Wie alt warst du da?

Christopher: Ich war 10 Jahre alt und hatte davor auch schon mal ein Musical mit der Schule gemacht. In meinem ersten Stück in der Musical School war ich Pumba aus König der Löwen und hatte auf der Bühne den größten Spaß. Aber es hieß halt, ein Junge muss Sport machen. Als Junge musikalisch zu sein und auf der Bühne zu stehen war eher nicht so gerne gesehen.

Aber du hast es trotzdem probiert?

Christopher: Meine Mama hat mich dann quasi gezwungen hin zu gehen, weil sie wusste, das ist das Richtige für mich. Und dann bin ich neun Jahre hängen geblieben. Ich habe ganz einfach gedacht „scheiß drauf, was die anderen sagen“. Schauspielen und singen ist das, was mir gefällt, womit ich überzeugen kann und worin ich gut bin. Beim Tanzen war ich zwar nicht der Beste, aber das war dann auch egal. Von meiner Familie habe ich auch positive Rückmeldungen bekommen.

Wie war die erste Probe?

Christopher: Es war erstmal ein Reinfühlen und schauen, wie es abläuft und was dort für Leute sind. Dann merkte ich schnell, mit denen verstehe ich mich gut, sogar besser als mit denen aus meinem Dorf.

Das heißt, du hast dich schnell wohl gefühlt?

Christopher: Ja, ich habe mich schnell wohlgefühlt.

Lauretta: Ich erinnere mich an eine Szene, bei der ich einen „Wow“ Effekt hatte mit Christopher. Er war schon eine Zeit lang dabei und eher noch ein kleiner „Stutzel“ und ich musste so lachen. Er hatte plötzlich das ganze Theater ausgefüllt mit seiner Bühnenpräsenz, mit seinem Witz und vor allem mit seiner Authentizität. Es war toll zu sehen, dass jemand, der viel eher schüchtern wirkte, so überrascht.

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Foto: Salto.bz

Lauretta Rudat und Christopher Pasqualini.

 

Christopher, du hast in der Musical School also eine Möglichkeit gefunden, dich trotz deiner Schüchternheit zu präsentieren?

Christopher: Ja. Auf der Bühne zu stehen ist etwas komplett anderes als im normalen Leben zu stehen. Viele Schauspieler sagen ja auch, sie seien introvertiert und zurückhaltend und geben nicht viel von sich preis. Und auf der Bühne bist du dann komplett jemand anderes und kannst dich in eine Rolle reinfühlen. Du bist einfach ein anderer Mensch. Das hilft dir auch in der Schule, bei mündlichen Prüfungen oder Vorträgen. Du weißt, wie du dich verhalten musst und verbesserst auch das deutliche Sprechen und das Gestikulieren. Die Musical School gibt dir die Chance dazu, weil jeder, der mit macht, auf der Bühne stehen muss. Manchmal gibt es auch Stücke, bei denen es eine Hauptrolle gibt. Was auch gut ist, wenn die, die etwas gut können, auch betont werden.

Wie funktioniert der Unterricht, gibt es Lehrer und Einheiten nur für Gesang, für Tanz und für Schauspiel?

Christopher: Bei mir liegt der Focus viel auf dem Tanzen. Ich kann es nicht gut und habe erst in den letzten drei Jahren Spaß daran gefunden, weil ich es dann endlich konnte. Während dem Tanzen und Schauspielen werden dann die Solisten rausgesucht und die Solis über das Jahr ausgearbeitet und perfektioniert.

Lauretta: Tanz, Schauspiel und Gesang werden alternierend unterrichtet. Es hängt immer auch vom Stück ab und davon, wieviel es fordert. Mal gibt es Stücke mit schwierigeren Schauspielszenen und mal gibt es Stücke mit schwierigeren Liedern. Der Fokus hängt auch von der Gruppe ab. Die Referenten müssen immer auf den Stand eingehen, den die Kids haben. Sie sind natürlich nie alle auf dem gleichen Stand. Es gibt Gruppen wie zum Beispiel jene, in der Christopher ist, der seit neun Jahren Musical School macht und jemand, der gerade neu dazu gekommen ist.

Das heißt, die Gruppen werden immer nach Alter eingeteilt? Man kann also auch bei den älteren Gruppen einsteigen, ohne Erfahrung?

Lauretta: In erster Linie werden die Gruppen nach Klassenstufe eingeteilt, weil wir davon ausgehen, dass das Alter nicht gleichzusetzten ist mit der Reife, die Klassenstufe jedoch schon. Genau das ist das Schöne und Besondere an der Musical School. Der Zugang ist sehr niederschwellig und wirklich jeder kann seinen Platz finden. Natürlich muss er es auch wollen, aber jeder hat die Möglichkeit – von „ich bin auf der Bühne und singe mit“ bis „ich boxe mich nach vorne und ergattere mir meine Rolle, in der ich stark bin“. Und der eine singt eben lieber und der andere geht voll im Tanz auf.

Darauf wird auch sehr wert gelegt, dass jeder seinen Platz findet?

Lauretta: Soweit das im Stück möglich ist, wird natürlich darauf geschaut. Immer geht es nicht, was aber auch ein Lernprozess ist. Was Christopher jetzt nach neun Jahren so gut rüber bringt, ist für mich als Organisatorin ein Erfolgsmoment, das gehört beim Musical dazu. Ich weiß, dass es Leute gibt, die sehr gut schauspielern, tanzen und singen können und dann ist es auch ok, wenn die in einem Jahr die Hauptrolle bekommen. Ein Musical ist eben so aufgebaut, doch zum Lernprozess gehört dazu, sich auch als Teil der Gruppe zu sehen.

Wie werden die Stücke ausgewählt? Erst wenn man die Gruppe schon kennt oder vorher?

Lauretta: Bei den jüngeren Gruppen geben mehr die Referenten vor. Bei den Großen, wenn es möglich ist und die Referenten dieselben bleiben, dann versuchen sie schon, die Fühler auszustrecken. Manchmal ist es die Gruppe selbst, die sagt, dass sie Lust haben, das eine oder andere Stücke zu machen. Oder auch, dass Teile von Stücken selber geschrieben werden.

Dass die Teilnehmer sich einbringen und mitwirken können ist wichtig?

Christopher: Ja, auf alle Fälle. Die letzten Jahre habe ich beim Text immer mitgeredet und eingebracht, was man machen könnte. Es gibt bei unserer Gruppe mittlerweile schon verschiedene Sätze und Wörter, sozusagen kleine „Insider“, die in jedem Stück wieder eingebaut werden. Das zeigt auch, wie alle in der Gruppe Spaß haben an der ganzen Sache.

Deshalb bleibt man auch so lange dabei?

Christopher: Ja. Es ist einfach ein Ort, wo man nach der Schule hingeht und den ganzen Stress vergessen kann. Auch was daheim passiert. Du gehst dahin, spielst eine Rolle und kannst abschalten. In diesen zwei Stunden kannst du einfach mal frei sein.

Und laut?

Christopher: Wenn es beim Schauspielern Streitszenen gibt, kann es schon mal laut werden.

Ein Ventil?

Christopher: Ja, ist es. Die ganze Wut und der ganze Druck, den man in sich hat, kann man in den Schreiproben oder Streitszenen einfach rauslassen.

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Lauretta Rudat
Christopher bei der Aufführung "Hairspray" 2015.

 

Wie sind mittlerweile die Reaktionen in deinem Umfeld darauf, dass du Musical machst?

Christopher: Bei den alten Freunden aus meinem Dorf war nicht wirklich Interesse zu spüren. Aber wenn ich jetzt andere Leute treffe, dann heißt es oft, „wow, du machst Musical, das hätte ich nie gedacht, voll toll“. Ich schaue ja eher nicht aus wie jemand, der Musical macht. Besonders wenn man mich im Winter mit meiner Lederjacke sieht. Dann sage ich auch gerne, dass ich sogar schon mal eine Frau gespielt habe. In der Musical School sind so viele verschiedene Leute. Super Sportler, super intelligente Leute, dann eher introvertierte Leute, so wie ich, Leute die die ganze Welt umarmen könnten und Leute, die eher auf Abstand bleiben. Und trotzdem funktioniert es in der Gruppe immer. Es ist eine Dynamik vorhanden, wie in einer kleinen Familie. Jeder kann seine Facetten mit reinbringen.

Das spürt man dann auch in den Aufführungen?

Christopher: Ja. Wir spielen ja nicht exakt das originale Musical nach, sondern unsere Interpretation davon. Dann ist es gut, wenn jeder seine Sachen und seine Charakterzüge einbringen und auf die Rolle übertragen kann. Oder auch die Neurosen, das ist dann schon super.

Bei vielen anderen Hobbys kann man das nicht so gut, zum Beispiel beim Sport. Da ist ja genau vorgegeben, wie man zu sein hat?

Christopher: Ja, und in der Schule ist es auch so.

Wie oft probt ihr und wieviel Zeit beansprucht die Musical School?

Christopher: Einmal in der Woche zwei Stunden und ein Probewochenende.

Lauretta: Es geht praktisch von Oktober bis Mai, dann sind die Aufführungen.

Christopher: Und vor den Aufführungen die Probewoche, die sehr wichtig ist. Wenn dann die Liveband dazu kommt und die Mikros.

Hast du nach so vielen Jahren noch Lampenfieber?

Christopher: Nein, gar nicht mehr.

Was war dein schwierigster Moment auf der Bühne?

Christopher: Einmal habe ich zu spät bei einem Lied eingesetzt und dann haben danach alle falsch geschnipst. Dem Publikum ist es zwar nicht aufgefallen, aber ich habe mir schon innerlich gedacht „Mist“. Sonst ist eigentlich nicht viel passiert, weil wir aber auch so viel proben und gut vorbereitet sind. Und ich bin auch sehr ehrgeizig und ein Perfektionist.

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Lauretta Rudat
Christopher bei einer Aufführung 2011.

 

Braucht es eigentlich besondere Voraussetzungen um mitmachen zu können?

Christopher: Es heißt Musical School und man lernt sehr viel. Das, was ich kann, musste ich auch erst lernen. Es ist schon gut, wenn man außerhalb schon mal getanzt oder gesungen hat.

Lauretta: Vom Konzept her braucht niemand eine Voraussetzung. Wir versuchen jedem die Möglichkeit zu geben, einen Platz zu finden und wir möchten vermeiden, dass es elitär wird. Außerdem versuchen wir, Menschen mit Beeinträchtigung zu integrieren. Der Name Musical School passt eigentlich nicht mehr so zum Konzept, da es eigentlich eher eine Produktion als eine Schule ist. Der Name wird natürlich bleiben, nächstes Jahr haben wir auch unser 25-jähriges Jubiläum. Ich versuche aber schon den interessierten Eltern zu vermitteln, dass der Fokus nicht auf Unterricht und Schule liegt. Für die Referenten ist die Arbeit eine Riesenherausforderung – in so kurzer Zeit und mit nur zwei Stunden pro Woche und dem Budget, das wir für Requisiten, Kostüme usw. zur Verfügung haben, eine so große Bühne zu bespielen wie das Waltherhaus. Auch die technische Entwicklung auf der Bühne ist in den letzten Jahren sehr angestiegen.

Wie bekommt man das eigentlich alles organisiert? 

Lauretta: Mit ganz viel Erfahrung. Man braucht viele fähige und kooperative Menschen. Wenn wir das Team zusammenzählen, Freiwillige mit eingeschlossen, sind wir über 40 Leuten. Die Musical School ist eigentlich mittlerweile eine kleine Einrichtung für sich und nicht mehr nur ein Projekt.

Gestartet ist es ja als kleines Projekt des Jugendzentrums Papperlapapp. Wie finanziert ihr das Ganze mittlerweile?

Lauretta: Genau, anfangs war die Musical School in einem kleinen Saal hier im Jugendzentrum untergebracht. Auf jeden Fall braucht es Unterstützung. Das Projekt wird vom Land und der Gemeinde gefördert. Und es braucht Sponsoren, ohne die es nicht gehen würde. Die Raiffeisenkasse Bozen beispielsweise unterstützt uns seit  über zwölf Jahren. Oft ist es schwierig und wir werden auch mit dem Land sprechen müssen, wie eine längerfristige Finanzierung für das Projekt aussehen könnte. Denn es gibt immer noch Lücken und das soll natürlich nicht auf die Teilnehmer abgewälzt werden. Wenn es aber so weiter geht, wird es irgendwann Einschnitte geben und dann wird es auch bestimmte Dinge in der Musical School nicht mehr geben und das wäre schade.

Die Nachfrage ist groß, könnt ihr immer alle Interessierten aufnehmen?

Lauretta: Es sind immer mehr Anmeldungen als wir fassen können. Was ich merke ist, dass die Teilnehmer fast alle eine ganz starke Bindung zu dem Projekt aufbauen, auch wenn sie erst ein Jahr dabei sind. Ich erlebe es sehr oft, dass die Musical School für viele junge Menschen eine Brücke und in schwierigen Zeiten ein Rettungsanker ist. Es wäre sehr schade, wenn es an der fehlenden finanziellen Unterstützung scheitern würde.

War die Musical School für dich auch ein Rettungsanker, Christopher?

Christopher: Ja das waren die neun Jahre für mich, sonst wüsste ich nicht, wo ich jetzt wäre. Ich könnte auch nicht einfach aufhören. Nach neun Jahren Verbundenheit mit dem Projekt, besser gesagt mit der Familie, kann ich mir das nicht vorstellen. Ich werde auch weiterhin immer zu den Aufführungen kommen.

Und weiterhin der Schauspiel- und Theaterkarriere nachgehen?

Christopher: Eher nicht, weil ich aufgund meiner Arbeit im Moment keine Zeit habe. Aber man weiß nie, was in der Zukunft ist. Die Musical School bleibt immer ein Teil von mir. Ich habe ihnen auch weiterhin meine Hilfe angeboten.

Man spürt, dass die Verbundenheit zum Projekt und der Einsatz sehr hoch sind. Besonders im Jugendalter ist es ja eher eine Ausnahme, dass man lange bei einer Sache bleibt?

Lauretta: Diese Chance bietet die Musical School. Es ist weder Familie noch Schule und auch nicht Verein. Das sind unterschiedliche Settings. Die Musical School ist ein Balanceakt zwischen engem Rahmen und Freiheit. Wir versuchen schon einen Rahmen zu halten. Disziplin ist auch ein wichtiges Thema. Andererseits wollen wir einen Raum schaffen, wo junge Menschen einfach mal sie selber sein können. Wo ich als Teilnehmer schon irgendwie funktionieren muss, aber funktioniere, weil ich das mache, worauf ich Bock habe und über meine Leidenschaft – und nicht wie in der Schule, wo ich einfach nur funktionieren muss.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft der Musical School?

Christopher: Ein Appell an alle Jungen: Bitte kommt, wir brauchen Buaben.

Lauretta: Christopher ist ein super Beispiel dafür, wie egal es eigentlich ist, was für Stereotype in unserer Gesellschaft so vorhanden sind.

Christopher: Auf der Bühne sieht man erst richtig, wer man ist und was für Fähigkeiten man entwickeln kann. Es ist wirklich ein Selbstfindungsweg.

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Lauretta Rudat

Christopher bei der Aufführung "Rocky Horror Dirndl Show".

 

Und man bekommt sicher sehr viel vom Publikum zurück?

Christopher: Der Applaus ist immer das Schönste. Man bekommt einen brutalen Adrenalinschub, das ist wie eine Sucht.

Lauretta: Das spürt man auch im Publikum. Ich sitze jedes Jahr wieder da und habe Tränen in den Augen. Nicht, weil ich mit dem Projekt verbunden bin, sondern weil da so eine Energie rüberkommt, gerade bei den Großen. Die Jugend ist einfach die Zeit der extremen Explosionen und da explodiert es auch auf der Bühne. Egal ob gelacht, geweint, gesungen oder getanzt wird. Und das ist einfach genial – Gänsehautfeeling pur.

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