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(c) Jewgeni Roppel
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Interview

„Nicht besser, aber glücklicher“

Alexander Nitz gibt die Leitung vom Haus der Solidarität nach mehr als zehn Jahren ab. Über seine neue Aufgabe bei b*coop und blinde Flecken der Wohlstandsgesellschaft.
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Interview von Anna Luther
 
salto.bz: Herr Nitz, in einem Interview mit der Tageszeitung bemerken Sie, dass sich auch im Haus der Solidarität die Auswirkungen davon zeigen, dass zu wenig Geld in Wohnen, Bildung und Integration investiert wird. Was hätte die Gesellschaft davon, wenn die Politik hier reagieren würde?
 
Alexander Nitz: Ich habe das Gefühl, dass die Politik in ganz vielen Feldern handlungsunfähig geworden ist. Ob das am System oder an den Kompetenzen liegt, kann ich nicht sehr gut einschätzen. Andererseits hat die Corona-Krise gezeigt, dass die Politiker:innen noch sehr wohl handlungsfähig sind, wenn es sein muss. In den Bereichen Wohnen, Bildung und vor allem beim Klima ist inzwischen ein so großer Druck da, dass es notwendig und dringend ist, endlich etwas zu tun. Ich war vor einem Jahr bei einer Konferenz zu Obdachlosigkeit, wo gesagt wurde, dass vor 20 Jahren in Bozen 500 obdachlose Menschen gezählt wurden. Diese Zahl ist heute noch aktuell. Das zeigt, dass sich in diesem Bereich nichts geändert hat. Den Bereichen Tourismus, Landwirtschaft, Handwerk und Industrie geht es gut, aber was ist mit dem sozialen Sektor, der Umwelt und der Bildung?
Denn einfache Antworten sind meistens falsch.
Ich verstehe. Meine Frage war aber, ob es uns allen besser gehen würde, wenn auch in diese Bereiche investiert wird.
 
Vielleicht nicht besser, aber vielleicht wären wir glücklicher und zufriedener. Vor allem würden jene davon profitieren, die außen vorgelassen werden und die immer mehr werden. Beispielsweise hat Klimaschutz eine positive Wirkung auf das Ausmaß der gesundheitlichen Folgen des Klimawandels und es würden sich weniger Menschen zu uns auf den Weg machen. Im Haus der Solidarität haben wir schon jetzt Klimaflüchtlinge. Habe ich die Frage nun beantwortet?
 
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Das Haus der Solidarität in Milland: Heuer feiert die soziale Einrichtung ihr 20-jähriges Bestehen. (Foto: Jewgeni Roppel)
 
Ja. Durch die Förderung dieser Bereiche würde auch der gesellschaftliche Kitt wieder stärker.
 
Da stimme ich Ihnen zu. Ich nehme an, dass die sehr hohe Selbstmordrate in Südtirol dadurch zurückgehen würde. Vielleicht hätte die Jugend dann wieder mehr das Gefühl, dazuzugehören. Es wird einseitig auf die Wirtschaft gesetzt. Ich habe nichts gegen die Wirtschaft, mein Bruder ist Unternehmer, meine Schwester Unternehmerin. Ich finde aber, dass momentan die negativen Auswirkungen der Wohlstandsgesellschaft nicht angegangen werden.
 
Auch Meraner Sozialarbeiter bemängeln wie Sie beim Haus der Solidarität in Brixen auf Gemeindeebene fehlende Unterstützung – im Gegensatz zur Landesebene. Wie erklären Sie sich diesen Unterschied?
 
Die Gemeinden haben mit den konkreten Problemen vor Ort zu tun und es ist für sie vornherein schwieriger, da ihnen auch nicht der gesamte Apparat der Landesverwaltung wie auf Landesebene zur Verfügung steht. Sie aber werden für Tun oder nichts Tun verantwortlich gemacht. Bei Gewaltsituationen wird dann immer zuerst gesagt, dass die Sicherheit erhöht werden muss. Vielleicht denkt das Land hier eher daran, auf Sozialarbeit und Streetwork zu setzen – auch weil es hier sonst keine Kompetenzen hat.
In der Politik werden aber eher ältere Menschen gewählt, die vor allem Politik für ältere Menschen machen.
Was hat das Haus der Solidarität mit dem Klimawandel und der Ausbeutung im globalen Süden zu tun?
 
Die Flüchtlinge, die jetzt zu uns kommen, gehen unter anderem auch weg, weil sie in ihrer Umgebung nicht mehr leben können. Wir haben beispielsweise immer mehr Menschen aus der Sahelzone, weil dort Dürren häufiger auftreten und die Wüste wächst. Inzwischen weiß man auch, dass die Demonstrationen gegen das Regime in Syrien zum Teil durch eine Dürreperiode ausgelöst wurden, weil viele Menschen nicht mehr genug zu essen hatten.
Im Haus der Solidarität habe ich über Jahre versucht, Sensibilisierungsarbeit für die größeren Zusammenhänge zu leisten. Kaum jemand fragt sich bei uns, wieso es uns hier so gut geht. Wenn man sich etwas einliest und informiert, kommt man aber schnell zur Erkenntnis, dass wir auf Kosten von vielen anderen Menschen vor allem im Süden der Welt leben und die Kolonialisierung mit der Unabhängigkeit vieler afrikanischer Staaten noch nicht aufgehört hat. Ich sehe es kritisch, dass heute einfache Antworten in der Politik und in den sozialen Medien Aufschwung erhalten und keine Zusammenhänge erklärt werden. Denn einfache Antworten sind meistens falsch.
 
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Alexander Nitz: „Vor allem die Ohnmacht und das Gefühl, dass auf politischer Ebene so wenig weitergeht, ist dabei belastend.“ (Foto: Haus der Solidarität)
 
Wie ist die Idee zur Bürger:innengenossenschaft b*coop entstanden?
 
Die Idee dazu ist entstanden, weil man sich gefragt hat, was man jetzt auf der kleinsten, der lokalen Ebene unternehmen kann, um mehr Nachhaltigkeit zu erzielen und kleinere Kreisläufe in Gang zu bringen. Der italienische Staat hat nun ermöglicht, Bürger:innengenossenschaften zu gründen und in diesem Zuge ist b*coop in Brixen entstanden. Die Bürger:innengenossenschaft Obervinschgau gibt es schon seit längerem und sie ist im ländlichen Raum tätig, wir hingegen im städtischen. Wir sind eine Plattform von Bürger:innen für Bürger:innen, wo sie ihre Ideen und Aktivitäten im Sinne der Nachhaltigkeit umsetzen können.
 
Wie finanziert sich die Bürger:innengenossenschaft?
 
Wir wollen für nachhaltige Projekte die Anschubfinanzierung leisten und sie als Dachorganisation begleiten. Im späteren Verlauf sollen sie sich dann selbst erhalten. Für die Finanzierung wollen wir auch auf öffentliche Beiträge zurückgreifen, dieser Bereich wird für mich neu sein, da wir das beim Haus der Solidarität nicht getan haben.
Die jungen Generationen heute sind die ersten, bei denen man nicht mehr hoffen kann, dass sie es einmal besser haben werden.
Um welche Projekte kümmert sich b*coop zurzeit?
 
Es gibt verschiedene Projekte, die sich in unterschiedlichen Entwicklungsphasen befinden. Beispielsweise haben wir das bereits umgesetzte Recyclingzentrum REX vom Haus der Solidarität übernommen. Weitere Projekte, die noch am Anfang stehen, sind eine Energiegemeinschaft in Brixen, ein Gemeinschaftsgarten und ein Projekt zum Chilometro Zero für landwirtschaftliche Produkte.
 
Sie betonen in den Medien wiederholt die Dringlichkeit der Klimakrise. Ist die globale Erwärmung auch ein Problem für die Psyche? Schließlich ist der Mensch auf dem besten Weg seine Lebensgrundlagen langsam, aber sicher zu zerstören.
 
Für mich ist es auf jeden Fall auch eine psychische Frage. Ich habe Tage, wo ich einen gewissen Optimismus spüre und denke, wir schaffen das. Beispielsweise wenn ich ein tolles Projekt kennenlerne. Dann gibt es wieder andere Tage, wenn ein Klimareport kommt oder ich den Stau auf der Brennerautobahn beobachte, wo ich denke, dass wir die Kurve nicht mehr kratzen. Entsprechend mache ich mir dann Sorgen und überlege, was ich oder die Gesellschaft machen könnten. Vor allem die Ohnmacht und das Gefühl, dass auf politischer Ebene so wenig weitergeht, ist dabei belastend. Ich weiß von vielen jungen Menschen, die sich seit drei, vier Jahren beispielweise bei der Fridays-Bewegung engagiert haben, dass sie einen Frust entwickelt haben. Es heißt, dass gerade junge Menschen mit Blick auf ihre Zukunft sehr pessimistisch sind. Das hat auch Auswirkungen auf die Psyche.
 
Ist die Klimakrise auch ein Generationenkonflikt?
 
Ja, ich würde das schon so bezeichnen. Viele ältere Menschen sagen vielleicht, dass sie das nicht mehr interessiert und sie das Klima nach ihrem Tod eh nicht mehr beeinflussen können. Die jungen Menschen spüren die Dringlichkeit aber sehr wohl, weil es ihre Zukunft beeinflusst. Die jungen Generationen heute sind die ersten, bei denen man nicht mehr hoffen kann, dass sie es einmal besser haben werden. Das wird nicht mehr sein. In der Politik werden aber eher ältere Menschen gewählt, die vor allem Politik für ältere Menschen machen. Um jüngere Menschen in die Politik zu holen, müsste man das Wahlalter auf mindestens 16 senken. Zudem ist der Besitz in den Händen älterer Leute, die jungen haben das ja nicht. Gerade wenn man sich als älterer Mensch seinen eigenen Lebensstil hart erkämpft hat, ist es schwer, ihn nun zu ändern. Einem Jugendlichen würde das vielleicht leichter fallen.

 

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