Immigranten in Bozen
Othmar Seehauser
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Percepio ergo sum

Geflüchtet im eigenen Land.

Laut Dekret darf ich mir nicht an den Kopf fassen, dann mache ich es eben verbal.
Community-Beitrag von Florian Dariz17.03.2020
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Nach den Ereignissen der jüngsten Zeit ist nun der Ernstfall eingetreten. Italien hat richtig reagiert, und vordergründig umfassende Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung in Bewegung gesetzt, auch die Wirtschaft wird umsorgt und betreut, nichtmal die verruchten Söldner, die Freiberufler und Piraten müssen sich Sorgen machen. Die Telefone laufen heiß. 

Das soziale Netz (und damit meine ich nicht Social Media) ist aktiviert und rollt langsam und leicht schwerfällig an, man sieht konkret, welche Bereiche nun die Negierung der Vorteile der Digitalisierung zu spüren kriegen und über den Haufen werfen müssen. Und ich glaube daran. Die Sozialdienste sind kein hochgezüchteter Tesla, sie sind ein Panzer. Mit Menschen drin und Hirn, und Empathie, und Vorausschauend und Langfristig unbezwingbar.

Die Rettungskette in Südtirol funktioniert wie immer reibungslos. Vielen Dank an die Weißen und Roten Kreuze, die wachsame Bergrettung und den neutralen Zivilschutz. Die Feuerwehren haben derzeit nicht so viel zu tun, es brennt ganz woanders. Und wenn es dann brennen sollte müssen wir uns keine Sorgen machen, neben Wattverein und Fußballclub haben wir ja unzählige hochgerüstete und bestens trainierte Wehren, die in Bereitschaft stehen.

Was im Verborgenen, auf psychischer Ebene von sich geht, sollte im Bewusstsein aller sein. Auch da haben wir eine Heerschar von Spezialisten, welche sich hinter die Menschen und tapfer vor die von den Medien hochgezüchteten Angst- und Sorgenmonster stellen. Quasi die Drachentöter im Rollkragenpullover. Danke dass es euch gibt. Der Dank geht auch an all die Satelliten, die um euch kreisen und unsichtbar Bewachen, Analysieren, Reportieren und Intervenieren.

Das waren nun einige Punkte vorneweg. Machen wir also einen Doppelpunkt hinter dem Titel dieser Meinung und kommen wir zum Punkt.

Wie Sie sicher mitbekommen haben, entscheidet die Landesregierung, alle Bewohner des Landes mit Zweitwohnsitz in die Hauptwohngemeinden zu schicken. Damit sind Freunde, Mitarbeiter, Spezialisten, Denker, Frewillige Helfer, Demokraten, Kulturinteressierte, Freunde, Vereinsmitglieder und generell komotte Zeitgenossen gemeint, die ganz nach der IDM - Devise auch Südtirol “loven” (Aus dem englischen – to love, etwas lieben) und schätzen.

Als ich, Florian Hugo Bruno Dariz, diese Nachrichten in der Tagesschau gesehen habe, war ich zunächst empört. Dann war ich nervös und habe mir ein Tschiggele gegönnt. Danach kam eine unbeschreibliche Wut auf die Arroganz in diesen Aussagen. Dann suchte ich den Diskurs mit der Volkspartei, welcher versandete. Dann ließ ich ein paar Tschippel Gras über die Sache wachsen und bin immer noch cazzig. Deshalb schreibe ich jetzt auch diese Zeilen. Keine Sorge, das mache ich nicht unreflektiert und aus dem Affekt, sondern wohlüberlegt und mit einer feinen Tasse Kaffe. Und einem Keks.

Die Assoziation, welche mir primär in den Sinn gekommen ist ist jene mit der “Krise”, welche sich im Frühling 2015 manifestiert, und auch Südtirol erreicht hat. Ganz nebenher: wir Europäer sollten aufhören, in Krisen zu denken – so gerne wir dieses Wort auch als Universaltitulierung für allerlei unvermeidlichen Krimskrams verwenden.

Wie dem auch sei. Assoziation. Geflüchtete. Im eigenen Land. 

Wie? Südtirol ist doch kein eigener Staat oder der Staat im Staat? Hm. Komisch. Die Realität holt uns ein, wir sind eine zwar Autonome, aber immer noch Italienische Provinz. Mit sehr lieben Trientner Mitbewohnern in dieser komplizierten WG, und in unseren Breiten Großteils deutschsprachigen Italienern aber de facto Italienern. Schaut in eure Geburtsurkunde und in euren Pass. Weitere Diskussionen mögen in den Kommentaren oder auf meiner Facebookseite Privat entfacht werden (PN).

Und nun sind da die Veneziani, Romani, Lombardi, Friulani, Bellunesi, Toscani hon la hanuccia horta (hehe) und noch viele weitere, die es geschafft haben sich entweder eine Wohnung zu kaufen oder bei uns einen Job zu finden und den Zweitwohnsitz anzumelden. Die, die meistens höflich sind und sich auch ein bisschen den lokalen Begebenheiten hingeben, mit Lederhosen zum Feuerwehrfest erscheinen und die Steirische virtuos befeuern. Sogar Dialekt können einige. Friedlich sind sie und sich der Vergangenheit bewusst.

Sie sind geflüchtet. Vor dem unsichtbaren Arschloch, welches sich gerade zynisch auf unser Land gelegt hat.  

Die Lage in anderen Norditalienischen Provinzen ist prekär, das Sanitätswesen droht zu zerreisen, die Hausärzte sind auch dort überlastet, Apotheken, Sozialdienste und so weiter schwitzen wie beim Hot Yoga gegen dieses Hipstervirus.

Und nun kommt die Provinzregierung mit einem Dekret daher, welches mich brutalstens an die Aussagen des dümmlichen Capitano erinnert – ganz nach dem Motto: Prima gli Altoatesini (oder Sudtirolesi oder Crucci oder Wallische oder Süd–Tiroler oder Sauftiroler oder whatever … keine Lust auf seghe mentali). An die SVP: Da ist wohl doch einiges von dieser ominösen Schmuserei mit der Lega an euch kleben geblieben. Wir sitzen im gleichen Boot. 

Das Sanitätswesen in Südtirol steht ebenfalls vor einer Herausforderung, das kann und will ich nicht negieren. Die Hausärzte haben stressige Tage und alle sind angespannt. Die Lage ist angespannt. Aber wir werden wohl noch in der Lage sein, menschlich zu bleiben und nicht unsere Freunde in hochrote Zonen jagen?

Rifugiati Italiani – siete molto benvenuti in questa Provincia. O almeno a casa mia.

Vi auguro una buona giornata e per favore non perdete la fiducia nell'amicizia interculturale.

Over and out.  

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Kommentare

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Fabio Marcotto 17.03.2020, 20:12

Ma che belle parole

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Sepp Bacher 17.03.2020, 21:40

Guter Beitrag Florian Dariz. Ich bin da voll Ihrer Meinung.
Mit "Geflüchtet im eigenen Land" habe ich mich auch ertappt, nur an Südtirol zu denken. Es wäre ja möglich, dass Sie einer jener Südtiroler sind, die von ihren Zweitwohnsitz in der Stadt in ihren Hauptwohnsitz in der Heimatgemeinde flüchten müssten - ich weiß nicht, ob sie sich betroffen fühlen? Und dann gibt es auch noch Städter, die einen Zweitwohnsitz am Land haben. Eigentlich wären auch die betroffen! Aber heute hat der Arno die Bestimmungen schon gelockert. Gott sei Dank!

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Klaus Vontavon 19.03.2020, 16:38

Danke, Flo!

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