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Mobilität

Sarner Radträume

Was passiert mit der alten Sarntaler Straße? Machen wir daraus ein international einzigartige Radfahrerparadis, plädiert eine Lobby aus Touristikern und Radfans.
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Für Hugo Götsch, Präsident des Vereins „Südtirol Rad – Bici Alto Adige“ und Koordinator der Brunecker Außenstelle der Freien Universität Bozen, wäre es „eine ganz tolle Sache“. Die nicht nur die heimische Rennradfahrer beglücken würde, sondern auch ein konkurrenzloses touristisches Highlight wäre.  Auch Walter Perkmann vom Tourismusverein Sarntal fände es „höchst interessant und voll attraktiv“, das Sarntal an das Landesfahrradnetz anzubinden. „Wer hat sich  sich früher oft nicht gewünscht, ohne Verkehr durch die Sarner Schlucht fahren zu können“, meint er.  Ein Wunsch, der seit vergangenen Dezember zumindest in den Bereich des Machbaren gerückt ist. Denn mit der Eröffnung der beiden neuen Tunnels ins Sarntal wurde die bisherige Wegstrecke mit ihren 15 engen Tunnels und vielen wild-romantischen wie ausgesetzten Straßenstücken tatsächlich verkehrsfrei. Sicherer, schneller und heller ist die neue Anbindung der Sarner an die Welt. Doch bedeutet das, dass die alte Straße deshalb ungenutzt bleiben soll?

Zumindest unter Rad-Fans, Touristikerin und Green-Mobility-Aposteln hat die Sarner Verkehrsrevolution Appetit auf mehr geweckt. Die Streckenführung der alten Straße mag früher so manchem Sarntal-Neulingen das Fürchten gelehrt haben. Gerade für Radfahrer wäre die Fahrt durch wilde Natur und Schluchten samt alter Tunnels jedoch schlichtweg spektakulär, ist man sich unter den Befürwortern eines neuen Fahrradwegs auf der alten Straße einig. „Bereichert durch Infotafeln und vielleicht auch die ein oder andere Aussichtsplattform wäre sie eine einzigartige Attraktion im Bereich des sanften Tourismus und der nachhaltigen Mobilität in Südtirol und eine große Chance, den sanften Tourismus im Sarntal zu stärken“, heißt es in einem internen Papier von Green-Mobility-Experten.

„Die Frage ist: Kann und will man sich so eine Investition leisten?"

Vorbilder für eine solche Nutzung aufgelassener Straßen für den Radsport finden sich auch im Umfeld von Südtirol – wie etwas am Lago d’Iseo am Gardasee sowie auf der Strecke Sarché – Ponte Arche im Trentino. Ein Highlight für Touristen, aber auch Einheimische wie der Präsident des Zusammenschlusses von 21heimischen Fahrradverleihen schwärmt. „Es wäre die ideale Trainingsstrecke für die Bozner Rennradfahrer und ambitionierte Bergauf-Fahrer“, sagt Hugo Götsch. Dank E-Bike-Boom könnten aber auch weniger trainierte Radfahrer und Sarner Pendler in den Genuss der außerordentlichen Radstrecke kommen. „Darüber hinaus ist das Sarntal das am besten mit Bussen erschlossene Tal Südtirols“, sagt der Präsident von Südtirol Rad. Bei Einrichtung eines Fahrradverleihs in Sarnthein könnte das Tal vom selben Boom profitieren, der vor mehr als zehn Jahren noch von Radverleih-Pionier Erwin Stricker im Vinschgau eingeleitet wurde und mittlerweile auch in vielen anderen Tälern des Landes zieht: Radfahrer mit öffentlichen Verkehrsmitteln  talaufwärts zu befördern, um ihnen eine Fahrt abwärts zu ermöglichen. „Die meisten Gäste oder auch einheimische Familien wollen eben oder bergab radeln“, erklärt Götsch. Wie von Mals nach Meran, von Vierschach  nach Bruneck oder vom Brenner in Richtung Bozen sollten sie dies auch von Sarnthein nach Bozen machen können, lautet der Traum.

Hoher Preis

Der, wie allerdings auch seine Verfechter einräumen, einen hohen Preis hätte. Schließlich macht ein solcher Radweg laut Götsch einerseits nur Sinn, wenn er von Bozen bis Sarnthein durchgehend zweispurig verlaufen würde. „Und laut Standards des deutschen Fahrradclubs muss ein solcher zweispuriger Weg mindestens drei und idealerweise vier bis fünf Meter breit sein, um Radgenuss und Sicherheit zu garantieren.“ Andererseits müsste die alte Straße mit ähnlichem Aufwand gesichert und instandgehalten werden wie eine normale Autostraße. Angesichts der Steinschlag- und Erdrutschgefahr in der engen Schlucht eine kostenintensive Angelegenheit, wie man aus den vergangenen Jahrzehnten weiß. Die Befürworter der Idee führen zwar ins Feld, dass man die Straße nur in den Sommermonaten für Radfahrer öffnen könnten und so ein deutlich geringerer Instandhaltungsaufwand als bisher anfallen würde. Auch müsste wegen der Mündung einiger Sicherheitsstollen der neuen Tunnels auf die alte Straße ohnehin eine Basis-Instandhaltung gemacht werden. Doch auch für den Geschäftsführer des Tourismusvereins Sartnal Walter Perkmann hängt die Umsetzbarkeit der Idee von zwei entscheidenden Kriterien ab: der Finanzierbarkeit der Sicherungsmaßnahmen und dem politischen Willen.

„Die Frage ist: Kann und will man sich so eine Investition leisten“, meint auch Hugo Götsch. Der Radexperte selbst sieht dafür gute Gründe. Vor allem aus touristischer Perspektive ist Radfahren heute schon die zweiwichtigste Freizeitaktivität nach Wandern und entwickelt sich immer stärker in Richtung Ganzjahresangebot. Der Gadertaler Hotelier Michil Costa sprach erst kürzlich auf salto.bz von 70 bis 80 Millionen Radtouristen, die es mittlerweile infolge des extremen Radbooms in Europa gebe. „Auch in Südtirols Tourismusvermarktung will man sich deshalb künftig noch viel stärker als Radfahrland positionieren“, sagt Hugo Götsch. Dafür werde es ohnehin notwendig sein, generell in das Südtiroler Fahrradnetz zu investieren. Denn obwohl die heimische Fahrradwege in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten rasant gewachsen sind und vor allem in Sachen Streckenführung so manches Highlight aufzuweisen haben, weisen sie auch klare Schwächen auf – zum Beispiel für heutige Ansprüche oft viel zu schmale Wege oder auch zu häufige Unterbrechungen bzw. fehlende Verbindungen. Klarerweise wären für ein Fahrradland Südtirol neben einem generellen Uprgrading Filetstücke wie eine Sartnaler Straße – oder wie aktuell diskutiert auch die alte Eggentalerstraße - äußerst attraktiv.

Gefährlicher Status quo

Wenig attraktiv ist für Radfahrer dagegen die neue Sarntalerstraße. Vor allem lokale Rennradfahrer würden das neue Straßenstück zwar nutzen, meint Tourismusvereins-Geschäftsführer Walter Perkmann. „Doch das Bergauffahren wird in den langen und stickigen Tunneln relativ lang.“ Darüber hinaus stünde Radfahrern in den beiden neuen Tunnels nur ein schmaler Streifen zur Verfügung, auf dem auch noch Kanaldeckel gesetzt wurden. Noch gefährlicher leben allerdings alle Radfans, die sich auf eigene Verantwortung auf die immer noch nicht abgesperrte alte Straße begeben. Denn die alten Tunnels seien nicht mehr beleuchtet, erzählt Perkmann. „Dort kann man sich ohne eigene Lampe nur entlang der Tunnelmauern entlangtasten.“ Und auch auf der Straße würden mittlerweile bereits kleine Steinchen liegen, die Radfahren alles andere als sicher machen.

Dass sich dies in den kommenden Jahren ändern wird, ist auch für den Geschäftsführer des Tourismusvereins vor allem Wunschdenken. „Es gibt zwar eine Lobby für einen Radweg in- und außerhalb  des Tals“, meint Walter Perkmann. „Doch ob sie stark genug ist, sich durchzusetzten, ist derzeit eher fraglich.“  Die Alternative dazu wäre dann wohl eine tatsächlich wild-romantische Schlucht, in der sich die Natur langsam wieder allen Platz zurückholt, den man ihr in den vergangenen Jahrhunderten abgetrotzt hat. „Dann würde sie, denke ich, vor allem ein Anziehungspunkt für Wanderer “, sagt er „Denn es gibt viele schöne Aussichtspunkte in die Schlucht, die man davor nicht gesehen hat.“ 

So schnell aufgeben will Hugo Götsch den Sarner Fahrrad-Traum aber noch nicht: “Ich würde mich wirklich freuen, wenn es klappen würde“, sagt der Präsident des Vereins Südtirol Rad. „Und wenn das Land diesen Weg wirklich umsetzt, könnte man nur sagen: Hut ab. Denn auch wenn es ein großer Aufwand ist - solche Radwege gibt es auf der ganzen Welt nicht.“

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