Museum Passeier

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Gastbeitrag

Andreas Hofer abseits der Mythologie

Der Sandwirt und der Befreiungskampf von 1809 aus der Sicht des Historikers und Hofer-Experten Andreas Oberhofer.
Kolumne von
Bild des Benutzers Gerhard Mumelter
Gerhard Mumelter19.02.2015
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Wenn von Andreas Hofer, dem Sandwirt aus dem Passeiertal, die Rede ist, denken wir zunächst an den „Helden“, „Freiheitskämpfer“, den „Mann vom Land Tirol“, den die Landeshymne besingt, dessen Standbild am Bergisel mit strengem Blick und ausgestreckter Hand auf die zu seinen Füßen liegende Stadt Innsbruck zeigt. Der Sandwirt interessiert wegen seiner Taten im Jahr 1809, als „seine“ Schützen und der Landsturm gegen die mit Frankreich verbündeten Bayern stritten. Andreas Hofer, der Bauer, Wirt und Händler aus dem Passeiertal, führte zunächst als Kommandant die Schützen aus seinem Gericht, danach aus dem südlich des Brenners liegenden Teils Tirols, und schließlich des ganzen Landes zu Erfolgen, die mehr als zweihundert Jahre lang verherrlicht und mythisiert wurden und immer noch werden. Dieser Artikel schildert, was damals wirklich passiert ist.

Die Vorgeschichte

Ab Juni 1796 war Tirol erstmals vom europäischen Geschehen der Napoleonischen Kriege direkt betroffen. Am 8. Juni dieses Jahres machte die Nachricht die Runde, die Franzosen hätten am Monte Baldo Fuß gefasst. Das Gericht Passeier ließ am 28. Mai 1796 „bey erster Aufforderung“ 54 Schützen ausrücken. Andreas Hofer, Gastwirt „am Sand“ im Passeier, Bauer, Wein- und Viehhändler, stand als Korporal in einer Meraner Kompanie gemeinsam mit den Schützenkompanien von Kaltern und Sterzing am Tonalepass in „Welschtirol“, um den Einbruch der französischen Truppen in den Sulzberg zu verhindern. Er stellte sich nach diesen ersten Verteidigungsmaßnahmen als „Frächter“ zur Verfügung und setzte seine Pferde für den Nachschub und die Versorgung der österreichischen Armee ein. In einigen eigenhändig unterschriebenen Dokumenten tritt Hofer zunächst als Oberleutnant, dann als Hauptmann einer der beiden Passeirer Schützenkompanien in Erscheinung. 1797 unterzeichnete er die Standeslisten des Gerichts Passeier als „Haup Man“ (Hauptmann).

Als Tirol im Jahr 1805 an das junge Königreich Bayern fiel, begann eine Zeit der versuchten intensiven Modernisierung der Verwaltung, die im „Land im Gebirge“ weitgehend – abgesehen von größeren städtischen Zentren – auf Widerstand stieß. Andreas Hofer litt während der Jahre der bayerischen Regierung wie viele seiner Berufsgenossen vor allem unter den wirtschaftlichen Repressalien. Seine große Stunde als „Schützenführer“ schlug aber erst im Jahr 1809, als sich die aufgestaute Wut der Bevölkerung in dem berühmt gewordenen Aufstand entlud, der eigentlich von Wien aus initiiert wurde.

Vorbereitungen

Hofer kam bereits bei den Planungen eine bedeutende Rolle zu: Er beteiligte sich seit 1806 an geheimen Treffen, im Jänner 1809 besprach er sich in Wien mit Erzherzog Johann und dem Freiherrn und Archivdirektor Josef von Hormayr. Auf seiner Rückreise in das Passeiertal weihte er zahlreiche bekannte Wirte in die Aufstandspläne ein. Durch seine Vertrauensleute in „Welschtirol“ konnte er den Radius der Mitwissenden erheblich erweitern, aufgrund seiner Handelstätigkeit eignete er sich besonders gut als Informant.

Für den 9. April 1809 berief Hofer beim „Stallele“ in Untermais eine Besprechung mit seinen Vertrauensmännern ein, und bot den Landsturm im Passeier- und Sarntal auf. Dabei zeigte er die Vollmachten des Wiener Hofes vor, um den Auftrag zur Empörung zu rechtfertigen. Am folgenden Tag überschritt die österreichische Hauptarmee unter Erzherzog Karl die bayerische Grenze, einen Tag vorher war ein österreichisches Korps der Südarmee bei Lienz nach Tirol gekommen.

Postkarte mit Andreas-Hofer-Motiv, Touriseum Meran

Der Kampf beginnt

Die bayerischen Posten im Pustertal wurden zurückgeschlagen, die wichtigsten Brücken besetzt, es kam zu Gefechten um die Ladritscher Brücke beim heutigen Franzensfeste und im Sterzinger Moos (11. April), wo der Sandwirt als Kommandant der Passeirer Schützen die Initiative ergriffen hatte. Der bayerische Oberstleutnant Philip von Speicher verfasste einen Bericht über diese Ereignisse, in dem er darlegt, der „Rebelen Cheff“ Hofer habe mit 5.000 Schützen angegriffen: Als die Bauern von allen Seiten in den Talkessel gestürzt seien, wäre auch aus den Fenstern der Stadt auf Soldaten und Pferde gefeuert worden. Von den Dächern wurden Steine geschleudert, wonach Speicher entschloss, sich zurückzuziehen, da er befürchtete, seine ganze Mannschaft würde ermordet „oder zu Krüppeln geschossen“. Speicher berichtet in dramatisierender Weise, ein Haufen von „wilden meist betrunkenen“ Männern habe sich von allen Seiten auf ihn zugewälzt.

Die Oberinntaler unter Major Martin Teimer, die Unterinntaler unter Josef Speckbacher und die Passeirer unter Andreas Hofer rückten nun gegen Innsbruck vor. In der Nacht zum 12. April drangen sie in die Stadt ein und zwangen die Bayern zur bedingungslosen Kapitulation. Augenzeugen berichten, dass in der Hofburg, dem neuen Quartier Andreas Hofers und seiner „Landesverteidiger“, auf des Sandwirts Anweisung hin eifrig Rosenkränze gebetet wurden.

Erste Erfolge der Tiroler

Anfang Mai 1809 rückten die Franzosen bei Ala ins Etschtal ein, das österreichische Militär und Hofer waren gleich zur Stelle mit Schützen aus Deutsch- und „Welschtirol“. Am 20. Mai – Hofer machte an diesem Tag Bruneck zu seinem Hauptquartier – wurde er in einem Schreiben aus Vintl als „Oberkommandant“ bezeichnet, am 29. Mai verwendete er den Titel erstmals in seiner Unterschrift. Ende Mai 1809 kam es zu Gefechten südlich von Innsbruck, als Hofer am 24. das Wehraufgebot vom Brenner nach Norden abmarschieren ließ. Die Kämpfe am Bergisel führten am 25. Mai zu einem Sieg der Tiroler. Ein ähnliches Gefecht fand am 29. Mai ohne konkrete Entscheidung statt, die Bayern aber zogen durch das Unterinntal ab.

Andere Hofer, Ober Comendant“

Am 4. Juni 1809 ernannte Josef von Hormayr Hofer zum Oberkommandanten im Landesteil südlich des Brenners und Martin Rochus Teimer zum Oberkommandanten für das Inntal. Der Sandwirt war also zu diesem Zeitpunkt noch nicht alleiniger Führer aller Schützen und des Landsturms. Als sich aber Hormayr und Teimer nach dem Waffenstillstand von Znaim am 12. Juli dem Abzug der österreichischen Truppen anschlossen, übernahm Hofer die Position des „Oberkommandanten“ des ganzen Landes.

Anfang August 1809, als in Unterau (Franzensfeste), Oberau, Mauls, Gasteig und Sterzing im Eisacktal Gefechte stattfanden, darunter das berühmte Scharmützel in der Sachsenklemme, beteiligten sich zwar drei Passeirer Kompanien, Andreas Hofer aber hielt sich versteckt. Er schrieb am 4. August, er wäre vogelfrei, auf ihn wäre ein Kopfgeld ausgesetzt, er wäre an einem „ungelegenen“ Ort. Wo er sich zu diesem Zeitpunkt genau verbarg, ist bis heute ungeklärt. Es soll sich um einen Ort mit dem Namen „hohler Stein“ handeln, der vielleicht oberhalb von St. Leonhard liegt.

Das dritte Bergiselgefecht

Am 11. August 1809 besprach sich der wieder aktiv gewordene Sandwirt mit Josef Speckbacher und Pater Joachim Haspinger, die mittlerweile seine wichtigsten Berater und Mitstreiter waren, wobei ein Angriff für den 13. August angesetzt wurde. Das entstehende Gefecht endete ohne Entscheidung wegen Erschöpfung und Munitionsmangels auf beiden Seiten, die Bayern aber zogen durch das Unterinntal ab und die Tiroler feierten ihren „Sieg“. Hofer schrieb an den Gerichtsbeamten von Petersberg, Josef Marberger, die „Schlacht“ sei nicht verloren gegangen (wahrscheinlich gab es derartige Gerüchte im Land), sondern die Tiroler wären zum Teil „kaltsinnig“, das heißt mit zu wenig Eifer am Kämpfen, hätten aber auch zu wenig Munition. Es handelt sich hier also keineswegs um eine Siegesnachricht. Die Tiroler aber hatten erstmals ohne die Hilfe von regulärem Militär die Bayern zum Rückzug gezwungen – ein massiver Affront auch gegenüber den Franzosen, der „Schutzmacht“ der Bayern.

Das „Bauernregiment“

Am 15. August 1809 – dem Hohen Frauentag – übernahm der Sandwirt im Namen des Kaisers die Regierung des Landes und zog in die Innsbrucker Hofburg ein. Hofer fühlte sich als vom Volk ausersehen, die Zügel in die Hand zu nehmen. Dass aber auch die Obrigkeiten als Ruhestifter im Land ihn auswählten, eine Autoritätsperson, der die Bauernhaufen und Schützen Respekt zollten, liegt auf der Hand.

Hormayr schrieb rückblickend: Hofer sollte ein Schrecken für den Feind und ein Idol für seine Landsleute sein. Deswegen sei er immer mehr „vergöttert“ worden und hätte angefangen, „sich für etwas Außerordentliches zu halten, seine Gedanken nicht mehr so ganz für blos irdisch zu halten, steif und fest an die Göttlichkeit seiner Sendung zu glauben“. In der Tat hatte Hofer bereits am 18. Juni 1809 von einer besonderen Gnade geschrieben, die Gott ihm hätte zuteilwerden lassen. Der Sandwirt sah sich in seiner Herrschaft durch den Wiener Hof, das Volk, aber auch durch Gott legitimiert.Dass das „Bauernregiment“ Hofers nicht funktionierte, verwundert keineswegs. Der „Oberkommandant“ sah auch bald ein, dass er mit seinem Amt überfordert war: Am 23. August beschloss er die Einsetzung der „Provisorischen General-Landes-Administration“. Er selbst behielt sich nur die Landesverteidigung vor.

Überreichung der Goldkette an Andreas Hofer (nach Defregger): Gemälde, Museum Passeier

„Woaß mer nöt z’helfen!“

Um den Hals trug Hofer seit Anfang Oktober 1809 nicht mehr nur einen Rosenkranz, sondern auch die Ehrenmedaille aus Wien, die am 4. Oktober, am Namenstag des Kaisers, in der Innsbrucker Hofkirche gesegnet und ihm dann feierlich umgehängt wurde. Hofer bedankte sich in einem überschwänglichen Schreiben für diese Anerkennung.

Als die Tiroler die Nachricht über den zwischen Österreich und Frankreich geschlossenen Frieden nicht glauben wollten, rief der Sandwirt zu Ruhe und Ordnung, erhöhter Wachsamkeit und zum Abwarten auf. Am 18. Oktober bot er wieder alle Kräfte auf, doch die Anstrengungen waren vergebens: Am 21. Oktober musste er sich mit seinen Mitstreitern aus Innsbruck zurückziehen. Am 29. Oktober bestätigte ein Brief Erzherzog Johanns den Friedensschluss und brachte damit erstmals Sicherheit über die Sinnlosigkeit weiterer Kämpfe.

Hofer entschloss sich zur Unterwerfung, ließ sich dann aber wieder umstimmen, wobei Haspinger eine wichtige Rolle spielte. Aus diesen Tagen stammt die angebliche Aussage des Sandwirts gegenüber dem Feldpater Stefan Krismer: „Mein lieber Stephan, bet! Woaß mer nöt z’helfen!“

Fatales Schwanken

Das vierte Gefecht am Bergisel am 1. November 1809 ging für die Tiroler verloren. Hofer entschloss sich in der Folge zur Unterwerfung, rief aber doch erneut zu den Waffen. Auch ein Mahnschreiben des Brixener Bischofs Karl Franz von Lodron fiel auf keinen fruchtbaren Boden, sondern wurde von Hofer beantwortet: „Ja es sind zwar natürlicherweise keine Aussichten. Aber wer kann der Menge und dem Volke widerstehen? Wir müssen Gott die Sache anheim stellen und allein auf ihn vertrauen.“

Als der Priester Josef Daney Hofer später vorwarf, gegen jede Vernunft agiert zu haben, berichtete der Sandwirt, er wäre von „Brixener Lumpen“ dazu gezwungen worden, sie hätten ihn sonst erschossen. Hofer wird später auch in Mantua seinem „Pflichtverteidiger“, dem Anwalt Gioacchino Basevi, anvertrauen, nur wegen dieser Todesdrohungen hätte er sich – gegen seinen Willen – weiter am Aufstand beteiligt.

Josef Daney bezeichnete in seinen später verfassten Memoiren über die Ereignisse von 1809 die bei einer der letzten Zusammenkünfte Anwesenden als „Auswürflinge vom ganzen Lande, abgehauste Lumpen, Flüchtlinge und Schurken“, als „schwachköpfige Kameraden“. Josef Hirn verweist auf zeitgenössische Berichte, die den Großteil von Hofers Mitarbeitern in den letzten Monaten des Jahres 1809 als „Lumpen“ benennen, welche vom Sandwirt vor allem den noch ausstehenden Sold gefordert hätten. Es ging also für viele nicht mehr um „Gott, Kaiser und Vaterland“, sondern um Geld. Als sich die Ansuchen aus verschiedenen Landesteilen mehrten, kapitulieren zu können, berief sich Hofer paradoxerweise immer wieder auf den Kampfeswillen des „gemeinen Volkes“ und die vermeintliche Schwäche des Feindes.

Das Ende des Aufstandes

Einen letzten Triumph erlebte der Sandwirt Mitte November 1809, als in St. Leonhard in Passeier einige Hundert französische Soldaten nach fünftägigem Kampf gefangen genommen wurden. Die Beutestücke, Geld, Uhren, Schmuck, Degen und andere kleine Habseligkeiten wurden im Sandhof gesammelt und anschließend unter den Schützen und Landstürmern verteilt.

Die folgenden Episoden von Flucht, Verrat, Verhaftung auf der Pfandleralm und Deportation sind als wesentliche Bestandteile der Hofer-„Geschichte“ hinlänglich bekannt. Der wichtigste Anführer der Tiroler Aufständischen wurde am 20. Februar 1810 in Mantua hingerichtet, Napoleon wollte damit ein Exempel statuieren und der Unruhe auf dem unbedeutenden Nebenkriegsschauplatz Tirol endgültig ein Ende bereiten.

Nachleben

Andreas Hofer hatte keinen militärischen Rang bekleidet, zeitlebens keinen Orden erhalten, sondern „nur“ die goldene Ehrenkette als Zeichen der Anerkennung durch den Kaiser. Erst 1818, acht Jahre nach seinem Tod, wurde seine Familie auf Drängen seines Sohnes Johann in den einfachen Adelsstand erhoben. Sie nannte sich fortan „Edle von Hofer“, starb aber 1921 in der männlichen Linie aus, womit auch das Adelsprädikat erlosch.

Die Figur Andreas Hofer erlebte eine beachtliche mythische Überhöhung, aufgrund seines „Märtyrertums“ verlieh man dem Sandwirt bald eine religiöse Aura. Zum Tiroler oder deutschen „Helden“, zum Verteidiger von Religion und „Vaterland“, zum „großen Feldherrn“, „Krieger“ und Anführer einer „Bauernarmee“ wurde Hofer aber erst später, im Lauf des späteren 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts gemacht, nicht zuletzt durch die Gedenkveranstaltungen im Jahr 1909.

Die Menschlichkeit Hofers, das heißt die Abwehr von Plünderungen, die Gerechtigkeit bei der Aufteilung der „Beute“ oder sein freundschaftlicher Umgang mit Gefangenen wurden bereits von Zeitgenossen immer wieder betont. Er hat versucht, Unheil von „seinem“ Land Tirol abzuwenden, ist aber am Fanatismus einiger Mitkämpfer, an der nicht funktionierenden Kommunikation zwischen dem kaiserlichen Hof und Tirol, sowie am Räderwerk der „großen“ Politik gescheitert.

Das Bild des Antihelden ist deshalb durchaus berechtigt. Trotzdem aber trägt der Sandwirt eine wesentliche Mitschuld am verheerenden Zustand des Landes nach 1809. Der Aufstand hatte große Schäden angerichtet, die Kassen waren leer, Häuser und Dörfer verwüstet. Es dauerte Jahrzehnte, bis sich das Land von den Kriegsereignissen erholen konnte.

Der 37-jährige Historiker und Brunecker Stadtarchivar Andreas Oberhofer gilt als bester Kenner der Figur Andreas Hofer. Er ist Autor des Buches "Der andere Hofer - der Mensch hinter dem Mythos". Seine 2008 publizierte  Dissertation "Weltbild eines Helden - Andreas Hofers schriftliche Hinterlassenschaft" ist die erste Zusammenschau aller Quellen zu Andreas Hofer.  Für seine Forschungsarbeit wurde er mit dem Walther von der Vogelweide-Preis ausgezeichnet.

 

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