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Offener Brief

Sehr geehrter Herr Tribus...

Ein offener Brief von mehr als 160 pädagogischen Fachkräften an Tageszeitungs-Herausgeber Arnold Tribus erzählt viel über ein immer noch unterschätztes Berufsbild.
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Julia Dalsant ist eine von vielen Kindergärtnerinnen, denen am vergangenen Wochenende bei der Lektüre der Neuen Südtiroler Tageszeitung die sprichwörtliche Galle übergelaufen ist. Anlass dafür? Ein Kommentar von Herausgeber Arnold Tribus über den aktuellen Trend zu Flashmobs. In dem beklagt der Tageszeitungs-Herausgeber in seinem typisch flapisgen Stil unter anderem, dass die Zeit der guten alten Tante vorbei sei und sich die "Akademikerinnen Brixner Faktur" zu gut sind, mehr als fünf Stunden am Tag zu arbeiten. In einem offenen Brief, der in den vergangenen Tagen von mehr als 160 Kindergärtninnen unterzeichnet wurde, antwortet Julia Dalsant Tribus - ein Zeugnis einer immer noch unterschätzten Berufsgruppe, das noch weit Menschen etwas angehet als den direkten Empfänger. 

 

Tribus

Ausschnitt aus dem Kommentar von Arnold Tribus in der Neuen Südtiroler Tageszeitung vom vergangenen Wochenende. 

 

Sehr geehrter Herr Tribus,

die Tatsache, dass das pädagogische Fachpersonal der Kindergärten auf die Straße ging, scheint Sie trotz der - in Ihren Augen lächerlichen - Form eines Flashmobs beschäftigt zu haben. Na, dann haben wir ja genau das erreicht, was wir wollten: die Menschen zum Nachdenken anzuregen und sich endlich mit unserem Berufsbild zu beschäftigen. Und siehe da, da kommen sie hervor, die, die es gestern besser fanden und sich die „Tanten“ wieder herbeiwünschen. Die Schurz- und Rocktragende Tante, die mal singt und mal bastelt und den Zeigefinger erhebt, wenn die Kinderlein mal nicht folgsam sind.

Ich frage mich, was Menschen daran stören kann, dass wir bei unseren Namen genannt werden wollen. Wir haben Namen und möchten von Kindern und Erwachsenen so genannt werden. Für mich ist dies eine Frage des Respekts. So viel dazu.

Die Tatsache, dass Sie in Ihrem Kommentar unseren Berufsstand und im speziellen alle Abgänger und Abgängerinnen des Studienganges Bildungswissenschaften diffamieren, zeigt höchstens Ihre fehlende Wertschätzung für unseren Berufsstand auf und zudem Ihr Unwissen darüber, worin unsere Arbeit wirklich besteht. Herr Tribus, es ist so: wir fühlen uns nämlich nicht nur als Akademiker und Akademikerinnen, wir sind es auch. Wir beschäftigen uns mit Entwicklungspsychologie, Mehrsprachigkeit, Psychologie, Soziologie und vielem mehr. Ja, wir sind akademisch geschultes Personal und so arbeiten wir auch und selbst jene, welche nicht an der Universität waren, beschäftigen sich jeden Tag mit all diesen Aspekten des Lebens. Wir beschäftigen uns jahrein jahraus mit der pädagogischen Weiterentwicklung unserer Kindergärten.

Wir sind SozialarbeiterInnen, weil viele Familien nicht nur Ihre Kinder von uns begleitet wissen wollen, sondern auch selbst Rat und Unterstützung von uns in Erziehungs- und Familienfragen brauchen. Ja, dazu braucht es geschultes Personal.

Wir sind PsychologInnen, weil wir Kinderseelen begleiten, die nicht einfach zu durchblicken sind und für die gesamte Familie da sind, wenn Trennungen, Geburten, Todesfälle oder Krankheiten das Familiengefüge herausfordern. Ja, dazu braucht es geschultes Personal.

Wir sind NetzwerkarbeiterInnen, weil wir in ständigem Austausch mit psychologisch- medizinischem Fachpersonal stehen, um zu erfahren, worauf wir im Alltag bei den Kindern zusätzlich noch achten sollten, um diesen bestmöglich zur Seite stehen zu können. Ja, dazu braucht es geschultes Personal.

Wir sind SprachvermittlerInnen, weil wir Gruppen begleiten, in denen schon mal 10 verschiedene Sprachen gesprochen werden. Bei gleichzeitiger Festigung der Erstsprache der Kinder versuchen wir also Kleinkindern zusätzlich die deutsche Sprache zu vermitteln. Dies, weil wir aus der Wissenschaft und Erfahrung wissen, dass Kinder Zweitsprachen am besten lernen, wenn sie ihre Erstsprache gefestigt haben. Ja, dazu braucht es geschultes Personal.

Wir sind KulturvermittlerInnen, weil wir zwischen vielen verschiedenen Familienkulturen balancieren und dafür sorgen, dass jede Kultur geschätzt wird und ein gutes Zusammenleben möglich ist.

Wir sind Integrationsfachkräfte, weil wir Kinder mit den verschiedensten Beeinträchtigungen begleiten. Ja, wir brauchen geschultes Personal dafür.

Wir sind EntwicklungspsychologInnen, weil wir Buch führen über die Entwicklung eines jeden Kindes im Kindergarten. Wir dokumentieren diese Schritte und werten sie aus. Wir tun dies, um die Stärken der Kinder erkennen zu können und um ihnen daraufhin Material anbieten zu können, das ihre Stärken stärkt und sie selbstsicher fürs Leben machen.

Wir haben einen pädagogischen Auftrag, welcher in unseren Rahmenrichtlinien festgelegt ist, der vorsieht, dass wir den Kindern ganzheitliche Entwicklungsmöglichkeiten anbieten. Wir haben Bildungsbereiche nach denen wir unsere pädagogische Arbeit planen: Emotionalität, Bewegung, Gesundheit, Mathematik, Ästhetik, Kunst, Kultur, Technik, Umwelt, Naturwissenschaften, Religiosität, Wertorientierung, Demokratie und Partizipation; um Teile daraus zu nennen.

 "Herr Tribus, es ist so: wir fühlen uns nämlich nicht nur als Akademiker und Akademikerinnen, wir sind es auch. Wir beschäftigen uns mit Entwicklungspsychologie, Mehrsprachigkeit, Psychologie, Soziologie und vielem mehr."

All diese Bereiche berücksichtigen wir bei unserer Arbeit.

Die Bedeutung unseres Berufsstandes für die Gesellschaft wird von sehr vielen Menschen, augenscheinlich auch Ihnen, schwer unterschätzt bzw. nicht wahrgenommen. Wir haben Kinder von zweieinhalb bis 6 Jahren bei uns in den Kindergärten. Es kann uns passieren, dass wir auch mal fünf Wickelkinder in einer Gruppe haben. Wir erledigen also andauernd auch pflegerische Tätigkeiten. Wir haben herausfordernde Eingewöhnungsphasen im Herbst. Ich sitze dann mit bis zu drei heulenden Kindern im Arm und nebenher gibt es aber noch zehn weitere Kinder, die einen Teil meiner Aufmerksamkeit benötigen würden. Ich kann sie ihnen aber nicht geben, weil wir unter Umständen nur zu zweit sind und das bei 25 Kindern eben nicht reicht.

Wir bilden das Fundament dieser Gesellschaft. Wir sind für viele Familien der erste Kontakt zu einer ihnen oft fremden Sprache und Kultur. Wenn wir es im Kindergarten nicht schaffen, Kinder und Familien Sprache, Kultur und Werte zu vermitteln, bei gleichzeitiger Stärkung der eigenen Identität, Sprache und Kultur, dann verlieren wir sie, die Kinder samt den Familien und dann fördern wir Ausgrenzung und Parallelgesellschaften. Wir haben Gruppen, in denen nicht ständig zwei Fachkräfte anwesend sein können. Wir bewegen uns am Rand der Fahrlässigkeit, denn wie soll eine Person, 20- 25 unter 6-jährige Kinder gleichzeitig im Blick haben können und gleichzeitig auch noch für diese da sein? Wir sind keine Aufbewahrungsanstalt. Wir fordern von der Politik aktuell zumindest zwei ständige Fachkräfte pro Gruppe. Das ist mir persönlich noch zu wenig, da wir, selbst bei einer Gruppe von „nur“ 20 Kindern, immer noch einen Schlüssel von 10:1 haben. Zu hoch um qualitativ hochwertige Bildungsarbeit anbieten zu können und das hat sich jedes einzelne dieser Kinder verdient. Schon alleine, weil es unser Auftrag ist, jedes Kind in seiner Individualität wahrzunehmen und zu begleiten.

Die Gewerkschaften fordern weniger Stunden, um eine Angleichung an das Lehrpersonal in den Grundschulen zu erreichen. Es wird nicht gefordert, dass private Trägerschaften, die Nachmittagsbetreuung übernehmen. Wir denken höchstens laut über verschiedenen Möglichkeiten und Modelle nach, einen Missstand zu beheben, den es aktuell in den Kindergärten gibt.

Wir fordern, dass wir endlich einen eigenen Bereichsvertrag bekommen, den wir bis dato nicht bekommen haben. Wir fordern die Verkleinerung der Gruppen. Wir fordern Personalaufstockungen, wo es diese aufgrund von verlängerten Öffnungszeiten braucht. Wir fordern die ständige Anwesenheit von zwei Fachkräften pro Gruppe. Wir wehren uns gegen den Stellenabbau im italienischen Sektor.

"Wenn wir es im Kindergarten nicht schaffen, Kinder und Familien Sprache, Kultur und Werte zu vermitteln, bei gleichzeitiger Stärkung der eigenen Identität, Sprache und Kultur, dann verlieren wir sie, die Kinder samt den Familien und dann fördern wir Ausgrenzung und Parallelgesellschaften."

Sehr geehrte Herr Tribus, sie sprechen auch unsere Zukunft an. Ja, wir haben bereits jetzt zu wenig Personal. Das ist so, weil sich die jungen Frauen und Männer der Mehrfachbelastung sehr wohl bewusst sind und deshalb zumeist den Weg in die Grundschule einschlagen, da die Stunden am Kind dort geringer und das Anfangsgehalt besser ist als bei uns im Kindergarten. Dies schließen wir aus den Zahlen der AbgängerInnen und den Rückmeldungen der PraktikantInnen.

Eltern wollen Sommeröffnungszeiten? Wissen Sie was die Eltern wollen, Herr Tribus? Ich lade sie gern im September eine ganze Woche ein, bei mir im Kindergarten zu hospitieren und Gespräche mit Eltern und pädagogischem Fachpersonal zu führen. Anschließend würde ich einen von Ihnen verfassten Kommentar ernst nehmen. So ist es nichts weiter, als der herablassende und respektlose Auswurf eines Mannes, der keinen Respekt und noch weniger Ahnung vom Kindergarten als Bildungsinstitution hat.

Ich weiß, was Eltern vor allem wollen, denn ich bin selbst Mutter und begegne den Eltern jeden Tag: Sie wollen Kindergärtner und Kindergärtnerinnen, die genug Zeit haben, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen und ihnen den Druck, der ihnen das Leben zwangsläufig aufhalst, nehmen. Sie wollen Menschen, die ihre Kinder professionell und mit Fachwissen begleiten. Das wollen Eltern.

Eine Kindergärtnerin von vielen, 

Dalsant Julia

 

 

 

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Kommentare

Bild des Benutzers Max Benedikter

Bravo.
Leider sind die führenden Positionen in diesem Land, von alten Männern besetzt.
Zu alt, zu satt, zu arrogant. Ich wünsche allen einen gut betreuten Lebensausklang. Denn für unsere Alten müssen wir sorgen, aber bei unseren Kindern müssen wir sparen.

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