Advertisement
Advertisement
Unvollständiges Bild

Klimaplan:Graue Energie bleibt außen vor

Bei den Klimaschutzzielen ist die Landesregierung ehrgeizig, aber ausgehend von einem unvollständigen Datenbild. Ein erheblicher Teil der Treibhausgase bleibt außen vor.
Community-Beitrag von Thomas Benedikter19.09.2021
Bild des Benutzers Thomas Benedikter
Advertisement

Die Landesregierung setzt sich beim Klimaschutz ehrgeizigere Ziele als der Green Deal der EU, sagte LH Kompatscher bei der Vorstellung des Klimaplans letzte Woche. So will man die derzeit angeblich 4,4 t CO2 pro Person bis 2030 auf 3,3 t senken und bis 2050 gar auf 1,5 t. Das entspräche dann mehr oder weniger Klimaneutralität, weil der Rest durch CO2-Senken kompensiert würde. 2030 nur mehr 3 t CO2 pro Kopf: das geht freilich nur, wenn man einen gehörigen Teil der vom Durchschnittssüdtiroler verursachten Treibhausgase einfach ausblendet, nämlich die gesamte im Land verbrauchte „graue Energie“ und zudem ganze Sektoren unter den Tisch fallen lässt.

Tatsächlich stellt der angekündigte Klimaplan (der Volltext ist noch nicht online, nur einige Daten) nicht auf den tatsächlichen ökologischen Fußabdruck der Südtiroler:innen ab, sondern basiert auf einem anderen Ansatz. Im sog. Inlandskonzept oder Territorialkonzept werden sämtliche Energieverbräuche in einem bestimmten Gebiet erfasst und monitoriert. Darin ist nicht enthalten, was ein „Inländer“ außerhalb des Gebiets an Treibhausgasen verursacht. Vor allem nicht die in der Unmenge an importierten Gütern und Dienstleistungen enthaltene sog. Graue Energie. „Im Klimaplan wird von den 4,5 t CO2 pro Einwohner ausgegangen, die das System Land Südtirol verbraucht," sagte der Chef der Umweltagentur Flavio Ruffini im RAI-Frühstücksradio am 16.9., „und den wollen wir reduzieren.“ Nun wäre das System Südtirol aber ohne die graue Energie in wenigen Tagen am Ende. Die Bilanz ist so nicht vollständig.

Zum Vergleich: für die Schweiz wird geschätzt, dass gut 60% aller Umweltschäden, die von Schweizern verursacht werden, außerhalb des Landes zu verorten sind (Studie des Bundesamtes für Umwelt). Für Österreich zeigen Daten zu den konsumbasierten Emissionen, dass diese zu 50-60% über den produktionsbezogenen (territorialen) Emissionen liegen, also jenen Emissionen, die in Österreich selbst erfasst werden. Die CO2-Pro-Kopf-Emissionen Italiens liegen 2020 bei 6,5 t. Dieser Umstand trifft auf mitteleuropäische Konsumgesellschaften wohl allgemein zu, und ohne Zweifel auch auf die Provinz Italiens mit dem höchsten BIP pro Kopf und hoher Tourismusintensität. Den einzigen Vorsprung, den Südtirol aufweist, ist der hohe Anteil an Erneuerbarer Energie bei der Strom- und Wärmeerzeugung. Doch das ist kein Grund, sich auf für Klimaneutralität nicht ausreichenden Lorbeeren auszuruhen.

Außerdem bleiben zwei wichtige Bereiche komplett außen vor: „Zum einen die Autobahn, weil wir Promotoren sind, aber keine Entscheidungskompetenz haben. Zum anderen Die Landwirtschaft aufgrund der Komplexität,“ sagte LH Kompatscher (DOLOMITEN, 15.9.21). Was ist daran so komplex: man muss nur GVE, Futtermittelinput und Gülleoutput zählen. Hat doch der EURAC-Klimareport schon ermittelt, dass 18% der Treibhausgase in Südtirol aus der Landwirtschaft stammt. Wenn LR Schuler Reduktionsziele für die Milchwirtschaft anstrebt, warum werden diese Daten nicht erfasst und publik? Wenn tausende Tonnen Futtermittel, Dünger, Pestizide, Ausrüstungsmaterial in diesen Sektor fließen, verursachen sie anderswo eben CO2. Oder sind Kühe in einem Südtiroler Stall klimaneutral und auch die 1,6 Millionen Hammen Schwein, die jährlich im Land zu Speck geräuchert werden? Auch ein beträchtlicher Teil des Verkehrs auf der A22 ist Ziel- und Quellverkehr für Südtirol und damit Teil des Systems.

„Beim Klimaplan geht es darum, ein System umzustellen und Daten zur Verfügung zu haben,“ sagte Ruffini am 14.9. auf RAI Südtirol, „wir haben die Daten zum jährlichen Energieverbrauch.“ Doch ist in den bisher bekannt gegebenen Zahlen weder die gesamte vom System benötigte Energie enthalten, noch die graue Energie, mit welcher Emissionen nach außen verlagert werden. Ein seriöser Klimaanpassungsplan müsste das leisten. Zu Recht schreibt der DfNUS: „Diese offensichtliche Beliebigkeit und Austauschbarkeit der Zahlen und damit der Zielsetzungen in Dokumenten, die beide von der Landesregierung in einem Abstand von nicht einmal zwei Monaten vorgestellt wurden, werden der Wichtigkeit und Dringlichkeit der Themen Klimakrise und Klimaschutz einfach nicht gerecht.“

Mehr zu solchen Fragen gibt es in der Veranstaltungsreihe "Laboratorium Klimaschutz" alle zwei Wochen vom 28.9. bis zum 14.12.2021 in Bozen.

Advertisement
Advertisement

Kommentare

Bild des Benutzers Gianguido Piani
Gianguido Piani 19.09.2021, 15:31

Aus dem 1. Absatz "Das entspräche dann mehr oder weniger Klimaneutralität, weil der Rest durch CO2-Senken kompensiert würde."
Leider existieren CO2-Senken nicht. Da kann man nichts kompensieren. Oder was ist damit gemeint?

Bild des Benutzers Georg Lechner
Georg Lechner 19.09.2021, 20:08

Das wären vermutlich Pflanzen (insbesondere Bäume), die mittels Photosynthese einiges CO2 zu organischem Material umbauen (und dessen Verwendung als Brennstoff [Holz] oder Nahrung für Mensch und Tier dann wieder unter den Tisch fällt).

Bild des Benutzers Gianguido Piani
Gianguido Piani 19.09.2021, 20:46

Leider ist das Potential von CO2-Speicherung durch Pflanzen sehr gering und für äußere Auswirkungen extrem anfällig. Konkretes Beispiel. Seit etwa 10 Jahren kann man die CO2-Emissionen von Flugreisen durch Pflanzenanbau kompensieren. Im Amazonas-Gebiet, zum Beispiel. Die Brände der letzten Jahre haben diese Kompensationen zunichte gemacht. Wer zahlt für den neuen Anbau? Der Reisende, die Fluglinie, die Gesellschaft, die die Quoten verkauft hat, oder die brasilianische Regierung? Kurz gesagt, man versucht Emissionen aus fossiler Kohle durch instabile C-Anbindungen in Pflanzen zu ersetzen. Es funktioniert nicht.
Der C-Inhalt der gesamten oberirdischen Pflanzenmasse entspricht etwa den globalen Emissionen von 4 1/2 Jahren. Die Rechnung würde vielleicht stimmen, wenn das Amazonas-Gebiet sich bis zum Mond erstrecken würde. Auf der Erde gibt es keine geeigneten Flächen mehr.

Bild des Benutzers Thomas Benedikter
Thomas Benedikter 19.09.2021, 20:59

Ich danke für die Ergänzung und Information von Piani und Lechner. Genau das war gemeint. Südtirols Fläche ist zu fast 44% mit Wald bedeckt. Aufforstungen auch in höheren Lagen, aber vor allem Laubwälder in tieferen Lagen können CO2 binden, natürlich nur in geringem Maß. Piani hat vermutlich recht, dass man nicht den Gegenwert von 1 t CO2 pro Kopf im Jahr nur durch eine derartige lokale Senke kompensieren kann.

Bild des Benutzers Klaus Griesser
Klaus Griesser 07.10.2021, 11:03

CO2- Senken sind auch die Moore und Feuchtgebiete , von denen es in Südtirol viele gibt (z.B. Villanderer Alm), die aber schleichend immer mehr verdrängt werden. Darüber hinaus ist Kompensieren, das Setzen von Blattgrün illusorisch, es sei denn die Begrünung der Städte als verzweifelte Vorbeugemaßnahme gegen die auf uns zukommende Hitze.

Bild des Benutzers Klaus Griesser
Klaus Griesser 07.10.2021, 11:03

CO2- Senken sind auch die Moore und Feuchtgebiete , von denen es in Südtirol viele gibt (z.B. Villanderer Alm), die aber schleichend immer mehr verdrängt werden. Darüber hinaus ist Kompensieren, das Setzen von Blattgrün illusorisch, es sei denn die Begrünung der Städte als verzweifelte Vorbeugemaßnahme gegen die auf uns zukommende Hitze.

Bild des Benutzers Klaus Griesser
Klaus Griesser 07.10.2021, 11:04

CO2- Senken sind auch die Moore und Feuchtgebiete , von denen es in Südtirol viele gibt (z.B. Villanderer Alm), die aber schleichend immer mehr verdrängt werden. Darüber hinaus ist Kompensieren, das Setzen von Blattgrün illusorisch, es sei denn die Begrünung der Städte als verzweifelte Vorbeugemaßnahme gegen die auf uns zukommende Hitze.

Advertisement
Advertisement
Advertisement