Stube
Othmar Seehauser
Advertisement
Advertisement
salto books

Dich schickt der Himmel

Hannelore Battisti hat die diesjährige Ausgabe des "Merano Europa" Literaturpreises gewonnen. Mit einer Geschichte aus eigener Erinnerung – und aus der Corona-Zeit.
Advertisement

Dich schickt der Himmel  von Hannelore Battisti

 

Die Nachttischlampe meiner Mutter hat unzählige ausgestanzte Löcher. Wenn sie leuchtet, entsteht auf magische Weise an der Zimmerdecke ein Planetenhimmel, ein Sternengeflecht, eine komplette Galaxie. Nach Himbeersaft roch meine Mutter, wenn ich neben ihr im Bett lag, nach weißer Schokoladecreme und nach Stracciatella-Eis. Mit diesem Geruch in der Nase schlief ich ein, das quirlige Kind, endlich ruhig. Unter einem Himmelsdach, und es schenkte mir alle Sicherheit der Welt. Die Erde dreht sich mit dreißig Kilometern pro Sekunde um die eigene Achse und ich merkte es nicht.

Im Atlas meiner Kindheit gab es die Planeten als bunte Kugeln mit ihren elliptischen Umlaufbahnen, inmitten einer tiefen Schwärze. Eine Lampe beleuchtete die Planeten seitwärts wie die Sonne. Genau so sehe ich es vor mir. Der Himmel ist eine dunkle Fläche mit unzählbaren hellen Punkten.

Im Haus meiner Mutter befinden sich viele Dinge. Die Schränke sind voll mit all den kleinen Geschenken, die mein Bruder und ich von den Schulausflügen und später von den Reisen mitgebracht haben. Die Mutter nahm es, legte oder stellte es an einen ausgewählten Ort irgendwo in der Wohnung auf oder im Stiegenhaus.

Das fragile Pferdchen aus Muranoglas, es hat nur noch drei Beine. Die kleine Vase aus Ton mit den griechischen Meandern, die handgewebte Decke aus Nepal, der Schal aus echtem Pashmina, die Gebetsfahnen aus Tibet. Das kleine schwarze Hündchen aus Gummi mit den blauen Augen war schon vor uns da, ebenso das Porzellanmädchen mit dem Blumenkörbchen und der Rosenkranz. Es waren Vaters Geschenke aus der Verlobungszeit und kamen aus Venedig, aus Rom und aus Maria Weißenstein. Die Hochzeitsreise ging nach St. Johann in Tirol zu den Verwandten. Das kleine Schwarzweißfoto steht auf der Kommode, golden gerahmt. Es zeigt eine schüchtern lächelnde kleine Mutter im Sommerkleid mit einer Handtasche am Arm. Ihre Hände stecken in weißen Spitzenhandschuhen. Neben ihr steht der großgewachsene Vater, schön, eine Zigarette im Mund. Mit seiner dunklen Haarwelle scheint er einem italienischen Kinofilm entnommen. Es war fast Liebe auf den ersten Blick, sagte die Mutter. Ein gemeinsames Leben, ein Versprechen, das dort begann, durch gute und schlechte Zeiten, bis dass der Tod uns scheidet.

Später, als Gäste aus dem Ausland ins Haus kamen, Fremde in den vermieteten Zimmern, kamen neue Gegenstände dazu, Mitbringsel aus Städten und Dörfern, die meine Mutter nie bereist hatte, Landschaften, die sie nicht kannte. Porzellanteller aus Göttingen, Bierkrüge aus Heppenheim und aus Dresden. Bildbände vom Wattenmeer und von der Ostsee. Wanderführer aus Bayern und dem Schwarzwald.

Die Mutter war sparsam, sammelte nichts und kaufte wenig. Es bevölkerte die Räume der Wohnung, das Stiegenhaus, den Eingangsbereich, den Hofraum, die Garage, den Schupfen und den Garten. Es sammelte sich an in allen übrigen Ecken und Nischen des Hauses.

Als ich vier war, beschloss ich, den Dachboden, der bei uns Unterdach hieß, zu erkunden. Ich wollte wissen, was sich hinter dieser letzten Tür im obersten Stockwerk verbarg. Das Unterdach erstreckt sich über die ganze Fläche des Hauses und hat viele kleine Fensterluken. Sie dienten einmal der Seidenraupenzucht und befinden sich auf einer Höhe, die für eine Vierjährige gut ist, um aus den Luken zu schauen, in die Tiefe dieses massiven, vierstöckigen Hauses. Ein aufregendes, faszinierendes Erlebnis. Was sich unter den staubigen Planen befand und in den vielen gestapelten Kartons, das wollte ich wissen. All die nie gesehenen Sachen hatten es mir angetan. So vertieft war ich in mein neugieriges Schauen, dass erst allmählich das aufgeregte Rufen meiner Mutter an mein Ohr drang. Ich wusste, ich sollte mich bemerkbar machen. Also winkte ich aus einer Luke und blickte auf meine kleine Mutter ganz unten, die entsetzt die Hände zusammenschlug und schrie.

Im Haus meiner Mutter befinden sich auch die Sachen der Großmutter und der Urgroßmutter.

Die Hochzeitsfotos von den Kindern, den Nichten und Neffen. Die Urlaubsfotos von den Gästen aus Deutschland, deren Kinder und Enkel bei Taufe, Konfirmation und Hochzeit, die Sterbe- und Andenkenbilder von Verwandten und Freunden, von Gästen und deren Angehörigen.

Die gerahmten Diplome der Kinder und Enkelkinder, die Geburtstagskarten und Kinderzeichnungen, all die Jahre, bis die Kinder erwachsen wurden. So viele Kleider, so viele Schuhe und Taschen.

Ich muss darüber berichten, wie alles seinen Platz hat im Haus meiner Mutter. Manches davon ist ein Phantasiegeflecht, das durch die Erzählung hindurchwächst wie ein Rhizom, eine irregeleitete Erinnerung. Wie alles in der Welt ist es wahr und ein bisschen erfunden. Immer bemerkte sie meine Anwesenheit in den Zimmern, weil ich die Dinge in die Hand nahm, weil ich mir alles genau anschaute. Wie ich es dann wieder hinstellte, vielleicht ein paar Zentimeter daneben oder in eine andere Richtung gedreht. Meine Mutter bemerkte es, und es war mir schleierhaft, sie wusste, ich war im Aufenthaltsraum, ich war im grünen Zimmer, ich war im braunen oder im gelben Zimmer.

Was mache ich nur mit all den Sachen, bevor irgendjemand entscheidet, sie zu entsorgen, die vielen Thun-Engel mit ihrem wie zum Gesang geöffneten Mund, sie stehen da, der Größe nach geordnet, mit einer Kerze in den Händen. Den Herrgott am Kreuz fand ich in der Eckbank, in Seidenpapier gewickelt. Die geschnitzte Madonna mit dem Kind ist für mich gedacht. Auf dem Sockel der Statue steht in Mutters Handschrift mein Name. Zinnbecher und Tonkrüge stehen überall, Vasen und Blumengestecke, Engelsköpfe mit Flügeln, Figuren mit Tiroler Trachten, Hexen, Porzellanpuppen und Marionetten.

Dazu kommen die Dinge, die im Haushalt gebraucht werden. Tischdecken und Handtücher, akkurat gefaltet und im Schrank gestapelt, das Geschirr für den täglichen Gebrauch, nie ein vollständiges Tafelservice, angeschlagene Teller, Tassen ohne Henkel. Hinten im Aufenthaltsraum das gute Geschirr für festliche Anlässe, das Silberbesteck, das fast nie herausgenommen wurde.

Als ich vier war, beschloss ich, alle Kleider meiner Mutter genau zu betrachten. Was die Mutter im Schrank hängen hatte, war schön und geheimnisvoll. Es roch gut. So schlich ich mich mitten am Tag in das Elternschlafzimmer und zerrte Stoffe und Wollkleider aus den Schubladen und dem Schrank und breitete alles auf dem Boden aus. Ich sortierte es nach Mustern und

Farben und nach Größe. Es war aufregend und sehr verboten. Um das eine oder andere Stück anzuprobieren kletterte ich auf die Kommode, betrachtete mich im Spiegel. Die mütterlichen Arme holten mich entschieden von der Anhöhe herab.

Der Aufenthaltsraum ist eine Fundgrube, eine Wunderkammer mit unzähligen Geschichten, ein Raum, der seinen Namen durch das Zimmervermieten bekam. Dort war der Aufenthalt der Gäste gedacht, dort sollten sich die Gäste aufhalten, frühstücken, fernsehen und essen. Sie nannten es Abendbrot. In der Küche holten sie sich Teller und Messer, mein Vater steuerte den Wein bei, die Mutter einen selbstgebackenen Kuchen. Die Gäste blieben nicht im Aufenthaltsraum, sie drangen in unsere Küche ein, ins Wohnzimmer und setzten sich zu uns, während wir aßen, fernsahen und Hausaufgaben machten. Sie folgten meiner Mutter ins Bad zur Waschmaschine, auf die Terrasse, und während sie die Wäsche auf die Leine hängte, erzählten sie ihre Lebensgeschichten, Schicksale ihrer Mütter, Tanten, Nachbarn und Kinder. Meine Mutter lächelte sanft und nickte verständnisvoll. Meine Mutter ist keine Solitärpflanze, die viel freien Raum für sich beansprucht.

Ich weiß gar nicht mehr, was die Mutter mit den Sachen in der Wohnung machte, als die Gäste in unseren Zimmern wohnten. Blieben die Dinge dort oder wanderten sie mit uns jeden Sommer in das Dachgeschoß? Das große Zimmer in der Schräge, das nicht vermietet werden konnte, dort schliefen wir alle, die ganze Familie. Das ist ein bisschen erfunden und doch fast wahr. Wir überließen den Gästen den Platz in den schönen Zimmern.

Das war kein Problem für mich. Ich liebte diese jahreszeitlichen Veränderungen, und Umzüge lösen auch heute noch ein prickelndes Gefühl der Vorfreude aus. Mit der Mutter schoben wir Kästen, Betten und Tische in andere Ecken des Raumes, probierten diesen und jenen Platz aus. Nachher fanden wir alles besser, das Licht schön wie es durch das Fenster fällt, und den Teppich leuchtender. Wir fühlten uns belebt wie an einem neuen Ort.

Es gibt Dinge, darüber muss ich nichts erzählen. Mein Mann und ich tragen einen unausgesprochenen Kampf um den Standort der Pflanzen aus. Bin ich aus dem Haus, schiebt er den Gummibaum ins Eck hinein, die Orchideen wandern in Richtung Süden, wo sie nicht sein sollten, die Kaktusse hingegen stehen plötzlich im Norden.

Die Dinge müssen ihren Platz haben und dort bleiben. Nur die Mutter darf Änderungen vornehmen, gehäkelte Decken wechseln, Teppiche verschieben, Gegenstände austauschen oder etwas Neues dazustellen.

Die Erde rast mit einer Geschwindigkeit von siebenhundertvierundzwanzigtausend Kilometern pro Stunde um das galaktische Zentrum. Aber uns bekümmert das nicht. Das schwarze Loch inmitten unseres Sonnensystems habe ich mir immer tiefschwarz und gruselig vorgestellt. Es verschlingt Planeten und Sonnen und alle Materie.

Das gelbe Zimmer liegt nordwärts, deshalb hieß es draußen, im gelben Zimmer. Draußen sind der Aufenthaltsraum, das braune Zimmer und die Terrasse. Drinnen sind die Küche, das Wohnzimmer und das Schlafzimmer der Eltern. Auf der Terrasse gibt es die Weinlaube und darunter ist der Boden immer klebrig. Deshalb steht die Stielbürste dort bereit, mit einem Wischlappen. Die Kissen für die Stühle haben Lätzchen, damit sie befestigt und nicht vom Wind verblasen werden können. Es gibt eine zweite Garnitur für die Kissenbezüge, damit die Stühle nie nackt dastehen, auch nicht im Winter.

Bei allen Tätigkeiten im Haus und im Hof galt Mutters Ordnung. Das Fensterputzen, das Abstauben, das Ausbetten und das Stiegenhaus putzen. Jeweils ein Tag im Monat ist dafür reserviert. Die Teppiche müssen in den Hof getragen und dort ausgeklopft werden. Im Hof, im Garten und im Weinberg fallen übers Jahr viele Arbeiten an. Es muss nicht nur gepflanzt, gesät und gejätet werden. Das Laub der Bäume, das auf den Boden fällt, wird täglich gekehrt. Vom Olivenbaum, vom Pfirsich- und vom Kakibaum fallen Blätter, nicht nur im Herbst. Im Schupfen hält niemand Ordnung, nur die Mutter. Da soll der Müll sortiert und die leeren Kartons gestapelt werden. Die Fahrräder stehen an einem Ort, die Gartengeräte, der Traktor und das Auto. Schon lässt jemand das Werkzeug liegen und räumt es nicht in die Schubladen zurück. Die Ernte im Herbst ist die Haupttätigkeit im bäuerlichen Jahr. Da bündeln sich die Kräfte. Da steigt die Tatkraft. Alle sind gereizt. Die Ernte ist der Gradmesser für Erfolg und Misserfolg, für Glück und Unglück im Haus.

Selten verlassen die Planeten und die Sterne ihre Umlaufbahn. Im Himmelsraum sind Ordnungen wichtig, das belegen die errechneten Szenarien von Zwischenfällen und Entgleisungen. Bereits kleine Abweichungen erzeugen riesige kosmische Verzerrungen, bringen die Gezeiten auf der Erde durcheinander, irritieren das Licht des Tages und die Dunkelheit in der Nacht, verursachen Orkane oder Vulkanausbrüche. Die Lebewesen verlieren ihren inneren Kompass und gehorchen nicht mehr ihrem Instinkt oder ihrer Vernunft.

Als ich vier war, beschloss ich, die Kellerräume zu erkunden. Im Haus meiner Mutter gab es früher ein ausgeklügeltes Kellersystem. Zunächst der Stall, auch wenn keine Tiere mehr darin wohnten, nur die Hasen, die später geschlachtet wurden, anlässlich der Erstkommunion. Das Hasenessen machte mich nicht glücklich und das Feiern lehnte ich ab. Das Essen war ohnehin der schwierigste Punkt zwischen meiner Mutter und mir. Ich drehte den Löffel wie einen Kreisel, ließ das Gemüse und den Reis von oben auf den Teller fallen, zerquetschte es, strich es breit über den Rand aus, zeichnete Männchen und baute Hügel und Türme. Die Mutter konnte und wollte das nicht mit ansehen.

Ich liebte die Hühner. Wie sie gackerten, ihren runzeligen Hals drehten und nie still hielten. Der rote Hautlappen unter dem Schnabel pendelte hin und her. Der Blick irrte von links nach rechts, nirgends blieb er hängen. Nachts hockten sie auf der Stange im Hühnerstall und schliefen stehend, ruhig, im völligen Gleichgewicht. Und genau so sehe ich es vor mir. Der Regen prasselt auf das Blechdach, der Marder kreischt, die Füchse heulen gruselig, der Hühnerhabicht droht von oben, doch das bekümmert sie nicht. Die Mutter hatte vorgesorgt. Jeden Abend rief sie mit seltsamen Gluckslauten die Hühner und sperrte sie in den Stall.

Im Stall gab es den Futtertrog, der mit Holz angefüllt war und dahinter eine abgeschabte Tür, nur mit einer Kette verhangen. Der Raum wurde Werkstatt genannt. Tatsächlich gab es dort oberhalb einer massiven und schmierigen Werkbank ein System von Stellagen mit winzigen Schubladen für Nägel, Schrauben, Nieten, Drähten und allerlei wunderlicher Dinge aus Eisen und viel Rost. Ungestört stöbern konnte man dort, besonders am Nachmittag, wenn die Eltern beschäftigt waren. Schummriges Licht drang durch eine Scheibe voller Spinnennetze. Ich musste sie allen zeigen, die schwarzen Spinnen im dichten Netzgewebe, bewegliche filigrane Kunstwerke. Meiner Mutter gefiel das nicht. Nebenan gab es einen Raum, der Kotter genannt wurde und ziemlich klein war, nur ein Zwerg konnte darin stehen. Dort gab es kein Licht und der Kotter war mit einem Vorhangschloss versehen. Es war mir wohlig gruselig zumute, wenn ich mir vorstellte, welche Märchengestalt drinnen hauste. Am Kotter vorbei gelangte man über eine Schwingtür in den Hausflur, der großen Eingangshalle des Hauses. Diese Tür gab ein singendes Geräusch von sich, bevor sie mit einer Springfeder lärmend zuschlug. Zwei weitere Türen, die mich interessierten, gingen von dort in Räume, die verschlossen waren. Das eine war der Keller und daran anschließend der tiefe Keller, wo der Wein gelagert wurde. Ich wusste wohl, wo der Schlüssel hing, zu hoch für mich. Die andere Tür war unter Verbot versperrt. Nur der Vater besaß den Schlüssel, das Giftkammerle, wo die Pflanzenschutzmittel aufbewahrt wurden. Wie mich das interessierte, das Giftkammerle. Manchmal beobachtete ich den Vater und ergatterte einen Blick in den kleinen Raum, eigentlich nur eine Vertiefung in der Wand mit Brettern voller Dosen und Kartons mit Totenköpfen. Ein starker unbekannter Geruch strömte aus diesem Raum, wenn er geöffnet wurde. Kupferblau roch es, wenn der Vater vom Weingut heimkam, schwefelig.

Im Untergeschoss gab es die Waschküche. Ein Trog, um Wasser zu erhitzen, der im unteren Bereich ein Schürloch hatte. Ein Riesenlöffel aus Holz zum Umrühren der Wäsche. Später wurde daraus eine Dusche, dann der Heizraum und nach dem Umbau die Küche einer adretten Parterrewohnung. Stall, Werkstatt, Kotter, Giftkammerle und Keller wurden zu Ferienwohnungen für die Gäste. Demselben Schicksal erlag der Stadel, der sich im Norden über zwei Stockwerke erstreckte und die Hälfte des Hauses einnahm. Jahre später befanden dort sich die Fremdenzimmer.

Die Sachen meiner Mutter stehen verloren herum, seit sie nicht mehr da ist. Ist es nicht sonderbar, dass die Dinge trotzdem existieren? Unvergänglich und beständig, aller Umwälzungen zum Trotz? Die Dinge stehen da, als wüssten sie nicht mehr, was sie miteinander verbindet. Nichts hält sie zusammen. Die innere Ordnung der Dinge hat sich aufgelöst. Kein bewusstes Hinstellten an diesem oder jenem Ort. Kein wohlwollender Gedanke streift die Dinge, keine Erinnerung, kein warmes Gefühl. Unmerklich breitet sich eine Staubschicht über die Sachen meiner Mutter aus. Die Spitzendecken verrutschen.

Alles erscheint ungeordnet und chaotisch. Uns fehlt der Überblick. Selbst die Satelliten in der Umlaufbahn erfassen das Geschehen im Raum nur unvollständig. Uns fehlt der klare Blick auf das Zusammenspiel der Ordnungen, falls es sie überhaupt gibt. In Wahrheit folgt alles seinen innewohnenden Gesetzen. Benennen oder erfassen können wir sie nicht.

Als einziges der acht Geschwister durfte die Mutter einen Beruf erlernen. Die übrigen Kinder wurden daheim gebraucht, in der Landwirtschaft. Im Geschäft Kunden zu bedienen und später die Schaufenster zu dekorieren, das machte sie froh und stolz. Mit dem Lineal ausgerichtet waren Kleider und Hemden in den Regalen. Knöpfe und Reißverschlüsse in den Schubladen nach Farben und Größen geordnet. Sie legte den Meterstab auf Stoffe und trennte mit der Schere die gewünschte Länge ab. Die Reste durfte sie nach Hause nehmen.

Wenn ich im Haus meiner Mutter bin, besuche ich heimlich das gelbe, braune und grüne Zimmer und den Aufenthaltsraum. Dabei gibt es gar keinen Grund mehr für diese Heimlichkeit. Niemand bemerkt dass ich da war. Der Vater gesteht mir, dass er es ebenfalls so mache. Er betritt jeden Raum, schaut sich alles an, wehmütig. Irgendwie heimlich. Als würde die Mutter alles sehen, alles wissen und erkennen, ob sich ein Gegenstand am falschen Platz befindet oder ein paar Zentimeter daneben.

Die Dinge meiner Mutter hüten ein Geheimnis. Sie sind an bestimmten Orten, dort gehören sie hin. In den vielen Schubladen und Schränken, in den Truhen und Kästen, da liegt, in ehemaligen Keksdosen und Pralinenschachteln verborgen ein unerschöpflicher Reichtum.

Als ich vier war, beschloss ich nach den Weihnachtskeksen zu suchen, die Mutter am Vortag gebacken hatte. Ich wusste, sie mussten irgendwo versteckt sein. Schließlich sollten sie zum heiligen Fest noch vollständig da sein, wenn Gäste kommen. Ich entdeckte die Kekse im Elternschlafzimmer hinter dem Vorhang in Zellophan gewickelt. Mit den kleinen Kinderhänden war es ein leichtes, hineinzugreifen und ein Keks nach dem anderen herauszuziehen. Dabei mussten das Band und die Schleife gar nicht gelöst werden. – Da waren seltsame Mäuse an meinen Keksen, sagte die Mutter und wir kicherten.

Meine Mutter platzierte Pflanzen in allen Räumen und arrangierte frische und trockene Blumen mit Schleierkraut und Zweigen auf Steckschwämmen und Moos zu einem Herbstgesteck oder zu einem Wintergruß. Mit klarer Linienführung schuf sie ausgewogene Kompositionen, die spannungsreich einander zugeordnet sind. Blumenpartien sind mit Staffelungen locker und rhythmisch gearbeitet, die Proportionen im Goldenen Schnitt. Kontraste sind durchaus willkommen. Gestaltungsgesetze sind genauso wichtig wie die Farbenlehre. Besonders liebte sie die Geselligkeitsblüher, wie Sommerastern und Ringelblumen, manchmal auch Solitärpflanzen, die ihren eigenen Raum beanspruchen, wie etwa die Rose. Aufschwingende und auflösende Formen. Formgestecke finden sich im Haus meiner Mutter, die keiner bestimmten Stilart zuzuordnen sind, das dicht gebundene Kränzchen für den Frühstückstisch, ein dauerhafter Raumschmuck. Ruhig, bescheiden und immer freundlich anmutend.

Meine Mutter bestickte Schleifen im Farbzweiklang mit Kalligrafien. Willkommen. Tritt ein, unser Gast sollst du sein. Sie hängte es als Kleinod an jede Zimmertür.

Wir möchten nichts wegräumen von den Sachen, nichts von den mütterlichen Ordnungen zerstören. Das käme uns unrecht vor.

Ich ertappe mich dabei, wie ich bei jedem Besuch eine Kleinigkeit mitnehme. Etwas von ihren Sachen, zum Beispiel das Gerät, um Butterröllchen zu drehen. Nur, um einen Gegenstand der Mutter zu besitzen. Nur, um ein bisschen sie selbst mitzunehmen in das eigene Leben. Nur, um ihr eine Gegenwart zu schenken, eine Zukunft, eine kleine Beständigkeit inmitten der rasanten Umdrehungen.

Niemand spricht darüber, aber im Himmelsraum gehen keine Objekte verloren. Der Kosmos dehnt sich rasant aus, Astronomen konnten es nachweisen. Seit dem Urknall sprühen Feuer, Gas und Röntgenstrahlen in das schwarze Nichts hinaus oder hinein. Daran wird sich in nächster Zeit nichts ändern. Es ist zu erwarten, dass sich das All wieder zusammenzieht. Man kann es sogar errechnen. Und was geschieht dann?

Darf ich das haben, Mamma? Nur für kurze Zeit? Als Kind, als Jugendliche und als erwachsene Frau – leihst du mir das oder jenes? Nimm es mit, behalte es, sagte die Mutter dann. Den Pullover mit den Knöpfen in der Farbe meiner Augen, die elegante Jacke, die Bluse, hübsche Hand- und Tischtücher, Taschen, ja selbst Schuhe. Als ich längst einen eigenen Haushalt hatte, beschenkte sie mich bei jedem Besuch, Äpfel, Weintrauben, Himbeeren, ein selbstgebackener Kuchen. Was könnte ich dir heute mitgeben? Was brauchst du? Die Mutter musste mir immer eine Kleinigkeit schenken.

Seit mein Bruder tot ist, hat die Mutter Streit mit dem lieben Gott. Wie kann er in die Welt hineinschauen, erbarmungslos, ohne zu merken, was mit den einzelnen Menschen geschieht. Ist ihm das Leiden der Lebewesen egal? Was bedeuten ihm unsere Schmerzen, unser Verlust? Später wurde sie versöhnlicher. Das mag selbst Ihm zu viel sein, die Schicksale der Menschen auf der Erde. Geburt und Tod und alles Leiden dazwischen. Die Verantwortung für die Welt, den ganzen Kosmos. Ich glaube, da ist selbst Er machtlos. Dennoch, die Mutter war beleidigt mit dem lieben Gott und es wurde nicht wieder gut.

Es wurde nie wieder gut. Nicht alle Schmerzen sind heilbar. Manche schleichen sich tiefer ins Herz hinein und während Tage und Jahre verstreichen, werden sie Stein. Die Mutter schrieb das Gedicht von Ricarda Huch auf einen Zettel und klebte ihn an den Küchenschrank. Ein weiteres hing an der Tür zum Zimmer. Sie kannte viele Gedichte auswendig und zitierte daraus die passenden Passagen.

Ihre Ordnungen verrutschen. In unserem Herzen, da ist eine Stelle, da blüht nichts mehr. – So vieles habe ich zu tun, dies und das, sagte sie, eine schwere Last – ich wüsste gar nicht, wie ich es dir sagen soll. Dies und das mache sie den ganzen Tag, davon wolle sie mir erzählen, sie wüsste gar nicht, wo anfangen. Allerhand, eben. Die Mutter wusste nicht mehr, was die Dinge miteinander verband. Das Stiegenhaus habe sie nicht geschafft, es muss noch geputzt werden, das sei oberstes Gebot, das Aushängeschild für die Gäste des Hauses. Heiliger Antonius hilf, sagte die Mutter und faltete inbrünstig die Hände vor der Brust. Sie hatte den Schlüssel verloren.

Sterbende Sterne leuchten rötlich gelb. Millionen von Jahren ist das Licht unterwegs zur Erde, bevor wir etwas davon erfahren. Dann ist es zu spät. Der liebe Gott, sagte meine Mutter, wird zu viel zu tun haben. Er tut wohl dies und das. Und trägt eine schwere Last. Er schaut hilflos vom Himmel herunter, weil er gar nicht mehr weiß, wo anfangen, wo aushelfen. Mir scheint, er hat den Überblick verloren.

Dann stürzte die Mutter, sie verletzte sich, könne aber nichts dazu sagen. Man muss nicht alles erzählen.

Die Dinge und die Ordnungen werden undurchschaubar, hüllen sich in dichten Sternennebel – wo ist dieser Topf und jenes Buch geblieben. – Hast du es mitgenommen? Die Dinge und Ordnungen werden eigenständig, verformen sich, gehorchen der Schwerkraft, kollidieren. Das löst Sorge aus und immer mehr Angst.

Im Himmel dreht sich die Milchstraße und zwingt die Zwerggalaxien in ihre Umlaufbahn. Das dehnt die Zeit, das zerrt mächtig an ihr, bis Beulen im Spinnennetz der Gravitation entstehen. Der Himmel ist so weit entfernt. Nur durch das Weltraumteleskop lassen sich neugeborene Sterne beobachten, immense Explosionen, rosafarben und wolkig. Alles dreht sich und kollidiert und schleudert Supersonnenmassen durch das All.

Die Mutter schränkte ihren Radius ein, ihre Umlaufbahn wurde enger. Sie ging nicht mehr ins gelbe Zimmer, sie ging nicht mehr ins braune. Das grüne Zimmer blieb unaufgeräumt, der Aufenthaltsraum draußen sog die Dinge auf, verschluckte sie und gab sie nicht mehr her.

Die Küche und der Holzherd waren ihr letztes Aktionsfeld, in zahlreichen Töpfen zischte und rauchte und brodelte es, dies

und das, mehr könne sie dazu nicht sagen. Die Dellen im Netz der Zeit bogen und zerrissen es fast, die Atmosphäre wurde löchrig und stärker die Anziehungskraft, bleischwer.

Meine Mutter musste alle Dinge in der Wohnung zurücklassen, als sie ging. Nur ihre Handtasche presste sie unter den Oberarm, nachdem sie den Inhalt kontrolliert hatte. Sie sah nach, ob Geld da war und der Schlüssel.

Ja, ich war es, die sie ins Heim brachte. – Es geht nicht mehr, sagte der Vater, ich musste es tun, sagte ich. Sie ist jetzt gut aufgehoben, sagte ich, sie wird gut gepflegt, sagte der Vater. Sie hätte es zu Hause nicht mehr schön gehabt, sagte ich, ich hätte es nicht mehr geschafft, sagte der Vater. Du kannst sie jeden Tag besuchen, sagte ich. Ja, es musste sein, sagte der Vater. Es ist besser für sie, sagte ich. Es ist besser für euch beide. Ich bin jetzt allein, sagte der Vater, sie ist nicht mehr neben mir, wenn ich schlafe. Keine Geräusche kommen mehr aus der Küche.

Sie wird nie wieder zurückkommen, dachte ich. Nie wieder wird sie ihr Haus betreten. Die Ordnungen werden zerbersten, die Sachen werden im luftleeren Raum davonschweben.

Bei jedem Besuch im Heim nahm ich eine Kleinigkeit für sie mit, ein schönes Tuch, eine Kette, eine wohlriechende Handcreme oder Blumen. Ich wollte, dass sie ihre schönen Kleider trug, ihre Ohrringe und ich lobte sie für ihre Frisur, die im Heim wieder gepflegt wurde. Sie roch gut. – Sie sieht gut aus, sagte ich dem Vater. Sie hat wieder zugenommen, sagte er.

Ich bin totunglücklich, sagte die Mutter, totunglücklich. Mit mir geht es darnieder. Bring mich nach Hause. Hier ist alles fremd. Hier wohne ich nicht, bei den fremden Menschen. Hier bleibe ich nicht, bis ich sterbe.

Im Lockdown dürfen wir die Mutter nicht besuchen. Ich schreibe Briefchen mit großen Herzen, lege sie vor die Eingangstür des Heimes. Ich bringe Blumen zum Portier und höre ihre Stimme am Telefon. Sie spricht karge Worte. Jetzt muss ich gehen, sagt sie, es ist spät. Ich habe noch nichts auf dem Tisch.

Das Heim ist gesperrt, bis auf weiteres. Ich stelle mich vor die Eingangstür, vor das Heim. Schmal und klein ist meine Mutter, sie winkt von der Terrasse. – Wir dürfen dich nicht besuchen, Mamma. Bald kommen wir, rufe ich, wenn es wieder erlaubt ist, Mamma.

Jetzt ist auch das Leben meines Vaters von der Umlaufbahn abgeglitten. Das meine springt bedrohlich auf und ab wie ein Schaukelpferd auf dem Karussell.

Im Mai sehe ich meine Mutter hinter der Glaswand. Sie sitzt jetzt im Rollstuhl und lächelt sanft. Die Besucherbox gleicht einem Hochsicherheitstrakt. Mundschutz trotz Glasscheibe, Nylon über die Mikrofone, Desinfektionsmittel auf allen Oberflächen. Sie will mir die Hände reichen und stößt an die Glasscheibe. – Es gibt ein neues Virus, das alle ansteckt, überall, auf der ganzen Welt, Mamma. Deshalb, Mamma. Es ist gefährlich, wir müssen vorsichtig sein und eine Maske tragen. Die Mutter lächelt unbeteiligt. Schüttelt den Kopf – Was es nicht alles gibt, sagt sie. Ist das möglich? Und – da kann man nichts machen. Sie lächelt müde.

Wie Mutters Alltag aussieht, im Heim, weiß ich nicht mehr. Im Sommer schiebe ich sie in ihrem Rollstuhl die Promenade auf und ab. Unzählige Male. Ich erzähle Geschichten aus dem früheren Leben, Vorkommnisse, Erinnerungen, – ah, sagt sie, gut. Ich spreche von den blühenden Gärten, von den Bäumen, dem gepflegten Rasen, den Wuchsformen der Rosen. – ah, schön. Ich schiebe sie hinauf zur Standseilbahn, zerre den Rollstuhl in die Kabine und wir fahren den Berg hinauf. Ich kaufe ein Eis für sie. Die Mutter liebt das Eis mit den großen Schokoladestücken, Stracciatella. Sie lacht und dafür tue ich alles.

Für deinen Mann sollst du kochen, mahnt meine Mutter. Du hast nie gerne gekocht, stelle ich fest. Sie habe das Essen pünktlich auf den Tisch gebracht. Und nicht immer war es dem Ehegatten recht, meinte sie spitz. Von der Stirne heiß, rinnen muss der Schweiß. Lieber wäre sie Lehrerin geworden und noch immer rezitierte sie Lieblingsverse. Das Mädchen einer kinderreichen Familie in den dreißiger Jahren, ein begabtes Kind. Der Pfarrer habe daheim vorgesprochen. Der Vater blieb unbeeindruckt. Die Eltern hätten es sich nicht leisten können. Stattdessen kam sie, zart und kränklich wie sie war, zu den Großeltern, mitten im Krieg. – Du hast eine Anstellung, ein geregeltes Einkommen. Das ist gut.

Die Fremdenzimmer meiner Mutter waren bescheiden und ohne Luxus. Alles musste sauber sein. Oberstes Gebot, so die Mutter, ist deine gleichbleibende Freundlichkeit. Der Gast ist immer willkommen. Mit ihrer weißen Schürze und den Spitzenborten dran sah ich ihr jeden Morgen beim Servieren zu, freudig gerötet war ihr Gesicht. Meine Mutter, eine Geselligkeitsblüherin wie Margeriten, Vergissmeinnicht oder roter Mohn. Nach den Wünschen der Gäste fragen konnte ich schon als Kind. Höflich grüßen und mich bedanken. Für Fotos posieren und lächeln wollte ich nicht. Dafür böse und trotzig dreinschauen, zum Ärger meiner Mutter. Wie der Frühstückstisch gedeckt sein soll, wusste ich. Was in der Mitte, was links und rechts stehen soll. Die Semmeln nannten wir nun Brötchen, sie hatten ein weißes, weiches Innenleben, ganz anders als unser tägliches Schwarzbrot. Die Butter wurde mit dem Butterröllchengerät gedreht und aufgetragen. Die Marmelade war selbstgemacht und für die Gäste es gab drei Sorten. Was ein

Frühstücksei ist, lernte ich in den frühen Jahren meiner Kindheit. Zahlreiche winzige Eierbecher stehen im Schrank meiner Mutter. In meinem Haushalt gibt es keine Eier und dennoch nehme ich mir zwei kleine Becher mit. Frühstückseier werden mit dem Messer geköpft und mit Salz bestreut. Das funktioniert nur bei einer Kochzeit von drei Minuten und dreißig Sekunden. Die Mutter erwarb so ein Ding, das die Sekunden maß und stoppte. Dieses Ding werde ich nicht mitnehmen. Unter den Sachen meiner Mutter bleibt es unauffindbar.

Im Juni bringe ich der Mutter Kuchen und Eis ins Besucherareal. Sie greift danach, noch bevor sie mich begrüßt. Eine Maske verdeckt ihr Gesicht. Ein paar Fotos aus dem Familienalbum von früher habe ich mitgebracht. Mein Bruder und ich, Kinder in den siebziger Jahren. Mit zittrigen Fingern zeigt sie auf das Bild, das sie haben will. Mein Bruder und ich, lachend neckten wir uns und konnten nicht stillhalten. Eine leichte Unschärfe. Sie selbst, die junge Frau im hübschen, selbstgenähten Kleid. Im Hintergrund ihre Mutter, unsere Oma. Ich erinnere mich an diesen Ausflug. Die Mutter hatte sich daheim vor dem Spiegel Lippenstift aufgetragen, was selten vorkam. Das wollte ich auch, doch sie fand es unpassend. Sie roch gut nach Himbeersaft und Stracciatella-Eis. Mit dem Zipfel eines Tuches wischte sie über mein Gesicht und entfernte die Spuren von Schokoladecreme. Im hellblauen Fiat 500 fuhren wir zum Wallfahrtsort, meine Mutter saß am Steuer. Mein Bruder und ich erfanden Spiele und zankten uns. Weil er so klein und niedlich war, ließ ich ihn gewinnen. Wie immer bestimmte ich die Regeln. Die Tränen tropfen der Mutter aus den Augen und benetzen die Maske. Erschrocken breche ich ab und schweige. Dich schickt der Himmel. Die Mutter breitet ihre Arme aus. Berühren dürfen wir uns nicht.

Auf dem Frühstückstisch der Gäste befand sich ein rotes Plastikding mit der Aufschrift Ein sauberer Frühstückstisch. Ich weiß, das gefiel meiner Mutter, doch ich fand es hässlich. Peinlich fand ich auch die selbstgestrickte Kaffeekannenhülle und den genähten Eierwärmer in Form einer Henne. Heute steht die Henne bei mir in der Wohnung, ich habe sie mitgenommen. Sie hat Knöpfe statt Augen, einen roten Hühnerkamm und einen Reißverschluss an der Oberseite. Da hinein gebe ich die Schlüssel, damit sie nicht verloren gehen.

Die Ernte im Herbst wird ohne die Mutter eingeholt. Im Weingut am See sind die Arbeitsabläufe genau geplant und die Aufgaben verteilt. Der Zeitplan unterliegt den Ordnungen der Kellereien. Ich muss übernehmen, was Mutters Aufgabe war. Den Wasserkanister ins Auto gepackt, die Tücher zum Trocknen, das Polentamehl, die Würste und den Kessel. Die Leute stehen bereit und wollen arbeiten. Holz und Zündhölzer, das Salz nicht vergessen. Teller, Gabel, Messer und Trinkbecher. Die Leute sind ungeduldig. Eine Thermosflasche für den Kaffee. Zucker und Milch. Etwas wird immer zu Hause vergessen. Die Leute wollen in die Arbeit eingewiesen werden. Der Vater ist aufgeregt, er muss in Quarantäne. Ich bin keine Weinbäuerin. Ich muss übernehmen, was Vaters Aufgabe war. Mit Wimmschüsseln und Rebscheren die Trauben abschneiden und einsammeln. Die Kellerei schließt bald ihre Tore.

Dann ist es vorbei. Der Zauber der Dinge ist nicht mehr da. Die Gegenstände sind alltäglich geworden, sie wirken fahl und matt. Als hätte jemand ihre Energie ausgesaugt. Ein schwarzes Loch. Wie alte Sterne sind die Dinge und die Ordnungen implodiert.

Im November kommt das Virus ins Heim und verwandelt es in eine Intensivstation. Die Eingangstür bleibt geschlossen und wir ahnen nur, was sich dahinter abspielt. Vierundsechzig mit dem Virus infizierte Personen, darunter auch meine Mutter. Der Notstand verhindert jeden Kontakt, sogar telefonieren ist schwierig, die Schutzanzüge können nicht ständig an- und ausgezogen werden. Abends um sieben kommt täglich der Telefonanruf, auf den ich höchst dringend warte. Eine Betreuerin berichtet mir aus der Pflegestation. Mein einziger Faden zur Mutter. Ein Lagebericht von der Front, Kämpfe, die am Tag ausgefochten wurden, von Pflegenden und Gepflegten. Montag – das Fieber steigt, der Blutdruck sinkt. Dienstag – die Sauerstoffsättigung ist ausreichend. Immer die gute Nachricht zuerst. Das Fieber ist hoch. Nie entmutigend. Mittwoch – immer Hoffnung. Donnerstag – die Vitalzeichen werden schwächer. Die Mutter nimmt nichts mehr zu sich. Freitag – wir müssen mit künstlicher Ernährung beginnen. Samstag das Herz ist zu schwach.

Ich musste ich die Sachen meiner Mutter vom Heim abholen. Ein schwarzer Müllsack mit ihrem Namen drauf. Unter vielen schwarzen Müllsäcken mit vielen Namen im Abstellraum. Kleidungsstücke und Schuhe, ein paar Bücher, ein Gedicht. Briefe und Fotos. Das große Herz, das ich ihr vor die Tür gelegt habe. Schmuck und die Handtasche, aber kein Schlüssel mehr.

Kein Himmelszelt. Ein seltsames Rauschen dringt an mein Ohr. Es bebt und dröhnt und droht zu zerbersten. Eine unheimliche Kraft, eine kosmische Strahlung wohnt dem Ganzen inne. Es rotiert und nimmt Geschwindigkeit auf. Die Funken sprühen. Einer Kreissäge gleich bildet sich ein Feuerrad. Galaxien stehen niemals still. Sie stoßen aufeinander und verschmelzen. Sie geben Rauchzeichen, wo es nichts zu erkennen gibt. Sie lassen sich nicht erklären und nicht begreifen. Die

Milchstraße wirbelt im Kosmos umher und rast unweigerlich auf die Nachbargalaxie zu. In zweieinhalb Millionen Lichtjahren gibt es eine Kollision. Das Herz pocht, der Puls rast.

Im luftdichten Plastikanzug sitze ich am Bett meiner Mutter. Durch die vom Atem beschlagenen Brillen sehe ich verschwommen ihr Gesicht. Mit Gummihandschuhen streichle ich über ihre Wangen. Die Kerze, die ich anzünden darf, wirft große zuckende Schatten an die Wand.

Die Materie fällt auf das schwarze Loch zu, stürzt aber nicht hinein. Sie wird herumgepeitscht und schießt in polaren Plasmajets nach außen. Die Nachbarin im Himmel, eine nahe gelegene Galaxie mit explodierendem Herzen und einem instabilen Kern stößt Gaswolken aus, rötliche Röntgenquellen im Sternbild des Walfischs. Hochenergetische stellare Objekte.

Gegen Mitternacht wird das Maximum der Verdunkelung erreicht. Ich kann sie freiäugig erkennen. Dann dringt auf magische Weise das Licht wie durch unzählige gestanzte Löcher ans Himmelszelt und formt einen Sternenbogen, der größer und wirklicher ist, als die Phantasiegespinste einer ganzen Kindheit.

Hannelore Battisti (Kaltern, 1961), freischaffende Künstlerin und Kunsttherapeutin. Studium der Erziehungswissenschaften/Geschichte in Innsbruck, Psychologie in Salzburg; Doktorat in Erziehungswissenschaften an der Leopold Franzens Universität Innsbruck; Künstlerische Fotografie bei Rupert Larl im Fotoforum West in Innsbruck. Literarische Auszeichnung (3. Preis), Frontiere-Grenzen, Fiera di Primiero. Veröffentlichungen: Ein Maulwurf bin ich. Sono una talpa sai (Foto-Novelle, Arca Edizioni); Menschen stärken. Wege sichern (Hrsg., Caritas Bozen – Athesia); Winterkollektion. Fundstücke für einen Sterbenden (Prokopp & Hechensteiner); Herbst der Frauen. Fotografische Begegnungen (Folio Verlag).

 

Per info & suggerimenti / Für weitere Fragen & Anregungen: books@salto.bz 

Con il supporto di / Mit der Unterstützung von Alte Mühle Meran/o.

Advertisement
Advertisement
Advertisement
Advertisement
Advertisement