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Politik&Geschichte

Kurz zu einem Südtiroler Gründungsmythos

Kurze Überlegungen zu einem Gründungsmythos des modernen Südtirol, ausgehend von der heutigen "Pro und Contra"-Sendung und einer Aussage des Historikers Hannes Obermair.
Community-Beitrag von Jan Matia Prinoth20.10.2020
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Meiner Meinung hat Herr Felix von Wohlgemuth von den Grünen in der heutigen "Pro & Contra" - Sendung mit dem Titel "Wie sinnvoll ist Südtirols Corona - Sonderweg?" den Herrn Landesrat Arnold Schuler argumentativ weitgehend in den Schatten gestellt. Aber das ist natürlich Ansichtssache. Interessant fand ich die - bewusst oder unbewusst - sehr scharf platzierte Frage des Moderators Herr Siegfried Kollmann, welche - sinngemäß - lautete ob Von Wohlgemuth nun ein Freund der Autonomie Südtirols sei oder nicht. Die Antwort des Grünen Co-Vorsitzenden fand ich klug.

Ich möchte an diesem Punkt der Sendung anknüpfen, weil man von dort aus auf einen Mythos des modernen Südtirols zurückkommen kann (damit meine ich das Südtirol, das sich ab dem 20. Jh. entwickelt hat): die Vorstellung des "bösen Italiens" und des "guten Österreichs" (Das "gute Österreich" ich auch noch ein lebendiger Teil dieses Mythos, wenngleich es in den letzten zwei-drei Jahrzehnten eher stark an Anziehungskraft verloren hat). 

Kommen wir kurz auf Kollmanns Frage zurück, welche tiefschürfend ist - bist du, Von Wohlgemuth, der du den Südtiroler Corona-"Sonderweg" (eigene Gesetze zum Thema Corona, in Abweichung zu den Gesetzen des Italienischen Staates) kritisierst, nun auf der Seite der Autonomie bzw. Südtirols, oder etwa auf jener Italiens, dem Verüber des großen Historischen Unrechts, bzw. dem "bösen, fremden Staates"?

Ohne mich hier zu einem Historiker aufschwingen zu wollen, der ich nicht bin, ist es klar, dass Südtirol durch Italien längere Zeit viel Unrecht erlitten hat (dann jedoch zunehmend viel Gewinn daraus gezogen hat, aber das ist eine anderes Thema), begonnen vom "großen Trauma" der Aufsplitterung von Alttirol und der Eingliederung in das Italienische Staatsgebiet; ebenso stellte der Österreichische Staat ein "Sehnsuchts- und Rettungsbild" dar und war auch bei der realen Verwirklichung und Konsolidierung der Autonomie Südtirols von (großer) Hilfe. Daraus hat sich ein - gemeinschafts- und sinnstifter - Mythos vom "bösen Italien" und vom "guten Österreich" entwickelt, ein Mythos, den man - und hier bringe ich diesen kurzen Text auf den Punkt - angesichts der Präzisierung des Historikers Hannes Obermair jedoch ein wenig in Frage stellen und teilweise revidieren sollte. Obermair behauptete vor einigen Tagen - angesichts des Gedenktages zum hundertsten Jahrestag des Friedensvertrages von St. Germain - dass es ja eigentlich die Habsburger Monarchie gewesen war, die den Ersten Weltkrieg - und somit das lange nachwirkende Leid Südtirols - losgetreten hatte. Sicherlich wurde Wien durch die Ermordung ihres Thronfolgers in Sarajewo provoziert - aber hat das die Kriegserklärung gerechtfertigt?

Ich habe - in meiner geringen Erfahrung als "historischer Laie" - noch nie bzw. kaum davon gehört, dass jemand (der publiziert wurde) der alten Donaumonarchie und / oder seiner damaligen "Führungsriege" - etwas an Mitverantwortung für die negativen Aspekte des Schicksals Südtirols im bzw. ab dem 20. Jahrhundert angekreidet hätte. Klar ist: ich will hier weder die Verantwortung und die negativen Taten des damaligen Italiens relativieren oder schönreden, noch dem (wichtigen) positiven Beitrag Österreichs für die Entwicklung unseres Landes schmälern oder gar abstreiten.

Wir leben in einem schönen, reichen, modernen Land; in einem Land, dass trotz seiner Probleme und Herausforderungen (z.B. hohe Lebenshaltungskosten, Übertourismus und Überverkehr) in mehrerlei Hinsicht vorbildlich und beispielhaft ist - was z.B. seine Autonomie anbelangt, oder auch im Sport und in der Wirtschaft.

Wieso also nicht - im Sinne eines aufgeklärten, nüchternen, differenzierenden Bewusstseins - den Südtiroler Gründungsmythos vom "guten Österreich und dem schlechten Italien" - historisch gesehen - ein wenig umwandeln?

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Kommentare

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Georg Lechner 21.10.2020, 19:42

Die Führungsriege der alten Donaumonarchie hatte einen nennenswerten Anteil am Beginn des 1. WK, beginnend mit der Sorglosigkeit, mit der der (vom Kaiser eher ungeliebte) Thronfolger (weil er Reformen anstrebte) in Sarajevo herumkutschiert wurde. Das Hauptproblem war die Anlehnung an Deutschland mit dem gemeinsamen Versuch, durch den Krieg die Arbeiterschaft in die patriotische Pflicht zu zwingen und damit ihren zunehmenden gesellschaftlich - politischen Einfluss hintanzuhalten.
Rosa Luxemburg kritisierte 1913 die zunehmenden Rüstungsausgaben als Instrument der Reichen, ihren Reichtum abgekoppelt von der realen Wirtschaftsentwicklung (fehlende Massenkaufkraft) auf Kosten der Allgemeinheit zu mehren - unter willfähriger Mitwirkung von Politik und Medien (PESCO ist übrigens eine bestürzende Neuauflage dieses Schemas).

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Jan Matia Prinoth 21.10.2020, 20:59

Guten Abend Herr Lechner
Eine Frage. Was finden Sie denn so besorgniserregend an PESCO?

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Georg Lechner 22.10.2020, 15:45

1. die inflationstreibende Geldverschwendung: Krieg und Rüstung sind - historisch erwiesen - die Inflationstreiber Nr. 1. Das ist auch wirtschaftlich erklärbar, weil Krieg Werte vernichtet und Rüstung keine Werte schafft, die der lohnbedingt entstandenen Nachfrage gegenüberstehen. Ein Überangebot der Nachfrage gegenüber dem Angebot treibt aber die Preise -> Inflation. Gegenwärtig haben wir eine Deflation, weil die Produktivität in den letzten 25 Jahren (in D. noch länger) stärker gestiegen ist als die Kaufkraft (BIP stärker gestiegen als Reallöhne).
Geldverschwendung: Eine Kaufkraftsteigerung ist ungleich sinnvoller in den Bereichen, die der Zukunft dienen (Bildung) und/oder dem sozialen Frieden (Gesundheit, Pflege, ...)
2. Rüstung kommt nur den Reichen (die dort Aktien haben) zugute; Rüstung und Rüstungsexporte führen früher oder später zu Kriegen (Balkankriege der 90er durch massive Rüstungsexporte an den Balkan angeheizt, es folgten die Kriege zur Machtdurchsetzung in Afghanistan, im Irak, in Libyen, in Syrien und viele kleinere in Afrika
3. PESCO geht einher mit dem Wunsch Trumps nach mehr Rüstungsanstrengungen der Europäer, um die bestehenden Spannungen (etwa gegenüber Russland) aufrechtzuerhalten, denn die USA sind finanziell am Sand (schon 2019 - also vor Corona - ein zweistelliges Budgetdefizit, etwa das Siebenfache des italienischen!). Spannungen als Motor des Rüstungswettlaufs brauchen wir aber so nötig wie einen Kropf.

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Daniel Kofler 02.11.2020, 03:18

In den Rüstungsfabriken arbeiten also keine Arbeiter? Und die geben ihr Geld also nicht in der Wirtschaft aus, um ihre Familien zu ernähren? Das ist ja eine komische Branche.

PESCO ist übrigens nur der Versuch, eine europäische Armee zu gründen. Dies dürfte der Geldverschwendung durch die Ineffizienz nationaler Armeen ein Ende bereiten dürfte, was effektiv viele Geldmittel frei machen dürfte. Dass die EU ein imperialistisches Ungetüm wird, das glauben Sie doch selbst nicht.

Das Haushaltsdefizit der USA ist per capita (und das ist das einzig relevante) weit niedriger als das Italiens. Außerdem steht die USA robust da, der Dollar ist bis auf weiteres globale Leitwährung. Ihr Abgesang auf die USA ist reines Wunschdenken (deswegen diagnostiziere ich bei Ihnen gleich noch Antiamerikanismus - passt zum Rest).

Dass Rosa Luxemburg viele intelligente Sachen gemacht und gedacht hat, heißt nicht, dass sogar ihre Scheiße Gold ist. Und das gilt für viele brilliante Köpfe. Manche Dinge hat man sich vor hundert Jahren halt einfacher vorgestellt, als sie es wirklich sind.

P.S.: Wenn ich Sie berichtige, bedeutet das nicht, dass ich für Waffenhandel, die USA oder die Kapitalisten Partei ergreife. Sondern nur, dass mich falsche Argumentation mit falschen Fakten einfach stört.

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rotaderga 02.11.2020, 07:20

Und wenn PESCO nur ein Gebilde mit dem Zweck der Lobbyarbeit für die Rüstungsindustrien wäre?

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pérvasion 22.10.2020, 08:40

Ich wage es mal, vom Thema »Gründungsmythos« abzugehen und auf den Autonomismus von Wohlgemuths zurückzukommen. Der Grünenchef ist meiner Einschätzung nach sehr wohl ein Autonomist — seine Haltung zu den Coronamaßnahmen ist es aber eher nicht. Wenn wir davon ausgehen, dass Südtirol eigenständige Befugnisse in der Materie hat, sollten wir beurteilen, *wie* es diese ausschöpft (und dies ggf. auch scharf kritisieren), aber nicht stets am *ob* hängenbleiben. Dies speziell in einer Krise, die Italien so gar nicht vorbildlich gemeistert hat. Die besten Ergebnisse wurden/werden woanders erzielt — wenn wir unsere autonomen Befugnisse aber nicht an den Besten, sondern reflexhaft ausschließlich bzw. hauptsächlich an Rom messen, hat das mMn. wenig mit Autonomismus und ziemlich viel mit Unterwürfigkeit zu tun. Gründungsmythen hin oder her.

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Daniel Kofler 02.11.2020, 03:05

Auch Südtirol hat sich seine Befugnisse in der Pandemie erkämpft, und falsch ausgenützt. Ich erinnere mich an die Lockerungsverordnungen, in denen Maßnahmen bewusst anders gestaltet waren, obwohl die römischen mehr Sinn gemacht hätten.

Ich habe halt oft leicht das Gefühl, dass die Verhandlungen zum Paket mehr herausgeholt haben, als Südtirol bewältigen kann. Aber es hat sicher auch mit der SVP zu tun, die es sich gemütlich eingerichtet hat und für die eine Erweiterung der Autonomie nur gefährlich werden kann (weswegen auch jede kleine Pillepalle als "wesentliche Erweiterung unserer Autonomie" verkauft wird).

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Daniel Kofler 02.11.2020, 03:01

Diesen "Gründungsmythos" gibt es so nicht. Was es jedoch gibt, ist ein nationalistisches und zentralistisches Italien, das die Südtiroler als fremd betrachtet, und ein föderalistisches Österreich, mit dem wir kulturelle, sprachliche, historische undwasweißichnoch Gemeinsamkeiten haben (es sind nun mal unsere Leute). Und auch, wenn viele nicht so klar differenzieren wie ich, behaupte ich einfach mal, dass die wenigsten Südtiroler ein Problem mit "den Italienern" oder "Italien" haben/hatten, sondern mit italienischen Beamten und Politikern und dem italienischen Staat.

Wäre Italien 1918 ein rechtsstaatlicher, demokratischer Bundesstaat gewesen, der Südtirol breite Selbstverwaltung gestattet hatte (was nicht wenige italienische Politiker sogar wollten), wäre alles ganz anders gelaufen. Aber die Südtiroler bekamen zuerst den Militärstaat, dann die Faschisten, was bis in republikanischer Zeit nachgewirkt hat. Heute noch ist Italien ein übermäßig zentralisierter, schwerfälliger und dysfunktionaler Staat, der nichts tut, um sich seinen Bürgern gegenüber irgendwie sympatisch zu machen. Ob Unwille oder Unvermögen, das ist einerlei, aber der Bogen ist eigentlich schon längst überspannt, und jetzt in der Covid-Krise merkt man mal wieder schmerzlich, in was wir hier eigentlich reingeraten sind.

Dagegen ist ein Leben in Österreich beschaulich: das Gemeinwesen funktioniert, alle wichtigen Dinge kann ich reibungsfrei in meiner Muttersprache erledigen, die Behörden begegnen einem wenigstens mit Indifferenz, aber nie mit pseudo-autoritärem Gehabe, wie ich es in Italien so oft erleben musste. Außerdem har sich Österreichder Lösung der Südtirolproblematik gewidmet, obwohl es dadurch nur Nachteile und Schwierigkeiten erwarten durfte (Handel, EWG-Beitritt). Währenddessen haben Carabinieri und Militärs wahllos die Bevölkerung terrorisiert und Freiheitskämpfer/Terroristen gefoltert. Und jetzt verlangen wir ernsthaft, dass wir die Rolle Österreichs halt als "naja" bewerten? Sie haben zwar geschrieben, dass Sie "den (wichtigen) positiven Beitrag Österreichs für die Entwicklung unseres Landes [nicht] schmälern oder gar abstreiten" wollen, aber sie tun es eben doch. Denn wenn die Rolle Österreichs, als Gegenspieler der italienischen Regierung, neu bewertet werden soll, dann hieße dann nichts anderes.

Ich würde von Ihnen gerne wissen: was wäre denn diese neue Erzählung? Ein autoritäres und militaristisches Österreich, seinen ehemaligen Mitbürgern gegenüber indifferent, und ein liberales und multinationales Italien, dass daran verzweifelt, den undankbaren Südtirolern ein schönes Zuhause zu bieten? Ist das dann noch die Wahrheit, oder ist nicht eher die Version, die wir alle kennen, schon die Wahrheit, so gut es eben möglich ist?

Die Spitze dafür, dass "Österreich" verantwortlich sein soll, dass Südtirol bei Italien ist, zeugt übrigens von ganz schlechtem Stil - wie Sie selbst bemerkt haben, es handelte sich um die autoritäre "Habsburgermonarchie", und nicht um die liberale Republik Österreich, die am 12. November 1918 gegründet wurde, und die ob ihrer bescheidenen Größe und/oder ideologischen Ausrichtung sicher keinen Krieg mit Italien vom Zaun gebrochen hätte.

"Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart." "Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen." Ich könnte weitermachen, worauf ich hinauswill: übermäßiger Zentralismus ist schlecht, lokale Selbstverwaltung sollte gefördert werden; Autonomie kann per definitionem schon nie "schlecht" oder "zu viel" sein.

Aber mit dieser Devise kommt man in Italien leider nicht weit, weswegen die Opposition zum italienischen Staat weiterhin so wichtig ist. Und das sollten nicht Deutsche gegen Italiener sein, sondern Südtiroler und Altoatesini gegen die Zentralisten in Rom. Ganz Italien hätte eine Autonomie verdient; unser Privileg ist, dass wir unsere Kultur vorschieben können, um sie zu erreichen. Und wer die Ablehung gegen den italienischen Staat weiterhin mit einer Ablehnung "Italiens" gleichsetzt, der ist der wahre Zündler. Und so sind leider nicht wenige Grüne. Eine Partei, die ich eigentlich gerne schätzen würde, aber die viele falsche Wege eingeschlagen haben. Für viele wäre ich als Zentralismus-Kritiker sicherlich gleich ein "Italiener-Hasser", gegen Multikulti, und sicherlich ein Hinterwäldler und ewiggestriger Nationalist.

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rotaderga 02.11.2020, 07:26

Jeder schreibt sich eben die Geschichte wie sie ihm gefällt. Ist Vatikan Rom, oder ist Rom Vatikan. Die Frage, in diesem Zusammenhang wagt sich niemand wirklich zu stellen, scheint mir aber der Drehpunkt zu sein.

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