Landhaus Amonn
Renè Riller
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Stadtmuseum Bozen

Die Welt der Hedwig Fröhner

Portrait einer vergessenen Bozner Innenarchitektin
Von
Bild des Benutzers Architettura und...
Architettura und...24.04.2020
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Text: Veronika Mayr


In Zusammenarbeit mit der Architekturstiftung Südtirol / in collaborazione con la Fondazione Architettura Alto Adige.

 

Als Hedwig Fröhner (1878–1962) im Jahr 1898 von der schwäbischen Provinz nach München kommt, ist die Stadt ein traditionsreiches Zentrum für Architektur, Design und Kunst, auf der Suche nach einem Weg ins 20. Jahrhundert. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt sich München zu einer Hochburg der Frauenbewegung; einem Ort, an dem Frauen sich Zugang zu Ausbildung und beruflicher Existenz erkämpfen, an dem sie Nischen finden.

Die Malschule der Künstlergruppe ‚Phalanx‘ – eine ‚Schlachtaufstellung‘ gegen die konservative Münchner Kunstwelt – bildet in den Jahren 1901–04 unter der Leitung von Wassily Kandinsky, Rolf Niczky, Hermann Obrist, Waldemar Hecker und Wilhelm Hüsgen einen progressiven Mikrokosmos.

Während die Ausbildung an Universität, Technischer Hochschule und Kunstakademie noch Männern vorbehalten ist, studieren an der Phalanx auch Frauen – unter ihnen Hedwig Fröhner. Als Fröhner also in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts den Bozner Architekturstudenten Marius Amonn kennenlernt, ist sie selbst gerade Schülerin von Wassily Kandinsky.

 

Malen bei Kandinsky

Die Malklasse von Kandinsky versteht sich als Gegenentwurf zur klassischen Akademieausbildung. Unter anderem spielen Freilichtmalerei und die Beobachtung von Naturschauspielen eine zentrale Rolle. 1902 hält Kandinsky eine Sommerschule in Kochel in Oberbayern ab, an der auch die Freundinnen Hedwig Fröhner und Gabriele Münter teilnehmen. Gabriele Münter, Künstlerin und spätere Mitbegründerin der Künstlergruppe des Blauen Reiter, sollte bis zum Jahr 1911, als Fröhner nach Bozen zieht, eine wichtige Weggefährtin bleiben (1)

 

 Kochel, 1902. Von links: Wassily Kandinsky und Gabriele Münter, von rechts: Carl Palme und Hedwig Fröhner
Kochel, 1902. Von links: Wassily Kandinsky und Gabriele Münter, von rechts: Carl Palme und Hedwig Fröhner. Photo: Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München

 

Hotelzimmer in Kochel, 1902: Hedwigs Schwester Helene Fröhner, zu Besuch in Kochel, Gabriele Münter, Hedwig Fröhner, Olga Stanukowitsch
Hotelzimmer in Kochel, 1902: Hedwigs Schwester Helene Fröhner, zu Besuch in Kochel, Gabriele Münter, Hedwig Fröhner, Olga Stanukowitsch. Photo: Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München

 

Zum Münchner Kreis von Hedwig Fröhner gehören neben Gabriele Münter auch andere Klassenkameraden wie Maria Giesler, Emmy Dresler und der Schwede Carl Palme. Die Abende verbringen sie oftmals bei Musik oder Kabarett in der Künstlerkneipe Simplicissimus, an der Tür hängt die rote Dogge der gleichnamigen Satirezeitschrift.

Während ihrer Münchner Zeit entwickelt Hedwig Fröhner neben der zeichnerischen Auseinandersetzung mit Landschaften und Dörfern ein reges Interesse für traditionelles Kunsthandwerk, das sich in ihren späteren Arbeiten als Innenarchitektin und Möbeldesignerin widerspiegeln sollte.

 

Von der Kunst zur Raumgestaltung

Wohin verschwinden die jungen Frauen nach ihrer Ausbildung?
Ein Großteil der Studierenden an einer der besten Schulen ihrer Zeit sind weiblich, kaum eine von ihnen hat es in unsere Bücher geschafft.
Für viele der Phalanx-Schülerinnen bleibt die Malereiausbildung ein einmaliger Kontakt mit der Kunstwelt, Heirat und Mutterschaft schließen eine berufliche Laufbahn weitgehend aus.

Nur wenige finden sich mit der marginalisierten Rolle des ‚Malweibes‘ ab, die die Gesellschaft für sie bereithält.
Gabriele Münter beginnt 1904 ihre Reisejahre mit dem Lebensgefährten Wassily Kandinsky. Nach Aufenthalten unter anderem in Tunis, den Niederlanden und Rapallo leben die beiden ein Jahr in Sèvres bei Paris, bevor sie sich in Murnau in Oberbayern niederlassen.
Maria Giesler trifft auf ihrer Suche nach einer vertiefenden Lebensanschauung 1908 den Anthroposophen Rudolf Steiner, mit dem sie fortan in intensivem Austausch ist. Auf seine Anfrage hin gründet sie später die Malklasse für die erste Waldorfschule.

 

„Wir nahmen uns vor energisch zu arbeiten – und gestern haben wirs wirklich getan... [Hedwig] war ganz entzückt vom Haus und seiner Lage und ganz Murnau und seiner Lage... Der Himmel war so blau – und weiße dünne Windwolken. Die Berge im Schatten so dunkelblau – und in der Sonne alles deutlich.“

Gabriele Münter an Wassily Kandinsky, 29.19.1910 (2)

 

Der Lebenslauf der Hedwig Fröhner ist kaum dokumentiert und muss weitgehend rekonstruiert werden. Hinweise finden sich in Werken zur Phalanx-Schule, dem Blauen Reiter und Gabriele Münter sowie in diversen Publikationen über ihre späteren Büropartner.

Hedwig Fröhner bleibt zunächst in München. Als Gabriele Münter von ihren Reisen zurückkehrt und sich in Murnau niederlässt, ist Fröhner des Öfteren zu Besuch im Künstlerhaus. Vor allem während Kandinskys Russlandaufenthalt im Herbst 1910 verbringen Fröhner und Münter immer wieder Zeit beim gemeinsamen Spazieren, Malen und Gärtnern in Murnau.

In ihren Briefen an Kandinsky erzählt Münter viel von ihrer Freundin. Sie gehe gern zu Fröhner, um unter nette Menschen zu kommen – andere Bekannte sind ihr ‚zu wenig sympathisch und zu fremd zu besuchen‘. Wir lesen, dass Fröhner gemeinsame Freunde vom Verein für Heimatkunst fachlich berät. Sie malt gerne, geht abends oft ins Theater. Manchmal wird sie bei ihren Besuchen in Murnau begleitet von ‚Herrn A.‘, vermutlich ihrem späteren Ehemann Marius Amonn.

 

Marius und Hedwig Amonn, Obere Diele mit Fensterplatz, rötliches Lärchenholz, Landhaus Amonn in Oberbozen, 1911
Marius und Hedwig Amonn, Obere Diele mit Fensterplatz, rötliches Lärchenholz, Landhaus Amonn in Oberbozen, 1911. Aus: ‚Innendekoration‘, Februar 1914

 

Seit 1906 ist Marius Amonn wieder in Bozen und als Architekt tätig. Mit ihm zusammen signiert Fröhner in diesen Jahren auch die ersten Projekte. Zu ihnen zählt das Landhaus Amonn in Oberbozen, das man als eine Art architektonisches Manifest der späteren Bürogemeinschaft Amonn&Fingerle lesen kann.

 

Marius und Hedwig Amonn, Veranda auf der Südseite des Landhauses Amonn in Oberbozen, 1911
Marius und Hedwig Amonn, Veranda auf der Südseite des Landhauses Amonn in Oberbozen, 1911. Aus: ‚Innendekoration‘, Februar 1914

 

1911 wird das Landhaus Amonn fertiggestellt und am 28. Dezember desselben Jahres heiraten Hedwig Fröhner und Marius Amonn in München. 10 Tage vorher eröffnen Gabriele Münter, Wassily Kandinsky und Franz Marc als Redaktion des neuen Kunst-Almanachs ‚Der Blaue Reiter‘ die gleichnamige Ausstellung in der Münchner Galerie Thannhauser, die zum Gründungsmoment einer neuen Künstlergruppe werden soll.

 

Strahlende abstrakte Landschaften auf schwarzem Hintergrund. Ansicht der Ausstellung ‚Der Blaue Reiter‘, eröffnet am 18. Dezember 1911
Strahlende abstrakte Landschaften auf schwarzem Hintergrund. Ansicht der Ausstellung ‚Der Blaue Reiter‘, eröffnet am 18. Dezember 1911. Photo: Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München

 

Gabriele Münter bleibt die herausragendste Persönlichkeit unter den Phalanx-Schülerinnen und die einzige, deren Namen über ihren Tod hinaus Strahlkraft behält.

 

Amonn, Fröhner & Fingerle

Hedwig Fröhner arbeitet in den 1910er Jahren an der Seite ihres Mannes Marius Amonn als ‚feinfühlige Gestalterin von Innenräumen‘ (Architekt Erich Pattis). 1914 werden die Arbeiten der beiden in der Deutschen Zeitschrift ‚Innendekoration‘ veröffentlicht. Der Autor lobt die Landhäuser von Marius Amonn als einfach, klar gedacht und komfortabel. „Die Inneneinrichtung, bei der dem Architekten seine Gattin eine geschickte Helferin war, greift ländliche Motive auf, in den Formen wie Material, und wandelt sie den gesteigerten Bedürfnissen entsprechend ab.“ Die Sprache erzählt ihre Zeit, und wohl auch die Realität, mit der sich Hedwig Fröhner in der Kleinstadt Bozen zurechtfinden musste.

 

Stempel von Hedwig und Marius Amonn Architekten, gestaltet vom Künstler Anton Hofer / Stempel des Architekturbüros Amonn&Fingerle
Stempel von Hedwig und Marius Amonn Architekten, gestaltet vom Künstler Anton Hofer / Stempel des Architekturbüros Amonn&Fingerle. Photo: Archiv Amonn&Fingerle

 

1921 wird August Fingerle Büropartner und ist großteils für die technische Ausführung und das Kaufmännische zuständig. Marius und Hedwig Amonn widmen sich vor allem den künstlerisch-intellektuellen Fragen. Hedwig Fröhner-Amonn scheint nach außen hin kaum mehr auf, arbeitet aber weiterhin im Büro und ist vor allem für Innenraum- und Möbelentwürfe verantwortlich.
Unter dem Namen ‚Amonn&Fingerle‘ avanciert das Büro zu einem der erfolgreichsten Architekturstudios Südtirols, das sich trotz der turbulenten politischen Umstände und teilweise prekärer Auftragslage bis ins Jahr 1940 halten kann.

 

Marius Amonn, Hedwig Fröhner-Amonn, August Fingerle
Marius Amonn, Hedwig Fröhner-Amonn, August Fingerle. Photo: Archiv Amonn&Fingerle

 

Möbelzeichnungen von Hedwig Fröhner-Amonn, 1931
Möbelzeichnungen von Hedwig Fröhner-Amonn, 1931. Archiv Amonn&Fingerle

 

„Die Inneneinrichtung, bei der dem Architekten seine Gattin eine geschickte Helferin war, greift ländliche Motive auf, in den Formen wie Material, und wandelt sie den gesteigerten Bedürfnissen entsprechend ab.“

Die deutsche Zeitschrift ,Innendekoration' über die Landhäuser von Marius Amonn, 1914.

 

Die architektonische Haltung des Büros lässt sich im Bereich der Reformarchitektur verorten, einem Teil jener Strömungen, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts vom Historismus abwenden und schlichte Formen bevorzugen, aber an traditionellen Baumaterialien und Bauweisen festhalten.

Der Reformgedanke beeinflusst auch die Architekten des Deutschen Werkbundes wie Hermann Muthesius, Henry van de Velde und Peter Behrens. Den Ursprung hat er im ‚Arts and Crafts Movement‘ in England mit Protagonisten wie John Ruskin und William Morris, dessen weltbekannte Tapeten und Stoffe auch im Landhaus Amonn zur Anwendung kommen.

 

Wohnzimmer mit Sitznische und ‚Blackthorne‘-Tapete 1892 nr.29 von William Morris
Wohnzimmer mit Sitznische und ‚Blackthorne‘-Tapete 1892 nr.29 von William Morris. Photo: René Riller

 

Während die öffentlichen Bauten im Bozen der Zwischenkriegszeit den Prinzipien des abstrakten Rationalismus und seinem universellen Anspruch folgen, suchen Marius Amonn, Hedwig Fröhner und August Fingerle in ihrer Architektur nach lokalen Bezügen in Landschaft, traditioneller Bauweise und Handwerk. Vielleicht wirken ihre Bauten deshalb auf den ersten Blick selbstverständlich und gewöhnlich.
Der Name Hedwig Fröhner wurde über die Jahre vergessen. Doch die wohlproportionierten Räume, die liebevollen Details und die Behaglichkeit, die die Bewohner der Gebäude bis heute schätzen, sind nicht zuletzt ihrer Expertise zu verdanken.

 

Obere Diele, Stube Haus Amonn
Obere Diele, Stube Haus Amonn. Photo: René Riller

 

Schlafzimmer Haus Amonn
Schlafzimmer Haus Amonn. Photo: René Riller

 

Haus Amonn Oberbozen
Haus Amonn Oberbozen. Photo: René Riller

 

Das Werk des Architekturbüros ist in der Ausstellung ‚Amonn & Fingerle 1906-1940‘ im Stadtmuseum Bozen zu sehen:

Amonn & Fingerle 1906-1940: Liebe für das Haus / Amore per la casa
23.11.2019–16.06.2020
Stadtmuseum Bozen I Museo Civico Bolzano
Sparkassenstraße 14, Bozen
Öffnungszeiten: Dienstag-Sonntag, 10.00–18.00 Uhr

Kurator und Ausstellungsgestaltung: Arch. Christoph Mayr Fingerle, Bozen
Mitarbeit: Arch. Veronika Mayr, Bozen / Geom. Paula Unterkofler, Bozen
Künstlerische Intervention: Manfred Alois Mayr, Bozen
Photodokumentation: René Riller

 

(1)
Die Verbindung zwischen den beiden Frauen ist in verschiedenen biographischen Publikationen über Gabriele Münter dokumentiert. Darunter:
Hoberg, Annegret. Wassily Kandinsky und Gabriele Münter in Murnau und Kochel 1902-1914: Briefe und Erinnerungen. München: Prestel, 2000.
Schröder, Stefanie. Gabriele Münter: Ein Leben zwischen Kandinsky und der Kunst. Freiburg: Herder, 2018.
 
(2)
Hoberg, Annegret. Wassily Kandinsky und Gabriele Münter in Murnau und Kochel 1902-1914: Briefe und Erinnerungen. München: Prestel, 2000, 74.
 
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Kommentare

Bild des Benutzers Margot Wittig
Margot Wittig 24.04.2020, 09:07

Amonn & Fingerle 1906-1940: Liebe für das Haus / Amore per la casa
23.11.2019–16.06.2020
ist es möglich einen digitalen Zugang zu dieser Ausstellung zu schaffen? Ich denke, viele Menschen hätten jetzt Zeit, sich mit guter Architektur auseinander zu setzen.

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